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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-10-01 · 3 (10.1926) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
3 (10.1926)
Date
1926-10-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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einem Guß." So wird dieser starke, zielbewußte, schöpferische, moderne Frankfurter Oberbürgermeister für die Nachwelt weiterleben. Oder man lese den Aufsatz über Hugo von Tschudi: Ein unvergleichlich meisterhaft geschriebenes Porträt! Ich stehe nicht an, es geradezu als klassisch zu bezeichnen. Gehalt und Gestalt sind eins, sind vollendet. Da stehen Sätze, die wie gemeißelt sind, Worte, die mit plastischer Kraft das Wesen dieses Schöpfers moderner Museen nachgeschaffen haben. So formt Liebermann nun auch im Gespräch momentan, so modelliert er förmlich mit wenigen Ausdrücken Charaktere. Ueber Maler und Schriftsteller, über ihre Werke sprechen wir, und immer ist sein Urteil treffend, unfehlbar und — unbestechlich. Dabei ist der Charakter der Persönlichkeit für seine Beurteilung mitentscheidend. „Er ist auch ein hochanständiger Mensch", sagt er mit besonderer Betonung von einem Kollegen, den er auch als Künstler hochschätzt. „Det is heut was wert!" fügt er hinzu. „Wissen Sie, es jibt ja so unglaublich viel —." Es folgt ein kräftiges Wort, und er verzieht das Gesicht zur Grimasse und schüttelt den starken Körper wie in heftiger Abwehr. Er macht kein Hehl aus seinen Sympathien und Antipathien. Auch nicht in politischer Beziehung. Sehr deutlich hat er sich darüber schon vor Jahren geäußert, indem er eine kurze Selbstbiographie also einleitete: „Da ich 1847 geboren wurde, ist es nicht zu verwundern, daß meine politischen und sozialen Ansichten die eines Achtundvierzigers waren und geblieben sind." Und dieser „Achtundvierziger" — jahrzehntelang verlästert — ist nun Präsident der Preußischen Akademie der Künste; gerade tags zuvor war er trotz seines Sträubens — wie er erzählt — zu dieser höchsten Würde von der Künstlerschaft wieder berufen worden. Mit unverminderter Kraft und diplomatischem Geschick leistet er die Arbeit, die gerade dieses verantwortungsvolle Amt verlangt; die Sitzungen leitet er — Käthe Kollwitz sagt mir dies — mit einer solchen Frische und in so geistvoller Art, daß es ein Genuß sei, ihnen beizuwohnen. Und die letzte Frühjahrsausstellung der Akademie hat er im wesentlichen selbst organisiert, besonders die kleine historische Ausstellung älterer Meister des 19. Jahrhunderts hat er zusammengebracht. Jedes dieser Meisterwerke — 36 an der Zahl — ist durch seine Hand gegangen, ist durch ihn besorgt worden aus privaten Sammlungen, aus öffentlichen Museen des In- und Auslandes; mit stolzer Freude spricht er davon, daß nur durch seine weitverzweigten persönlichen Beziehungen es möglich war, diese Bilder von Cszanne, Courbet, Degas, Manet, Menzel, Leibi, Trübner u. a. aus den Museen von Wien, München, Karlsruhe, Dresden, Hamburg, Essen und von Stockholm zu erhalten. Ist er doch u. a. auch Mitglied der Schwedischen Akademie der Künste. Daß er diese Sammlung älterer Meisterwerke der Ausstellung moderner Gemälde einfügt, ist bezeichnend für seine künstlerische Einstellung. Er sühlt sich nicht und hat sich nie gefühlt als ein Revolutionär, der alles frühere verurteilt und stürzt, sondern im Gegenteil, er fühlt sich und seine Kunst aufs engste verknüpft mit der Tradition. Und in der Tat ist seine Kunst organisch aus der Kunst der älteren Meister herausgewachsen, aus der preußischberlinischen Kunst eines Franz Krüger und eines Adolf Menzel, aus der französischen eines Millet, eines Courbet, eines Manet und anderer Impressionisten, aus der holländischen eines Frans Hals und eines Josef Israels. Nur ahmt er sie nicht nach, sondern er wird das für sei ne Zeit und sein Land, was jene für ihre Zeit und ihr Land gewesen. Wie sehr er aber mit jenen sich innerlich verbunden fühlt, davon zeugen all die zahlreichen Blätter und Bilder, die auch hier draußen in Wunnsee die Wände seiner sommerlichen Wohnräume schmücken. Er steht auf und zeigt mir Stück für Stück, einen Prachtvollen Cszanne, eine Landschaft in den feinsten Nuancen des Grün, das wie Perlmuttsarben schillert, ein stattliches Reiterbildnis von Manet, Wohl eines seiner größten Gemälde, und dann kleinere Bilder und Zeichnungen von Daumier, Degas, Toulouse- Lautrec, eine besonders große Zahl von KrügerA und Menzels Zeichnungen und Aquarellen, und als Höchstes zwei Handzeichnungen von Rembrandt, sorgfältigst vor direktem Licht geschützi. Und für jedes Bild, für jedes Blatt hat er ein schönes Wort, einen bewundernden Blick, ein respektvolles Neigen des Kopfes — es ist, als streichelte er still diese Blätter in Liebe. Man spürt, nicht historisches Interesse hat hier zum Sammeln gedrängt, sondern die Liebe zu dieser Kunst, das Verstehen seiner künstlerischen Vorsahren, denen'er sich verpflichtet und verbunden fühlt. Doch Liebermanns Geist ist darum keineswegs retrospektiv gerichtet. Er kennt den Eigenwert unserer Epoche, deren künst- 3 . lerischer Interpret er ist. Er ist durchaus nicht der Meinung, daß unsere Zeit gegenüber früheren Epochen kulturlos sei, wie gemeinhin behauptet wird, und wenn etwa ein Schriftsteller diese unsere moderne Kultur nicht so vollendet darzustellen vermag wie eine vergangene, so beweist das nur, daß er eben der weitaus schwierigeren Aufgabe nicht gewachsen ist, eine derartig komplizierte Kultur von so viel reicherer Mannigfaltigkeit künstlerisch zu gestalten. Das ist nicht etwa nur eine Ansicht, ad boe zurechtgemacht, auf einen bestimmten Fall zugeschnitten, sondern ist vielmehr innerste Ueberzeugung. Die Art, wie er dies ausspricht, wie er aus der hohen, gespannten Stirn solche Gedanken mit sensiblen Fingerspitzen förmlich herausreibt, läßt darüber keinen Zweifel. Und es muß seine Ueberzeugung sein! Ist er doch selber Repräsentant dieser Kultur, die bei ihm organisch gewachsen ist, wie nur selten bei einem Menschen. Mehrere Kulturen sind bei ihm zusammengeschmolzen: die alte geistige, seelentiefe des Judentums, die aufstrebend-rührige, Auge und Hand nutzende des Berlinertums, die organisierende, strenge, zielbewußte des Preußentums, und ihre Verschmelzung verleiht seinem Wesen eine Beweglichkeit, eine Vorurteilslosigkeit und Aufnahmefähigkeit, so daß er die Einzelkulturen in seiner Persönlichkeit zur europäischen Gesamtkultur erweitert. Er wird der Typus des guten Europäers großen Stils. Bei aller Treue zu Religionsgemeinschaft, zu Rasse und Nation, widerstrebt es ihm, die Welt nur durch die Brille der Religions- oder Volksgemeinschaft zu betrachten: „Man sollte nicht so schreiben, als gäbe es überhaupt nur Juden — es gibt doch auch noch andere Menschen auf der Welt!" Und er beruft sich (in einer Abhandlung von. 1907) auf Goethe; der habe ganz recht, wenn er sagt, daß das Genie der Welt gehöre. Die Kunst habe — so meint Liebermann in derselben Abhandlung — Wohl nichts oder nur wenig mit Rasse oder Dogma zu tun, und er findet es „mißlich, in Rembrandts Kunst das Christentum hervorzuheben." „Rembrandts Kunst ist der Ausdruck höchster Menschlichkeit." So gehört auch Liebermann und seine Kunst der Welt! Kein Zufall ist's, daß er im Ausland weit früher Anerkennung gesunden als daheim, kein Wunder, daß gerade er der deutschen Kunst den Weg ins Ausland gebahnt hat, daß er — seit fast öl) Jahren — Wohl am meisten dazu beigetragen hat, ihr Achtung und Ansehen in der Welt zu verschaffen. War er doch schon im Jahre 1889 von der französischen Regierung zum Juror in der Ausnahmekommission für die Pariser Weltausstellung ernannt worden. Bei alledem weiß er sehr Wohl um jene geheimnisvollen Triebkräfte von Nation, Rasse und jahrhundertelang wirksamem Kultur-Milieu, die dem Schaffen selbst eines kosmopolitisch eingestellten Menschen eine besondere Nuance, eine gewisse Färbung verleihen. Wenn er etwa von Josef Israels schreibt, daß er mit der ganze'n Innerlichkeit seiner Nation (Holland) und seiner R asse (Jude) sich in die Natur versenkt, dorthin, wo sich die Aeußerungen des Gefühlslebens am naivsten zeigen: in das Leben der Armen und Elenden, und wenn er von einer höchstkultivierten Berliner Dame, von Frau Felicie Bernstein, sagt, daß sie diesen Zug ihrer Rasse besaß, daß sie Differenzierungen, feinste Nuancen sowohl des Verstandes, wie des Gemütes verstand, so offenbart Liebermann hiermit, wie sehe er sich auch der Wurzeln seines eigenen Wesens bewußt ist. Man hat von Liebermanns Bildern nicht selten gesagt, sie seien kühl, nüchtern, ohne Gemüt. Es ist wahr, im Vergleich zu den mit „Gemüt" getränkten, „tränenreichen" Bildern seiner frühen Zeitgenossen sind die seinigen sachlich, sind von einer Zurückhaltung, die ihre Ursache zum Teil gewiß in der Ueberzeugung hat, daß das Kunstwerk frei von allen literarischen, novellistischen Nebendingen sein müsse, zum Teil aber auch in der Selbstbeherrschung, in der Selbstzügelung des Künstlers, so daß die Schöpfung bei aller inneren Erregung doch eine .äußere klassische Ruhe erhält. „Der Inhalt der Kunst ist die Persönlichkeit des Künstlers", schreibt er einmal. Es ist der ungeheure Respekt vor der Kunst selbst, der ihn zu solcher Zurückhaltung, solcher Zügelung seines starken Temperaments und damit zu einer großen Klarheit der Darstellung führt. Dieses Maßhalten ist es. das als Kühle, als Gefühlsleere von manchen empfunden wird. Bei den Werken der letzten Zeit allerdings wird man davon nicht j mehr reden können; da wird man allgemein empfinden, wie immer stärker nnd stärker auch das Gefühl mitschwingt, wie die Seele l sich enthüllet und die Gestalten mehr noch als früher von überzeugender Wahrheit sind. Er hat auf der letzten Frühjahrs-! Ausstellung der Akademie vier Bilder gezeigt — alle im letzten

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