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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-12-01 · 4 (12.1926) · page 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
4 (12.1926)
Date
1926-12-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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übrigen deutschen Juden noch lebten, ein so gewaltiges Ereignis, daß z. B. die Frankfurter Gemeinde der in Mainz eine Unterstützung anbot, damit auch sie einen Vertreter nach Paris entsenden könne! Die Beschickung dieser Versammlung bedeutete nämlich für die Gemeinden ein schweres Geldopfer. Es ist nun sehr interessant zu sehen, wie die Vertreter auf Veranlassung der französischen Regierung verteilt wurden, wlnn man das oben erwähnte zahlenmäßige Verhältnis der deutsch und der französisch, bezw. italienisch -sprechenden Gemeinden vergleicht. Es wurden von den südlichen Gemeinden auf 1000 Mitglieder je 2, von den nördlichen nur 1 Vertreter zu der sogenannten ^Zsewbles Avnerals, die Ende Juli 1806 in Paris zusammentrat, entsandt; die Einberufung wurde im Augenblick des Kriegsbeginns gegen Preußen und Rußland sehr geschickt benutzt, um sich die Sympathien der in Polen für alle Manöver der französischen Armeen wichtigen Juden zu gewinnen. In der „^ssemblss Asnei-alo" wurde bewußt von der Regierung die Partei der portugiesischen Juden unterstützt, die — trotz ihrer absoluten und relativen Minderzahl — die drei Vorsitzenden stellte; ihr Führer war der Kaufmann Abraham Furtado ^) aus Bordeaux, „der die Bibel nur aus seinem Voltaire kannte". Und das Ergebnis der Verhandlung entsprach durchaus seinem Politischen Willen! Doch fehlte dieser zum größten Teil aus „Laien" zusammengesetzten Versammlung die nötige geistige Autorität, so daß Napoleon die Zusammenberufung eines „großen Synhedrions" am Schluß der Verhandlungen verkündigen ließ; zu dessen Borbereitung wurde aus der Versammlung eine neunköpfige Kommission gewählt, der je drei italienische, portugiesische und deutsche Mitglieder angehörten. Das „Große Synhedrion", das im Februar 1807 zusammentrat, bestand offiziell aus den Vertretern aller europäischen Juden; praktisch nahmen nur Untertanen Napoleons an der großen Versammlung teil. Den Vorsitz führte David Sintzheim, der Rabbiner von Straßburg; die beiden andern Vorsitzenden waren die Rabbiner von Mantua und Vercelli. Von Posen aus hatte Napoleon seinen Stellvertreter Minister Champagny beauftragt, „alles Intolerante aus den mosaischen Gesetzen zu entfernen und nur das Religiöse zu erhalten, was sich mit der Moral und den Rechten eines französischen Staatsbürgers vertrüge." Aber der Hauptzweck war: den Wucher zu verbieten; alle übrigen Wünsche zielten aus eine Assimilation der Juden durch die Unterordnung unter die französischen Gesetze, den Militärdienst und die Möglichkeit, öffentliche Aemter zu bekleiden. Widerstände von seilen der Rabbiner hosfte man auf eine sehr einfache Art zu überwinden: die Verhandlungen sollten so in die Länge gezogen werden, daß nur dre reichen Kaufleute in der Lage waren, solange in Paris zu bleiben; mit denen glaubte man dann schon zu einer Verständigung zu kommen. Tatsächlich war dies Manöver gar nicht nötig, weil die Verhandlungen ganz im Sinn der Regierung liefen und schon nach einem Monat beendet waren. Die regierungstreuen Mitglieder der „^ssemdlso AsvöraZs" deckten dann die Ausnahmedekrete Napoleons gegen die Juden der östlichen Gemeinden: in seiner Schlußansprache riet Furtado den Juden, „die nun nicht mehr eine Nation innerhalb der Nation bildeten", sich hauptsächlich dem Ackerbau zuzuwenden, um sich so zu „regenerieren" und den französischen Bürgern anzugleichen, deren Rechte und Pflichten ihnen das Gesetz gegeben habe. Dieser „Regeneration" und „Ungleichung" sollten die beiden Edikte dienen, mit denen Napoleon die bürgerlichen und religiösen Verhältnisse seiner jüdischen Untertanen neu regelte. Möglicherweise hängt die — provisorische — Aufhebung der in der Revolution den Juden gegebenen Gleichstellung mit den Ersahrungen zusammen, die Napoleon aus seinem polnischen Feldzug mit dortigen Juden gemacht hatte; .andererseits war die Lage in den östlichen Departements so bedenklich, daß sie allein schon eine Neuordnung der wirtschaftlichen Befugnisse der Juden erforderte. Die Juden brauchten von nun an, um zum Handel zugelassen zu werden, eine jährlich zu erneuernde Genehmigung; serner wurden alle Juden der Konskription unterworfen mit dem ausdrücklichen Verbot, Ersatzmänner zu stellen. Zur Kontrolle dieser beiden wesentlichsten Bestimmungen wurden die Juden zur Annahme fester Familiennamen gezwungen, auch 5) Der Bericht des Maire von Mainz hierüber ist zitiert in dem eben erschienenen großen Werk „Die Franzosenherrschaft in der Pfalz" von Dr. Mar Springer (Deutsche Berlagsanstalt, Stuttgart). **) Vgl. S. Jahrgang des Gemeindeblatts Nr. 1/2, S. 5k. Wurde die Grenze gegen die Zuwanderung aus dem Osten gesperrt, die seit der Revolution, sehr angewachsen war. Diesen reaktionären Bestimmungen standen als Ausgleich die gegenüber, die in der Organisation des staatlich anerkannten Kultes den Wünschen des „Großen Synhedrions" folgten. Dieses Dekret ließ eine Menge Ausnahmebestimmungen zu, die ganz im Sinne des Erlassers auch angewandt wurden; tatsächlich galt es nur für die deutschen Juden (also etwa vier Fünftel aller jüdischen Untertanen), die Erleichterungen für die südfranzösischen, italienischen und Pariser Juden. Im Zentralkonsistorium saßen — dieser schmiegsamen und dehnbaren Politik entsprechend — außer den drei Rabbinern, die sich als Vorsitzende des Synhedrions als gefügig und regierungstreu bewiesen hatten, zwei Vertreter der Pariser Gemeinde — um den Mitgliedern auswärtiger Gemeinden nicht die Kosten eines Ausenthaltes in Paris aufzuerlegen (!). Uebersehen wir im Zusammenhang Napoleons Judenpolitik, so müssen wir zugeben, daß er in so meisterhafter Weise verstanden hat, die Wünsche der assimilierten französischen und italienischen Juden zur Begründung der — durch die wirtschaftliche Abhängigkeit der Bevölkerung der neuerworbenen östlichen Gebiete von jüdischen Gläubigern bedingten — reaktionären Erlasse zu verwenden, daß er in der öffentlichen Meinung der Juden als ihr großer Wohltäter auf dem Wege zur Aufwärtsentwicklung und „Regeneration" fortlebt. Vom Seichsverband der deutschen Zuden Am Sonntag, den 24. Oktober ds. Js., fand eine Versammlung der Vertreter der deutschen Landesverbände jüdischer Gemeinden statt, die dem Entwurf der Verfassung für den Reichsverband der deutschen Juden seine endgültige Formulierung geben sollten. Den Vorsitz führte Herr Kammergerichtsrat Wolff, die Berichterstattung hatte wie bisher Herr Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer übernommen. Vom Preußischen Landesverband waren die Herren Justizrat Lilienthal, R.-A. Dr. Klee, Galewski, R a b b. Dr. Selig mann erschienen, vom Allgem. Deutschen Rabbinerverband Dr. Blumenthal. Bayern war vertreten durch Herrn J.-N. Dr. Hommel, Schweinfurt. Als beratende Mitglieder des Bahr. Landesverbandes sah man die Herren Rabb. Dr. Freudenthal, Nürnberg, Kömmerzienrat Joseph-Landau, Rabbiner Dr. Stein-Schweinfurt, Dr. E. Strauß-München, als Abgesandten des Württembergischen Verbandes Reg.-Rat Dr. Nördlinger-Stuttgart. Baden hatte die Herren R.-A. Dr. Kaufmann-Heidelberg, Dr. Psälzer-Weinheim und Pros. Dr. N. Stein- Karlsruhe entsandt; vom Sachs. Landesverband waren die Herren R.-A. Salinger-Dresden und Karl Goldschmidt anwesend, vom Hessischen Kz. R. Meyer-Mainz, vom Anhaltischen Verband Staatsrat Dr. Cohn-Dessau, von Hamburg R.-A. David, Dr. N. M. Nathan, von Bremen Max Markreich, von Oldenburg Rabbiner Dr. de Haas, von Lübeck R.-A. Dr. Rubensohn-Rostock (auch Abgesandter von Mecklenburg-Schwerin), von Braunschweig Dr. Regenburger. Vertreter der Achduth waren die Herren Rabb. Dr. H o r o v i tz - Fr a n k f ur t a. M., Dr. Unna-Mannheim. Die Beratungen zogen sich wiederum von vormittags um 10 Uhr bis in die späten Abendstunden hin. In den Erörterungen wurden alle Anschauungen der verschiedenen Richtungen vertreten; im Interesse des Zustandekommens des großen Werkes hat jede von ihnen einen Teil ihrer Wünsche zurückgestellt. So ist es gelungen, einen Entwurf der Verfassung zustande zu bringen, der allen berechtigten Ansprüchen genügen dürfte und eine geeignete Grundlage für eine Gesamtvertretung der deutschen Juden schafft. Der Entwurf wird nunmehr an die verschiedenen Landesverbände zur Stellungnahme weitergeleitet. Vom preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden In der Sitzung des Engeren Rates, die am 16. Okto - b er ds. Js. stattfand, wurde Herr Justizrat Lilienthal zum Vorsitzenden des Liberalen Unterrichtsausschusses gewählt. Ferner wurde beschlossen, dem Marannen-Komitee in London einmalig für das Jahr 1926 einen Betrag von Mk. 1000.— zu bewilligen. — Das Marannen-Komitee hat >es sich, wie aus Zeitungsnachrichten bekannt sein dürste, zur Aufgabe gemacht, die in einigen Städten Nord-Portugals lebenden geheimen Juden, Abkömmlinge der im Mittelalter zwangsweise zum Katholizismus bekehrten Israeliten, zur jüdischen Religion zurückzuführen.

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