Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 11 (7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3094266-3094312-3094322--1040-3095756- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
emeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Lvankftwt abNain Sahrgasse ^.Iahkg KmtliKev SluKeksev dev Gemeittdevevwaltttttg Frankfurt a.IN., Zu« 192? Rr. 11 Aus dem Inhalt. Seite Amtliche Anzeigen 9 Rothschild, Zum 6liv. Todestag des Maharil........ 2 Lecache, Wenn Israel stirbt......... ...... S Dar-Ami, Ein „Religionsstifter" ............ 4 Wanderfürsorge....................^ 7 Werner, Ein jüdischer Kalender.............. 8 Tage für jüdische Musik.................. 40 Bücherschau..........^............ Veränderungen im Personenstand ............. 47 Gottesdienstlicher Anzeiger................ 17 Das Judentum in »er abendländischen Musik von Heinrich Verl *) . . . Bis zu der sogenannten Emanzipation ist nicht ein einziger jüdischer Komponist da, und gleich in ihre Jahre fällt die Geburt des ersten großen Musikers, der sofort nach der allgemeinen Entwicklung die Hegemonie der Oper an sich reißt, bis sie ihm Wagner nach heftigen Fehden streitig macht: Meyerbeer. Daß Meyerbeer ein Fall rvar so gut rvie Wagner, lehrt uns die Gegenwart, die vielfach wieder auf ihn zurückgeht. Ein großer Teil der von.Wagner abliegt, biegt bei Meyerbeer wieder ein. Es kann nicht wundernehmen. Finden wir doch von all dem^reichlichen Gebrauch, was uns heute wieder fesselt: die Melodik, Verwendung vieler „unnatürlicher" Akkorde (über die man sich insbesondere bei dem „Propheten" aufgeregt hat!) Man -denke: Nonen! Sprünge von Ges-dur auf E-dur! Übermäßige Chromatik! Aber Meyerbeer steht fest. Man wird sich in den nächsten Jahrzehnten eingehender mit dem „Fall Meyerbeer" beschäftigen müssen. Daß die Emanzipation dazu gehörte, um die Kräfte der jüdischen Musikalität zu entfesseln, ist begreiflich. Hier sah sich das weltfremde Ghetto-Judentum plötzlich einem ungeheuren Formbestand gegenüber, Gefäßen, in die es seine ureigenste Virtualität, eben das Musikalische, verströmen lassen konnte. Gerade diese seine Essenz war durch das Ghetto eingedämmt worden. Nun stürzte sie mit Brachialgewalt hervor, über den Bestand der abendländischen Formen, und durchblutete sie. Durch das merkwürdige Unvermögen zur Plastik hatte es seine Formen „Das Judentum in der Musik" von Heinrich Ber?, Stuttgarters, mit freundlicher ^Erlaubnis der Deutschen Verrucht selbst bilden können. Aber durch ein ebenso merkwürdiges Überoermögen durchbrauste es die an sich toten Formen und schuf eine lebendige Musik. Meyerbeer rang tief und ernst um seine Musik. Und auch die jüdischen Musiker, die folgen, rangen zum großen Teil ernst, wiewohl man es gern, rein an Offenbach gemessen bestreiten möchte. Vor allen Dingen Mendelssohn. Mit eigenartigem Respekt hat man auch in antisemitischen Kreisen Mendelssohn seine Reverenz erwiesen. Selbst Wagner konnte nicht umhin, ihn von seiner vernichtenden Kritik auszunehmen. Nur das Triviale und Sentimentale — die beiden prinzipiellsten Einwände gegen die jüdische Musik — war auch bei ihm, und darum konnte er nicht die Größe des Genies haben! Daß man aber mit dieser Art Trivialität und Sentimentalität etwas traf, nämlich das Herz, das wollte man nicht einsehen, hat man bis heute noch nicht eingesehen, wie die gleichen Vorwürfe gegen Mahler beweisen. Mendelssohn ist der Eckstein der Romantik, der Echteste und Reichste in der Genresinfonie wie im Volkslied und Kinderlied. In ihm flackert schon jenes Ethos das in Mahler, Schönberg und in einem noch fast unbekannten, in Adolf Schreiber (der, am Werk verzweifelnd, sich ermordete!), geradezu dämonisch hervorgebrochen ist. Dazwischen liegt eine bis jetzt kaum gesichtete Fülle. Was schon heute als jüdisches Kulturgut unzweifelhaft feststeht^ gibt den Beweis, daß keine Nation prozentual auch nur annähernd so viele Musiker hervorgebracht hat, wie die des Diaspora-Judentums. Rubinstein ist sür Rußland derselbe „Fall", wie Meyerbeer für Frankreich. Die russische Oper läßt sich ohne ihn in ihrer Entwicklung von Glinka her nicht denken, und in Deutschland hatte Rubinstein bis zu Brahm's Deutschem Requiem nicht nur seine Heimat als Klaviervirtuose, sondern vor allen Dingen als Komponist Eine in seiner Art klassische Erscheinung war Offenbach in Paris. Nicht nur als Meister des Kankan, anch in jener eigenartigen Fähigkeit Zur musikalischen Persiflage, die Nietzsche einen Augenblick geneigt machte, ihn gegen Wagner auszuspielen. In dem französischen Halbjuden Bizet kulminiert die gesamte Wende, die Wagner scheinbar fortgesetzt und zugleich überwindet. „Carmen" ist der erste künstlerische Protest der jungfranzösischen Schule, und der nachhaltigste. »> Was aber ist das Wesentliche an der jüdischen Musik? Ich deutete es schon an. Die Kontroverse: Harmonie — Melodie, am tiefsten und leidenschaftlichsten zum Austrag