Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 8 (4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Menschenseele zu finden ... Da sprach der treue Jünger zum Meister: ,Mas schweigst du, Rabbi? So bete doch zu Gott.- bestürme ihn, daß Er uns aus der Not befreie. Hat nicht dein Gebet oft schon andere gerettet, warum versuchst du nicht, dich selber und mich aus dieser schrecklichen Lage zu befreien?" „Ich möchte Wohl beten," antwortete der Baal-Schem, ,>aber ich kann nicht, ich bin keines Gebetwortes mehr mächtig, habe alles vergessen, keinen Vers weiß ich mehr. Alles, alles wurde mir genommen. Ich bin wehrlos." Lange gingen sie so verzweifelt umher, endlich sagte der Jünger: „Rabbi, aber das Aleph-Beth habt ihr doch wohl nicht vergessen?" Nein, das Aleph-Beth hatte er nicht vergessen. „Gut," sagte er, „du hast mir einen guten Gedanken eingegeben. Wir wollen beten wie die Kinder und wollen sehen, ob uns Gott nicht erhören wird." Und sie fingen an demütigen Herzens, die Seele voll Inbrunst und Sehnsucht nach Gott, das Aleph-Beth zu beten. Nichts anderes als Aleph, Beth, Aleph, Beth. Gimmel! usw., in einem fort. Die heiligen Laute aber schwangen sich zum Himmel empor, reihten sich zu Wörtern, die Wörter reihten sich zu Sätzen zusammen, und vor den Thron des Allmächtigen stieg ein heißes Gebet hinauf, welches erhört wurde, „Und was glaubt Ihr, war das Ende?" schloß der Erzähler und blickte triumphierend um sich. Ein jeder wußte, was das Ende war. Eine Weile saßen sie schweigend und in Gedanken versunken. Die Geschichte war ihnen offenbar zu Herzen gegangen. Endlich erhob Mr. Davis den Kopf, blickte dem Erzähler eine Weile ins Gesicht und sagte: „Was sollen wir also tun?" „Natürlich brauchen wir nicht das Aleph-Beth zu beten, wir können singen und sagen, was wir wissen, Gott wird das gerade so lieb sein wie die Hagada, die er ja schon unzählige Male gehört hat." Dieser Einfall belebte sofort die Geister. Alle fühlten sich auf einmal wie erlöst, das drückende Gefühl der Ratlosigkeit war dahin. Der Erzähler, der eine schöne Stimme hatte, mußte Vorsingen, das Halle! wurde im Chor angestimmt, dann folgte „Nischmas", wahllos kamen dann „Echod mi jodea" und „Chad Gadjah" an die Reihe, die jeder fast auswendig konnte, schließlich schwirrten noch Bruchstücke und einzelne Sätze aus dem ersten und zweiten Teil der Hagada, jedes mit der ihm eigenen Melodie, bunt durcheinandergewürfelt, herum. Die Fröhlichkeit stieg immer höher, keiner dachte an das Essen, sogar die drei übrigen Becher blieben unberührt, eine kindliche Lustigkeit bemächtigte sich aller. „Ach, was werden wir da diese kleinen Stückchen immer von neuem wiederholen", machte Mr. Davis. „Laßt uns was Rechtes singen. Zum Beispiel Adon Olam." Der Sänger ließ sich nicht zweimal bitten, doch kaum hatte er das Adon Olam angestimmt, als an der Tür sich ein leises Geräusch vernehmbar machte. „Elia, Elia, der Prophet!" riefen alle. „Elia kommt zu uns. Wo ist sein Becher? Nasch eingeschenkt!" Mr. Davis erhob sich und rief, halb ernst, halb scherzhaft: „Willkommen, Rabbi!", wie er das als Kind zu tun Pflegte, wenn man ihn schickte, die Tür zu öffnen. Aber es war nicht Elia, sondern nur Mrs. Rollinson, die hereinkam in der Meinung, daß nun die Zeremonie erst recht begonnen habe. Sie setzte sich abseits und hörte zu. Der Fremde nahm seinen Gesang wieder auf, und die anderen sangen den schönen Hymnus bald leise, bald etwas lauter mit. Dann schwiegen sie und hörten nur zu. Er sang wirklich schön. Von den heiteren Kadenzen verfiel er in immer ernstere, getragenere, sehnsüchtigere. Sie alle folgten jetzt willig dem Gang der Töne, die sie immer weiter von dem heutigen Abend forttrugen. Nach den verschiedenen Stimmungen, die sie heute in jäher Folge erlebt hatten, taten ihnen die weichen, sanften Töne Wohl, lullten sie ein und weckten bald einen schwermütigen, bald einen heiteren, aber stets einen angenehmen Widerhall in ihren Seelen. Der Fremde aber sang längst nicht mehr Adon Olam, mit dem er begonnen hatte, er war schon weit, weit davon entfernt. Nachdem er einmal ins Singen geraten, war es ihm nicht mehr so leicht, aufzuhören oder sich zu unterbrechen. Als er mit dem Adon Olam fertig war, war es nur natürlich, daß er das Taugebet, das just zum folgenden Morgen gehörte, anstimmte. Ist man aber einmal beim „Tal", so ist von da bis zum „Geschem nicht mehr weit — die Melodien sind ja so sehr verwandt —, und das Kaddisch von „Geschem" gemahnt so sehr an das von „Nei'la', daß es wahrlich schwer ist, der Versuchung zu widerstehen, nun auch dieses anzustimmen. Plötzlich, ohne daß er selber es deutlich gemerkt hatte, sang er schon: „O Gott, Gott unsere Väter, richte auf Dein Reich über die ganze Welt . . ., auf daß jegliches Geschöpf erkenne, daß Du es geschaffen . . ." Unter den Zuhörern hatten sich anfangs leise Proteste bemerkbar gemacht: „Was sagt Ihr da? Das paßt ja gar nicht hierher, das gehört ja zu den Jomim Noroim*), rief Mr. Flock, als er nach einer längeren Weile wie aus einem Traum erwachte. Aber niemand kehrte sich an ihn. Nur Mr. Davis legte ihm die Hand auf die Lippen und flüsterte: „Sch . . . sch . . . sch . . . seid still, Neujahrs- und Aersöhnungssest. -» Was liegt daran? Es ist alles eins, bei Gott ist alles gleich, auch das sind ja heilige Worte." Jener aber erinnerte sich immer neuer, immer schönerer Melodien, die er einst in der fernen Heimat gehört und gesungen . . . „Das Unrecht verstummt, alle Bosheit verdunstet wie Rauch . . . denn du schaffst die Herrschaft des Bösen von der Erde ab" . . . „Darum hoffen wir zu Dir, Ewiger, unser Gott, alsbald Deine Herrlichkeit und Deine Macht zu erblicken . . ., da die Welt durch das Reich des Allmächtigen erlöst wird und alle Sterblichen nur Deinen Namen nennen und alle Sünder der Welt Dir sich zuwenden . . ." Natürlich sangen sie alle jetzt, jeder so gut er konnte, mit. Wer kennt nicht alle die Gesänge? Sie sind dem Juden am geläufigsten, von allen prägen sie sich seiner Phantasie und seinem Gedächtnis am stärksten ein. Gott weiß, wie alt ihr Ursprung >ein mag, aber im Strome der Zeiten haben sie immer von neuem etwas von dem Intimsten aus der jüdischen Volksseele in sich aufgenommen, darum haben sie auch dem Juden ihr Gepräge aufgedrückt. Noch im schlichtesten Volkslieds tonen ihre Kadenzen nach, und keine echte Judenseele kann sie vernehmen, ohne tief erschüttert zu werden und unwillkürlich mitzusingen . . . „Du gedenkst der urewigen Werke, zahlst die Geschöpfe der Urzeit, alle Geheimnisse sind vor Dir entblößt . . . Kein Vergessen ist vor dem Throne Deiner Herrlichkeit, nichts ist vor Deinen Augen verborgen, Du gedenkst der großen Schöpfung, und das kleinste Wesen entgeht Dir nicht ..." Das alles entsprach so ganz ihrer jetzigen Stimmung, denn nun weilte keiner von ihnen mehr in Green City in Amerika, im Häuschen der Mrs. Rollinson, sie saßen nicht mehr zusammen beim Seder, sondern waren fern voneinander, ein jeder irgendwo anders. Jeder fah vor sich andere Bilder und Gestalten, die dem anderen völlig fremd gewesen wären, und doch waren sie wieder einander so nahe, waren von etwas so Genieinsamem getragen und verein:, daß hier ihre verschiedenen Stimmen in einen Ton zusammenklangen. "Nach den früheren Ausbrüchen der Heiterkeit hatte sich jetzt die Reaktion eingestellt, >und die Melodien, mit ihrer Schwermut und Sehnsucht, die sich dann wieder in Jubel verwandelten, der sich weit hinauszuschwingen schien, als wollte er den Himmel durchbohren — diese Melodien versetzten sie in eine Art von Rausch. Sie kamen ins Seufzen, und ein jeder fühlte sonderbare Regungen in den Augen. Als Mr. Flock seine Brille gewischt und wieder angesetzt hatte, bemerkte er bei der Türe eine fremde Gestalt. Er stieß Mr. Davis an, dieser sah auf, dann erhob er sich leise und ging hin. Es war Mr. Simpson, der neugierige Doktor, der wissen wollte, wie es bei einem Mischen Osterfest zugehe. Er stand regungslos und ganz blaß da, seine hohe, stämmige Gestalt war etwas vorgebeugt. Niemand hatte sein Kommen bemerkt. Mr. Davis mutzte ihn zweimal rütteln, bis er seine Augen von dem Sänger, der ihn wie im Banne hielt, abwenden konnte, dann folgte er Mr. Davis schweigend und nahm neben ihm Platz. Der Fremde aber sang immer weiter, ohne der Vorgänge ringsum zu achten . . . „Ich gedenke meines Bundes mit Jacob, mit Isaak ... So spricht Gott, ich gedenke dir der Lieblichkeit deiner Jugendzeit, deiner bräutlichen Hingabe, da du mir folgtest durch die Wüste, durch saatenloses Land . . ." Und ohne jede Pause, ohne haltzumachen, fing er an, davon zu erzählen, wie Gott ihnen am Sinai erschien . . . „Du offenbartest Dich in dem Dämmer Deiner Herrlichkeit Deinem heiligen Volke . . . Die ganze Welt erbebte in den Grundfesten, die Schöpfungen der Urzeit erfaßte ein Zittern, als Du, o König, Dich auf dem Berge Sinai offenbartest um Dein Volk Deine Thora und Deine Gebote zu lehren ... Alle durchlief ein förmlicher Schauer, sie horchten auf und wandten kein Auge von dem Sänger ab, während sie wieder bald leise, bald laut mitsangen. Jetzt mischte sich ein Stöhnen und Schluchzen in das Gesumme, das die Stube erfüllte. Erstaunt sah sich Mr. Davis und nach ihm einer und der andere seiner Nachbarn um. Der Doktor Simpson hatte seine Stirn an die Tischplatte gelehnt, und er weinte so heftig, daß sein mächtiger Oberleib zitterte. Mr. Davis sprang erschrocken auf. „Was ist Ihnen, Doktor Simpson? Warum weinen Sie?" „Was tun Sie? Was machen Sie?" fragten alle bestürzt. „Ich ... ich . . . ich . . ." stammelte Simpson, aber niemand verstand, was er wollte. „Ich ... ich . . ." wiederholte er, wirr um sich blickend, „auch ich bin, auch ... ich ... bin Jude . . . gewesen ... vor fünfzehn Jahren . . ." Und dann fing er an, sich wild auf die Brust zu schlagen. Der Sänger, der allein, von seinem Gesänge hingerissen, von all den Vorgängen ringsum nichts bemerkt hatte, war schon zum Netlagebet gekommen: „Du reichst die Hand den Frevlern und Deine Rechte ist ausgestreckt, um die Heimkehrenden zu empfangen." Hier brach er ab, denn rings war ein allgemeines Schluchzen entstanden . . . Mrs. Rollinson aber ging hinaus und sagte verwundert zu sich selbst: „Feiern die Juden so traurig ihre Osterfeiertage?" — IV —