Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 1-2 (9.1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1/2 Gemeindeblatt Die Heimkehr. die Stille der Erwartung, die das Gotteshaus erfüllte. Alles in dein Heiligtum wartete auf Gott, wartete auf die Menschen, die in einer Stunde kommen sollten, der Offenbarung des Ewigen — einmal im Jahre — wieder inne zu werden. Langsam schritt Abraham vorwärts, dem Atlerheiligsren zu, stieg die Stufen empor und zog den Vorhang zurück. Er neigte sich nieder und küßte das Weiße Mäntelchen einer der Thorahrollen, die, zwölf an der Zahl, in dem heiligen Schreine nebeneinander standen. Die mittelste war größer als die übrigen, von einem Talliß, das über dem Mäntelchen lag, fest verhüllt. Abraham löste die Verknotung. Es dauerte eine geraume Zeit, da er nur die rechte Hand gebrauchen konnte. Dann hob er das Talliß empor. Unwillkürlich schloß er die Augen, geblendet von dem Glänze, der von dem Edelstein ausging, der die Thorahrolle zierte. Dann verhüllte er das Allerheiligste wieder mit dem Vorhang, dessen silberne Glöckche-n, die an seinem Saume hingen, leise erklangen. Als Abraham die Stufen hinabstieg, schien seine Gestalt' gewachsen. In seinen Augen lag ein stilles Leuchten. Er schritt zu der Estrade inmitten der Synagoge, Almemor genannt, nnd entzündete eine lange Kerze^ die auf dem spitz auslaufenden Gitterwerk steckte, das sich rings um den Almemor zog, dem Allerheiligstew gerade gegenüber. Es war das Licht zum Andenken -an seine tote Frau. Abrahams Hand zitterte leise. Lange blickte er in die Flamme. Dann sprach er versonnen: „So war dein Leben, Hannah. In deiner Nähe war uns hell nnd warm-- sie können dich mir nicht nehmen. — Ich sehe dein Auge, ich fühle deine Hand.--Du wirst mit nns beten, du wirst Fürsprecherin sein — für Esther, für ihn — für Daniel, für mich — vor Gottes Angesicht." Dann war's lange still. Noch immer stand Abraham da, versunken in die Flamme schauend. Nun bewegten sich seine Lippen, aber seine Stimme wurde nicht gehört. Abraham betete. Sein Flehen mußte aus innerstem Herzen kommen, denn das Gebetbuch vor ihn: auf dem Tisch des Almemor lag ainberührt >da. Abraham hatte die Augen geschlossen. So konnte seine Seele besser schanen. Je länger er vor feinem Gotte stand, um so erdentrückter ward er. Er merkte nicht, daß es immer dunkler wurde im Gotteshaus, er merkte nicht, wie Sarah, die alte Dienerin, eintrat, um die Lichter zu entzünden, dort die beiden Kerzen an dem Platze des Vorbeters, sodann die sechsarmigen Kronleuchter, die, vier an der Zahl, an den beiden Seiten der Synagoge von der niedrigen Decke herabhingen. Er sah auch nicht, wie die Tür sich öffnete nnd schloß und immer wieder öffnete, um -die Beter einzulassen. Ganz still traten sie alle ein: die Männer in weißen Sterbegewändern, die Frauen in denselben Kleidern, die sie getragen hatten, als sie den Ehebuud schloffen vor Gottes Angesicht, die Greise, die Kinder, Kranke, Gesunde, ober alle in heiliger Erwartung, alle die Seelen geöffnet — wie Blumen, die sich der Sonne erschließen. Auch viele Fremde kamen. Die meisten' freilich schienen nicht zum ersten Male da zu sein, denn sie schritten, ohne zu fragen, auf die Bänke zu, die für sie bestimmt waren. Der Platz des Rabbiners, der sich dicht neben >dem Vorbeterpult befand, war leer. Gerade ging der Sohn auf den Almemor und entzündete das Licht zum Andenken des erschlagenen Vaters. Tiefe Stille herrschte. Nur von der Frauengalerie hörte man ein leises Schluchzen. — Die Gemeinde war versammelt; schon schritten zwei -der angesehensten Männer, es war Daniel als Vertreter des Rabbiners und Samuel, der Vorsteher der Gemeinde, von ihrem Platz, um sich neben den Vorbeter zu stellen, da traten noch zwei hochgewachsene Männer ein, der eine jüngere war etwa dreißigjährig, der andere ältere mochte die Vierzig gerade überschritten haben; sie trugen beide Bärte. Der ältere hatte schwarze Haare, in die sich ein leichtes Grau wob, der jüngere war rötlich-blond. Beide sahen sich am Eingang einen Augenblick suchend um, dann schritten sie auf die Fremdenbänke zu und nahmen aus der vorletzten Bank die beiden noch leeren Plätze ein. Der Gottesdienst begann. Die Kol-Nidre-Melodie erfüllte den Raum. Der Vorbeter, er hieß Josef, war ein kleines, älteres Männchen. Ganz leise fing er an, als ob er für sich sänge, als ob er noch in dem stillen Gebet stände, in dem er kurz vorher um Kraft gefleht hatte für fein heiliges Amt, als der Bote der Gemeinde ihre Bitten emporzutragen vor Gottes Angesichts Aber schon nach den ersten Tönen wurde der Gesang lauter. Bald klang ermahnend, bald erschütternd, bald sanft nnd leise, wie der Odem Gottes im abendlichen Wald. Und dann war es gar nicht mehr Josef, der Vorbeter, der dort stand. Etwas Uebermächtiges hatte ihn ergriffen und zwang ihn, zu singen: der Jude stand dort, der Jude, der verachtet und groß, erniedrigt und stolz durch die Geschichte schreitet. Sein Jahrtausende altes Leid und sein Jahrtausende altes Glück, seine Sünde und sein Aufstieg, sein Gottverlieren und sein Gottfinden: alles, alles ward zum Liede in jener Stunde und schwang sich — eine heilige Opfergabe — empor zum Throne -des Höchsten. Josef hatte geendet. So neigen sich die Aehren zn Boden, über die der Sturmwind fährt, wie die Seelen der Gemeinde sich beugten vor der Majestät des Tages, dessen Schauer sie soeben empfunden hatten. — Abrahams Augen standen voll Tränen. Die Qual der letzten Tage war gelöst. Er weinte. Esther bewegte der Anblick des Vaters tief. Sie erinnerte sich nicht, ihn je weinen gesehen zu haben. Sie setzte sich nieder, so war sie mehr allein. Sie hatte schon beim Eintritt störend die vielen Frauenblicke empfunden, -die sie teils mitleidig, teils neugierig musterten. Esther stand neben einem Pfeiler, der sie, wenn sie saß, den Augen der meisten Frauen verbarg. Der Platz der Mutter neben ihr war leer. Sie legte im Niedersetzen das Gebetbuch der Toten darauf. Die Ruhe tat ihr Wohl. Je länger der Gottesdienst dauerte, um so stiller ward es in ihr. Sie erinnerte sich, wie oft sie als Kind durch das Gitterwerk hinabgeschaut harte, wie sie im Ansang eine geheime Angst vor den weißen Gestalten gehabt, die dort unten im Dämmerlicht der Kerzen saßen oder standen, und beteten nnd sangen. Da hatte sie wohl manchmal furchtsam nach der Hand der Mutter gefühlt. Unwillkürlich blickte sie neben sich. Der Platz war leer. Aber seltsam, war es das Gebetbuch der Mutter, das dort lag, und von -dem eine geheime Kraft auszuströmen schien, oder waren es die altvertranten Gesänge, die ihr Ohr trafen und die sie so heimatlich grüßton, oder war es endlich der Anblick des Vaters und Daniels, die dort unten standen und so inbrünstig beteten, es war Esther, als ob -die Traurigkeit von ihr wiche, es war ihr, als ob die Geborgenheit, die sie bei Lebzeiten der Mutter so oft empfunden hatte, sie auch jetzt wieder umfinge — ein tiefer Friede zog ein in ihre Seele. Jetzt erhob sich die Gemeinde zum Hauptgebet. Auch Esther stand auf. Es herrschte andachtsvolle Stille. Die Seelen suchten Gott.-- - Nuu schritt Abraham die Stufen zum Allerheiligsten empor, öffnete den Thoraschrein, um den jetzt folgenden Gebeten eine erhöhte Weihe zu geben. Feierlich stimmte der Vorbeter an: „Jaaleh! Es steige empor nnser Flehen am Abend, und Deine Liebe sättige uns am Morgen!" Jubelnd fiel die Gemeinde ein: ,>daß uns Erfüllung werde bis zum Abend." Von den Fremden waren einzelne Abraham mit neugierigen Blicken gefolgt. Ihre Augen ruhten aus dem Stein, der aus dem Halbdunkel der heiligen Lade geheimnisvoll leuchtete. Ter Gottesdienst ging zu Ende. Die Frauen verließen die Emporen. Unten schloß sich ein Teil der Männer ihnen an, während eine Anzahl, meist ältere, die Nacht in -der Synagoge verblieben. Als Esther am anderen Morgen 'wieder ihren Platz einnahm, war ein Teil des Morgengebetes schon beendet. Tie weihevolle Stimmung des Vorabends war geschwunden, sie hatte einer mehr nüchternen Feierlichkeit Platz gemacht. Während einzelne in Andacht versunken dastanden, saßen andere ans ihren Plätzen, teils den Vortrag Josefs in ihren Büchern verfolgend, teils zerstreut ihren Gedanken nachhängend. Hier und da waren etliche zu kleinen Gruppen zusammengerückt und unterhielten sich leise. Auf der -drittletzten Bank hinter dem Almemor schien der Gegenstand -des Gespräches besonders wichtig. Es handelte sich um den weißseidenen Vorhang vor , dem Allerheiligsten, der nur an den höchsten Feiertagen zur Verwendung gelangte. David, der Schneider, ein hagerer Mann mit großer Hakennase, und stark vortretenden Backenknochen, hatte mit fachmännischem Blick entdeckt, daß sich in den schweren Falten des Vorhanges kleine Risse zeigten. David war nicht verheiratet und lebte im Hanse seines mit sieben ledigen Töchtern gesegneten Bruders. Er trug seit langem den Spitznamen „Haremswächter". Man wußte nicht recht, woher diese Bezeichnung kam. Manche munkelten, er sei in jungen Jahren einmal im Orient gewesen. Andere wieder schoben es darauf, daß er mit Argusaugen die ihm leider äußerlich fehr ähnlich geratenen Töchter feines Bruders bewachte, und wieder andere meinten, seine hohe Fistelstimme sei daran schuld. David sagte, indem er den Zeigefinger erhob, mit halblauter Stimme, die durch die hohe Tonlage bänkeweit gut vernehmbar war: „Unser Vorsteher tnt seine Pflicht nicht." Und als ihm niemand antwortete, wiederholte er mit Nachdruck: „Er tut seine Pflicht nicht!" Und als wieder keine Antwort aus den Reihen seiner Zuhörer kam, sagte er, mit dem Finger auf den Borhang deutend: „In zehn Jahren ist er ein Fetzen." Davids linker Nachbar wandte schüchtern ein: „Was hätte denn der Vorsteher tun