Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 11 (7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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gebracht von 5en beiden Juden Mahler und Schönberg, ist der Prüfstein unserer gesamten Betrachtung. Es wird aus ihr erhellen, warum Wagner eine Schrift verfassen mußte: „Das Judentum in der Musik". Die jüdische Musik strebt, von Meyerbeer angefangen bis zur Gegenwart, nach dem Melodischen. Das Harmonische ist ihr immer nur sekundäres Mittel geblieben. Wir müssen lächeln, wenn wir in Heines Musikberichten lesen, daß sich die Pariser über das übermäßig Harmonische bei Meyerbeer aufgeregt haben. Meyerbeer benützt das Harmonische (das ihm die umgebende Kultur als Formenbestand darbot), um zu der reineren Melodie zu gelangen. Nicht als ob ihm das bewußt gewesen wäre, wie bei Schönberg, der nur darum kein Harmoniker ist, weil er in aharmonischen Akkorden komponiert. Meyerbeers Intentionen mußten notwendig dahingehen, den melodischen Strom in harmonische Gesetze und Formen zu bannen. Aber der eminent zeitlich-melodische Sinn, den er von seiner Abstammung empfangen hat, bewahrte ihn vor einer Sterilisation in den Formen, er überbot die Formen an Gehalt, und darum ging er über das bloß Harmonische hinaus und schuf — Musik. » Es gibt noch eine Quelle der Erneuerung, wenigstens für das Judentum: das chassidische Lied. Wie die östliche Kultur plötzlich hereingebrochen ist in das westliche Judentum, so auch sein wesentlichstes Glied, das Lied. Im chassidischen Lied ist die primäre Musikalität des jüdischen Volkes aufgestanden und hat so Echtes und Ursprüngliches gezeugt, wie es eben nur aus der Mitte eines Volkes hervorwachsen kann, das Leben und Herz in sich trägt. Es ist ein wichtiges Zeichen für die musikalische Anlage des Juden. Zugleich ein Zeichen für die im Werden begriffene Kultur. Denn kein einziges Volk sieht heute das Volkslied aus seiner Mitte entstehen, nur dieser jüdische Osten bringt es unversieglich hervor. Auch Komponisten sind dort aufgetreten, die vielfach Singspiele zusammenstellen. Wichtiger als sie sind aber jedenfalls die ursprünglichen Volkslieder, vor allen Dingen die schönen Kinderlieder, die den ursprünglich infanMn Sinn des Juden so echt offenbaren; Liebeslieder von der Keuschheit und Echtheit des Hohen Liedes, durchaus ein Dokument dafür, daß die Juden nicht, wie man allgemein hört, Träger der sexuellen Entartung sind; Arbeiterlieder, die in ihrer Einfalt zeigen,- wie froh und lebendig der jüdische Arbeitsmann sein kann, ohne ein Opfer des berüchtigten Handelsgeistes zu werden; das religiöse . Lied endlich, oft von erschütternder Inbrunst, wie das „Jnser rebenju" oder „Jissmach Moische". Jedenfalls ist soviel sicher: eine Darstellung des jüdischen Kulturproblems muß in erster Linie mit diesen ostjüdischen Liedern beginnen, weil in ihnen der Grundquell rauscht alles jüdischen Wesens: die primäre Musikalität. Man behüte diese Lieder vor allen Harmonisierungen und Instrumentierungen und lasse sie rein in ihrer ursprünglichen Melodik wirken — man wird aus ihnen ein Stück, das wesentlichste Stück jüdischer Seele vernehmen. Dies gilt in erster Linie für das westliche Judentum; es gilt aber nicht nur für das Judentum sondern für die ganze westliche^Kultur. 2 Zum 600. Todestag des Maharil. Von S. Rothschild (Worms) Am 1. September 1927 sind 600 Jahre verflossen, seitdem man einen Großen in Israel zu Worms in das Grab gesenkt hatte; es war Rabbiner Jakob ben Moses Halevi, von den Späteren mir der üblichen Zusammenziehung der Anfangsbuchstaben des Titels, des Namens und der Genealogie Maharil genannt. Sein bürgerlicher Zuname war Moslin oder Möln, vermutlich klein Mose, ein Kosename für den Vornamen seines Vaters Mose, der nach der Sitte der Zeit dem Vornamen des Sohnes nachgesetzt wurde. Der Grabstein ist, wenn auch beschädigt, noch erhalten und befindet sich inmitten des Rabbinerplatzes, der dadurch, daß die Gräber ringsum höher liegen als das Grab Maharils, förmlich einen Kessel bildet. Sicherlich läßt sich diese topographische Lage durch die ausdrückliche Anordnung Maharils erklären, daß innerhalb 4 Ellen im Umkreis seines Grabes kein anderes gemacht werden sollte; ebenso bestimmte er durch letztwillige Verfügung, daß die Frontseite seines Grabsteines gegen den üblichen Gebrauch nicht von Osten nach Westen, sondern von Norden nach Süden gerichtet wurde. Maharil ist um 1366 in Mainz geboren, wo sein Vater, bei dem er sich nicht lange aufgehalten zu haben scheint, ein angesehener Rabbiner war, in welcher Stellung er ihm nachmals folgte. Maharil ist zweimal verheiratet gewesen; seine erste Frau nahm er in Verona, wo er eine Zeitlang im Hause seines Schwiegervaters R. Moses Neumark Cohn zubrachte. Es scheint, daß er sich von dieser Frau hatte scheiden lassen. Seine zweite Frau Gimchen, ebenfalls in Worms begraben, hatte er als Witwe geheiratet. Maharil gedenkt zweier Brüder und zweier Schwestern; von seinen Kindern spricht er nicht, aber sein Schüler spricht von zwei Söhnen und einer Tochter. Soviel über seine Familie. Maharil lebte eine Zeitlang in Oesterreich, wie er denn auch sehr oft Gebräuche aus Oesterreich anzuführen pflegte. Er scheint als Kantor in Regensburg angestellt gewesen zu sein, wo er auch beim Nabbinat mitwirkte, später wurde er Rabbiner in Mainz. Als solchen sehen wir ihn bereits im Jahre 1394, umgeben von einer großen Anzahl Schüler und Verehrer. Um jene Zeit erkrankte Maharil sehr gefährlich an „Hirnbrut" (Starrkrampf), in dem er drei Tage verharrte, nichts aß und trank, kein Glied bewegte, keine Empfindung im ganzen Körper äußerte und selbst nicht auf die von Aerzten. an ihm versuchten Nadelstiche reagierte. Als er nach seiner Genesung wieder die Synagoge besuchte und die ganze Gemeinde fastend und besondere Gebete („Selichoi") für ihn verrichtend vorfand, dankte er herzlich für ihre Teilnahme und lebte nachher noch mehr als 30 Jahre. In Betreff der Speisegesetze und anderer Satzungen trat er stets den Verschärfungen seines Lehrers Schalom in Wien bei; solche Gebräuche Pflegte er auch zum Gegenstand seiner religiösen Vorträge zu wählen, deren er drei im Jahre hielt, am Sabbat vor Pesach, zu Neujahr und vor dem Versöhnungsfeste. In seinem Benehmen gegen seine zahlreichen Schüler bekundete er seineu ganzen Gesinnungsadel. Er wohnte und speiste mit ihnen zusammen in einem Hause und Pflegte ihnen zweimal im Jahre, jedesmal nach beendeten zwei Talmudtraktaten, ein Festmahl zu geben. Von den Landesvorstehern nahm er zur Erhaltung seiner Lehranstalt eine kleine Unterstützung an, doch vermied er jede Belohnung für seine rabbinische Amtstätigkeit. Für seine milde Anschauungsweise spricht auch der Umstand, daß er niemand in den Bann tat, und nur einmal benutzte er dieses Mittel gegen den Sohn eines Shnagogendieners, der einen seiner Schüler schwer beleidigt hatte, aber auch der blieb nur einige Tage im Bann und wurde sofort davon befreit, als er den Rabbi und den beleidigten Schüler um Verzeihung gebeten hatte. Maharil scheint, wie dies auch sein Vater getan, die Funktionen eines Vorbeters ausgeübt zu haben, und zwar am ersten Neujahrstage, am Jom Kippur, am Eres Tischoh Beaf und Hoschanoh Rabbo. Auch hat er einmal auf Bitten der Gemeinde das Gebet um Regen am Schemini Azeres vorgetragen, wie er denn den Gesangsvortrag mit Verständnis und wirkungsvoll behandelte. Um den gesanglichen Teil des Gottesdienstes scheint sich