Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 1-2 (9.1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 1/2 Gemeindeblatt Die Heimkehr. Esther hielt mit der Erzählung inne. Die Erinnerung an die Erlebnisse der letzten Tage hatte sie offenbar tief erregt. Ihr vorher so bleiches Gesicht war leicht gerötet; sie atmete schneller. Gerade mottle Daniel durch eine gleichgültige Frage sie ablenken, da suhr sie wie in tiesem Zinnen fort: „Die Rosch haschonohtage vergingen ohne besonderen Zwischenfall. Wir erschienen sie in diesem" Jahre noch feierlicher, noch erhabener als fönst. Auf Paters Antlitz lag ein solcher Gotiesfriede, und Mutter betete so innig, aus ihrem Auge strahlte ein solch mutiger Glaube, das? die bloße Nähe der Eltern mich mit tiefer Andacht erfüllte. Trotz des Schweren, das wir erlebt hatten — wir wußten nicht, wo wir nach den Feierlagen ein Obdach fanden — beseelte mich eine fast heitere Ruhe. Mir ahnte nicht im geringsten, was uns noch erwartete. So vergingen die beiden Feiertage. Da hören wir am zweiten abends — es mochte gegen sieben Uhr sein, Vater war gerade aus der Synagoge heimgekehrt — Lärm auf der Gafse. Nichts Gutes ahuend, tritt Vater auf die Schwelle des Hauses. Da eilt Samuel, unser Gastfreund, mit bleichem Antlitz herbei: „Tie haben den Rabbiner ermordet!" Der alte Mann war, weil er sich unpäßlich fühlte, am Abend nicht znr Synagoge gekommen. Er hatte durch seinen Sohn eine Anzahl Männer, die drüben am anderen Ende der Gasse wohnten, bitten lassen, mit ihm in feiner Wohnuug das Abendgebet zu verrichteu. Da stürzte eine Rotte ins Gemach und mit dem Rufe: „Erst das Haupt und dann die Glieder!" schlugen sie den Rabbiner und oann die übrigen Männer zu Podeu. Diese hatten gerade in der Sebmons osre vor ihrem Gölte gestanden. Das letzte, was der Rabbiner sprach, waren die Worte unseres täglicheu Hauptgcbetes: „^Velliirikallelai nat'seüi söülom", „Denen, die mir fluchen, schweige meine Seele." Das hatte uns Samuel in fliegender Hast berichtet. Da länft eine Frau — es war Ruth, die Tochter des Mose — schreiend an uns vorbei- „Sie haben mein Kind getöter!" .Nun hall es uns uicht länger — Vater voran, Mntter und ich unmittelbar hinterher. Aber nach wenigen Schritten strauchele ich in der Dunkelheit und falle so unglücklich, daß ich nicht aufstehen kann. Alles stürmt an mir vorbei, Ich bleibe allein zurück. Als ich nach wenigen Minutelt mich erhebe, ist schon alles vorüber. Man trägt den Vater bewußtlos ms Haus, lind als ich schreie: „Wo ist die Mutter!", da erzählt man mir, daß zwei Männer in dem Augenblicke, wie Vater die Gasse hinunter gelaufen sei, den bedrohten Brüdern zu Helsen, mit erhobener Wasfe aus ihn zngetrelen seien und gerufen hätten: „Wir haben soeben das salsche Haupt der Gemeinde getötet, du Abraham, bist das wahre!" Wie sie aber ausholten, um Vater niederzuschlagen, >>a sei plötzlich etwas zwischen sie gesprungen. Es war Mutter, die den Streich auffing, der Vater galt. Sie hat sich geopsert, wie ihr ganzes Lebeil ein Opfer gewesen ist." — Tie listen Worte hatte Esther ganz leise gesprochen, sie war wieder sehr bleich, jeder Blittstropfen schien ans ihrem Gesicht gewichen. Als aber Daniel ihr besorgt die Hand auf den Arm legte, um sie am Weitersprechen zn hindern, sagte sie abmehrend: „Nein, laß mich noch zu Ende erzählen. Mntter soll von dem Schlage nicht tol, sondern nur betäubt gewesen sein. Wie Vater sah, was geschehen, will er sich ans den Unhold stürzen, nm ihm die Waffe zn entreißen. Ta holte dessen Gefährte, ein Riese von Gestalt, znm Schlage ans, und wer weiß, was gekommen wäre, wenn Gott nicht geholfen hätte. In dem Augenblick nämlich ging schnellen Schrittes ein juuger Geistlicher vvrüber. Er mnß Vater erkannt haben, denn er ries dessen Gegnern zu: „Haltet ein! Vergießt kein Blut! Denkt daran, er ist der Hüter des Steins!" Diese Worte retteten Vater. Tie beiden verschwanden in der Dunkelheit. Vater aber fiel in eine tiefe Ohnmacht, aus der er erst in der Nacht erwachte; seltsam, daß er in der Betänbung wiederholt den Namen Jacobs slüsterte. Manche sagen, der Geistliche, der vorüberging, sei Jacob gewesen. Als Vater erwachte, war seine erste Frage natürlich nach Mntter. Wir konnten ihm nichts sagen. Während sie, die Irregeleiteten, die anderen Leichen hatten liegen lassen, hatten sie Mutter — wohl um sich an Vater wegen des vereitelten Planes zu rächen — mitgenommen und nach der großen Brücke geschleppt, die etwa drei Stunden von hier über deu Strom führt. Dort hat man sie erst heute mittag gefunden. Sie soll so friedlich -dagelegen haben, als ob sie schliefe. Ich bete zn Gott, daß sie ans der Betäubung, in die sie in jener Stnnde fiel, nicht mehr erwachte, sondern ohne Kampf Hinübergeschlummert ist in das Reich des Friedens." Daniel standen große Tränen in den Augen. Langes Schweigen herrschte--dann sagte Daniel mit heiserer Stimme: „Ich weiß nicht, wer größer ist von deinen Eltern, dein Vater ober deine Mntter." „Dasselbe habe ich mich in diesen Tagen wiederholt gefragt," erwiderte Esther. „Vater wird es mir gewiß verzeihen, wenn ich sage: „Es scheint mir, als ob wir — Vater nnd ich — jetzt erst, da Mutter wt ist, ganz wissen, wie groß sie war." Tann letzte sie nach kurzem Sinnen leise hinzn: „Das ist ja der Segen des Todes, daß er uns lehrt, das Große groß nnd das Kleine klein gU sehen. Sic besaß die schwere Kunst, nm die wir alle vergeblich ringen, groß zu seilt im Glück, uoch größer zu sein im Leid," lind dann halblaut: „Wie hat sie das Leid um Jacob gctrageu." — Wiederum schwiegen sie. Es war das Schweigeil der Andacht. Tie Tote war bei ihnen mit ihrem Frieden, mit ihrem Segen. — Daniel war es, der die Stille unterbrach, indem er fragte: „Dn hast wiederholt den Namen Jacob erwähnt, wer ist eigentlich Jacob?" Esther lächelte schmerzlich. „Dn hast recht, Daniel, daß dn sragst," sagte sie, „aber ich vergaß, daß wir erst wenige Stunden einander ganz angehöreil, ist es mir doch, als wäreu wir niemals getrennt gewesen." Nach einer Pause fuhr sie fort: „Womit soll ich begiunen, es! ist eine tauge uud trübe Geschichte. Ich habe sie selbst erst vor wenigen Iahren erfahren, das Schwerste von Mntter, das andere > von unserem alten Nachbarn, dein Orgelspieler drüben am Dom. „J-lcob ist" -- sie verbesserte sich — „war mein Brnder.! Ich habe ihn bewnßt nie gesehen; denn ich war vier Jahre! alt, als wir ihn verloren. Er mnß ein uugewöhulicher Mensch gewesen sein. Mutter hat ihn mir oft geschildert. So nur kauu! Vater iu seiuer Jugeud ausgesehen haben: dieselbe hohe Gestalt,! dieselben großen und scurigcn Augen. Dazu Gaben des Ver-! sraudes uud des Herzens, das; seine Lehrer übereinstimmend prophei zeiteil, er würde einmal eine Lenchte in Israel werden. Er war! Vaters ganzer Stolz, nm so mehr, als die Ehe anfangs kinderlos j war, ilnö Jacob erst nach nenn Jahren geboreil wnrde. Als Vater,! der damals 27jährig war, die Nachricht empfing, „es ist .'in! Knabe", da ist er zu Mntter ins Zimmer getreten nnd hat ihr wortlos die Hand gegeben. Tann hat er das Kind ans den Arm j genommen und ist mit ihm in die Synagoge gegangen. Als er! wiederkam, so erzählte Mutter, lag ein solcher Glanz ans seinem! Antlitz, daß sie weinen mußre. Er legte ihr das Kind in die Arme! und sagte: „Ich habe ihn Gott geweiht. Er soll erfüllen, Hannah, i was wir nur beginnen können. Er soll den Namen Gottes heiligen auf Erden. Wir wollen ihn Jacob nennen, möge er ein Israel, ein! Gvtteskämpfer, werdeil. j So bekam er denn den Namen Jacob. Es schien, als ob die! religiöse Weihe, die der Vater in der ersten Stnnde seiner Gebnrt! - -hm halte zuteil werden lassen, der seelischen Entwicklung des Kindes die Richtung gegeben habe. Man hatte einen solch from-! wen Knaben uoch nicht gesehen. Das war nicht, wie man es meist! bei Kindern findet, ein bloßes Nachsprechen angelernter Gebete,! das war wirkliche Andacht, ein Aufschwnng der kindlichen Seele l zum Höchstem Tas fiel auch Nachbarn nnd Lehrern anf, ja selbst j Nichijndcn wurden auf den frommen Knaben — er mochte zn jener Zeit zwölf Jahre alt sein — aufmerksam, der, weun der j Gottesdienst längst vorüber war, noch in der Synagoge weilte nnd! in stummer Andacht vor seinem Gotte stand, j Unsere Synagoge lag damals — es war vor dem großen! Brande in der Jndengasse — unmittelbar neben dein Tom, und i unser Haus stand dem Eingang zur Kirche direkt gegenüber. Es i mnß damals eine andere Zeit gewesen sein als heute, Daniel,! da uns Haß und -Feindschaft auf Schritt uud Tritt umlauerte, man l glaubt kanm, daß sie erst zwanzig Jahre zurückliegt", setzte sie! seuszend hinzn. „Damals herrschte ein freundlicher, teilweise! sogar freundschaftlicher Verkehr zwischen den Christen und uns; ja, es kam nicht selten vor, daß Geistliche nach dem Gottesdienste! bei nns einkehrten, um mit Vater zn plaudern. Ein besonders! häusiger Gast war ein Priester, Benedictus mit Namen. Mntter i soll, als fie ihn kennen lernte, gesagt haben, er sei wirklich ein j „Gesegneter Gottes". Tiefer Glaube nnd wahre Menschenliebe leuchteten ihm ans den Augen. Dieser Priester fand besonderen Gefallen an Jacob. Wiederholt sagte er zu Vater: „Gott hat Ench reich gesegnet, daß er Ench einen solch frommen Sohn geschenkt, möge ihm der Herr seine gläubige Seele bewahren." So vergingen mehrere Jahre. Je älter Jacob wurde, um so vertiefter und vcrinnerlichter schien er; freilich in feinen Leistnngen beim Lernen hatte er nachgelassen. Während er früher durch Wissensdrang nnd Schärfe des Verstandes seine Lehrer überrascht hatte, kam es jetzt nicht selten vor, daß diese ihn bei einer Unachtsamkeit ertappten. Aus dem klugen, wißbegierigen Knaben war ein träumerischer Jüngling geworden. Er konnte lange nach dem