Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 1-2 (9.1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3094266-3094312-3094313--0772-3095479- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Heimkehr. Gemeindeblatt Nr. 1/2 sollen?" „Was er hätte tun sotten?" entgegnete ihm David gereizt. „Längst hätte er dafür sorgen müssen, daß ein nener Vorhang gestiftet wäre." „Ein neuer Vorhang," mischte sich jetzt auch der rechte Nachbar Davids in die Unterhaltung, „ein neuer Borhang, wißt ihr denn, was der heute kostet?" David zuckte verächtlich die Achseln: „kostet — kostet, das ist es ja, daß ihr immer alles nur vom Geldpunkt aus betrachtet," und senszend setzte er hinzu: „Es ist keine Opferwilligkeit in unserer Gemeinde." — Die Gemaßregelten nahmen sich offenbar die mahnenden Worte des Schneiders nicht sehr zn Herzen, es schien sogar, als ob der eine dem anderen verständnisvoll zublinzelte. Ter linke Nachbar nahm die Unterhaltung wieder ans, indem er sagte: „Ich verstehe gar nicht, daß der Vorhang schon rissig wird, ist er doch erst 60 Jahre alt, der andere, den wir jeden Sabbath benutzen, ist vor über hundert Jahren der Gemeinde gestiftet und uoch wie nen." „Das ist es ja gerade," rief David dazwischen, „hätte der alte Jsak seligen Andenkens, der Vater unseres jetzigen Vorstehers, bei seiner Hochzeit ein Paar Gnlden mehr angelegt und einen Vorhang von Brokat gestiftet, wir hätten etwas für die Ewigkeit gehabt." „Ihr habt recht," sagten beide nachdenklich, „>wir brauchen einen nenen Vorhang!" „Und zwar aus schwerstem Brokat," setzte David eisrig hinzu. „Ich stifte zwanzig Gulden," sagte jetzt sein linker Nachbar, „und ich zehn," fügte der andere hinzn. „Und was gebt ihr, David?" fragten sie beide, während ein leises Zucken um ihren Mund spielte. David stand auf und fiel mit lautem „Amen" ein in die Rezitation des Vorbeters. Er blieb stehen und blätterte eifrig im Gebetbuch, er wollte offenbar das Versänmte nachholen. Auch die beiden anderen waren aufgestanden nnd wiederholten die Frage: „David, was gebt ihr zu dem Vorhang aus Brokat?" Statt der Antwort blickte David znm Vorbeter hin und legte den Zeigefinger auf den Mund, um zum Ausdruck zu bringen, man dürfe die Andacht durch die Unterhaltung nicht stören. Man näherte sich einem der Höhepunkte des Gottesdienstes. Gerade erklangen die Worte: „Wir sind Deine Herde, und Du bist unser Hirte, wir sind Deine Kinder und Du bist unser Vater." Tie ganze Gemeinde erhob sich. Das Sündenbekenntnis begann. Wie verschieden sind doch die Wege, auf denen die Menschen die Gnade Gottes zu erlangen suchen. Die einen schrien oem Vorbeter mit lauter Stimme jedes Wort des Bekenntnisses nach, mit dem seit uralter Zeit Israel an dem heiligsten Tage des Jahres seine Schnld niederlegt vor Gottes Angesicht.: Wir haben gesündigt, wir sind treulos gewesen, wir sind in die Irre gegangen. Andere standen da. das Hanpt demntsvoll gesenkt, ganz leise, wie unter heißen Schmerzen geboren, kam jedes Wort des Sündenbekenntnisses über ihre Lippen. Es war, als ob ihre Seele still blutete in Erinnerung dessen, was sie gesündigt hatten. Wieder andere hatten das Gesicht mit dem Talliß verhüllt, der Kopf lag ans dem vor ihnen stehenden Gebetpult, dann und wann ging ein Zncken durch ihren Körper, so standen sie und beteten und beteten. Das Sündenbekenntnis war längst vorüber. Noch immer nicht mochten sie ihr Antlitz erheben zu dem Heiligen, dem Reinen, zn ihm, dem Richter der Welt.--- Das Ausheben der Thora begann. Wie in einem Trinmphznge wurden zwei Thorarollen durch die Synagoge getragen. Joses, der Borbeter, hatte die eine im Arm, hinter ihm ging Abraham mit der anderen. Tie Angesehensten der Gemeinde folaten. Wie aufrecht die alten Männer dahinschritten, wie stolz sie ihr Haupt trugen! So jugendlich leicht war ihr Gang, daß es schien, als ob das Wunder, von dem man sich in stillen Stunden erzählte, sichtbar würde in jenen: Augenblick: Nicht die Männer waren die Träger der Thora, die Thora trug sie, wie sie Israel seit Jahrtausenden getragen über Länder und Meere, durch Fluten und Fenersbrände. Alles drängte herbei, die Thora zu küssen; es war ein beständiges sich Schließen und Oessnen der Reihen. So kam der Zug unter dem Jubelgesang der Gemeinde zum Almemor, wo die Thoravorlesnng begann. Tie meisten der Andächtigen setzten sich. Esther war unruhig. Ihr bangte vor der Seelenfeier, die sich unmittelbar.an die Thora- Vorlesnng anschloß, nicht so sehr um ihretwillen, wegen der seelischen Erregung, die das Gedenken der Toten ihr in diesem Jahre bringen würde, als vielmehr um des Baters willen, Sie erinnerte sich, daß er früher öfter am Ausgang des Jom kippur zu ihrer Mutter gesagt hatte, nichts habe ihn von den erschütternden Eindrücken des Tages so bewegt wie die Seelenfeier, die ihm das Bild seines Sohnes Jacob immer wieder lebendig werden ließ. Die Mutter hatte geschwiegen; aber Esther hatte ihr angesehen, daß der Vater an eine Wunde rührte, die auch der Versöhnungstag nicht hatte heilen können. Nun war die Wunde geschlossen, die Mntter rnhte aus — Esther gönnte ihr den Frieden. Hatte sie doch in der letzten furchtbaren Woche, da sie sich in Sorge um die Mutter verzehrte, manchmal selbst nach jenem Frieden sich gesehnt, bis zu jener Stnnde, da sie Daniel gefunden hatte. Unwillkürlich mnßte sie zu ihm Hinuntersehen, es war ihr bei seinem Anblick, als ob ein Strom der Liebe beglückend zu ihr empordrang.-- Esther wurde aus ihrem Sinnen emporgerissen durch die ernsten Klänge jenes Psalms, der die Sterblichkeit des Menschen und die Ewigkeit Gottes schildert. Besser als durch diesen Sang hätten die Herzen nicht vorbereitet werden können für die Stnnde des stolzen Schmerzes, die jetzt anhob. Die ganze' Gemeinde war aufgestanden, als Abraham das Memorbuch in die Hand nahm und aufschlug. Es sah aus wie jedes andere Buch. Es hatte denselben schlichten, dunklen Einband wie die Bibel, neben der es anf dem Almemor lag. Die beiden Bücher gehörten zusammen. Was das eine forderte, davon zengte das andere. Abraham begann zu lesen, ganz leise, als ob er sich nicht wert dünke, die Namen derer auszusprechen, die dort verzeichnet standen. Mit den Großen des Judentums, den Leuchten des Geistes und des Herzens fing er an. Dann folgten die übrigen Märtyrer, Namen, Namen, Greise, Kinder, Franen, Männer, und wieder Männer, Kinder, Frauen? Greise — Seite um Seite — Blatt um Blatt — Tiefste Stille herrschte, als ob der Geist dieser Toten durch das Gotteshaus schritt — diese stolze, diese nicht endenwollende Schar, die keine Verlockung und keine Marter hatte bestimmen können, dem Bekenntnis zu dem Einig-Einzigen untren zn werden. Und seltsam, je länger Abraham las, um so verwandelter erschien er. Längst war die Zagheit, mit der er begann, geschwnnden. Immer lanter wurde seine Stimme: so weist der Soldat die Wnnden vor, die er im Kampfe erlitten, wie Abraham die Namen der toten Glanbcnszeugen hinansrief in die Reihen der lanschenden Brüder — zumal jetzt, da er von der Vergangenheit zur Gegenwart gekommen war nnd die Namen derer erklangen, die in den letzten Tagen ihr Leben hingegeben hatten. Er las die Namen der Reihe nach, wie sie gefallen, er las den Namen des Rabbiners, er las die Namen der Männer, er las die Namen der Kinder, er las die Namen der Franen nnd als letzte: „Hannah, Tochter des Meir, Ehefrau des Abraham, des Synagoaendieners." — Eine lange Pause folgte. Esther fühlte, mit ihrer Kraft war es zn Ende. Sie mnßte sich setzen. Tann war ihr alles andere wie ein Tranm. Wie aus weiter Ferne hörte sie nach einer Weile den Gesang des Vorbeters, wie ans weiter Ferne die Worte des Kaddischgebetes, das die Seclenfeier abschloß. — Als Esther später wieder Kraft genug hatte, hinunter zn blicken, bot das Gotteshaus ein ähnliches Bild wie am Vormittage. Tie Geschlossenheit der Andacht war gelockert. Nur wenigen sah man noch die Weihe der Stnnde an, die sie soeben erlebt hatten. Zn diesen gehörte ihr Vater. Er stand und betete. Sein von einem weißen Bart umrahmtes Antlitz, ans dem zwei dnnkle Augen in tiefer Andacht znm Himmel emporblickten, erschien ihr noch edler, noch vergeistigter. Daniels Gesicht konnte sie nicht sehen; er hatte das Hanpt tief gesenkt nnd verfolgte offenbar mit großer Aufmerksamkeit den Vortrag des Porbeters. Auffallend waren für Esther die Fremden im Gotteshause. Ein Teil von ihnen stand nnd blickte in stiller Andacht hinüber zu dem gcössneten Thoraschrein, auf dem jetzt der volle Glanz der Mittagssonne lag, sich in dem Stein, der die mittlere Thora zierte, in tausend Farben spiegelnd. Es war, als ob die Beter beim Anblick des Steines Heilimg suchten von den Wnnden, die dnrch die soeben verlebte schmerzensreiche Stunde von neuem zu bluten begouuen hatten. Nur die beiden Fremden, die am Abend zuvor so spät noch gekommen wareu, machten eine Ausnahme. Der Größere, mit dem schwarzen Bart, erschien Esther noch größer als tags zuvor. Er hatte das Talliß nach frommem Brauch weit über den Kopf gezogen nnd saß, hochanfgerichtet, unverwandt ins Leere blickend. Sein Nachbar, der Blondbärtige, war ganz in sich zusammengesunken. Anch er hatte sich so mit dem Talliß verhüllt, daß Esther sein Gesicht nicht recht erkennen konnte. Ihn mußte tiefes Leid drücken; denn dann und wann sah Esther, wie seine Brnst sich hob, wie er unruhig auf seinem Platz hin- und herrückte, das Haupt in die Hände stützte, in dem vor ihm liegenden Gebetbuch blätterte und wieder seufzte. Manchmal schien es, als ob er mit der Hand über die Augen fuhr. — Die ersten feierlichen Töne des Olenn-Gebetes erklangen und gemahnten Esther, daß sie länger, als es ihr bewußt geworden war,