Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 9 (5.1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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und sind «selbstverständliche Forderungen. „Mein Sohn, hilf deinem Vater in seinem Alter und kränke ihn nicht, solange er lebt, und halte ihm zugute, wenn sein Geist schwach wird, verachte ihn ja nicht, wenn du geschickter bist. Den Vater ehreu ist deine Ehre, und deine Mutter verachten ist deine eigene Schande." Zwischen Nachsicht und Härte soll ein gesundes Mittelmaß eingehalten werden. Es wird vor übertriebener Strenge gewarnt; keinesfalls darf Furcht und Zittern im Hause herrscheu, und Maimonides rügt die Eltern, die mit kleinlicher Herrschsucht ans der Bezeugung von Ehrerbietung bestehen. Die Entwicklung aller Kräfte der Seele mit dem Endziel der Heranbildung einer harmonischen Persönlichkeit ist nicht erst von der modernen Pädagogik gefordert worden. So legen unsere alten Weisen einen entschiedenen Wert aus die Ausbildimg der Phantasie. Der unwiderstehliche Zauber der jüdischen Gleichnisse bedeutet eine nicht zu unterschätzende Anregung für die Phantasie und damit die Denkkraft des Kindes. Durch symbolische Erzählungen haben Propheten selbst Königen Wahrheiten nahegebracht, und der Talmud ist -geradezu berühmt drkrch die Schönheit seiner allegorischen Darstellungskunst. Auch die Berücksichtigung der kindlichen Individualität ist nicht erst eine Forderung neuzeitlicher Erziehnngswissenschaft. Gewiß, Pestalozzi hat immer wieder betont, daß der Erzieher „dem Ringen der Natur -nach ihrer eigenen Entwicklung Handbietnng leisten müsse", aber schon die Sprüche Salomos enthalten den Satz „Erziehe den Knaben nach seiner Weise", und die Forderung, daß der Lehrer „den Zustand seiner Lämmer kenne". Gott selbst offenbarte sich nach dem Midrasch den Kindern Israels nach Maßgabe der Fassungskraft des Einzelnen, den Jnngen und Alten je nach ihrer Fähigkeit. Ter Lehrer habe Nachsicht und Geduld mit dem langsam begreifenden Kinde, doch langweile er das geweckte nicht mit weitschweifigen Erläuterungen. Von einer optimistischen Anffassnng der jugendlichen Lernlust zeugt die Anordnung, daß man am Fasttag des nennten Ab den Unterricht ausfallen lassen soll, um dadurch die Kinder in Trauer zu versetzen. Konzentration im Schulunterricht, d. h. die gegenseitige Durchdringung der Lehrfächer, .wird heute eindringlich gefordert. Die altjüdische Erziehungsweisheit hat alle Wissensgebiete mit der Thora, als der uuerschöpflicheu Quelle geistiger Erkenntnis, in unmittelbaren Zusammenhang gebracht. Jedes weltliche Studium war irgendwie mit dem religiösen verslochten. Erstaunlich ist, wieviel Naturkundliches und Historisches, Sprachliches un) Mathematisches mit religiösen Fragen verknüpft wird. Aber auch zu rein praktischen Dingen weiß die Einsicht der R«bbinen Stellung zu nehmen. So findet das in der Gegenwart mit Aufmerksamkeit behandelte Problem der Berufswahl und Berufseignung zum mindesten seine Erwähnung, wobei die jüdische Betrachtungsweise mehr ethisch als Psychologisch orientiert ist. Es wird den Eltern enivfohlen, die Söhne einem Bernfe zuzuführen, bei dem sie sittlich und ehrlich bleiben können. Sehr schön sagt das Buch der Fro m m e n des Rabbi Jehuda Hachassid (12. Jh.): Der Vater soll bei der Wahl des Berufes für seine Söhne ihre Neignng berücksichtigen. Wenn in neuester Zeit Sport und Spiel in einem Ausmaße, das manchem besonnenen Pädagogen Bedenken einstößt, ihre Pflege finden, so weiß sich das jüdische Schrifttnm frei von solchen Uebertreibnngen. Daß aber der Erzieher nicht nnr der geistigen Ausbildung, sondern auch der Entwicklung der Körperkräfte seine Aufmerksamkeit zuwenden müsse, ist >an nicht wenigen Stelleu betont. Zunächst sichert das Sabbatgebot die hygienische Forderung der Ruhe und Erholung nach körperlicher Anstrengung. Nicht minder dient der Gesundheit das Gebot des Waschens uud der Neinhaltung. Ferner gehören >in das Gebiet der Körperpflege die Mahnungen zum Maßhalten im Essen und Trinken, die Verpflichtung zur Einfachheit und Ordnung, zur Fernhaltung aller körperlichen Schädigungen. Ter Mensch als Ebenbild Gottes soll sich gesund und rein erhalten, denn „Reinlichkeit führt zur Reinheit". Täglich ein Bad zu nehmen, erschien Hillel ein gottgefälliges Werk. — Vorschriften zur Pflege des Sportes finden sich kaum, doch fehlen sie nicht ganz. Co ist jeder Vater verpflichtet, seinen Sohn in der Kunst des Schwimmens unterweisen zu lassen. Die Vorschrift ist bedeutsam genug, auch wenn ihr keine sportlichen Motive zugrunde liegen. Immerhin wird an einer Stelle erwähnt, daß beim Wasserseste gymnastische Vorführungen gezeigt wurden, die einen hohen Grad von Gewandtheit nnd Geschicklichkeit beknndeten. Das beste Erziehungsmittel.ist nach jüdischer Auffassung das Beispiel der Ewern und Erzieher. Hierzu kommen Belehrungen durch Wort, Gleichnis, Hinweis auf die heilige Lehre. Auch die Auwendung von Tadel nnd Strafe findet in Bibel, Talmnd und späteren Erbauungsbüchern eingehende Behandlnng. Die religiöse Erziehung begann im frühesten Kindesalter durch Anleitung zum Beobachten der Bräuche und Vorschriften und das Sprechen der Gebete. Allmählich soll durch das tägliche Neben das Gelernte znm inneren Besitz werden, sollen die Ideale der Religion den Inhalt der Seele bilden. Tie Feier der Sabbate und Festtage mit ihren das Gemüt ansprechenden Zeremonien trägt in sich neben dem religiösen einen hohen erziehlichen Wert. Das Verlangen der jugendlichen Seelen nach erhebenden, weihevollen Momenten findet seine Befriedigung. Zugleich wird durch das gemeinsame religiöse Erleben ein inniges Band nnr die Glieder der Familie geschlungen. Und die sittlichen Kräfte, die ans solchem Geiste entstehen, werden sich bewähren, heute nnd immer innerhalb der großen Volksfamilie in der Zerstreuung. Haushaltsplan der Gemeinde für 4925/28. Der Haushaltsplan ist im Gemeindevorstand fertiggestellt und unterliegt zurzeit der Beratung durch die Finanzkommission der Gemeindevertretung. In der nachstehenden Uebersicht sind die Endziffern der einzelnen Etatkapitel zusammengestellt und mit dem Rechnungsergebnis von 1925 verglichen. Titel E i n n Voranschlag 1927 ahme Ergebnis 192S Aus Voranschlag 1927 gäbe Ergebnis 1925 Kap.! Allgemeine Verwaltung .... 33.038.— 25.039.68 ' 46.241.— 33.842.82 15.000.— — 519.211.— ' 458.650.72 Kap. III Synagogen und Filialgottesdienste 96.100.— 119.876.28 32.435.— 35.229.04 Kap. IV Unterrichtswesen....... 1.— — 312.697.— 304.360.55 Kap. V Rituelle Betriebe....... 29.300.— 34.540.67 9.880.— 14.213.54 Kap. VI Krankenhaus........ — — 88.360.— 86.482.36 Kap, VII Friedhofsamt........ 100.000 — 127.742.92 50.423.— 52.565.16 52.505.— 47.256.65 62.011.- 86.829.35 — — 175.856.— 103.089.48 Kap. X Schulden und Zinsendienst . . . 48.564.— 15.020.59 92.625.— 31.185.59 Kap. XI Verschiedenes........ 20.000.— 22.650.25 20.890.— 26.066.63 Kap. XII Unvorhergesehenes...... 30.— 2.988.40 71.000.— 2.812.86 Kap. XIII Kultussteuer........ 1.000.000.— 889.356.16 63.607.— 45.642.88 Kap. XIV Etatausgleich ........ 149.698.— — — 3.500.61 Gesamtsumme 1.544.236.— 1.284.471.59 j 1.544.236.- j 1.284.471.69