Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 1-2 (9.1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Heimkehr. Gemeindeblatt Nr. 1/3 unterdrücken. Immer wieder las ich die Nachschrift „Esther grüffc." Ich barg den Brief unter meinem Kleid, und wenn ich ihn fühlte, war mir's wie ein Grus; von dir, Esther, und mit seder Meile, die ich dir näher kam, war mir's, als ob die Sterne Heller leuchteten, die Tonne wärmer schien.' So ritt ich zwei Nächte nnd zwei Tage — nnd als ich hier ankam, war meine erste Frage nach dir. Da erfuhr ich denn, daß das, was mich in dem Schreiben deines Paters mit banger Befürchtung erfüllte, schlimmste Wirklichkeit geworden war, das; anch deine Mntter zn den Opfern geHörle. Da bin ich hierher geeilt, nm an ihrem Grave zu beten, und da > habe ich dich, Esther,' hier gesunden — in Erwartung der Mutter, j nm sie zn begleiten auf ihrem letzten Gang."! Daniel hatte die letzten Worte ganz leise gesprochen. Nun stand er anf, hob lauschend >das Hanvt und blickte gespannt in der l Richtung der Straße, die unmittelbar an der Bank vorbei vom Friedhof nach Norden führte. .„Ich glaube, sie kommen", sagte er, s „es war mir, als ob ich stimmen hörte." Esther schüttelte den! Kopf. „Es war der Wind", sagte sie tranrig. „Es sind von der l Stelle, wo sie Mntter heute mittag sauden, bis hierher etwa drei > Stunden, sie können frühestens in einer halben Stnnde hier sein.! Vater geht besonders langsam, wenn er einen Toten begleitet; er > pflegt zn sagen: „Ter Tote hat Zeit. Unsere irdische Hast darf > seinen Frieden nicht stören." — Wie gern wäre ich mit Vater gegangen, nm Mutter zn holen. > Aber er duldete es nicht. Ter Gute meinte, ich sei nicht stark genug für! solchen 'Anblick. Aber Pater in der schwersten Stnnde seines > Lebens aliein zn wissen, erschien nur als Sünde gegen ihn nnd! gegen die Mutter. So bin ich hierher gegangen nnd traf dich, Daniel. Nun fühle ich mich geborgen, nnn bin ich stark, anch das Schwerste zn ertragen." Esther hatte ihre Kräfte doch überschätzt, denn, ein neues heftiges Schluchzen überkam sie, nnd heiße Tränen rannen über j ihr schönes Antlitz. Daniel liest sie rnhig weinen. Nach einer! Weile sagte sie: „Gleich nach Iom kippur gehe ich mit dir zn der Brücke, wo sie Mntter gesunden haben. Ich will den Platz kennen, j an dem sie ihre Seele ausgehaucht hat." Daniel gab keine Antwort. Esther sagte: „Ich verstehe dein Schweigen, du meinst, jed 's! Wort über Mutter erneut meinen Schmerz. Du irrst. Wenn ich j voil Mutter spreche, ist es mir immer, als ob sie bei nur wäre, > als ob ich in ihre guten, stets so traurigen Augen blickte. Und besonders, wenn ich mit dir, Daniel, von Mntter rede. — Wenn! wir nachher Hand in Hand an ihre Bahre tretet! — ich fühle —! M..tte^ wird unseren Bund segnen."! Daniel empfand, daß die Aussprache Esthers Herz leichter j machte. So fragte er, indem er sich wieder zu ihr setzte: „Wie i kam es denn, daß man deine Mutter erst hente fand?" Esther er--! widerte: „Sie hatten Mntter verschleppt. — Die Verfolgung be-! gann eigentlich schon in der Nacht zn Erew Rosch haschonvh. Bater war in der Synagoge zu Telichoß. Mutter nnd ich lagen noch im! Bette, ohne zn schlafen. Auf einmal dringt ein furchtbarer Ranch - ins Zinnner. Ich fpringe anf, kleide mich notdürftig an und stürze ans Fenster. Da schlagen mir schon die bellen Flammen! entgegen. Ich rufe „Fener", reiße Mntter die Treppe hinunter > nnd laufe znr Synagoge, um Vater zu holen. Dieser stürmt über! die Straße, Die anderen Männer hinter ihm her. Ich höre Vater 5 nur rufen: „die Zefer Thorah, die Sefer Thorah". Vor nnserem i Hanse steht ein großer Hanfe, meist Franen nnd Kinder, die m'.: j . nengierigem Granen in die Flammen blicken. Die Hitze und de^! Rauch sind so stark, daß wir etwa 20 Schritt vor dein Hanse Halt > machen müssen. Eine Nachbarin kommt auf uns zn nnd reicht Vater eine silberne Schale, die sie im letzten Augenblick ans dem Hanse gerettet hat. Bater nimmt die Schale und schleudert sie nnt dem Ruse: „Was soll mir der Plunder" in die Flammen.! Dann stürzt er in großen Sprüngen auf das Hans zn nnd verschwindet. Mntter ist vor Entsetzen zu Boden gesunken; ich bemühe mich nm sie. Atemlose Slii'e herrscht. Man hört nur das Prasseln der Flammen nnd das Krachen des zusammenstürzenden I Gebälks. Da — ein Schreien: „Er ist wieder da!" Ich blicke anf, sehe den Vater ganz schwarz, mit versengtem Haar nnd Bart ans dein Haus lansen, in der Rechten trägt er die Sefer Thorah, dieselbe, die er vor sieben Iahren vor der Verfolgung gerettet hat, die Linke hängt schlasf herab. Ehrfürchtig weicht die Menge znrück. Ich sehe noch, wie er in dem .?»ause unserer Freunde verschwindet. Inzwischen ist Mutter aus ihrer Ohnmacht erwacht. Ich rnfe ihr zu: „Mutter, der Vater lebt!" Sie lächelt dankbar, und wir gehen zu ihm. Da steht er schon wieder im Gebet, die Lhorcch liegt vor ihm. Wir setzen uns still hin und warten. Es dauert lange, bis Vater mit seinem Gebet zu Ende ist. Dann geht er auf uus zu, küßt uns nnd sägt, zn, Mntter gewandt, auf seinen linken Arm deutend: „Hente habe ich etwas abgebüßt von Jacobs Schuld." Da erst merken wir, daß der linke Arm verbrannt ist. Wir wollen Vater verbinden. Er wehrt lächelnd ab. „Erst muß ich die Sefer Thoxah an ihren Ort bringen," sagte er. Wir gehen znr Synagoge. Dort ist alles durchwühlt und erbvochen. Aber keine der übrigen Thorahrollen fehlt. Ter Vater lächelt. Es ist uns allen nnheimlich. Scboii fürchte ich, daß die Erregnng der letzten Stunden ihm geschadet haben möchte.. Da sagt er: „Also hat mich mein Verdacht doch nicht getäuscht. Mir ahnte, daß sie in diesen Tagen versuchen würden, die Sefer Thorah nns zn cnt-- reißen. Darum barg ich sie heimlich in meinem Hanse. Sie zündeten mein Hans an, hoffend, in der allgemeinen Verwirrnng den heiligen Schatz ungestört nns der Synagoge entwenden zu können. Es ist ihnen nicht gelungen. Gelobt sei der Herr!" Leise fügte er hinzu: „Und es wird ihnen nicht gelingen, wenn mir Goit das Leben läßt" Dann schritt er ans das Allerheiligste zn, und stellte die Thorab in die Mitte der übrigen. Sie war vom Feuer arg mitgenommen, da? Talliß war verbrannt, das Mäntelchen versengt, nur das silberne Schild, das sie zierte, war unversehrt, nnd der Stein leuchtete . . ." „Der Stein", unterbrach sie Daniel lebhaft. „Also ist es wahr, was man sich bei uns von dem Wnnderstein erzählte, den Eure Gemeinde besitzen soll?" Esther nickte. „Ja, jene Thorayrolle, die mein Vaterzweimol rettete, ist deshalb so wertvoll, weil ihr Schild einen Diamant trägt von wnnderbarem Glanz. Wenn das, Sonnenlicht ihn trifft, dann ist es, als ob ein geheimes Feiler n: ihm lodere, dessen Strahlen jedem, der ihn sieht, wärmend nno heilend in die Seele fallen. In der Tat rühmt man dem Stein Heileilde Kräfte nach. Wer ihn mii glanbiger Seele betrachtet, so sagt man, der wird von jedem Leid geheilt. Cr soll uralt seiu nnd ans dem Morgcnlande stammen. Ja, manche meinen, es sei derselbe Stein gewesen, den dereinst Abraham auf der Brust getragen, nnd dessen Anblick den Kranken Genesnng gebracht habe. Tann sei er dem Hohenpriester überkommen, der ihn als ersten der 12 Edelsteine anf der Brnst trng, wenn er in das Heiligtum ging. Später habe ihu der Köllig Salomo besessen, und er sei der kostbarste Schmuck seines berühmten Thrones gewesen. So habe sich der Stein vererbt von Geschlecht zu Geschleckt, bis einer der Begründer unserer Gemeinde, der wie Pater den Namen Abraham trng, ihn von einer seiner weiten Reisen nach dem Morgenland hierherbrachte. Er soll ihn von einein frommen Pilger zum Lohn empfangen haben, weil er inm das Leben rettete. Abraham weihte den Stein dem Ewigen nnd schmückte die erste, damals einzige Thorahrolle unserer Gemeinde damit. Wahrend des ganzen Jahres ist sie in ein Talliß fest eingehüllt. Nur einmal, am Versöhnungstage wird das Talliß abgenommen. Man dars den Stein nicht mit 'Alltagsaugen betrachten, so heißt es, sonst wird er entweih:, nnd nur an diesem heiligsten Tage ist die Seele des Juden des göttlichen Geistes voll. Darum befinden sich am Iom kippnr auch immer srenide Inden im Gotteshanse, die kommen, nm beim Allblick des Steins Heilung zu finden für die Bunden der Seele. Vater hat vor wenigen Iahren einige, besondere Bänke, die sogenannten Fremdenbäuke, anfertigen lauen, die sich nnmittelbar vor dein Allerheiligsten besinnen. Leider ist der Nns von der wundertätigen Macht des Steines über uusere Gemeinschaft hinansgedrnngen. Anch der Papst hat davon vernommen. Er möchte den Stein haben und soll Absolution und tausend Florentiner Golbgulden demjenigen versprochen haben, der deu Schatz ihm verschafft. Es wird ihnen nicht gelingen," sagte Esther mit erhobener Stimme, der man die verhaltene Erregnng anmerkte. „Denn seitdem wir das wissen, befinden sich Tag und Nacht zwei Männer unserer Gemeinde als Wächter in der Synagoge, nachts versieht Vater meist selbst den Dienst." Daniel hatte mit immer wachsender Aufmerksamkeit zugehört. Nnn fragte er nach einigem Nachdenken: „Aber sie haben doch die Macht, wenn sie wollen, wäre es ihnen doch ein leichtes, ihn ench mit Gewalt zu entreißen." Esther erwiderte lebhaft: „Das werden sie niemals tun. Ich vergaß, >dir zu sagen, sobald Blnt an dem Stein klebt, ist seine Macht gebrochen. Darum griffen sie ja znr List. Sie zündeten unser Hans an in der Hoffnung, daß die Wächter in der allgemeinen Verwirrung und in der Fnrcht, dsr Brand möchte weiter greifen, für knrze Zeit die Synagoge verlassen würden. Gott hat ihren Plan zuschanden gemacht, sein großer Name sei gepriesen!"