Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 9 (5.1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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V Hillel hat die beabsichtigt verletzende Arl, in der der Besucher sein Begehren vorbrachte, nicht weniger gut verstanden, als sein gestrengerer Kollege. Als Hillel ihm sagte: „Was Dir verhaßt ist, das tue auch einem anderen nicht", mochte der Heide zunächst glauben, hier mit diesen Worten ebenso abgewiesen zu seiu, wie das dort der Fall war und dieses Mal nur in einer höflicheren Art. Mit seiner überlegenen Milde und Schlagfertigkeit hat Hillel in Einem ein Dreifaches zuwege gebracht, den Fragesteller zugleich belehrt und beschämt, ihm seinen Wunsch erfüllt und zugleich abgeschlagen: „alles andere ist die Ausführung; gehe hin uud lerne!" Der Heide wollte Jude werden, wenn es dem Rabbi gelänge, ihm das Judentum iu einem ganz kurzen Wort zu künden. Hillel gewährt die Bitte uur zum Schein. Mit seinem Schlußwort ergänzt er sein Anfangswort uud uinunt es zurück insoweit, als es der Heide als eine Erfüllung seiner Bitte ansieht. Das Wesen eiuer Sache kauu immer nnr der erkennen, der das Ganze erkennt. Merkwürdigerweise hat Franz Delitzsch übersehen, daß das Neue Testament selbst an einer Stelle die Pharisäer ausdrücklich jene beiden Sätze als die Hauptgebote bezeichuen läßt, eiu ueues Zeugnis dafür, wenn es eines solchen überhaupt noch bedürfte/daß die neue Lehre in dieser Hinsicht uur das wiedergibt, was die alte verkündet. Und wenn der Nazarener Matth. 7, 12 (vergl. Luk. 6, 31) sagt: „Alles nun, was euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen, das ist das Gesetz uud die Propheten", so ist hier deutlich Hillels Autwvrt übernommen, nur, daß das bedeutsame Schlnßwort weggelassen ist. An die Stelle der negativen Form, die die Antwort Hillels, wie wir gesehen haben, in dem Zusammenhang, in dem sie gegeben wurde, notwendig haben mußte, konnte nunmehr eine positive Formulierung treten. Die Zeiteu haben sich geändert. Heute möchten Juden oft selber iu eiuem kurzen, schlagwortartigen Satz das ganze Judentum begreifen. Wer die Antwort Hillels verstehen und wissen will, wie aus der Gottesliebe die Menschenliebe fließt, wie beide alles und jedeS im Judentum durchdringen, wie sich aus den Geboten der ersten Tafel die der zweiten ergeben, der darf sich nicht mit einem volkstümlichen Buch über das Judeutum begnügen, sondern muß aus den Urquellen schöpfen und innner wieder schöpfen. Je besser er das Hillelwort verstehen lernt, umso tiefer ist er in das Judeutum eingedrungen. Und wer nicht immer nnd immer wieder zu den Müttern hinabsteigt, der mag des Rabbi Auskunft gelesen oder gehört, aber nimmermehr verstanden haben. Gehe hin und lerne! Von alijüdischer Erziehungsweisheit. Von E. Gut. Wie viele scheinbar neue Gedanken sind in Wahrheit uralt! In zahllosen Bereichen läßt sich das feststellen- Doch gibt es kaum ein Gebiet, das diese Erscheinung so offenkundig dartut, wie das der Pädagogik. Es ist erstaunlich zu sehen, wie gerade unsere Gemeinschaft in ihren heiligen Schriften einen Reichtum von Erziehungslehren besitzt, die man heute als neueste Errungenschaften preist. Mit Stolz hüten wir diesen Schatz, der Israel geradezu den Namen eines Volkes der Erziehung eingetragen hat. Das Psalmwort „Der Fromme übt Wohltaten zu jeder Zeit" wird von unseren Weisen auf die Kindererziehung. bezogen, weil dieses Amt Sorgen mit sich bringt, die kein Ende nehmen, und vielfach wird den Eltern ans Herz gelogt, trotz der Schwere der Aufgabe nie in ihrem Eifer zn erlahmen. Häusliche Erziehung, Unterricht, Schule — alles was mit diesen Verpflichtungen zusammenhängt, — besitzt den Charakter heiligster Notwendigkeit. Es sind die ureigensten Aufgaben der Eltern, es ist ihre Persönliche Sache. Nicht dem Sklaven — wie bei den alten Griechen — sei das Werk übertragen, Vater und Mutter selbst liegt es ob. Ter Mann sorge mehr für das eigentliche Lernen, die Frau für die Anleitung zu guter Sitte. Grundlage aller Unterweisung bildet die heilige Lehre. Das erste und vorbereitende Lernen erfolgt im Haufe und beginnt schon in sehr frühen: Alter. Die Verbindlichkeit regulären Schulbesuches gilt als ebenso selbstverständlich wie Analphäbetismus als sündhaft. Was Griechen und Römer zur Förderung der Kultur beigetragen haben, ist jedermann bekannt. Was das jüdische Volk für die Wissenschaft der Erziehung geleistet hat, ist den meisten fremd. Und doch ist manches, was als modernste Pädagogik gilt, der ErziehnngKbegeisternnlg unserer Vorfahren klare Erkenntnis gewesen. Daß Inden überall an ihren Wohnplätzen Schulen gegrimdet haben, bedarf kaum der Ewähnnng. Sie betrachteten es sogar als ihre selbstverständliche Pflicht, an allen von geistigen Zentren weit entfernt liegenden Orten Lehranstalten zn errichten. Selbst in Zeiten finstersten Druckes gab es keine Unterbrechung des Studiums. Lernen und Leben war gleichbedentcnD. Der Talmud spricht an unzähligen Stetten von der Wichtigkeit des Schulunterrichts, nnd er preist die Tätigkeit des Lehrers. „Die Welt wird erlöst durch den Atem der Schirlkinder." Als Hüter einer Stadt gelten nicht die Wächter des Gesetzes, sondern die Lehrer. Man darf annehmen, daß fchon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung Schnlen eine allgemeine Einrichtung unserer Glaubensbrüder waren. Es bedurfte keiner Polizeilichen .Schulgesetzgebnug. Das Erlangen der Weisheit war schätzenswerter denn alle weltlichen Güter. „Sie (die Weisheit) wird nicht dahingegeben für köstliches Erz, und Gold wieget ihren Wert nicht auf? fic wird nicht aufgewogen für Gold ans Ophir, für köstlichen Onix nnd Saphir." Ans solchen Idealen, fortgepflanzt von Generation zn Generation, erwuchsen der Menschheit Persönlichkeiten von vorbildlichem Adel des Geistes und des Herzens aus den Meihen unseres Volkes. Nichtwissen ist sündhaft. Nach dein TÄmnd träne man dein Ungebildeten kein Geheimnis an, übertrage ihm nicht die Obhut von Waisen. Gott selbst ist der Herr des Wissens. Der Unterricht sei gründlich. Ein Lehrer, der oberflächlich unterrichtet, über Schwierigkeiten leicht hinweggeht, oder der nicht liebevoll ans die Fragen der Kinder eingeht, gilt als untauglich. Besser ist es, zwei „Ordnungen" gründlich gelernt zu haben, als viele. „Halachot" nur mechanisch. Volle geistige Durchdringung des Stoffes und seine allseitige Betrachtimg werden als unerläßlich bezeichnet. Anch die Ideen der modernen Arbeitsschule sind dem jüdischen Schrifttum nicht fremd. Der Talmud wendet sich an einer Stelle gegen die, welche n u r dem Studium obliegen. Es ist die Plicht des Baters, feinen Sohn in einem Handwerk unterrichten zu lassen, und die Ausübung des Handwerks gilt als ehrendoll. Die manuelle Tätigkeit findet vielfach ihre Würdigung. Wenn betont werden darf, daß diese Ideen ihrer Zeit weit vorausgeeilt sind, so muß in diesem ZusamMenhang vor einem weitverbreiteten Irrtum gewarnt werden. Es ist falsch, zu glauben, daß unsere Geineinschaft in einer einseitigen Entwicklung des Intellekts je ihre Hauptaufgabe erblickt hätte. Das Endziel aller Erziehung ist nach Bibel und Talmud die Entfaltung der sittlichen Kräfte, die Heranbildung eines moralischen Charakters, die Läuterung des Herzens. Gehorsam imd Pietät waren