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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-09-01 · 1-2 (9.1926) · page 17

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
1-2 (9.1926)
Date
1926-09-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 1/2 Gemeindeblatt Die Heimkehr. Sie Heimkehr. Von Bruno Italiener (Darmstadt). Es war an einem Spätnachmittage im Herbst. Die Wiesen waren gemäht. Ans die kahlen Stoppelfelder fiel das Licht der untergehenden Sonne. Kein Lüstchen regle sich. Von.den Wiesen stieg ein dünner Nebel empor. Je mehr er sich von der Erde löste, um so feiner und durchsichtiger wurde er. Bald erschien er wie ein Schleier, bald wie ein Gewebe aus jenen zarten Fäden, die an schönen Sommertagen so leicht und licht durch die Lüfte flattern. Der. Nebel zog höher. Jetzt schwebte er langsam über dem Wald, der die Wiesen nach Süden und Westen abschloß. Nun verband er sich mit den Schwaden, die in immer neuer Folge sich von dem Boden erhoben. Er spielte über Feld und Wald, er spielte über den Häusern der nahen Stadt, die sich in dem Dunst viel größer ausnahmen als sie in Wirklichkeit waren, er spielte über den Wassern des Stroms der unmittelbar an der Stadtmauer vorübersließend, den Lebensquell bildete, aus dem der ganzen Gegend Kraft und Nahrung zufloß; er spielte um die Wipfel der Bäume, die in zwei Reihen den Weg umsäumten, der zum Judenfriedhof führte, und die wie ernste Wächter der Pforte erschienen, die das „Haus der Ewigkeit" abschloß. Jnsolge des Nebels machte sich die Dämmerung früher als sonst bemerkbar. Vor dem Eingang des Friedhofs standen zwei Gestalten, die eine, kleinere, an die andere gelehnt. Es mußte ein tieses Leid sein, das die eine erfüllte; denn sie hatte die Hände vor das Gesicht gelegt, indessen ihr Körper von heftigem Schluchzen geschüttelt wurde. Jetzt nahm sie die Hände vom Gesicht, das von Tränen überströmt war. Sie schaute auf und sah dankbar den Jüngling an, der neben ihr stand und sie fest in seinen Armen hielt. Seine Nähe machte das Mädchen offenbar ruhiger. Das Schluchzen ließ nach, der Strom der Tränen floß langsamer. Es wurde still zwischen den beiden. Nach einer Weile sagte das Mädchen mit einem Blicke, in dem Schmerz und Hingabe und Glück mit einander zu kämpfen schienen: „Gott hat dich zu mir gesandt, Daniel, ich weiß nicht, ob ich oh-le dich stark genug wäre, meinem Vater gerade jetzt die Liebe zu geben, deren er bedarf." Statt der Antwort schloß der Angeredete das Mädchen nnr noch fester in seine Arme. Aber diese Liebkosung hatte nicht die beabsichtigte Wirkung; wieder füllten sich Esthers Augen mit Tränen. „Seltsam", sagte sie wehmütig, „daß Glück und Leid im Leben so eng beieinander wohnen, derselbe Tag, der dich, Daniel, nur schenkte, nimmt mir die Mutter für immer." Wiederum herrschte Schweigen. Daniel schlang seinen Arm uni Esther und führte sie still zu einer Bank, die ein Paar Schritte vor ihnen hart an der Friedhofsmauer stand. „Wie oft", sagte Esther, indem sie sich auf die Bank niederließ, „habe ich hier gesessen und an dich gedacht, Daniel. Wenn ich die Wolken sah, die droben am Himmel wanderten, mir schien's, als zögen sie zu dir; Ä,rrm WiÄd v^^M-r — -n. Ä-?^, Btz^ dem ich meine Sehnsucht nach dir, Geliebter, anvertraute." „Du hattest dir aber recht ungetreue Boten erwählt", sagte Daniel lächelnd, indem er einen Kuß auf ihre Stirn drückte, „nicht ein einziger hat mir deine Grüße übermittelt. Hätte ich geahnt, daß die Worte „ich vergesse dich nicht!", die dn, vierzehnjährig, mir, dem Achtzehnjährigen, damals zum Abschied sagtest, mehr bedeuteten als kindliche Spielerei — — ich hätte mich in den sieben Jahren der Trennung nicht in sehnsüchtiger Qual nach dir, Esther, verzehrt. Es sollte wohl eine Prüfungszeit für uns sein", fetzte er nich einer Weile nachdenklich hinzu. „Nie werde ich die Stunde vergessen", fnhr er dann fort, „da wir uns zum ersten Male sahen. Ich saß gerade mit deinem alten Großvater beim „Lernen"; es war mitten im Winter, kurz nach Chanukkah; da fährt ein Schlitten vor. Ich springe ans Fenster und sehe gerade, wie dein Vater mit der Linken dich heraushebt, in der Rechten trägt er etwas fest an die Brust gedrückt. Es ist in ein Talliß eingehüllt. Dein Vater tritt in die Stube und sagt: „Guten Abend, liebe Eltern, hier bringe ich euch eine Sefer Thorah und unsere Esther." Und als die alten Leute entsetzt aufspringen und fragen, was denn geschehen sei, da erzählt er, wie die verhetzte Menge zwei Nächte vorher in die Judengasse eingefallen sei, um zu rauben und zu plündern; wie dann aber auf einmal von irgend einer Seite der Ruf erklungen sei: „Wie Judas Jscharioth verkauft ihr unseren Herrn! Ihr nehmt das Geld und laßt die Gottesmörder leben?!" Alsbald habe ein furchtbares Morden unter den Inden eingesetzt. „Da bin ich!" rief dein Vater aus, „in der Nacht in die Synagoge gelaufen und habe diese Thorahrolle genommen; dann bin ich in unser Hans gestürzt, habe unser Kind in den Schlitten gesetzt und bin zu Euch gefahren. Ich weiß, Ihr werdet mir beide hüten, bis Gottes Zorn sich gelegt hat, nnd ich wiederkomme, um sie heimzuholen." Dann küßte er die Thorahrolle, legte dir die Hände aufs Haupt und segnete dich. Aber als er dann, selbst um Segen bittend, vor seine Eltern trat, da konnten diese ihr Entsetzen nicht länger meistern. Deine Großmutter fiel ihm um den Hals und rief weinend aus: „Abraham, bleibe hier, bis der Sturm vorüber ist, warnm willst dn das Glück, daß wir dich noch einmal sehen dnrsten, nns in Gram und Kummer wandeln?" Da antwortete dein Vater: „Mntter, als ich vor dreißig Jahren dieses Haus verließ, um den Posten als Schammes zu übernehmen, da sagte der Valer beim Abschied zu mir: „Bleib' treu, Abraham, du wirst zwar nnr ein Diener sein, aber werde ein rechter Diener! Sei groß vor den Menschen, aber klein vor Gott! Werde ein Diener Gottes." Wollt ihr, daß ich dem Gelöbnis meiner Jugend jetzt untreu werde? Wollt ihr, daß ich meine Gemeinde, wollt ihr, daß ich ihre Mutter — und dabei deutete er auf dich, Esther — in solcher Zeit verlasse? Enren Segen, Mutter, Euren Segen, Vater!" rief er mit flehend erhobenen Armen, und dabei sank er nieder auf die Knie. Da legten deine Großeltern ihre welken Hände ihm anfs Haupt. Ganz still war's in deni Gemach. Weinend und leise fingen sie an, den Segen zu sprechen, aber seltsam, von Wort zu Wort war mir's, als ob sie ruhiger würden, und als sie schlössen: „Der Herr gebe dir Frieden", da lag ein seliger Friede auch auf ihrem Antlitz, als ob sie ahnten, daß es der letzte Segen war, den sie vor ihrem Tode ihrem Kinde spendeten. Dein Vater stand auf und ging hinaus. Es war dunkle Nacht. Mir war's noch lange, als ob es Heller geworden wäre in dem Gemach." Esther hatte ihm mit großen Angen zugehört. Nun sagte sie leise: „Du hast lang Versunkenes in meiner Seele wieder erweckt, Daniel; ja, so war es. Oftmals habe ich die Erinnerung an jene Stunde absichtlich zurückgedrängt. Zu anderer Zeit hätte mich der Gedanke daran gewiß erregt, heute nicht, heute, da all das Leid, vor dem mir damals bangte, Wirklichkeit geworden, ist es mir, als ob etwas von der Kraft, die Vater damals bewährte, segnend auf mich überströmte nnd mich mahnte, stark zu sein um seinetwillen" — und nach einer Pause — „um deinetwillen, Daniel." Wieder zog dieser sie in seine Arme. Dann sagte er nachdenklich: „Gottes Wege sind wunderbar. Hätten wir uns jemals kennen gelernt, wenn dich dein Vater nicht in jener Nacht in unsere Stadt gebracht hätte, wo ich bis jetzt zu den Füßen großer Meister sitzend gelernt habe? Hätten wir uns jemals ganz gefunden, wenn ich nicht vorgestern diesen am Ausgang von Rosch haschonoh offenbar in fliegender Eile geschriebenen Brief «deines Vaters erhalten hätte — und dabei zog er das Schreiben aus seinem Wams hervor: „Neue Schrecken sind über uns gekommen; der Rabbiner, 10 Männer, acht Frauen und drei Kinder sind tot, Hannah, meine Frau, ist vermißt. Komm' zu uns und sei Du, bis wir einen neuen Führer gefunden haben, unser Ratgeber in religiösen Fragen; denn jetzt sind wir wie eine Herde ohne Hirt. Eile, damit Du noch vor Jom kippur bei uns bist. Möge Gott uns schützen vor neuem Verhängnis! Abraham. Und als Nachschrift las ich die Worte: Ehster grüßt." Esther, als ich den Brief empfing, da habe ich geweint in heißem Schmerz über das Leid, das euch wiederum betroffen. Besonders mußte ich an dich denken. „Hannah, meine Frau, vermißt." Immer wieder las ich diese Worte; ich sah im Geiste eure von Angst und Sorge erfüllten Gesichter.--Aber das war nicht alles, Esther, was ich empfand. Es möge dich nicht verletzen, wenn ich es ausspreche, und Gott möge mir meine Sünde verzeihen. In all dem Schmerz, den der Brief deines Vaters in mir weckt?, konnte ich den Gedanken an mein eigenes Glück nicht ganz

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