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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-02-01 · 6 (2.1927) · page 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
6 (2.1927)
Date
1927-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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werden. Jeder Acker im Erntesegen ist durch Arbeit und Vernunft gelenkte Natur, also vergeistigte Natur, oder, -wie wir sagen: Kultur. Jodes Stadtbild HM sich aus der Landschaft heraus als Denkmal menschlicher Vernunft und sittlicher Ordnung. Und nicht nur um uns bekämpfen und besiegen wir die Natur, auch in uns -selbst. Sittlich handeln versteht sich als direktes Gegenteil des natürlichen Sichgehenlassens, ist ein Sichbewegen auf ein Ziel, das von der Natur als solcher wegführt. Sittlichkeit und Kultur sind Abschied von der Natur, Verzicht auf ein kindlich ungebrochenes Ausruhen in ihr Und doch erzählen die Himmel die Ehre Gottes. Aber wem? Nur dem allein, der von Gott schon weiß. Und wo ist dieses Wissen zu erwerben? Die Natur ist das Gleichnis Gottes, aber in der Seele spricht Gott mit der klaren Stimme des sittlichen -Gebotes. Der ganze Reichtum der Natur ist zu arm und ihre Schönheit zu schal, wenn es gilt, damit die Heiligkeit und Erhabenheit sittlicher Zusammenhänge zu veranschaulichen. Nichts in der Welt k a nn so zwingendes und uneingeschränktes Abbild sein vom Wesen Gottes selbst wie die sittlicheTat. Sie und nicht dieNatur führen zur echten und wirklich tiefen Frömmigkeit. Der aber, der tief gesehen hat in die Seelen, ihre Kämpfe um das Gute begreift, diesen seltenen Glanz sieht, der sich vom Dunkel tiefer, innerer Nöte'weihevoll abhebt, der aus der geistigen Verwandtschaft gleichen Evlebnisbesitzes die Heiligkeit dieser sittlichen Kämpfe erfaßt, der wird auch in der Natur noch den Reflex der Heiligkeit erleben. Wer ohne diese Erfahrungen an die Natur herantritt, kann ihre Gottbezogenheit nicht richtig ansetzen, er wird ihre Schönhei-t und ihre Macht als letzten Wert ansehen und so einem modernen Götzendienst verfallen. Wer mit dem Außen beginnt, bleibt an der Oberfläche haften. Wer sich a>ber zurückzieht vom Außen und erst nach ernster Einkehr zurückkehrt zum Außen der Wolt, der darf sich ihr heiter hingeben, sich freuen über ihre Größe und ihre Schönheit, ohne Gefahr zu lausen, an Tiefe, in die er sich durchgekämpft hat, zu verlieren. Von einer Naturfeindschaft des Judentums zu reden, liegt kein Grund vor. Das kann dem Judentum, dem die Welt den herrlichen Psalm „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" verdankt, nicht vorgeworfen werden. Aber es vertritt konsequent den Standpunkt, daß das letzte Söhnen des Menschen draußen in Feld und Wald nicht gestillt werden kann. Wir erholen uns in der Natur, ergehen uns freudig in ihr, aber endgültige Hingabe an sie ist unjüdisch. Für das Gute kann man sterben, man kann für das Gute Opfer bringen und für es leiden. Aber mit der Natur kann man sich nur freuen und bleibt mit solcher Freude ewig an der Oberfläche. Als Juden ist uns geboten, darauf zu achten, daß die Natur, die schönen Berge und die schönen Täler überwölbt sind — bildlich gesprochen — von einem Himmel. Wer zu Hause ist im Reiche der Natur, der kennt viel Schönes, Interessantes und Wichtiges. Der aber, der weiß, was die Kämpfer der Menschheit zu erzählen haben, der weiß, welche Schicksale das Gute und Wahre auf Erden hat, wie die Menschen in aller Schwäche und in allem Irrtum doch immer dem Guten und Wahren gegenüber gleichsam gebannt sind wie durch eine starke Liebe, und wie sie ihre Sehnsucht nicht verleugnen können, wer das alles weiß, den: tut sich ein Reich aus, das nicht das Reich der Natur ist, sondern ein Reich erhaben und herrlich durch Ziele, die die sür sie sich einsetzenden Menschen heiligen und weihen, ein Reich von solcher sittlichen Größe, daß der, der sich hier abwendete und noch spräche vom „schönen Baum und schönen Feld" wahrlich gesündigt hätte. Wenn es heißt: „Wer auf dem Felde geht und Thora lernt und unterbricht sein Lernen und sagt, wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieses Feld, der hat gesündigt", wenn es so heißt in der Schrift der Väter, so ist es nicht finstere Strenge, die blind ist für die reiche Fülle der Schöpfung, sondern es ist helle Begeisterung, die das Höchste und Letzte ob der freundlich und gütig glänzenden Oberfläche nicht aus dem Auge verliert, und diese Begeisterung ist jüdisch. 2 Spinoza. Zum Todestag des großen jüdischen Denkers Baruch (Benedikt) Spinoza geboren am 24. November 1632 in Amsterdam gestorben am 21. Februar 1677 in s'Gravenhage.*) Spinoza an Heinrich Oldenburg (1676): Es ist Wohl nicht nötig, daran zu erinnern, daß die Schrift, wenn sie sagt, Gott zürne den Sündern und er sei ein Richter, der über die Handlungen der Menschen erkennt, feststellt und urteilt, daß sie da nach Menschenweise und den überkommeneil Anschauungen des Volkes gemäß redet, weil es ihre Absicht nich: ist, Philosophie zu lehren und die Menschen gelehrt, sondern vielmehr, sie gehorsam zu machen. Der Bannfluch der Amsterdamer Jüdischen Gemeinde Wider Spinoza. (1656.) Aufzeichnung des Bannfluchs, der von der Theba (in der Synagoge) am 6. des Monats Ab Wider Baruch Espinoza verkündet wurde. Die Herren des Vorstands tun Euch kund, daß sie schon längst von den schlimmen Gesinnungen und Handlungen Baruchs de Espinoza Kenntnis hatten und durch verschiedene Mittel und Versprechungen versucht haben, ihn von seinen bösen Wegen abzubringen. Da sie aber keine Besserung erzielten, im Gegenteil von den schrecklichen Ketzereien, die er übte und lehrte, und von den ungeheuerlichen Handlungen, die er beging, täglich neue Kunde erhielten, und da sie dafür viele glaubwürdige Zeugen hatten, die in Gegenwart des genannten Espinoza aussagten, Zeugnis ablegten und ihn überführten, und nachdem dies alles in Gegenwart der Herren Rabbinen untersucht ward, beschlossen sie mit deren Zustimmung, daß der genannte Espinoza verbannt und ausgestoßen werde aus dem Volke Israel, wie sie ihn jetzt mit dem folgenden Bannfluch in Bann tun: Nach dem Beschluß der Engel uno dem Urteile der Heiligen bannen, verwünschen und verfluchen und verstoßen wir Baruch de Espinoza, mit Zustimmung des heiligen Gottes und dieser ganzen heiligen Gemeinde vor den heiligen Büchern des Gesetzes und der darin enthaltenen sechshundertdreizehn Vorschriften, mit dem Bannfluche, womit Josua Jericho fluchte, mit dem Bannfluche, womit Elisa den Knaben fluchte, und mit all den Verwünschungen, die im Gesetz geschrieben stehen. Verflucht sei er am Tage, und verflucht sei er bei Nacht; verflucht sei er, wenn er sich niederlegt, und verflucht sei er, wenn er aufsteht; verflucht sei er bei seinem Ausgang, und verflucht sei er bei seinem Eingang. Möge Gott ihm niemals verzeihen, möge der Zorn und der Grimm Gottes gegen diesen Menschen entbrennen und ihm alle Flüche auferlegen, die im Buche des Gesetzes geschrieben sind, und seinen Namen unter dem Himmel austilgen, und möge Gott ihn zu seinem Unheil ausscheiden von allen Stämmen Israels mit allen Verwünschungen des Himmels, die im Buche des Gesetzes geschrieben sind. Ihr aber, die Ihr dem Herrn, Eurem Gotte, anhanget, Ihr alle seid heute gesegnet. — Wir verordnen, daß niemand mit ihm mündlich oder schriftlich Verkehre, niemand ihm irgend eine Gunst erweise, niemand unter einem Dache mit ihm verweile, niemand auf vier Ellen in seine Nähe komme, niemand eine von ihm verfaßte oder geschriebene Schrift lese. Verbot der Opera Posthuma durch die Staaten von Holland und Westfriesland (1678). Plakat. Die Staaten von Holland und Westfriesland entbieten einen Gruß allen denen, die dieses zu Gesicht bekommen oder vorlesen hören. Wir tun zu wissen, daß ein bestimmtes Buch mit den: Titel B. d. S. Opera Posthuma zu unserer Kenntnis gelangt ist, und daß wir befunden haben, daß dieses Buch sehr viele unheilig!:, lästerliche und gottlose Lehren enthält, wodurch nicht allein der ungelehrte Leser von dem einzigen und wahrhaftigen Wege d)r Seligkeit abgelenkt werden könnte, sondern wodurch auch die Lehre von der Menschwerdung und Auferstehung Christi und ver- 5) Das erste Zitat ist aus dem Briefwechsel, herausg. von Gebhardt, Leipzig 1914, die übrigen sind aus Altkirch, Malodictus und Benedictus, Leipz. 1924.

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