Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 8 (4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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lungen vollführend, die mit etwas Ueberweltlichem, Unfaßbarem, Göttlichem >:n einem geheimnisvollen Zusammenhang standen, und sie erwartete mit Spannung, was da kommen würde. Mr. Davis sah aber auch ganH anders aus als gewöhnlich, seine mageren, welken Wangen glühten, in seinen erloschenen Augen glomm ein stilles Feuer, um seine Lippen zuckte es allemal. Bald lachte er Purz auf, ohne jeden sittlichen Anlaß, worauf dann Mr. Flock, der durch die Brille in das große, dicke Gebetbuch schaute, mit einem Seufzer antwortete. Dann seufzte wieder Mr. Davis und Mr. Flock lies; ein kurzes, heiseres Lachen vernehmen. Es herrschte eine Stille, denn jeder war Wohl mit seiner eigenen Gedanken und Erinnerungen beschäftigt. Mittlerweile war auch der Goldschmiedegeselle von Mr. Smith gekommen. Er war fein herausgeputzt, geschniegelt und pomadisiert, aber da er hier nicht das geringste Verständnis für seine Eleganz fand, setzte er sich in eine Ecke und schwieg, bis Mr. Flock ihn über seine Verhältnisse auszufragen begann.' Alles war schon angerichtet, und man erwartete nur den Fremden, von dem Mr. Davis gesagt, er verstünde Kinder zu unterrichten und schön vorzubeten. Allmählich tauten alle auf, und das Schweigen wich einem anregenden Gespräch. Allerlei muntere Geschichten, Anekdoten und Witzworte sprudelten auf, es dauerte nicht lange und alle fühlten sich heimisch untereinander, als hätten sie sich von der frühesten Kindheit auf gekannt, ein unsichtbares Band alter Verwandtschaft schlang sich um sie, alle lachten und wurden immer fröhlicher, und niemand hatte es eilig, zum Seder zu schreiten, als fürchteten sie unbewußt, die schöne Stimmung könute nachher verfliegen. Während der Unterhaltung trat endlich der Erwartete ein. Er wurde lärmend, wie ein alter Bekannter begrüßt. „Was, Neb Korew (Herr Verwandter)? Wo ieid Ihr so lange geblieben?". Der Arme war angstvoll herumgeirrt, der Sprache der Bevölkerung unkundig, bis er die Wohnung seines Gastfreundes fand. Sein Gesicht war in Schweiß gebadet, und er atmete schwer. Man konnte ans den ersten Blick an den feineren Zügen seines Gesichtes nnd an seinen Weißen Händen erkennen, daß er einer anderen Gesellschaftsklasse angehörte als die übrigen Anwesenden. Er schien ein ehemaliger Kaufmann zu sein, der einst bessere Tage gesehen und jedenfalls eine ganz andere Bildung und andere Lebensgewohnheiten hatte als jene. Jetzt war er ein Schiffbrüchiger, der nach dem fernen Westen, nach San Franziska, zu seinen Verwandten reiste. Er musterte die Anordnung der Sederschüssel und zollte im stillen seinem Gastgeber Beifall. Nachdem er sich gewaschen und darauf gebetet hatte, saß er auch schon bald am Tisch und Plauderte, seines Hungers ganz vergessend, aufs angeregteste mit den Genossen. Wie ein elektrischer Funke pflangte sich die gute Laune von einem zum anderen fort und die Gesellschaft wurde innner fröhlicher. Mr. Davis wurde sich zuerst seiner Wirtspflichten bewußt. „Vielleicht möchten wir anfangen?" sagte er zögernd, von einem zum andern blickend. Natürlich konnte man ansangen, keiner hatte etwas dagegen. Es war Zeit. Auf dem Tische stand schon die bauchige Flasche mit dem gelblich goldigen Rosinenwein, umgeben von sieben Glasbechern- >unter denen ein großer Pokal wie ein König hervorragte. Das war ,)der Pokal des Propheten Elia". Alle, den geschniegelten Goldschmiedegesellen nicht ausgenommen, fühlten, wie ihnen das Herz höher schlug, als Mr. Davis zwei Kissen herbeibrachte, sie auf einen Stuhl legte und so das „Königslager" herrichtete, dann den Weißen „Kittel" anzog, der über seinen hageren Leib in Falten hinunterfloß. Der Fremde hatte mittlerweile den Wein eingeschenkt und vor einen jeden der Gäste ein Glas hingestellt. Der kurzsichtige Schneider stöberte ein wenig auf dem Tisch umher und rief plötzlich: „Na, und eine Hagada? Gebt doch eine Hagada her!" „Ja, wo ist denn eine Hagada?" riefen mehrere Stimmen. „Eine Hagada?" rief Mr. Davis mit erschrockener Stimme, und seine Hände sanken .plötzlich herab. Eine bittere Verwirrung malte sich in seinem Gesichte. „Ich habe ja gar keine Hagada, was werden wir nun anfangen?" Ein peinliches Schweigen entstand. Die selig'frohe Stimmung war auf einmal dahin. Alle sahen sich verlegen an. Davis senkte den Blick, er fühlte sich schuldig, daß er aus Cincinnati eine Flasche Sliwowitz mitbringen und eine Hagada vergessen «konnte. Aber wie hätte er auch daran denken sollen? Jedes Jahr fand er auf dem Tisch, wo er zum Seder geladen war, auch eine Hagada neben dem Teller. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen . . . „Vielleicht steht in diesem großen Siddur die Hagada," rief einer der Grubenarbeiter, „bei meiner Mutter im Siddur . . ." Alle stürzten sich auf das große Gebetbuch Mr. Flocks, das auf dem Tische lag. Es war ein altfränkisches Siddur, in dem nichts fehlte, alles war da: Chazoth, Psalmen, Maamadot, allerhand Selichot und Jozrot, eine Unmenge Dinim. Man blätterte weiter, behutsam, als fürchtete man, rasch eine Enttäuschung zu erleben, bis in die Meile Hälfte des umfangreichen Bandes hinein. Da war Hallel, da war der Priestersegen, >da waren die Gebete für die Festtage, da war der Eruw Tawschilin . . . ah! . . . da standen auch schon die Vorschriften für Pesiach, die Ordnung des Seder . . . aber, oh, die Hagada war nicht da! Mr. Davis besaß em Siddur, direkt aus Lemberg bezogen, eine schöne Sache; der Fremde hatte ein Slawutaer Siddur — aber wie zum Possen enthielt keines die Hagada. ,Mas für dunrme Leute die Drucker sind!" brummte Mr. Davis ärgerlich. , „Ist denn hier in der ganzen Stadt keine Hagada zu kriegen?" fragte der Fremde. Ein allgemeines gezwungenes Lachen antwortete ihm. Nein, in Green City war seit seinem Bestehen keine Hagada gewesen. Der Fremde merkte, daß ihm eine Dummheit entfahren war, und um sich zu rehabilitieren und der unbehaglichen Stimmung ein Ende zu machen, schlug er vor, auswendig die Hagada zu singen. Man solle nur unbesorgt sein, es werde schon gehen, er wolle schon dafür sorgen, daß man nicht stecken bleibe .... Alle atmeten erleichtert auf und gingen freudig auf den Vorschlag ein, zumal sie keinen anderen Ausweg hatten. Sie blickten auf ihren Führer voll Vertrauen, wie auf einen kühnen Feldherrn, der versprach, sie über ein gefährliches Gelände ohne Schaden hinüberzuführen. Dieses Vertrauen stieg nur noch, als der Fremde den „Kiddusch", den übrigens die meisten auswendig wußten, mit schöner Stimme und prächtiger Melodie und einer Betonung rezitierte, wie sie nur sehr gelehrten Leuten eigen ist. Dann wurde die Türe angelweit geöffnet und das „K'ho lachmo anjo" angestimmt. „Wer da hungrig ist, der komme, speise mit uns . . ." Welcher Jude kennt das nicht auswendig? Auch die „vier Fragen", die der Fremde sich selber stellte, waren einem jeden geläufig. Aber als er dann das „Awodim hojinu" langsam und feierlich hergesagt hatte, begaben sich alle beherzt unter seiner Führung hinaus auf die hohe See. Eine Strecke lang ging alles gut vonstatten. Die Geschichte von Rabbi Elieser und seinen Genossen, dann das Kapitel von den vier Söhnen, verlief glatt, ohne Unfall. Aber schon als er zu erzählen begann, wie unsere Vorfahren einstmals Götzendiener gewesen und dann vom Ewigen seinem Dienste zugeführt wurden, mußte der Führer sein "Gedächtnis ziemlich anstrengen. Dann pries er, aber schon ein wenig tastend, „Den, der da einhält seine Verheißung an Israel", stolperte ein und das andere Mal, richtete sich aber gleich wieder auf und schloß mit klangvoller, sicherer Stimme, jedes Wort langsam betonend, während er im Gedächtnis herumsuchte: „Und das war es, was unseren Altvorderen und uns beistand. Denn nicht einer nur erhob sich, um uns den Garaus zu machen, sondern in einem jeden Zeitalter erhoben sie sich, um uns zu vernichten, aber der Heilige, gepriesen sei Er, errettete uns aus ihren Händen." Dann stockte er. Alle blickten ihn fragend an. Er saß mit gesenktem Blicke da und schien in seinem Gedächt-! nis zu suchen. Der Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn. „Nun?" „Hm, wartet nur ein wenig, gleich . . . gleich . . . Zahllos, wie die . . . Gewächse des Erdbodens . . ." „Ach nein, da habt ihr ein ganzes Stück übersprungen." „Da fehlt ja eine ganze Menge dazwischen." „Und es zog uns -der Ewige heraus ans Aegypten, weder durch einen Engel, noch durch einen Seraph, noch durch einen Gesandten, sondern der Heilige, gepriesen sei Er, in seiner Herrlichkeit selber . . .", versuchte der unglückliche Führer die Situation, so gut es ging, zu retten. Aber die Zuhörer gaben sich nicht zufrieden. Sie murrten und sahen ihn vorwurfsvoll au, als hätte er ihre Verlegenheit verschuldet. „Wißt ihr was, liebe Freunde, laßt uns Hallel sagen!" rief er endlich und glaubte, damit auf einen sehr glücklichen Gedanken verfallen zu sein. „Ach was, das kann jeder. Und das übrige? Sollen wir heute keine Hagada sagen?" Eine tiefe Traurigkeit beschlich die beiden Alten. In dumpfer, unklarer Weise wurden sie des ganzen Jammers ihrer Lage inne, und ihre Traurigkeit teilte sich dem ganzen Häuflein mit, das hier wie aus einer verschollenen Insel im fernen Ozean dasaß, losgelöst von allem, was ihnen verwandt, «lieb und nahe war, abgetrennt von allem, was ihnen Trost und Erhebung in düsteren Stunden zu gewähren Pflegte. Alle ließen die Köpfe hängen wie hilflose Kinder, die sich im Dunkeln verirrt hatten. In einem jeden stiegen halbvergessene Bilder aus alten Tagen auf, abgerissene Töne verklungener Melodien erwachten, und ein Hauch von Sehnsucht und Wehmut durchzitterte die Atinosphäre der Stube. „Ach, wozu sollen wir dasitzen wie die Trauernden," raffte sich endlich der Fremde, seine Niederlage vergessend, auf. „Ist denn heute Tischa Beaw oder was? Frohes Pessachfest ist heute, und wir müssen lustig sein. Ich will euch lieber eine Geschichte erzählen, die gerade auf uns paßt. Wollt ihr hören?" Und er fing an, ihnen die wundersame Geschichte vom Baal- Schem zu erzählen, der einmal den Entschluß gefaßt hatte, nach dem heiligen Lande zu pilgern. Die Sehnsucht trieb ihn und das Verlangen, seine Gebete mit denen eines anderen dort lebenden heiligen Mannes zu vereinigen, um dadurch endlich, vor der Zeit, die Erlösung herbeizuführen und den König Messias zu bringen . . . Die Anwesenden hörten anfangs widerwillig zu: aber allmählich fing der Gang der Geschichte an, sie zu interessieren, und bald verfolgten sie mit großer Teilnahme die Schicksale des frommen Mannes, der mit den Mächten des Himmels rang, und endlich auf eine einsame Insel verschlagen wurde, wo er und sein treuer Begleiter tage- und nächtelang umherirrten, ohne eine III —