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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-12-01 · 4 (12.1926) · page 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
4 (12.1926)
Date
1926-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Association irgend einer Kollektiv-Vorstellung eine durchaus willkürliche Reihe ergibt, eines erst das andere in der Phantasie anruft, wie die Evokation einer Sammelerinnerung in ihren Bestandteilen durcheinander gewürfelt aufsteigt und nicht in organischem Ablauf, so ist hier eine zerstreute Auslese über den Leuchter gebreitet, durch das Geäst zugleich angenähert und getrennt, einzig durch den milden Schein der Kerzen hinter einem gemeinsamen durchsichtigen und zitternden Schleier wieder verbunden. Unbestimmt leben sie da — der schwankenden Vorstellung ähnlich, die wir selbst von ihrem längst vergangenen Leben nur ahnungsvoll haben. Einzig einem leicht herrschenden Gesetz sind -sie unterworfen worden, dem der Symmetrie, die in das Wirrsal ein wenig Haltung bringen soll, wie ja kein Gebilde der Welb ohne irgend eine, wenn auch nicht immer sogleich erkennbare Ordnung ist und vor allem kein Kunstwerk darauf verzichten kann. Hier nun wird sie anerkannt durch die Parallelität der Erscheinung rechts und links, sei es, daß die Paare einen gleichen Stoff als Kontrast darstellen, sei es, daß die Gestalten sich ergänzen, etwa als Anfang und Ende, als Gedanke und Tat, als Gut und Böse oder als zwei Formen derselben Sache. Das Gegenüber so zusammenzustellen, ging nicht immer ohne angreifbare Vergewaltigung der allgemein vorgefaßten Vorstellungsbilder. Hierzu half aber wiederum, wenn eine Gestalt nicht ganz einheitlich und eindeutig in der Geschichte steht, die Reichhaltigkeit ihrer Züge, von denen man sich ja nur denjengen herauszuziehen brauchte, der, ohne in der Gestalt nebensächlich zu sein, dem Gegenstück entsprach und dem Gesamtbilde diente. Wie prismatisch sind da manche Erscheinungen, bei denen Fabulierkunst und dogmatisches Bedürfnis hier das Bild noch vereinfachte, dort verdoppelte. Kein Ruhen gibt es da bei historischer Betrachtung in der Erscheinungen Flucht. Ist nicht die Fülle der geschichtlichen Gestalten, die tauchen und verblassen, jetzt in bestimmten Umrissen erscheinen, um sogleich wieder zu zerfließen, die keine Raumordnung und keine Zeitfolge anerkennen, ist dies alles nicht einem fliehenden Traume selber gleich? Und ist nicht die feste Form einer bronzenen Figur, plötzlich durch flackernde Lichtreflexe unvorhergesehen aufgelöst in Höhen und Tiefen, in Glanz und Dunkel Abbild vermeintlicher historischer Exaktheit, die gleichfalls von wechselnden Lichtern und Schatten bestimmt wird, wenn die Seele des Betrachters ihr eigenes zitterndes Licht entzündet? nicht^mehr dem Gewinde verbunden, sagenhast über allem sie für sich allein. Die Mitte, das Herz des Ganzen aber, beherrschend im Schnittpunkt allen Geschehens, steht Moses da, die Tafeln enthüllend, in doppelter Größe aller übrigen. Um ihn her die Gewaltigen, Jeremia, tief in seherisches Leid versunken, Jesaia, aus schmerzlicher Gegenwart sich zur Höhe von Gottes Frieden aufreckend. Unter ihnen steht Samuel, fanatischer Agitator der Tat, während sein Gegenüber Elia in der Mystik des erwarteten Wunders befangen, ist. Nun weitet sich der Kreis Esra und Nehmi'a sieht man, die Wiederaufbauer, jenen der Lehre, diesen der Mauern, dann die beiden mit dem Tier verknüpften Märchengestalten, Jonas entsteigt dem Fisch und Daniel besänftigt den Löwen. Wie weit ließe sich aus all diesen Paaren der Faden der Erzählung, der Allegorie, aber auch der menschlichen Gegensätze und ihrer Erlösungen spinnen! Hier sind sie nur gezeigt, andere mögen sie umdichten. Ruth, die liebliche, bescheidene und die tief ins Gebet versunkene Hanna h suchen die jüdische Frau in ihren schönsten Gestalten darzustellen. Und die jugendlichen Erretter Israels, hier durch Treue, dort durch Tapferkeit, zeigen sich uns in E st her und David mit dem Haupt des Riesen. Soldaten treten auf, Iosua mit der mächtigen Führersuggestion und Judas Makkabi als der'wilde, sich selbst einsetzende Stürmer. Sinnvolle Keuschheit im Knaben Joseph bei Potiphars Weib wird ergänzt durch die züchtige Rebekka vor Elies er. Und damit auch der entfesselte Eros nicht fehle, zeigt je eine Szene das Glück und das Unglück, das ihm für unser Volk entsprang: Judith schlägt den Feind den Simson seiner^Kraft beraubt. Noch^swd dem Bilde sich^elbst wieder rückgewandelt in Reich und Arm, Hiob und Salomo. Zum wahnverirrten Saul fehlt noch das Gegenstück, vielleicht ein gleichermaßen Verfolgter wie Kain. Oder ein Ekstatiker in der Klarheit des Glaubens wie Deborah. Schon aus dieser Möglichkeit ersieht man, wie blühend der Garteu ist, aus dem der Strauß gepflückt werden kann, der bunt und duftend den Hauch unserer Geschichte ausströmen soll, wenn in der Stille des Hauses, in der feiertäglichen Ruhe des Sabbats oder des Channukkafestes zwischen den leuchtenden Kerzen die Gestalten leise auftauchen werden. Noch fehlen in der Aufzählung die sagenhaften Urväter, vom geruhsam hingelagerten Patriarchen Abraham über den säenden Isaak zum weit ausschreitenden Wanderer Jakob, der den Blick in die groß und reich entfaltete Zukunft schweifen läßt. Nun kann man bei der Betrachtung mancher Einzelfigur leicht fragen, warum sie gerade in diesem Augenblick oder mit jenem Zug ihres Wesens dargestellt sei, wo ein anderer vielleicht gewichtiger und bedeutungsvoller sowohl im Leben des einzelnen wie des ganzen Volkes gewesen sei, z. B. bei David nicht sein Königtum oder sein Dichten, sondern die Szene mit Goliaths Oder bei Joseph nicht die Tiefe seiner Glanz seiner Stellung, warum nur die der Verführung. Warum Elia in der Erwartung des Wunders und nicht in der Wildheit bei den Baalspriestern oder in der Verzweiflung seiner Weltflucht. Warum nicht dieser so und jener nicht so. Darauf kann nur gesagt werden, daß die Vielseitigkeit und die Farbigkeit mancher Gestalten in Israel so groß ist, daß man mit irgend einem, um nur David zu nennen, einen ganzen Leuchter allein beleben könnte, wie ich es ja mit den Brüdern Makkabis schon unternommen habe und mit anderen Gestalten unserer Geschichte weiter zu tun gedenke. Schon hghe. ich außer dem Davidsleuchter den Jakobsleuchter entworfen und die Purimgeschichte ist skizziert. Heute jedoch liegt nur das Problem als ein Ueberblick da, das durch die Fülle ein Willkürliches bleiben muß. einzig gebunden durch den Gesamteindruck. Um ihn aber zu gewinnen, mußte man die Gestalten und Tugenden nehmen, wo man sie fand. So sind es nun zweiunddreißig Mitglieder^ einer Familie das Channukkalicht an ihm entzünden wollte. Sollen es aber nur die traditionellen acht Kerzen an einem Stamm sein, so ist hierfür Vorkehrung durch besondere Betonung dieser acht getroffen. Möchte man ihn aber zur Sabbat- und Festtagsweihe entzünden, so mag sein ganzes vielfältiges Licht erstrahlen. Er soll erzählen von unseren tapferen Helden und edlen Frauen, unseren prophetischen Sehern und entrückten Dichtern, unseren Vorkämpfern und Gesetzgebern, unseren Siegen und Niederlagen, unseren Jubeltagen und bitteren Vernichtungsjahren, unseren irdischen Sorgen und himmlichen Freuden. Er möge das Märchen, die Vision von der Geschichte Israels erzählen, des Volkes, dem wir heute noch angehören, stolz aus die Selbstverantwortung, die stets auf uns lag als kostbarstes Erziehungsgut aus grauer Vorzeit, erkannt und unverloren bewahrt durch alle Jahrtausende. Einzig dem Geiste in uns selbst zugewandt, isolierte er uns großartig von allen Völkern der Erde — bis auf den heutigen Tag. Dieses Licht leuchte auch aus dem Leuchter, der schwaches Abbild und Erinnerung an körperliche Gestalten ist, deren verklärtes Wesen auf uns ruhen möge und uns den Sinn der Flamme, des Lichtes, der Leuchte neu und lebendig machen foll. Paulus unter den Juden. Eine Chanucka-Betrachtung. Von Rabbiner vr. Baerwald-Miinchen. Die jüdische Geschichte ist gewiß nicht arm cm Momenten, die bedeutend, ja geradezu entscheidend sind. Wie oft hing die Existenz unserer Gemeinschaft nur noch an schwachen Fäden, wie oft erschien erst im letzten Augenblick die Rettung. Vom Auszug aus Aegypten angefangen, der darum über den geschichtl-ichen Charakter hinaus zum Symbol der „ewigen Erlösung" ward, kann man fast Jahrhundert um Jahrhundert solche kritischsn Zeiten finden. — „Geschichte und Religion", sagt Werfet in seinem „Argument" zum Paulus, „sind unversöhnliche Gegensätze; denn Geschichte rationalisiert den Augenblick des göttlichen Wunders, steter^Wiederholung? Mag sein, daß „die historische Betrachtung

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