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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-09-01 · 1-2 (9.1926) · page 23

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
1-2 (9.1926)
Date
1926-09-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Nr. 1/2 Gemeindeblatt Die Heimkehr. ihren Gedanken nachgehängt hatte. Sie stand auf; anch die ganze Gemeinde hatte sich erhoben. Tie andachtsvolle Stille, die während der Seelenfeier das Heiligtum erfüllt hatte — wieder senkte sie sich hernieder. Erwartungsvoll schlugen die Herzen. Jetzt nahte der große Augenblick des Sichniederwerfcns vor Gott, der Augenblick, da dieselben Menschen, die keine Macht der Welt zu zwingen vermochte, vor fremden Göttern das Knie zu beugen, freiwillig in den ^laub sinken wollten vor Ihm, „dem König aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei Er". Josef, der Vorbeter, schien alle Kraft der Seele für diese eine Stunde gesammelt zu haben. Es war, als ob der Trotz und der Stolz des Juden, der dieses Gebet zum ersten Male sprach, auf ihn übergeströmt wäre. Erst klang sein Lied laut und jubelnd zur Ehre des Höchsten. Aber je näher der Augenblick kam, da er mit der Gemeinde niedersinken wollte vor dem Ewigen, um so leiser wurde die Stimme, um so stockender nnd zagender sein Gesang,--Und nun lagen sie da — im Staube — die Greise, die Kinder, die Frauen, die Männer, die Guten, die Bösen — ein Herz, ein Leib — vor Gott.-- Tann aber sprang Josef auf. Wie verwandelt klang seine Stimme, als er begann, das Lob Gottes zu singen, das Lob Dessen, „Ter den Himmel ausgespannt und die Erde gegründet". Immer jauchzender wnrde sein Lied, immer begeisterter der Hymnns, der aus seiner Brust sich emporschwang zu Ihm, „Dessen Herrlichkeit thronet dort oben in d?n höchsten Höhen"! .Die Gemeinde hatte sich längst von den Knien erhoben. Die Inbrunst des Porbeters riß sie mit, ein Taumel hatte sie ergriffen, sie hatten die Plätze verlassen. In wilder Ekstase drängten sie vorwärts, die Arme erhoben dein geöffneten Atterheiligstcn entgegen. Nur Abraham stand da, wie ein Prophet der Erde entrückt. Es war, als ob sein trunkenes Auge den Himmel geöffnet sähe, schauend die Herrlichkeit Gottes nnd in seiner Nähe, umflossen vom Glänze des Höchsten, all die Brüder nnd Schwestern, die mit dem Olenu-Gebet auf den Lippen ihr Leben znm Opfer gebracht hatten. „Er ist unser Gott!" rief jetzt der Borbeter. „Keiner sonst!" antwortete die Gemeinde.. „Unser die Wahrheit!" rief der Borbeter. „Unser die Wahrheit!" antwortete die Gemeinde. — Wie ein Schrei hallte es wider von den Wänden der Synagoge, Es war, als ob sie in ihren Grundfesten erbebte von diesem Schrei, mit dem die gesamte Gemeinde ihr Bekenntnis zum Eiuig-Einzigen hinausrief in die Welt. — — Tann ließ die Spannung fchnell nach. Der Glanz in den Angen erlosch. Tic erhobenen Arme senkten sich. Alle kehrten auf die Plätze zurück. Esther war Wohl die einzige geweseu, die nicht mit. voller Andacht die Huldigung Gottes erlebt hatte. Sie schalt sich selbst. Aber sie kounte nicht loskommen von einer Bision, die sie gehabt, uud die sie, je länger sie sich damit beschäftigte, um fo mehr quälte. Sie hatte, wie zufällig, in, dem Augenblicke des Niederfallens hinuntergeschaut. Da war ihr Auge an dem Platze haften geblieben, wo jener aufrechte, schwarzbärtige Fremde saß, und da hatte es sie gedeucht, als ob er im Niederfallen jenes Zeichen machte, wie sie es bei Nichtjudcu so oft gesehen hatte, das Aeichen des Kreuzes. Das Blut erstarrte ihr in den Adern. Aber nur einen Augenblick. Dann nannte sie sich eine Törin, die durch die Vielsachen Erlebnisse der letzten Zeit krankhaft erregt sei. Gewaltsam zwang sie sich znr Andacht. Sie snchte Sammlung und Frieden im Gebet. Die Sonne hatte die Höhe längst überschritten, ihre Strahlen streiften das obere Geländer der Frauengalerie, indessen der Raum für die Männer bereits in leichter Dämmerung lag. Abraham stieg die Stnsen zum Allerheiligsten empor, um die Thora für die Nachmittagsvorlesung herans.znnehmen. Wieder umdräugten ihn die Andächtigen, als er, mit der Thora im Arn'., durch die Reihen schritt. Die Vorlesung begann. Es fiel Esther ans, daß auf des Baters Antlitz eine fahle .Blässe lag. Sie wnßte nicht recht, ob es nnr Täuschung war, hervorgerufen dnrch das Licht der Kerzeu, die den Almemor umsäumten, oder ob es die Folge war der Erregung, die die letzte Woche und nicht znm wenigsten der Versöhnungstag selbst dem Vater gebracht hatte. Aber Esthers Unruhe wuchs, je länger der Gottesdienst währte. Die Thora war längst in den heiligen Schrein zurückgebracht, die Blässe in des Vaters Gesicht war nicht gewichen, im Gegenteil, sie sah es jetzt ganz deutlich, sein Antlitz war noch fahler geworden. Dazn kam, daß Abraham offenbar selbst von einer tiefen Unruhe gepeinigt war. Während er vorher keinen Blick von dem vor ihm liegenden Gebetbuch gewandt, höchstens, daß er das Auge dann und wann in gläubiger Inbrunst zum Himmel empor gerichtet hatte, schien alle Andacht von ihm gewichen. Bald setzte er sich, bald stand er auf. Jetzt wanderte sein Auge zu dem geöffneten Thorafchrein, jetzt zn Esther empor, jetzt wieder zu den Reihen der Beter, die, je weiter der Tag vorwärts rückte, mit um so größerer Inbrunst dem Gang des Gottesdienstes folgten. Immer unheimlicher wurde es C^her. Ihre Blicke gingen zwischen dem Vater und Daniel hin und her, gleichsam als ob sie sich beim Anblick des Geliebten Kraft holen wollte für die Sorge, die die Betrachtung des offenbar innerlich schwer ringenden Vaters ihr bereitete. To verging die Nachmittagsstunde. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen zur Erde. Tie ersten Schatten der hereinbrechenden Nacht senkten sich hernieder. Aber seltsam, je dunkler es dranßen wurde, um so Heller ward es im Gotteshans. Es war, als ob der Glanz, der von den Kerzen ausging, nnr den Widerschein bildete des Lichtes, das der Versöhnnngstag in den Seelen der Beter entzündet hatte. Neilah, die letzte, feierlichste Stunde des Versöhnungstages, die Stunde der Verklärung, nahm ihren Anfang. Auch Abraham hatte seine Ruhe wiedergefunden. Esther fühlte der Kampf war beendet. Jetzt stand er wieder da wie sonst: das Haupt in Andacht gebeugt, das Auge geschlossen, der Körper leise bewegt durch die innere Spannung, die die betende Seele erfüllte. Und dennoch — nicht wie sonst — es schien Esther, als ob in seinem Gesichte etwas läge, was nicht mehr von dieser Welt war, etwas, was sie nicht in Worte kleiden'konnte, eine Vorahnung jenes Friedens, den sie wenige Tage vorher geschaut hatte, als sie den? toten Fübrer der Gemeinde znm letzten Male ins Antlitz blickte. 'Noch einmal erklangen die Gebete, dieselben des Vorabends, dieselben des Tages, und doch ganz anders. Es war, als ob sie jetzt erst in der Stunde des Abschieds die rechte Kraft erlangt hätten, als ob erst jetzt die Himmelstore sich öfsnen wollten, um die büßenden, betenden Seelen einzulassen. Leidenschaftlich erklang das sehnende Rufe» der Gemeinde: „Oefsne uns die Pforten, denn der Tag geht zur Neige!" Draußen war es völlig Nacht geworden. Dnrch die hohen Fenster des Gotteshauses grüßten verheißend die ersten Sterne. Tie Lichter waren herabgebrannt bis ans die Kerzen am Platze des Vorbeters nnd das Gedächtnislicht für die tote Hannah. Aus dem Dunkel leuchteten die gotterfüllten Augen der Beter. Es nahte der feierlichste Augenblick des Tages, da der Thoraschrein zum letzten Male geöffnet wurde, und die Gemeinde im Angesichte der Thora mit dem Treuschwur, dem Bekenntnis zun: Einig-Eiuzigeu, die Feier beschließen sollte. Aber was ist das? Ist das Abraham, der die Ttufeu znm Allerheiligsten in jäher Hast hinansstürmt, den Vorhang zurückzerrt, die mittlere Thorarolle herausreißt uud in höchster Erregung mit ihr ans die unmittelbar am Fenster gelegene Kanzel springt'? Er stößt das Fenster ans, nimmt den Thoraschmuck mit dem Stein nnd schleudert ihn zum jähen Entsetzen der Gemeinde hinab in den unter dem Fenster vorbeifließenden Strom, dessen Rauschen geheimnisvoll herausdringt. Znr Gemeinde gewandt ruft Abraham mit gellender Summe: „Brüder! Furchtbares ist geschehen! Unsere Thora ist entweiht? Feinde sind in unserer Mitte. Indessen ihr in ehrfurchtsvoller Scheu die Thora umdrängtet, habe ich eine Hand gefühlt, die sich in srevlerischer Absicht -der Thora nahte: Tie wollte den Ttein greifen! Nimmer sollen sie ihn besitzen! Ich weiß, sie werden wiederkommen, sich zn rächen! An dieser Thora werden sie sich rächen! Gott hat sie nur anvertraut, ich werde sie an einen Ort bringen, >wo sie sie nicht schänden können." Schaurig erschallte der Ruf, der Sterberuf des Juden: „Tchma JisroLl, Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist Einzig". Schaurig hallte es wieder aus dem Munde der Gemeinde. Und mit dem Nuse: „^Vclono^ im bnelobim" „Der Ewige ist der wahre Gott" stürzte sich Abraham, die Thora im Arm, dnrch das geöffnete Fenster hinab in den Strom. In demselben Augenblick sprang ein Mann ans den Reihen der Beter mit dem Schrei „Bater, ich komme" auf die Kanzel zu. Eine andere Gestalt ihm nach, die Worte zischend: „Stirb, Verräter". Rücklings sank der blondbärtige Fremde zn Boden, im' Sterben die Worte hauchend: „Ich bin geheilt". Alles drängte in wilder Hast nach dem Ansgang, dem Strome zu.--- Still lag das Gottcshans da. Die ewige Lampe verbreitete einen schwachen Schimmer. Das Licht für die tote Hannah znckte im Verlöschen noch einmal auf und warf einen letzten Schein auf das Antlitz des Toten, das tiefer Friede verklärte.--

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