Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 8 (4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Ser Seder in der Fremde Erzählung von Binjamin Segel. Die große Seitenstube in -dem Häuschen der Mrs. Rollinson war schon vollständig rein gemacht, und Sie Frau hantierte nur noch mit dem Scheuerlappen an der Außenseite der Türe herum, als Mr, Davis beuchend unter der Last seines schweren Kastens, der mit Riemen um seine schultern geschnallt war, ankam. Er mußte zweimal sein „ssooä cla,^" wiederholen, bis die etwas schwerhörige Dame seine Gegenwart merkte und sich umwandte. äaz-, Mr. Davis! Sind Sie schon da?" grüßte sie freundlich. „Gehen Sie in die Kammer und legen Sie Ihren Kasten ab. Und wischen Sie sich die Stiefel recht sauber. Sehen Sie, wie fein es hier aussieht in der Stube. Kein Stäubchen dürfen Sie hineinbringen, Mr. Davis. Wenn's Feiertag ist, muß es Feiertag sein." Mr. Davis legte den Kasten ab, warf durch die geöffnete Türe einen Blick in das Innere seiner Stube und konnte sich eines Freudenrufes nicht enthalten. Die kräftigen und rührigen Hände de>r Mrs. Rollinson hatten den düsteren und unfreundlichen Raum in ein Festgemach verwandelt, die Scheiben waren sauber geputzt, der Fußboden gescheuert, der Staub entfernt. In der Mitte stand der Tisch mit einem blinkend Weißen Tuch gedeckt, und die etwas wackeligen Stühle standen wohlgeordnet um den Tisch herum. Die niedrige Pritsche, die als Bettstelle diente, war mit einem abgeblaßten aber sauberen Wandschirm verhüllt. Alles atmete eine gewisse «anheimelnde Freundlichkeit, die Mr. Davis zur Rührung stimmte. Sogar die gähnende Oeffnung des Backofens, der auch als Kochherd diente, war mit einer Art Gardine von buntem Zeug überzogen. Alles schien das Fest zu erwarten. „Das haben Sie aber schön gemacht, Mrs. Rollinson, Sie sind eine brave Frau. Ich danke Ihnen sehr!" Die so Angeredete stemmte ihre Arme in die Hüften, musterte stolz ihr vollendetes Werk und fragte dann: „Wer werden heute Ihre Gäste sein, Mr. Davis?" „Meine Gäste, nun, wer sollen sie denn sein? Mr. Flock, der Scbneider wird kommen, dann der Geselle vom Goldschmied . . ." ' „Der von Mr. Shmith?" ,^Ja, der, dann ein .Landsmann von mir, ein ganz armer Mensch, der erst gestern hier .angelangt ist, ich weiß ni^t einmal recht, wie er heißt. Er hat die 'Nacht aus einer der benachbarten Farmen zugebracht und will nach den Feiertagen weiter nach dem Westen, nach San Franziska ..." „Was hat denn der für ein Geschäft?" fragte Mrs. Rollinson, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. „Ach ja, das ist es eben, er hat gar keins. Er ist so ein Kinderlehrer, kann beim Gottesdienst schön Vorsingen und weiß in den heiligen Büchern Bescheid, ein sehr kluger Mann, wir gingen eine Strecke zusammen und haben viel miteinander gesprochen, aber schrecklich arm ist er. «Die zwei Feiertage wird er bei mir wohnen. Dann kommen noch die beiden Grubenarbeiter aus Struck Oil herüber . . ." „Aus Struck Oil? du lieber Himmel, so weit? Können die denn nicht dort Feiertag machen? Na, Mr. Davis, wenn Sie saubere Stiefel haben, können Sie eintreten. Ach bin fertig." Mr. Davis erklärte seiner Wirtin, warum die beiden jüdischen Arbeiter hierher kommen mußten. „Aber wissen Sie, Mrs. Rollinson, wer sonst noch kommen wird? Mr. Henry Simpson." „Wer, was sagen Sie?" Davis mußte den Namen wiederholen. „Mr. Simpson, der Doktor?" Die gute Frau klatschte vor Staunen in die Hände. „Der? Unmöglich! Ist der auch ein Jude? Das Hab' ich ja gar nicht gewußt." „Ach nein, wo denken Sie hin. Ein Jude ist er nicht. Wir kennen ihn ja schon lange. Aber er will heute mein Gast sein, und da werde ich ihm doch nicht absagen." In Mr. Davis' Brust regte sich Stolz darüber, daß ihn dec angesehene Arzt, obgleich kein Glaubensgenosse, am Festabend besuchen wollte. „Da gehe ich nämlich gestern morgens, kaum daß es Tag geworden, mit dem Kasten nach der Farm des Mr. Thorston. Ich mußte am Hause des Doktors vorbei, er stand schon vor der Türe und arbeitete iu seinem Gärtchen. Ich grüße. „6c>v<1 moininx," sagt er, „sind Sie nicht in Cincinnati, Mr. Davis?" „Warum soll ich denn in Cincinnati sein?" sage ich. „Aber voriges Jahr sind Sie doch hingefahren um diese Zeit und sind dort bei den Juden über Eure ganzen Feiertage geblieben." „Nein," sage ich, „diesmal bin ich leider verhindert; Sie kennen ja die Geschichte mit dem Prozeß, der erfordert hier meine Gegenwart, und darum mache ich bei mir zu Hause den Seder" — „Seder?" sagt er, nachdem er eine Weile geschwiegen, und schaut mich so merkwürdig an. „Nun ja," sage ich, „so heißt nämlich, was wir morgen abend zu Hause beten und singen werden." — Ihnen Hab' ich's ja erklärt, Mrs. Rollinson. Was sagen Sie dazu, liebe Mrs. Rollinson, der Mann macht plötzlich ein Gesicht, als hätte er eine bittere Pille verschluckt. Ich schaue ihn an, dann sage ich „Ooocl d^g" und will mich entfernen, aber er sagt: „Wissen Sie was, Mr. Davis, ich möchte mir gerne ansehen, wie das ist, was Sie morgen abend machen." Ich dachte mir, der will dich zum besten haben, und sage. „Ach, da wird nicht viel zu sehen sein. In Cincinnati, bei reichen Leuten, wo eine zahlreiche Familie ist, nrüssen Sie sich einmal das ansehen." Er aber meint, das sei ihm ganz gleich, er nrüsse um jeden Preis dabei sein. riAbt," sage ich, „meinetwegen, wenn's Ihnen Vergnügen macht." Und wie ich jetzt zurückkomme, paßt er mir auf und sagt: „Vergessen Sie nicht, Mr. Davis, heute abend bin ich Ihr Gast." Sehen Sie, Mrs. Rollinson, ein neugieriger Mensch, der Doktor." „Ich freue mich auch schon, Mr. Davis, ich habe noch niemals ein jüdisches Pessachfest gesehen." Mrs. Rollinson ging, und Mr. Davis fing an, nachdem er draußen das Chomez verbrannt, sich zum Seder zu rüsten. Die Stunden verrannen, der Abend war nicht mehr fern. Es war das erstemal, daß der alte Mann diesen Abend nicht im Kreise einer, wenn auch fremden Familie zubringen sollte, und daher war ihm etwas sonderbar zu Mute. Er schien sich jedoch Mut zu machen und brummte etwas wie eine Melodie vor sich hin, während er sich wusch und dann frische Wäsche anlegte, seine besseren Kleider hervorholte und glättete. Doch war er sehr zerstreut, ließ jedesmal einen Gegenstand liegen und vergaß ihn, dann ging er wie im Traume suchend umher und faßte wieder etwas ganz Unnötiges an. Seine Gedanken weilten in der Ferne. Mr. Davis, wie man ihn hier kurzweg nannte, hieß mit seinem vollen Namen David Broder, war seines Zeichens Schumacher und war vor fünfundzwanzig Jahren nach Amerika gekommen, um dort, nachdem er daheim in Galizien all sein Hab und Gut verloren, sein Haus abgebrannt und seine Frau und seine einzige Tochter gestorben waren, sein Glück zu suchen. Anfangs gluckte es ihm nicht übel, und er war sogar auf dem Wege, ein wohlhabender Mann zu werden. Später jedoch fing das Unglück an, ihn zu verfolgen. Er mußte Cincinnati, wo er sich angesiedelt hatte, verlassen und wurde endlich, nach vielem Umherirren, nach dem entlegenen, weltvergessenen Green City, einem kleinen, einige Jahre zuvor gegründeten Städtchen, verschlagen, wo er eine Schusterwerkstätte eröffnete. Aber er war bereits zu alt für sein Handwerk und mußte bald jüngeren Kräften Platz machen. Dann richtete er einen Kramladen ein, der aber ebenfalls nicht ging. Endlich schnallte er den Hausierkasten um die Schultern und wanderte tagaus, tagein von einer der umliegenden Farmen zur anderen, wo er die Waren absetzte, die er jedes Vierteljahr in dem fernen Cincinnati einkaufte. Da man ihn allerwärts wegen seiner strengen Redlichkeit und Pünktlichkeit schätzte, machte er für seine Verhältnisse gute Geschäfte und konnte bereits davon träumen, einst aus sie alten Tage der Wohltätigkeit nicht zur Last fallen zu müssen, was er stets befürchtet hatte. Aber je älter er wurde, desto häufiger beschlich ihn eine unbekannte Traurigkeit, die er anfangs selber nicht verstand und die ihn manchmal tagelang bedrückte. Es war das Gefühl der Vereinsamung und Verlassenheit, das ihn heimsuchte. Er empfand eine unbestimmte, aber sehr lebhafte Sehnsucht nach verschollenen, fernen Dingen, nach Menschen, mit denen er von den vergangenen Zeiten reden konnte. In solcher Gemütsverfassung, die sich meist am Sabbatnachmittag, da er von jeglicher Arbeit ruhte und auch von dem einsamen Gebet nicht in Anspruch genommen war, bei ihm einzustellen Pflegte, setzte er die Hornbrille auf, zog das abgegriffene, noch aus der alten Heimat stammende Psalmenbuch hervor und sang einen Psalm nack dem anderen, nach alter Melodie, während er in die danebengeoruckte jüdisch-deutsche Uebersetzung blickte, bis es dunkel wurde. Dann sank das Buch auf seine Knie herab, und er verfiel in ein halbklares Träumen. Verworrene Schatten zogen an ihm vorüber, aus denen langsam seine Fron und seine einzige Tochter austauchten. Er sah die verwischten Umrisse seines Heimatstädtchens, die schmalen Gassen, die Synagoge mit dem hohen, phantastisch sich türmenden Dach, dann den Weißen, breiten, zwischen einer Allee von alten breitästigen Wildbirnbäumen sich schlängelnden Weg, der weit hinaus ins Freie führte, wo der „heilige Ort", der Friedhof, lag. Dort ruhten alle, die er in diesem Leben nicht mehr sehen sollte. Zuweilen erfaßte ihn eine Art Neugierde, wie es denn dort, daheim, im Städtchen aussehen mochte. Manchmal empfand er ein förmliches Herzklopfen, als lauschte er in spannungsvoller Erwartung auf eine Nachricht von dort, auf eine Kunde, die ihm etwas erzählen, auf eine geheimnisvolle Stimme, die ihn Heimrufen würde, und er ertappte sich dabei, wie er richtig zum Fenster hinausschaute, ob nicht jeden Augenblick jemand käme. Aber er hatte keinen mehr, der an ihn dachte. Dann trat Mrs. Rollinson ein mit einem brennenden Holzscheit, um Feuer zu machen, und alles war vorüber. Mrs. Rollinson, eine strenggläubige, bibelkundige Methodistin, bei der er seit vielen Jahren wohnte, schätzte diesen braven Mieter, der so sauber war, so Pünktlich die Miete bezahlte, den I -