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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-07-01 · 11 (7.1927) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
11 (7.1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Maharil sehr gekümmert zu haben. So billigte er es nicht, wenn man eine Melodie, an die eine Gemeinde bereits gewöhnt war, leichtherzig änderte, weil Melodie und Gebetstück im Lause der Zeit so eng miteinander verwachsen, daß sie nur zum Schaden der allgemeinen Andacht getrennt werden konnten. Ebenso wurde die Aufnahme fremder, nicht jüdischer Singweisen in den Gottesdienst mißbilligt und das laute Mitsingen der Gemeinde mit dem Vorbeter getadelt. Außer dem Amte des Rabbiners und Kantors scheint Maharil wie viele seiner Amtsgenossen jener Zeit als Schadchen tätig gewesen zu sein. Natürlich verlangte er hierfür kein Entgelt, aber das angebotene Honorar wurde nicht verschmäht, sondern für wohltätige Zwecke oder zur Erhaltung der talmudischen Lehranstalt verwandt. Ein Zeitgenosse Maharils schildert die Achtung, welche mau für einen seitens dieses großen Mannes gemachten Heiratsvorschlag hatte, mit den Worten Hiobs: „Auf mich hörten sie, und sie harrten und warteten schwelgend auf meinen Rat, nach meinen Worten sprachen sie nicht wieder, und auf sie träufelte meine Rede." — Maharil hat nichts für die Öffentlichkeit geschrieben, nur seine Gutachten ließ er abschreiben in der Absicht, sie gesammelt herauszugeben. Der Tod hinderte ihn jedoch an der Ausführung seiner Absicht. Die Briefe wurden, wie sein Schüler mit Unwillen bemerkt, von den Söhnen verzettelt, und so ist nur eine verhältnismäßig kleine Sammlung von Gutachten auf die Nachwelt gekommen. Seine mündlichen Mitteilungen, die Wahrnehmungen über sein Verhalten in Leben und Lehre, sowie Aussprüche und Mitteilungen von anderen Zeitgenossen hat sein Schüler Eleasar b. Jakob mit dem Begleitnamen Salmann aus St. Goar gesammelt. Diese unter dem Namen „Minhagei Maharil" bekannte Sammlung, welche wesentlich von den Minhagim (Bräuchen) handelt und deshalb auch mit diesem Namen belegt wird, hat eigentlich den Ruf Maharils in der späteren Zeit begründet. Die Sammlung ging durch viele Hände, wurde vielfach, sogar noch vor ihrer Vollendung, abgeschrieben und ist nachmals die Fundgrube geworden, aus welcher man über die Tradition im synagogalen und Gemeindeleben sich belehrte. Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit dem Grabstein Maharils zu, der aller Wahrscheinlichkeit nach von ruchloser Hand beschädigt wurde. Prof. Dr. Kaufmann-Budapest beschäftigte sich in der „Monatsschrift für die Wissenschaft des Judentums" vor vielen Jahren in ausführlicher Weise mit der Ergänzung der durch die Beschädigung herbeigeführten lückenhaften Inschrift. Es würde jedoch zu weit führen, hier näher darauf einzugehen. Hingegen möchte ich die erfreuliche Mitteilung machen, daß ein edler frommer Jude, der nicht genannt sein will und den genealogische Studien mit mir zusammenführten, sich die Erlaubnis des Borstandes der hiesigen jüdischen Gemeinde erbeten hat, zur Erinnerung an den 600. Todestag Maharils dessen Grabstein auls eigene Kosten renovieren zu lassen. Wenn Israel stirbt von Bernard Lecache Vorbemerkung: Aus dem Buch „(Zuanä Israel meurt- (Verlag des?loZre8 diviaue, Paris. Preis Fr. 15.—) bringen wir mit gütiger Erlaubnis des Verlags in der Übersetzung von Studienrat Dr. Max Salomon das erste Kapitel „Ihr seid der Westen". Schon um ihres Gegenstands willen darf diese Arbeit, die an eine' der trübsten Episoden der ukrainischen Judenverfolgungen erinnert, auf das Interesse unserer Leser rechnen. Die Schriftl. Drei Monate fern von der Heimat. Drei Monate nichts als Eisenbahnfahrten und Wanderungen quer durch Rußland und die Ukraine.- Und nun betrete ich jenen „civilisierten" Westen wieder, der allzusehr mit sich beschäftigt und in völliger Unkenntnis des Ostens diesen in seiner Abgeschiedenheit groß werden läßt. Ich versuche, meine Erinnerungen zu ordnen. Sie sind keineswegs fest umrissen: ohne Relief, farblos, haben sie ihre präzise Form eingebüßt, haben noch nicht einmal mehr auf Glaubwürdigkeit Anspruch. Hingeworfen auf loses Papier, haben sie nunmehr nur noch die Form bedeutungsloser Wörtchen. Und dennoch schreibe ich, weil's mein Beruf, erzähle ich, weil's mein Schicksal ist. Unabhängig von meinem Willen werden die niedergelegten Eindrücke für wahr gelten. Zu mir wie zu ihnen wird man nach den Regeln und Grundsätzen der hohen Politik wie der erhabenen Literatur Stellung nehmen. „Nichts, gar nichts hat er gesehen", wird die Meinung des einen, „zuviel" die des anderen sein. Und gar erst die guten Leute, die mich des nicht scharfen Hinsehens oder gar einer mangelhaften Denkfähigkeit beschuldigen werden. Andere werden gar nicht begreifen wollen, daß ich von ihnen unbekannten Dingen rede, während ein großer Teil der Leser meine Weitschweifigkeit, mein in die Tiefe- und Breitegehen verdammen. .Hat denn Ihre Reisein Wahrheit.eine so gewaltige Bedeutung?" Ganz gewiß. Aber im Grunde ist sür Euch ja alles ohne Bedeutung: Krieg, Erdbeben, ja selbst Tortur und Hinmorden einer ganzen Rasse. Wovon wollen Sie denn eigentlich in Ihrem Buche zu uns reden? Von nichts anderem als von Pogromen, wenn's gestattet ist. Ach ja, von dieser Judengeschichte. . . Woher stammt sie denn eigentlich? Aus der Ukraine. Aus der Ukraine? Aber bitte, zeigen Sie uns doch einmal die Karte . . . Gott, Wiedas weit abliegt. Gibt's denn nicht Vergleiches in greifbarer Nähe? Dies der vermeintliche Dialog, den ich im Geiste deutlich vernehme, und dies die entsprechenden Kommentare: „Nach Rußland ist er gegangen. Drei Monate konnte er hier zubringen, unbehelligt und ohne ausgewiesen zu werden. Erscheint unter diesen Umständen das Ganze nicht etwas verdächtig?" Weiterhin: „Wer hat Ihnen denn eigentlich die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt?" Und gar zuletzt: „Mußte denn dies alles schon jetzt gesagt werden? Wäre es denn nicht eher angebracht, etwa bis zum Jahr 2000 zu warten?". Ja, warten und immer wieder warten! So wär's Euch recht. Wir Juden, wir haben's ja noch besser gelernt als Ihr. Wir verstehen uns darauf. Diesmal aber haben wir schon zu lange gesäumt. Was hat uns denn unsere ganze opportunistische Einstellung genützt? Damals in den Jahren 1918—1922, als „der letzte der Kriege" in Alltrauer auslief, hat man gegen uns einen neuen in Szene gesetzt. Um ihres Judeseinswillen, und nur darum, hat man Tausende, Männer, Frauen, Kinder elendiglich gequält und hingemordet. Warten? Es warten, in ihrem Grabe 300000 Tote, eine unermeßliche Zahl von Verwundeten, Verstümmelten und Waisen. Witwen gehen betteln, und wartend, erwartend beweinen Mütter den Mord ihrer Söhne. Wer weiß von all dem? Ja, Ihr seid der Westen. Es trennen Euch Kilometer um Kilometer tausendfach von ihnen, fünf, ja sechs Grenzen halten Euch ihren Schatten fern. Es hindern Euch zu hören Eure ins Schwanken geratene Civilisation, Euer lärmend sich gebärdender Ruhm, der

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