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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-07-01 · 11 (7.1927) · page 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
11 (7.1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Aufruhr, den Euer Fortschritt mit sich bringt. Mit ihren Maschinen zerreibt Eure Presse das Leben der Fremden und zerquetscht es im breiigen Schlamm der Geschehnisse des Tages. Ja, dort in der Fremde rinnt das Blut in Strömen, und ihr verspritzt Eure Tinte. Ihr, mit Eurer Langerveile, mit Euren Affären und selbstsüchtigem Gebahren, Ihr seid in Eurer Zeit so bemessen, daß sie kaum ausreicht. Setzt Ihr Euch wirklich einmal, nach heldenhaftem Entschluß in Bewegung, dann geschieht's, aus Gründen der Hygiene und nach dem Kaffee. Boshaft seid Ihr gerade nicht, aber immer in fieberhafter Eile befangen. Und deshalb sollen wir warten, mit unseren Opfern, unseren Toten? Kaum daß wir das Recht haben, uns zu beklagen. Denn so vermeint es Eure europäische Lebensweisheit: „Ein Verbrechen folgt nun einmal dem anderen auf dem Fuß." Einer aber in unserer Mitte, Schwartzbard mit Namen, hat nicht gewartet. Er, Okzidentale jüngster Zeit, hat sich Eure Spielregel nicht zu eigen gemacht. Eines Tages, da verläßt er seine Uhrmacherwerkstatt in ^enilmonwnt, seine Uhren und seine Lupe. Trifft Simon Petlura und streckt ihn nieder. Petlura hinterläßt eine Witwe, eine Waise. Als Opfer wird er zu seinem Teil beweint. Aber mit anderen war er ein Eroberer der Ukraine. Vatko, das Väterchen, so nannte man ihn. Zum Führer erkoren ihn seine Scharen, als sie zur Massakrierung der Juden schritten. Er war Herr über eine regelrechte Armee, hatte Anhänger, Generäle standen ihm zur Verfügung, eine förmliche Regierung bildete sich. Und in seinem Namen mordete man, Tag sür Tag. Er wußte davon, er war genau im Bilde. Entfloh schließlich, niedergerungen, und ließ ein Gebiet Hintersich, aufdemzuTausendenjüdischeKadaververfaulten Jeder Weg in der Ukraine führt zu den Stätten der Pogrome. Drei Jahre hätte ich benötigt, um sie alle zu betreten. Drei Monate standen mir aber nur zur Verfügung. Und nun fasse ich zusammen, 15000 km habe ich durcheilt, mehr als 300 Zeugnisse persönlicher Art habe ich zusammengetragen. Dokumente stehen in Hülle und Fülle zur Verfügung. Ein täglicher und freimütiger Kontakt mit den Überlebenden hatmir die wahre Erkenntnis einer zugleich heldenmütigen und dunklen Epoche offenbart, die des Ruhmes voll, aber auch mit rotem Blute befleckt erscheint. Menschen lösen sich aus ihr, im Glänze erstrahlend die einen, als Henker die anderen. Zwischen beiden — ein ganzes Volk. Armeen ziehen vorbei, die es zu Tode quälen. In Rußlands Namen, das er „von Grund auf wiederherstellen" will, martert Koltschak. Im Namen des wiederaufzurichtenden Kaiserreichs tötet Denikin. Und Petlura veranlaßt Massakers, um der Unabhängigkeit der Ukraine willen. Noch sind die hinterlassenen Spuren sichtbar, nicht verwischt. Noch treibt das bloße Gespräch hierüber^ die Tränen gewaltsam hervor. Bis an die Grenzen der Versehlungen und der Schuld bin ich nicht einmal vorgedrungen. Ich begnügte mich damit, zu sehen und zu hören, bevor ich zur Anklage schritt. Klagen in Fülle habe ich gesammelt, Schmerz und tiefstes Weh wahrgenommen. Ein Verbrechen habe ich noch einmal durchlebt, welches 8 Jahre nicht haben zu verwischen vermocht. Mein Hiersein weckte Erinnerungen. Oftmals, in der einsamen Stille der Steppe, widerhallte noch das Echo der Revolverschüsse, die Schwartzbard abgab. Die Juden horchten: »Wozu töten?," pflegten sie zu sagen. Dann aber ging ihr Blick zu den Gräbern, schweifte in den weiten Horizont. Und da war's ihnen, als ob sie einen teuren Schatten erblikten der verzieh. Und dann erzählten sie, an ihrem Barte zupfend, in sich drängender, trauervoller Rede: von der Plünderung, der Vergewaltigung, von Brennen und Morden, von all dem, was für sie ewiges Einsamsein und den Zusammenbruch brachte. Keine Träne rollte über ihre Wangen, Haß blieb ihnen sern. Seit langem hatte mans ihnen ja genommen: ihr ureigenes Leben. Die trauervolle, von Verzweiflung erstickte Stimme vernahm ich. Das Geschehene versuchte ich bildhaft vor meine Seele zu rücken, so wie's war. Ich erschauerte in der unerbittlich drückenden Sonnenglut. _ Ein,,Religionsstister". Eine Vorkriegserinnerung von Dar-Ami. Am Sonntag, den 28. Juni 1914, jenem verhängnisvollen Sonntag, der so wunderschön über der Welt leuchtete, und an dem eine mörderische Kugel zwei fürstliche Persönlichkeiten niederstreckte und den Weltkrieg entfesselte, der mehrere Millionen Menschen auf dem weiten Erdenrund zum Tode oder zu lebenslänglichem qualvollen Leiden verurteilte. — an jenem Tage führte mich eine Reise durch Ostgalizien nach der schönen, blühenden Stadt Kolomea. Als ich am Vormittag nach meiner Ankunft in dem spärlich besuchten Kaffeehaus die Zeitungen las, begrüßte mich etwas stürmisch ein Herr, dessen.flüchtige Bekanntschaft ich einmal gemacht hatte, und fing sogleich eine politische Diskussion an, die mehr ein Monolog war. Er war einer der tonangebenden Lokalpolitiker und konnte mir mit größter Sachkenntnis die schwebenden weltbewegenden Fragen auseinandersetzen. Immer schwungvoller wurde seine Beredsamkeit, stellenweise durchleuchtet von ironischen Bemerkungen an die Adresse der Gegner, ganz wie es auf großen Volksversammlungen zu geschehen Pflegt: „Eine neue Epoche unserer Geschichte beginnt, das Alte zerfällt in Staub und neues Leben blüht aus den Ruinen . . ." usw. Meine Aufmerk-, samkeit wurde indessen von einem Korb frischer Apfelsinen abgelenkt, der sich durch hie Türe hineinschob, hängend um den Nacken eines ältlichen, gebückten Juden. „Blutapfelsinen, schöne, .große! Zehn Heller das Stück!" Ich winkte den Verkäufer herbei. Mein Stadtpolitiker wurde auf einmal heiter gestimmt, 'verneigte sich ironisch herablassend vor dem Verkäufer und rief 'lachend: „Ah, da ist ja' unser Religionsstifter! Haben Sie etwas von Ihrer neuen Religion bei sich? Was kostet eine Portion?" — „Hier verkaufe, ich nur Apfelsinen, ich habe auch Zitronen unten im Korb," antwortete der Jude, nicht im .geringsten eingeschüchtert- „Meine neue Religion Habe ich nicht zu verkaufen, die bekommt jeder umsonst, der Verständnis daHür Hat." — „Der Herr da hat nämlich eine neue Religion gemacht, die die ganze Menschheit beglücken und alle Zwietracht aufheben soll," wandte sich der führende Politiker an mich. Ich betrachtete den alten Mann aufmerksam: die Aermlichkeit feiner Kleidung kontrastierte ein wenig mit ihrer Peinlichen Sauberkeit, die Gesichtszüge waren welk und abgehärmt, doch von jener Feinheit, die man auch in den untersten Schichten des jüdischen Volkes häufig findet. Aber alles in allem hatte er nichts von einem Religionsstifter oder Propheten an sich. Der führende Politiker empfahl sich bald, er hatte eine wichtige Sitzung des Parteivorstandes. Ich versuchte, den Apfelsinenhändler auszufragen. „Das ist. eine weitläufige Sache," antwortete er, „jetzt habe ich keine Zeit, ich muß nach Hause, um neue Ware zu holen, kommen Sie mit, ich >gebe Ihnen da etwas, woraus Sie sich informieren können. Wenn Sie mich am Abend besuchen wollen, können wir davon sprechen. Der Herr Doktor hält mich für einen Narren, aber Sie bauchen ihm das nicht zu verübeln. Ich habe das alles in einem kleinen, hebräisch geschriebenen Büchlein niedergelegt, aber er versteht kein Wort Hebräisch und hat keine Ahnung von dem, was ich meine. Ich spreche auch nicht gern mit solchen Herren darüber, die sind von der Politik,und anderen wichtigeren Dingen viel zu sehr in Anspruch genommen."

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