Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 8 (4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sabbat so streng beobachtete und die Psalmen fast auswendig -! konnte, sehr hoch. Im Städtchen kannte ihn ein jedes Kind; da! er hier der einzige Jude war, betrachtete man ihn anfangs mit einer Art freundlicher Neugierde, bis man sich an ihn gewöhnte und fand, daß er ganz so war wie die anderen, abgesehen davon, daß er nie Fleisch aß und sich nie betrank. Bor einigen Wochen war Mr. Davis gegen Abend ausgegangen, um in der benachbarten Schenke ein Glas Bier Zu trinken. Unterwegs hörte er ein eigentümliches Geräusch aus einem armseligen kleinen Häuschen in einer der angrenzenden stillen Gassen. Es war das Summen einer Nähmaschine. Mr. Tavis trat näher und erblickte an der Türe ein riesiges Plakat, das den Bewohnern von Green City ankündigte, daß Mr. Flock, nämlich Mr. Flock aus Boston, hier einen Salon eröffnet hatte, in welchem die schönsten Gewänder für Gentlemen sowohl als für Ladies angefertigt werden, alles nach der neuesten Pariser Mode. - Auch verschmähte es Mr. Flock nicht, obgleich er mit Arbeit überhäuft war, getragene Kleider zu wenden und sogar zu flicken, infofern man es nicht vorzöge, sich neue zn bestellen. Mr. Davis, dessen Rock gerade ausbesserungsbedürftig war, trat ein. Der „Salon" bestand aus einem langen, dunklen Zimmer mit einem auf zwei Stühlen gestützten Brett zum Bügeln. Bei dem einzigen Fenster stand eine abgenutzte Nähmaschine, und vor ihr, im Scheine einer qualmenden Lampe, saß die gebückte Gestalt des Mr. Flock, mit blassem, eingefallenem Gesicht? durch die große Brülle schimmerten die matten Augen mit rot nngeschwollenen Lidern. Mr. Davis brachte sein Anliegen vor, während er den Meister genau betrachtete. Plötzlich unterbrach er sich in der Mitte des Satzes, hielt ihm die Hand hin und rief im reinsten „Jiddisch": „Scholom alechem, Neb Jehudi, von wo seid Ihr her?" Der Schneider sperrte den Mund weit auf, die Brille rutschte ihm von -der Nafe herunter, und die große Schere fiel ihm aus der Hand. Jäh erhob er sich, schlenderte das Stück Tuch von seinen Knien fort und faßte mit beiden zitternden Händen die dargebotene Rechte des Gastes. Er war tief erregt vor Freude, hier einen Juden, und noch dazu einen aus seiner Heimat, zn finden. „Was hört man dort bei uns daheim?" fragte Mr. Davis mit einer Stimme, die ihm selber fremdartig klang. Er war gleichfalls eigentümlich berührt von diesem Zusammentreffen. „Was soll man hören? Schlecht?" „Seid Ihr schon lange von dort weg?" „Zehn Jahre schon!" „Und ich fünfundzwanzig. Habt Ihr Reb Kalman gekannt?" „Reb Kalman . . . Reb Kalman? Ach ja, Ihr meint Wohl den Glaser?" „Nein, Holzhändler war er. Ein Großonkel der Frau meines seligen Schwagers. Lebt er noch? Wie geht's ihm? Und Reb Nüssen (Nathan), was macht der . . .? Und die Tante Zierle? . . ." Reb David Vroder fühlte plötzlich eine Fülle von verblaßten Gestalten in seiner Erinnerung auftauchen. Jener aber wiederholte hartnäckig: „Reb Kalman? Reb Kalman? Nein. Ich kannte nnr noch Reb Kalman Bäcker aus Kowno, der für unsere Schul' ein Sefer Thora schreiben ließ . . ." „Kowno?" fragte Mr. Davis, „wo liegt denn das? Nicht weit von Stanislau?" „Stanislau," verwunderte sich der andere. „Kenne ich gar nicht, habe ich niemals gehört." „Was, Ihr habt niemals von Stanislau gehört? Unweit von Kolomea . . ." „Kolomea? Mir ganz unbekannt . . ." „Auch Kolomea nicht? Von wo seid Ihr denn her, Neb Korew?" machte Mr. Davis verdrießlich. Er konnte nicht begreifen, wie jemand nie im Leben etwas von Stanislau, noch von Kolomea gehört haben sollte. Jetzt erst merkte er, das; sein Landsmann mit einem fremden Akzent sprach. Er war „Liiwak". Es stellte sich heraus, daß der Schneider aus einem litauischen Städtchen unweit Kowno stammte, aus einer wildfremden Gegend also, von der Mr. Davis nicht einmal eine Vorstellung hatte. Beide fühlten sich enttäuscht, daß der andere nicht aus derselben Heimat stammte. Bei näherer Bekanntschaft fanden sie jedoch,! daß es dort ganz so aussah wie hier, daß es im Grunde, bis auf den leichten Unterschied in der Aussprache, ganz dasselbe war. Im Vergleiche zu der ungeheuren Entfernung Amerikas verschwand der Abstand zwischen Stanislau und Kowno, schrumpfte in ein Nichts zusammen, die beiden Gegenden rückten näher, Mr. Davis und Mr. Flock fühlten sich bald ganz heimisch miteinander, zumal auch ihre Schicksale einander sehr ähnlich waren. Fortan verbrachten sie ihre Mußestunden zusammen, erzählten sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte, und ein jeder gab dem anderen nachträglich gute Ratschläge, wie er es hätte machen müssen, damit es besser gekommen wäre, als es kam. Als Mr. Davis diesmal wegen eines schwebenden Prozesses, in dem er just an den beiden Feiertagen als Zeuge auftreten mußte, verhindert war, die weite. Reise nach Cincinnati auf die Feiertage zu machen, verfiel er auf den glücklichen Gedanken, mit Mr. Flock zufammen bei sich zu Hause den Seder zu veranstalten. Der Schneider, der diesem Tag mit Bangen entgegensah, war über den Vorschlag beglückt und teilte dem Freunde seine Entdeckung mit, daß der neue Geselle von Mr. Smith, dem Goldarbeiter, ebenfalls Jude war. „Doch ist das jo einer . . . verstehen Sie mich . . . stark angebrannt, gibt sich nicht gern als Jude zu erkennen, beinahe schon gar kein Jnde mehr..'." Zu dem größten Erstaunen beider nahm der junge Goldschmiedgcselle die Einladung mit unverhohlener Freude an. Mr. Davis beschloß auch, die beiden jüdischen Grubenarbeiter aus dem einige Meilen entfernten Struck Oil einzuladen, und so versprach es, entgegen seiner anfänglichen Befürchtung, ein recht heiterer und angenehmer Abend zu werden. „Mrs. Rollinson," sagte er einmal zu seiner Wirtin, „in zwei Wochen haben wir jüdische Ostern." „Da werden Sie Wohl nach Cincinnati fahren?" „Das kann ich leider nicht. Ich reise jetzt und komme in acht Tagen wieder. Diesmal werde ich zu Hause feiern." „Schön. Mr. Davis, ich backe Ihnen einen hübschen Kuchen." Mr. Davis lachte. „Ich danke, liebe Mrs. Rollinson, aber zu Ostern dürfen wi°r nur Mazzot essen." „Ach ja, die ungesäuerten Brote, das steht ja alles 'in der Holy Missen Sie, Mrs. Rollinson, das -ist ein sehr fröhliches Fest. Bei uns daheim in Polen bereitet man sich vier Wochen "lang darauf vor." „Kann ich mir anch denken; das ist j« das ^Fest der Befreiung. Gott hat mit erhobenem Arm sein Volk aus der Knechtschaft geführt", rezitierte sie feierlich mit ihrer mächtigen Stimme. „Dann hat der Herr Jesus . . ." „Nein, nein, unterbrach sie Mr. Davis. „Dies war viel, viel später. Jenes war lange, lange vorher. Damals regierte der alte Herrgott noch allein die Welt," sagte er lachend, da ihm ein hübsches altes Witzwort binfiel. „Und wissen Sie, Mrs. Rollinson," fuhr er nach oiner Weile 'fort, während sein Gesicht einen ernsten und strahlenden Ausdruck «annahm, „es steht geschrieben, nicht durch einen Engel, noch durch einen Abgesandten hat Gott unsere Väter erlöst, sondern selber, >in feiner vollen Herrlichkeit, offenbarte er sich ihnen." „Und Moses?" wandte die bibelfeste Mrs. Rollinson ein und machte Mäene, eine ihrer häufigen theologischen Diskussionen anzufangen. Aber Mr. Davis hatte ke'ine Zeit, denn er mußte verreisen. Nach «cht Tagen Vam er zurück mit einem Kasten voll Maizzot, auch „Pessachige" Fleischkonserven, Gänseschmalz, Rosinen, sogar eine Flasche Sliwowitz von der besten Sorte mit einem mächtigen Siegel des frömmsten Rabbiners von Cincinnati darauf, und eine Menge anderer Dinge brachte er mit. Fische, Eier und Kartoffeln sollte, wie immer, Mrs. Rollinson liefern. Die gute Frau erbot 'sich sogar, ihr blitzendes Kochgeschirr dem Mieter zur Verfügung zu stellen, und war fast beleidigt, als dieser trotzdem neue Pfannen, Töpfe und Schüsseln und sogar ein neues Wassergesäß anschaffte. Jetzt stand sie an der Türe und sah zu, wie Mr. Davis selber den Küchenmeister machte. Sie hatte dabei jenes spöttische Lächeln ans den Lippen, welches Frauen zur Schau tragen, wenn ein Mann sich untersängt, in das Gebiet der Kochkunst einzudringen, und sie verfehlte nicht, ihm in Betreff der auf dem Herde schmorenden Fische, der Eier und der Kartoffeln von Zeit zu Zeit einen guten .Rat zn geben. Mit schwerem Herzen hatte Mr. Davis auf die traditionellen Knödel verzichtet, die ja nnter diesen Umständen unerreichbar waren. Bei all diesen Vorbereitungen war allmählich der Sederabend näher gerückt. Mr. Flock trat ein. Die beiden Alten stritten zuerst eine Weile gutmütig darüber, ob man zum Abendgebet das Hallel zu sagen habe, und kamen schließlich überein, „das es jedenfalls nicht schaden kann, ein Paar solch heiliger KapitelTehillim zusagen". Darauf erschienen die beiden Grubenarbeiter von Struck Oil. Ihre müden, düsteren Gesichter heiterten sich auf bck dem Anblick der hell erleuchteten, von einem .unfaßbaren Festhauch durchwehten Stube und bei dem feierlich lieblichen Klang der Hallel-Melodie, die sie, Gott weiß wie lange schon, nicht mehr gehört hatten. Mrs. Rollinson, der sich die Feststimmung mitzuteilen begann, wies die Ankömmlinge in eine Kammer, wo sie sich wuschen und umkleideten, dann trat sie selber in die Stube herein, die schwieligen, derben Hände unter Aufsicht des Mr. Davis frisch gewaschen, mit einer blitzblanken Schürze umgürtet, nnd «beobachtete voller Neugierde, wie Mr. Davis die Sederschüssel herrichtete. Sie war ganz erstaunt, da Mr. Davis gar keine Anstalten traf, um ein Lamm zu schlachten, und mit religiöser Scheu betrachtete sie das Stückchen Fleisch, das zur Erinnerung an dieses Qsterlamm, „wie es in der Holy Bible stand", diente. Mr. Davis erklärte 'ihr auch, was die bitteren Kräuter und das Salzwasser bedeuteten, und ihr größtes Interesse erregte es, als er einige Walnüsse öffnete, deren Kerne zusammen mit einem Apfel zerstampfte und dann einige Tropfen Wein hineintat, um so das Charosset herzustellen. In Mrs. Rollinson regte sich ein gewaltiger Respekt vor diesen kleinen Vorgängen, die hier in dem Häuschen eines weltverlorenen amerikanischen Nestes die ungeheuer entlegenen und großartigen Ereignisse lebendig werden ließen, von denen das heÄ'ige Buch mit so lehafter Anschaulichkeit erzählt nnd die sie bisher nur.als etwas Abstraktes, Höheres, wovon man nur träumen und das man sich nur vorstellen kann, betrachtet hatte. Die einfachen Männer mit den groben Zügen >un>d den schwieligen Händen erschienen ihr wie eine Art Priester, wie Geweihte und Auserwählte, heilige Hand-