Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 6 (2.1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeind devSsvaeltttttben Gemeinde SranSfurt a.Maw Die Gemeindemitglieder erhalten daS Blatt unentgeltlich. Bezugspreis für NichtMitglieder 40 Pfg. für die Nummer. Zustellung durch die Post. Schriftleitung und Verwaltung: Fahrgasse!4b. ÄmtttGev Slnseksev der Gemekndevevwaltnns 5.Zahrg. Frankfurt a. A!., Februar 192? Rr. 6 Anzeigenpreis für die 6-gespaltene Nonpareillezeile 40 Pfg. Bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigcnverwallung: Gemeindehaus Fahrgasse I4b. Erdgeschoß. Fernsprecher Hansa!527 und 70SS Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. / Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. Aus dem Inhalt. Amtliche Anzeigen.................8eite 6 Aus der Gemeindevertretung............ „ 7 Spinoza...................... 2 May, 5849-1869.................. ., 3 Gregotre und die Frankfurter Luden......... „ 5 Aachrichten aus dem philanthropin.......... » 8 Vereins» und Bersammlungs-Kalender......... „11 Bücherschau.................... ., -12 Der Jude und die Aatur. Von Rabbiner Dr. Jgnaz Maybaum (Bingen a. Rh.) Die herrschenden Ideen des Tages sind wichtige Inhalte der Lebensgestaltung einer Generation, und die Generationen unterscheiden sich darin, was sie gemäß ihrer Entwicklung in den Mittelpunkt des Tages stellen müssen. An diese gerade herrschenden, notwendigen Bedürfnissen entsprechenden und wechselnden Leitideen der Zeit rücken wir die das Judentum ausmachenden Ideen und gewinnen durch den uns bleibenden, innerlich unbeweglichen Standpunkt der religiösen Bestimmtheit die Möglichkeit des freien, besonnenen Wählens. Es ist ein anderes, ob man der herrschenden Gesinnung des Tages überlegt folgt, oder ob man unkritisch in ihrem Bann steht. Der blinde Nachbeter ist allen Nachteilen und Schäden der Einseitigkeit ausgesetzt. So ist das Erleben der Schönheiten der Natur, die Zuwendung zu ihr sowohl durch Sport und Wandern als auch durch die Berufswahl der herrschende Imperativ, den unsere Zeit aufgestellt hat. Die segensreichen Folgen können dem Beobachter jüdischen Lebens nicht entgehen. Er muß voll Dank von einer körperlichen Ertüchtigung der jungen Generation sprechen, muß auch die hoffnungsvolle Auswirkung im Auge behalten, die die neuerwachte Vorliebe für landwirtschaftliche Berufe der sozialen Regeneration der jüdischen Gemeinschaft eröffnet. Und doch sind im Gefolge dieses neuen Naturgefühls Gedanken laut geworden, die die Kritik hervorrufen und die Frage, wie sich die heutige romantische Naturbegeisterung zu den Gedanken des Judentums verhält, wichtig erscheinen lassen. Ist diese Begeisterung im Widerspruch zum Judentum, ist sie ihm ohne weiteres einzuordnen oder nur mit bestimmten Einschränkungen? Die Antwort scheint leicht, wenn man auf Psalmen und Gebete hinweist, die von der Mächtigkeit der Natur sprechen und so Gottes Größe veranschaulichen. „Die Himmel erzählen die.Ehre Gottes". Ist also die Natur mit ihrer Schönheit und ihren erhabenen, bewältigenden Formen ein Tempel Gottes, dann ist die Begeisterung für sie Frömmigkeit und die Hingabe an sie Gottesdienst? Hier nun, wo das wirklich Richtige unversehens in den Irrtum übergeht, wo die Grenzen sich verwischen, gilt es, aufmerksam der Sprache der Religion zu lauschen, ihre leisesten Äußerungen zu beachten, damit Verwechslung und Mißverständnis ausgeschaltet bleibe. Die romantische Naturbegeisterung vergißt, daß wir, w:^ sehr wir die Augen offen haben sollen für die Schönheit der Welt, dem sonnenüberglänzten Außen entgegenhalten müssen das große Reich des seelischen Innen, in dem noch ganz andere Offenbarungen sprechen. Andersartig sind die Reichtümer der Natur, andersartig die Reichtümer der Seele. Und dies zwingt uns die Frage auf: Was steht höher? An dieser Frage können wir nicht vorübergehen, um so weniger, als durch die jüdische Religion eine ganz eindeutige Antwort vorliegt. Unumwunden mag diese Antwort jene markante Stelle aus den Sprüchen der Väter veranschaulichen, die lautet: „Wer auf dem Felde geht und Thora lernt und unterbricht sein Lernen und spricht, wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieses Feld, dem wird es als Sünde angerechnet." Man muß diese Stelle gar nicht als schroffen Ausdruck der Naturfeindschaft ansehen, die ist in ihr nicht enthalten. Nicht das Verweilen in der Schönheit der Natur ist die Sünde, sondern die Ablenkung von der hier gegenübergestellten Welt des Geistes. Bei einer Rangordnung zwischen Natur und Geist ist die Ueberordnung der Natur über den Geist in jüdischem Sinne die Sünde. Die Natur in ihrer Schönheit und Größe ist das Gleichnis Gottes, aber beim Gleichnis selbst stehen bleiben ist Götzendienst. Heute ist dieser moderne Götzendienst der romantischen Naturverklärung mit seinem Pancheistischen Zug wieder lebendig geworden. Hier überall ist Gott, ruft man in Feld und Wald aus jungen Kehlen. Das wäre zunächst nichts, was die Kritik herausforderte, aber es hat den deutlichen Unterton: nu? hier ist Gott. Diese Jugend sucht Gott nicht dort, wo ihn die Väter gesucht und gefunden haben. Nicht in stillen Stuben, in denen über den Geist der Heiligen Schrift gesonnen wird, nicht im Ranm der Synagoge, in die das Sonnenlicht nicht dringt, und wo auch am Tag das Licht, das sonst die Nacht erhellt, herrscht. Die pantheistische Heiligsprechung der Natur ist heute eine ausgesprochene Großstadtfrucht. Der Bauer liebt gewiß die Natur, aber er kämpft mit ihr, seine Arbeit ist kein Spiel, die Früchte fallen ihm nicht in den Schoß, und manchmal bleiben sie ganz aus. Der Bauer liebt die Natur, aber er kennt sie. Die pantheistische Naturbegeisterung wäre ihm unverantwortlich. Der jüdische Dualismus, der die Natur streng von Gott trennt, sie aber dankbar Schöpfung Gottes nennt, ist der nüchternere Standpunkt, aber solcher, den die Wirklichkeit nicht Lügen strafen muß. Der jüdische Standpunkt behält beides im Auge: die alles erhaltende Kraft des Schöpfers, die in der Natur sichtbar wird, und auch das Tote der Natur, wodurch sie sich dem geistigen Prinzip entgegenstellt. Durch das strenge Sich-Besinnen auf den Geist, durch das Sich-Zurückziehen auf das Reich der Seele wird die Natur entgöttert? Diese Tatsache wurde dem Judentum als Vorwurf entgegengehalten. Schon der Grieche erhob ihn in der Vergangenheit. Aber ist das ein Vorwurf? Von außen sieht man nur das Negative des jüdischen, Standpunktes, die Abkehr. Die positive Bereicherung, die aus dieser Abkehr dem Juden erwuchs, blieb dem Griechen, der in die jüdische Kultur nicht eindringen konnte, fremd und unverständlich. Die Entgöttlichung, die Verneinung der Natur, ist der Anfang einer Entwicklung, die den Menschen den sittlichen und religiösen Weg führt. Die Natur als Material der Pflichterfüllung soll als Natur vernichtet und umgewandelt