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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-09-01 · 1-2 (9.1926) · page 20

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
1-2 (9.1926)
Date
1926-09-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Die Heinikehr. Gemeindeblatt Nr. 1/2 Gottesdienst, vor allein zur Zeit der Dämmerung, in Andacht versunken, zum Oron hakodesch Hinblicken oder empor zur ewigen Lampe, die, vor dem Allerheiligsten hängend, mit ihrem ernsten ruhigen Lichte das kleine, stille Gotteshaus erfüllte. Besonders aber liebte er es, am offenen Fenster zu sitzen und zu dem Dom hinüberzuschaucn, dessen Türen weit geöffnet waren, und dessen hohe Stufen dann und wann ein Gläubiger zur stillen Andacht langsam emporstieg. Man konnte bis Lief in die Kirche hineinsehen. Unser alter Nachbar hat sie mir oft voller Stolz geschildert. Ein wunderbarer gotischer Bau. Rechts und links emporstrebende Säulen, auf denen das Mittelschisf ruhte, ringsum die Galerien von marmornen Säulen getragen. Immer höher wuchsen die Steine hinan — bis droben zur Decke, die gleichfalls von Säulen gestützt war, der ganze Tom der Ausdruck eines tiefgläubigen, zu Gott emporstrebenden Menschenherzens, auch die verstockteste Seele emporreißend zur Verehrung des Höchsten. Besonders feierlich war das Geläut der Glocken. Manchmal freilich war es zu laut, so sehr, daß es Bater in seiner Andacht störte. Er stand deshalb oft schon vor Tagesanbruch auf, um bereits vor dem ersten Geläut, das die Gläubigen zur Morgenmesse rief, mit seinen: Gebet begonnen zu haben. Anders Jacob. Er kannte von Benedictus öeu Namen jeder Glocke. „Tie Stimme Gottes auf Erden", so hatte sie Benedictus einmal genannt. Das mußte auf Jacob tiefen Eindruck gemacht haben, denn Mutter erzählte, daß er manchmal im Halbschlaf, wenn drüben vom Dom eine Glocke erklang, vom Lager auffuhr und rief: „Die Stimme Gottes." So kam der Frühling heran. Unser Pessachfest war damals fehr spät, Ostern etwa acht Tage früher. Es war am Sabbath vor, Ostern, gegen 10 Uhr vormittags, kurz uach unserem Gottesdienst. Vater war zum Lernen gegangen, Mutter daheim bei mir: denn ich lag mit Scharlachfieber krank im Bett. Jacob saß feiner Gewohnheit gemäß am offenen Fenster und blickte zum Tom hinüber, in den die Andächtigen strömten. Aus der stillen Straße lag der helle Glanz der Frühlingssonne. In der Kirche herrschte feierliches Dunkel. Nur die beiden Kerzen am Hochaltar leuchteten und warfen ihr geheimnisvolles Licht auf den Priester, der, von zwei Chorknaben umgeben, den Dienst versah, indessen die knieende Menge in andachtsvollem Schweigen dem Gang des Gottesdienstes folgte. Jetzt schritt der Priester die Stufen zum Altar empor. Er stimmte das „Gloria" an. Der Chor antwortete. Wie Gesang von Engelstimmen klang das „Gloria" zur Ehre Gottes dnrch die hohen Hallen der Kathedrale. Nun fingen auch die Glocken, die nach altem, frommem Brauch mehrere Tage trauernd verstummt waren, zu läuten an, und der Sang der Menschen nnd der Sang der Glocken einte sich zu einer feierlichen, die Seelen tief bewegenden Melodie. Die Messe war zu Ende. Der Priester wandte sich um. Es war Benedictus. Sein Gewand leuchtete in weißer Pracht. Er schritt zur Mitte des Altars, in seiner Hand leuchtete die Monstranz. Er erhob sie und zeigte sie dem Volke. In dem Augenblick begannen die Glocken aufs neue zu läulen, jetzt mit voller Gewalt, auch die älteste und größte Glocke, die nur einmal im Jahre in dieser Stunde schwingt, fiel mit tiefem, ernsten Dröhnen ein. Es schien, als wäre die Kirche, nein, die ganze Stadt erfüllt von einem Meer von Tönen. Nun fing auch die Orgel zu brausen an. Da sprangen die Beter auf von ihren Knieen und mit dem Hymnus „?Lmxe llnssua" setzte sich die Menge in Bewegung zur Prozession. In dem Augenblick sah unsere Magd, wie Jacob die Hanstür aufriß nnd mit den Worten: „Gott ruft! Ich komme!" die Stufen der Kirche hinaufstürzte und in dem Innern des Domes verschwand." -- Esther hielt tief aufatmend inne. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie mit veränderter Stimme fortfuhr: „Als die Magd sah, was sich ereignet hatte, ging sie, — sie war etwas schwachsinnig — in das Gemach, wo ich lag nnd sagte zn Mutter: „Eben hat Jacob den Heiland gefunden." Mutter beachtete die Worte nicht weiter. Das Mädchen führte oft, zumal um die Feiertagszeit, in seiner Einfalt seltsam fromme Reden. Zu Mittag kam Bater heim. Seine erste Frage galt Jacob. Mutter sagte, er wird auf der Gasse sein. Das Mittagessen ging vorüber. Jacob kam nicht. Da erinnerte sich Mutter der Worte der Magd und fragte sie, was sie mit der Aeußerung gemeint habe. Sie erzählte, was sie gesehen hatte. Die Eltern hielten es für eine Ausgeburt ihres kranken Geistes. Als es aber -dunkel wurde, bemächtigte sich beider eine furchtbare Unruhe. In jedem Hause der Gasse fragte Vater nach. Niemand hatte Jacob gesehen. Die Nacht verging in qualvoller Sorge. Mittags — Vater war gerade wieder von einer vergeblichen Suche nach Jacob heimgekehrt — sehen die Eltern, wie Benedictus ans der Kirche heraustritl und langsamen Schrittes auf unser Haus zukommt. Sein Gesicht ist sehr bleich. Schon auf der Schwelle stürzt ihm Mutter entgegen und ruft ihm zu: „Wißt Ihr um unseren Jacob?!" Benedictus nickt. Tic Eltern nötigen den Priester zum Sitzen. Beide stehen vor ihm. Benedictus beginnt: „Ich komme von Eurem Sohn. Er ist" — dann stockt er, da er in das angsterfüllte Gesicht Mntters blickt. „Darf ich", so sagt er dann, „einen Augenblick von mir selbst reden. Ich bin seit meinem sechsten Jahre von meinem Eltcrnhause getrennt. Tie Liebe meiner leiblichen Mutter und meines Baters habe ich bewußt nie kennen gelernt. Ich bin im Kloster erzogen worden. Wohl hatte ich manchmal, besonders, als ich noch jünger war, Sehnsucht uach ,deuen, die mir das Leben schenkten. Ich habe alle persönlichen Wünsche zurückdrängen gelernt in dem Gedanken an den Einen, den ich nach den Worten der Schrift lieben soll „mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft." Tann, mit einem Blick tiefsten Mitleids zu den Eltern gewaudt, fuhr er fort, indem feine Stimme leise bebte: „Auch Jacob ist bereit, um der Liebe zu dem Höchsten willen, seinen leiblichen Eltern zu entsagen. Gestern ist er zn nns gekommen. Wir haben ihn aufgenommen. Heute morgen hat er die heilige Taufe empfangen, seine Seele hat den Frieden gefunden."-- So stürzt die Eiche im Walde, vom Blitzstrahl getroffen, zusammen, wie Bater nach diesen Worten des Priesters zu Boden sank. Benedicrus half Mutter, den Bewußtlosen auf das Bett tragen. Dann ging er still hinaus. Als Bater nach Stunden erwachte, war fein Haar grau. Er war damals 44 Jahre alt. Ich habe Vater niemals lachen gesehen. Das erste, was er sprach, waren die Worte: „Lorueli claMi smsss." Jacob war tot." Tantels Gesicht war schneeweiß, als Esther endete — er faßte ihre bebende Hand. Nach Minilten sagte Esther leise: „Jetzt erst, da dn anch unser schwerstes Leid mit nns trägst, gehören wir ganz zusammen, Daniel." Er konnte nicht antworten; denn in dem Augenblick sahen sie an der Stelle, >wo die Straße eine Biegung machte, langsam >näherkommende Menschen. Sie brachten die Mntter. Esther und Daniel waren ausgestanden. Er führte sie. Es war fast ganz dunkel. Kein Stern stand am Himmel. Vier Männer trugen die Leiche, vier andere gingen neben ihr, um -die Träger von Zeit zu Zeit abzulösen. Abraham schreitet dicht hinter der Toten, sein linker Arm hängt schlaff herab. Er trägt das Haupt gesenkt, den Blick nach innen gekehrt. Neben Abraham geht Samuel. Sonst niemand. Abraham hatte gesagt, als er vernahm, daß die ganze Gemeinde die Tote zum Orte des Friedens begleiten wollte: „Ich danke Euch, Freunde. Aber nehmt sie mir nicht ans ihrem letzten. Gang. Noch einmal laßt sie mir allem." Da blieben sie bewegt zurück. Daniel und Esther schritten hinter dem Vater. Das Grab lag dicht am Friedhofseingang. Langsam ließen sie die Tote hinab. Bald war sie eingehüllt von dem dnnklen Kleid der Erde, das sich immer dichter um sie schloß. Zum ersten Male erhob Abraham das Haupt, blickte empor zu dem dunklen Himmel un.d sprach: „Du hast sie mir gegeben, Herr, Du hast sie mir genommen. Dein Name sei gepriesen in Ewigkeit." Als Abraham Hinansschritt, lag der Friede Gottes auf seinem Antlitz. 2. Kapite l. Abraham hatte sich von der Erde erhoben, auf der er, um sein Weib trauernd, gesessen hatte. Nun schritt er den Strom entlang znm Gotteshaus, das — ein schlichter, schmuckloser Bau — an dem steil abfallenden Ufer des Flnsses lag. Das Plätschern der Wellen, das ihn so oft ans seinem gewohnten Gang begleitet hatte, dünkte 'ihm in dieser Stunde anders als sonst; es schien, als ob die Wasser ihm die letzten Seufzer seiner Frau zutragen wollten, die wenige Meilen aufwärts unterhalb der Brücke ihre Seele ausgehaucht hatte. Es war eine Stunde vor Beginn des Versöhnnngstages. — Draußen auf der Gasse war es noch hell, aber in der Synagoge herrschte schon Dämmerung. Die letzten Strahlen der scheidenden Sonne spielten droben ans dein Gitterwerk der Frauengalerie, und ein leuchtender Streifen lag auf dem obersten Teil des Allerheiligsten, das ein weißer, goldgestickter Vorhang verhüllte. Abraham öffnete langsam die schwere Pforte und schritt drei Stufen hinab. Aufatmend blieb er stehen. Er ernpfand erschauernd

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