Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-12-01 · 4 (12.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
4 (12.1926)
Date
1926-12-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094312-3094315--0827-3095536
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

religiöser Erscheinungen nicht nnr gläubige, sondern auch unbchrung? Sollte nicht für den gläubigen Menschen gerade die religiöse Betrachtung historischer Erscheinungen der Rätsel würdige Drama Werfels „Paulus" seinen Stoff schöpft, fallen/hat^es auch Werfe! nicht unterlassen, Gedanken^ von heute Aegypten; schon drohte diese Bewegung auch nach Palästina übernichtet hätte. Dieselben Gefahren Politischer nnd ^religiöser Art sind es, die das erste nachchristliche Jahrhundert verhängnisvoll zige Land hinwegschreiten mutzte.^ Hatt/lÜr Heldenmut der Makkabäer -Wohl den Shreransturm zurückwerfen können, — der nicht geringere ^Heldenmut der Zeitgenossen des Paulus vermochte nicht, römischer Uebermacht und Kriegsge-Wohnheit Stand zu halten. Wie groß muß uns dieser Kampf erscheinen, -wenn wir uns erinnern, daß gerade im Kanipf gegen diesen äußeren Feind das alte jüdische Erbübel, der innere Streit, verderbenbringend ent>K»-^nnt war. Die politischen Gegner im jüdischen Lager zerfleischten einander, die religiösen Parteien waren weniger versöhnlich denn je, und nun tritt das neue Moment hin-zu: die eben entstandene Religion, die für das um seinen Bestand ringende Judentum um so größere Gefahr bot, als auch dieser schwere Kampf sich im Innern des Volkes abspielte. Wie anders wäre vielleicht eine Auseinandersetzung zwischen Paulus und seiner geistigen Heimat ausgefallen, wenn sie nicht gerade in jenen Jahren des Endkampfes gegen Rom, sondern in ruhigen Zeiten Was war die Aufgabe der Makkabäerzeit gewesen? Durch Verteidigung von Land und Volk auch die Religion zu retten, das Eindringen eines Geistes zu verhüten, der später zwar von einem starken, seiner selbst bewußt gewordenen Judentum leicht aufgenommen werden konnte, der aber damals die jüdische Religion von innen heraus unterhöhlt hätte. Was war die Aufgabe zur Zeit des Paulus? Der aktive Widerstand gegen Roms Gewalt war fruchtlos; um so größer war die Gefahr, sich ans den Wegen, die Paulus wies, an die weite Welt zu verlieren, die Eigenart und die Reinheit des Gottesglaubens einzubüßen. War doch in jener des alten Gottesglaubens überdrüssigen Welt die Ahnung vom wahren Gott weithin verbreitet worden; ob die in Kleinasien, Griechenland, Italien lebenden Juden bewußt oder unbewußt Mission trieben, mag dahingestellt bleiben, aber -gewiß ist, daß der jüdische Gottesgedanke vielfach in der von Glaubensvorstellungen übersättigten Welt eine Art von Kristallisierung auslöste. Was hätte in jener Zeit des Aufeinanderprallens von Neuem und Altem näher gelegen, als, wie Paulus es wollte, den Verlust des Tempels durch Gründung einer Kirche wettzumachen, das jüdische Volk abzulösen durch die Menschheit? — Unsere Väter fühlten die Gefahr dieser Lockung. Das Ziel konnte nur erreicht werden durch Aufgabe der Lehre (nicht des „Gesetzes", wie falsche Übersetzung und Auslegung sagt), durch Preisgabe jenes wichtigen Erziehungsmittels der Gebote, durch das Eingehen von Kompromissen. Hatte das Volk seinen Staat verloren, so konnte doch dem Menschen seine Kraft, seine Tat, seine Aktivität erhalten werden in einer Religion, die nicht im Glauben und Wundern, sondern in Geboten und wirkenden Taten das Wesentliche sah. Erlösung, deren letztes Ende im Messiasreich der Zukunft liegen Chanucka ist ein Fest reiner Freude; wir empfinden die bein diesem Kampfe der Geister der Mut und die Treue der Makka- Standhaftigkeit des Gamaliel und seiner Schüler! . Rapoleon und die Juden. Von Dr. Dora Edinger. In der Vorstellung der Juden lebt Napoleon vielfach als der Befreier aus der Bedrückung vieler Jahrhunderte. Mancherlei Anekdoten und Ueberlieferungen, sicher auch Heines Napoleon-Ber- Tat sächlich war das Verhalten Napoleons gegen seine Situation, — die mancherlei Analogien zu heutigen Verhältnissen Zahl italienischer Juden französische Untertanen geworden. fischen und ihre Mitglieder standen als französische Staatsbürger zwischen den schon stark französierten Juden der südlichen Departements und den deutschen und elsässischen Juden. Die deutschen Gemeinden waren die weitaus zahlreich- 62 000 deutsche Juden, die sich sozial und kulturell sehr stark von Diese deutschen Juden, die auf dem linken Rheinufer, in den Vogesen und an der Mosel wohnten, machten der französischen durch Währungsverfall und dauernde wirtschaftliche Unsicherheit war ein sehr großer Teil der ländlichen Bevölkerung in Abhängigkeit von jüdischen Geldgebern gekommen; die Verhältnisse waren z. T. so gespannt, daß auf Veranlassung der im Sinn der Revofranzösischen Beamten — etwa im Departement „Mont Tonnerre" — Napoleon die absolute Gleichstellung aufhob, jüdischen Untertanen zu französischen Staatsbürgern zu machen." Für die Geschicklichkeit der französischen Verwaltung ist es ein glänzender Beweis, daß diese Sonderlution^doch ein^Rückschritt war, mit Hilfe zweier jüdischer Kongresse durchgeführt wurde, die in der Erinnerung der deutschen Juden als ein B e w e i s der Judcnfreundlich k e i t Napoleons fortleben! Die Tatsache, daß überhaupt eine Notabelnversammlung den durchaus mittelalterlichen Verhältnissen, unter denen die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.