Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 3 (10.1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Jahr gemalt —, zeugend von unverminderter Vitalität und seelisch vertiefter Schaffenskraft. Wir sprechen von diesen Bildern, und ich frage ihn, ob er auch hier draußen in Wannsee male. „Ick muß arbeiten!" sagt er kurz und öffnet die' Tür zum Garten am See. Ein erquickender Anblick! Ueber den frischgrünen Rasen und die Blumenbeete gehen die Augen hinaus auf den hellblauen See mit den zahllosen, weißschimmernden Segelbooten. Es ist, «als hätte sich hier draußen die Natur, der junge Frühling, zu festlichem Einpfang für den 'bejahrten Meister gerüstet, um ihm ewige Jugendzu schenken. Und er deutet auf die Staffelei und auf das Malzeug in der schattigen Seitenallee — bis über die Mittagsstunde hinaus hatte er dort gemalt. „Ich muß arbeiten", wiederholt er noch einmal, als spräche er's für sich. Und dann erzählt er kurz von den Seinen, von den beiden Brüdern, die er im letzten Jahre verloren — „das geht einem nach", und ein leises Zittern scheint den starken Körper zu bewegen, als ginge ein Windhauch durch einen Eichenbaum. „Wenn ich arbeite, denke ich nicht daran." Da enthüllt sich mir in einem flüchtigen Moment die Erschütterung einer großen Menschenseele und offenbart sich zugleich die tiefere Ursache für die tragische Größe der letzten Bildnisse. Einen Moment nur! Dann strafft sich wieder der Körper und ist zu neuem Schaffen bereit. Ein unbesiegbarer Optimismus, quellend aus starkem Lebenswillen und froher Schaffenskraft. Er geleitet mich zurück durch die Zimmer, noch einmal grüßen von den Wänden die Bilder und Zeichnungen seiner „künstlerischen Vorfahren". Dann führt er mich bis an den Ausgang zum Vorgarten, nicht wie ein Fürst — dem er in Haltung und Aussehen gleicht —, sondern wie ein Mensch. Was er von Josef Israels einmal gesagt hat, gilt auch von ihm: „Mensch-sein, genügt ihm". 5eo Tolstoi über den Antisemitismus. In Leo Tolstojs beweglicher Seele nahmen die Lebensdinge zu verschiedenen Zeiten seines Daseins wechselnde Formen und Beleuchtungen an. Aber immer strebte er, wenn auch häufig strauchelnd, dem Göttlichen zu, das in Hinsicht auf das Irdische das Reinmenschliche ist; die Richtung wechselte nicht, nur der Schritt und die ihn tragende Kraft waren ungleich. So mag es sein, daß in früheren Lebensperioden seine Stellung zum Problem der Juden eine andere war, als in der, da die folgenden Aeußerungen von ihm aufgeschrieben wurden. Sie stammen aus dem Buche „Gespräche mit Tolstoj" von I. Teneromo, Berlin 1911. Wenn das bekannte Wort Karl Emil Franzos' zutrifft: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient", so verdiente das zaristische Rußland mit seinen Judenpogroms und sonstigen unmenschlichen Maßnahmen gegen seine zahlreiche und zum größten Teil hochbegabte jüdische Bevölkerung das minderwertigste Judenmaterial. Ueberwiegend diente die Bedrückung der Juden zur Befriedigung der Lohnansprüche der niedrigen russischen Polizeiorgane, weil das ihnen zukommende Honorar durchweg bei der höheren Beamtenschaft, durch deren Hände es ging, hängen blieb. Plötzliche unbegründete Willkürlichkeiten — so sah ich 1909 die unverschuldete Ausweisung einer unvermögenden erholungsbedürftigen Jüdin aus einem Strandbadeorte bei Riga mit an, für die dann bei der vermögenderen Judenschaft zugunsten der Polizei gesammelt wurde — und auch die Judenpogroms wurden inszeniert, um der unbezahlten Polizeimannschaft Geld zuzuführen, nicht nur, um sie zu ernähren, sondern auch um ihre Regierungstreue zu sichern: zur Verhinderung ihres Anschlusses an die zahlreichen unzufriedenen Elemente. Gerechtigkeit war für den Huden, besonders für den armen, noch weniger zu erlangen, als für den russischen Bauern, der das resignierte Wort Prägte: „Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit." Tolstojs Gerechtigkeitsgefühl und menschliches Mitleid konnte den Greueln, durch die die Raubgier und Bestialität der Massen immer mehr aufgepeitscht wurden, nicht ohne Anteilnahme zuschauen. Seine Entrüstung machte sich in Gesprächen, durch Teneromo aufgezeichnet, folgendermaßen Luft: „. . . Und wem kann im Grunde genommen daraus Uebles entstehen, wer könnte darunter leiden, wenn sich die Juden in den Dörfern niederlassen und die reine Arbeit des Lebens anfangen würden, nach der sich sicherlich dieses kluge und herrliche Volk, dieser große Dulder und Märtyrer für die Wahrheit, müde gesehnt hat! Ja, Märtyrer für den Glauben, jawohl, für den Glauben, und nur für ihn. Mögen sie es nur nicht verheimlichen, diese Scheinheiligen unserer Zeit von der Art dieses Journalisten,*) der hierhergekommen ist, — mögen sie nur die Verfolgung der Juden nicht hinter den farbigen Fetzen ihrer stinkenden Lügen und aufgebauschten Schreckbilder Verstecken. Man verfolgt die Juden nur für den Glauben. Denn, würde sich ein Jude dazu verstehen, nur drei Finger zusammenzulegen (L. N. machte das bekannte Zeichen des griechischen Kreuzes), so bekämen sie alle Rechte, darunter auch das, sich auf dem Lande niederzulassen und arbeiten zu dürfen. (. . .) Und so lange es so bleiben wird, wird der schwarze Fleck der religiösen Verfolgung nicht ausgemerzt werden, mit dem sich die Menschen, die sich schamlos Christen nennen, beschmutzen. Religiöse Verfolgung —? Gab es jemals etwas, das mehr die Religion verspottete, als dieser in seinem tiefsten Grunde widerspruchsvolle Ausdruck? Die Religion schließt jeden Haß und jede Verfolgung aus, weil die erste Bewegung der Seele des Menschen, in dem das religiöse Gefühl erwacht ist, das Bewußtsein einer hohen Macht über sich ist, die ihn zum Leben berief und einem Jeden Wohlergehen wünscht. Wie könnte also diese religiöse Seele in sich Haß nähren und diese Verfolgung heraufbeschwören! Das bedeutet ja so viel, als gerade das Gegenteil von dem zu tun, was Gott will. Es ist doch klar, daß dies nicht sein kann, und daß die Menschen, die das tun, für den Glauben noch tot, noch nicht geboren sind.--Nein! Aus ganzer Seele möchte ich den Menschen sagen, wenn sie die Judenfrage aufwerfen, daß sie eine große Sünde begehen. (...) In einem Völkerzwist, besonders einem abhängigen Volke gegenüber, muß man selbstverständlich jedes bedrückende Ausnahmegesetz aufheben. Dies muß der Anfang sein . . .! . . . Wir haben ja unser Leben so eingerichtet, wie wenn über alles das Geistige herrschte. Die Menschen verneigen sich vor der „Idee", sie küssen ihre Symbole und Bildsäulen; mit Beharrlichkeit und Stolz, manchmal sogar mit Kanonen und Maschinengewehren, erklären wir der Welt, daß wir Christen seien und ihn, den Barmherzigen, lieben. Tatsächlich aber herrscht in unseren Familien, in unseren Schulen, in den Staaten die Verwesung des finsteren Heidentums und der Gestank der abgestandenen Anschauungen. Mord, Verfolgung, Kerker, Hinrichtung — es ächzt und stöhnt das Leben davon. Der Himmel erzittert von den Wehklagen der leidenden Menschen. Und sie nehmen das Maul voll, daß sie Christen seien. Sie sind es, die dies ganze Gift des Heidentums schaffen, sie sind es, die das Heiligste, was das Christentum enthält, ersticken und mit Füßen treten! Darin eben besteht die Tragödie unseres Lebens. . . . Man sage mir nicht, die Juden seien so, daß ihr Leben, ihr Glaube, ihre Handlungen das Gefühl des Antisemitismus hervorrufen — nein, der reine Antisemitismus untersucht nicht die Schuld und kümmert sich auch nicht um sie. Er ist einfach ein Laster, eine Böswilligkeit. Sehr aufrichtig hat schon König Adrian (?) sich darüber ausgesprochen. Eines Tages begegnete ihm ein Jude und grüßte ihn. „Wer bist du?" fragte der König, „ein Jude?" — „Jawohl, ein Jude." — „Und du wagst es, mich zu grüßen, als ob ich ein Bekannter von dir wäre? Man enthaupte ihn!" — Ein anderes Mal ging ein zweiter Jude, der von diesem Vorfall Kenntnis hatte, an Adrian vorbei und traute sich nicht, ihn zu grüßen. „Wer bist du?" hielt Adrian ihn auf. — „Ein Jude." — „Ein Jude?! Und du unterstehst dich, an mir vorüberzugehen, ohne mich zu grüßen? Man enthaupte ihn!" — Man befolgte seinen Befehl. — Als die Nächsten des Königs ihre Verwunderung in Andeutungen ausdrückten, erklärte ihnen Adrian: „Ich verachte sie und benutze jede Gelegenheit, sie zu vernichten." — Und so sind alle Antisemiten. Was ist das? In welch einen bodenlosen Abgrund ziehen uns diese verrückten, von einem trüben Laster besessenen Leute, und welche Zersetzung bereiten sie dem Lande, wenn dieser Wahnsinn sich ausbreitet und weitere Kreise ergreift! Nicht Naturereignisse und auch nicht feindliche Heere vernichten Völker und Länder, sondern der Zerfall der inneren Kräfte und die Trübung der seelischen Reinheit, die Verbreitung von Lastern, Bosheit und Ausschweifung, vereint mit dem Wunsche, andere Nationen zu unterdrücken — dies vernichtet Nationen, Länder und Staaten." Mitgeteilt von 1^. N.-N. *) Offenbar jener französische Juden- und Deutschenfeind und Kriegshetzer, von dem auch in Tolstojs Broschüre „Christentum und Patriotismus" die Rede ist.