Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 1-2 (9.1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ich hielt ihm ein Paar kleine Geldmünzen hin und sagte: Wenn Sie Arbeit suchen, wenden Sie sich unten an meines Vaters Büro. Vielleicht kann man Ihnen irgend eine Arbeit verschaffen." Der Unbekannte erhob den Kopf, maß mich hochmütig von oben bis unten und sagte: „Arbeiten? Für wen halten Sie mich denn? Ich gehöre einer Familie von Talmudgelehrten an'. Und indem er die Geldmünzen, die ich ihm gegeben hatte, in der hohlen Hand klingen ließ, sagte er: „Was soll ich damit anfangen? Das ist nicht genug für mich. Ich bin kem gewohnlicher Bettler, ich ..." „Gewiß nicht," erwiderte ick, „aber zum mindesten sind Sie arm, und Sie sind nicht der einzige Arme. Das ist alles, was ick Ihnen geben kann, aber mit dem da, wenn Sie arbeiten . . .' Er unterbrach mich ungestüm: „Sie scheinen nicht zu wissen, daß in der heiligen Schrift steht, daß die Besitzenden nichts sind als die Schuldner der Armen und daß es ihre Pflicht ist, ihr Vermögen an die zu verteilen, die ihr Leben dein Talmudstudium weihen." „Jedenfalls sehe ich, daß Sie ein Faulpelz sind," rief ich mit der Lebhaftigkeit meiner Zwanzig Jahre. Darauf schrie der junge Fanatiker, die Arme hoch über den Kopf erhoben, mit drohender-Stimme: „Der Tag ist nicht mehr fern, wo Sie, erschöpft und mit Lumpen bekleidet, selbst gehen werden, an die Türen Fremder zu klopfen. So geschehe es!" Darauf ging er hinaus mit der Würde eines Propheten in Israel. Aber auf dem Teppich hinterließ er den Beweis für seine Aufrichtigkeit, mit der er die Rolle des jungen Talmudisten gespielt hatte, der-regelmäßig durch die Großmut der Gläubigen unterhalten wird. Die kleinen Geldmünzen, die ich ihm gegeben hatte, lagen da herumgestreut, er hatte sie mit religiöser Verachtung hingeworfen. Ein andermal war ich im Begriff auszugchen, um mich mit meinen Freundinnen zu treffen, als ich im Entree einem Greise begegnete. - „Gehen Sie ins Büro hinunter", sagte ich kurz, und zog meine Handschuhe an. Er antwortete nichts, senkte den Kopf und ging hinunter. Seine Schritte hallten von den Steinfliesen Wider und ich hörte ihn leise mit klagender Stimme murmeln: „O vej is mir!" Ich folgte ihm langsam die Treppe hinunter, ich wagte nicht, ihn zu überholen. Wie dieser gebeugte Rücken, diese Bettler- Silhouette m'ich traurig machten! Mir schien, dieser Klage aus der Brust -des alten Mannes müsse ein geheimer Vorwurf an den Himmel folgen: Mein Gott, so alt wie ich bin, muß ich noch an fremder Leute Türen Pochen! Ich ging ihm nach und gab ihm ein Almosen, aber er empfing es mit derselben Gleichgültigkeit, mit der er vorher meine Ablehnung hingenommen hatte. Dies Almosen, um das er bat, brauchte er 'um zu leben, alber er hatte es schon so viele Male erbettelt, daß er für >gute oder böse Aufnahme gleich unempfindlich geworden war. Draußen war es trotzdem «schön in der Sonne. Der Frühlingshimmel lächelte unserer Jugend und schien voll Glücksoerheißüngen. Um mich herum schwatzten meine Freundinnen, bauten Luftschlösser. Wo 'war die Lüge, wo die Wahrheit im Leben? Durfte man dem Lackeln, dem Schmeicheln der strahlenden Natur trauen? Oder mußte man an die beängstigende Ahnung von' der Grausamkeit des Schicksals glauben, die der Anblick des alten Bettlers -in meiner Seele heraufbeschworen hatte? Lange versuckte ich, den armen Alten mit dem so ganz und gar resignierten Gesicht unter all diesen Elendserscheinungen, die an mir vorüberkamen, wiederzufinden, aber ich traf ihn nie wieder. War er tot, oder hatte ihn das Schicksal weiter fortgeführt, noch weiter fort, um für fein bißchen Brot an andere Türen zu klopfen? Viele Jahre sind seitdem verflossen. Der Krieg ist geko.mnen und hat Existenzen umgestürzt, Vermögen vernichtet, die man für die Ewigkeit begründet glaubte, hat unzählige Heime zerstört; such mich entriß der Krieg der häuslichen Gemeinschaft, er führte mich weit fort von den Meinen. Ich habe eines Tages am eigenen Schicksal erfahren, was «.s heißt, der schonungslosen Wirklichkeit -des Daseins preisgegeben zu sein. Und eines Tages in der Stunde des Trübsinns ist mir Plötzlich, ich weiß nicht wie. der Gedanke an die beiden Bettler von damals gekommen. Und mit geheimer Angst habe ich mich gefragt, ob der Fluch des jungen Talmudiiten. oder die schweigsame Klage des armen Alten mir nicht Unglück gebracht haben. Fanny Frenkel. (Autorisierte Übersetzung von Hedwig Neumann.) 5 Sie Vorsteher der Frankfurter Zudenschaff an den Präsidenten Aurtado, Vorsitzenden des Sanhedrin zu Paris. Mitgeteilt von L. Horwitz-Cassel. Die gewaltigen politischen Ereignisse im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, die von der französischen Revolution ausgingen, mußten ja auch in ihren Folgeerscheinungen auf deutschem Boden Wurzel fassen und fruchtbringend wirken. Wenn jenseits der Vogesen die Menschenrechte proklamiert wurven, so mußte man auch den Entrechteten, den Juden, die Rechte gewähren, die ihnen als Menschen zukamen. Für die, welche bisher in Nacht und Finsternis wandelten, sollte die Sonne der Freiheit hell erstrahlen. Für uns kommen die Verhandlungen in der Nationalversammlung, die Berufung jüdischer Notablen und das Shnhedrium in Frage. Neben vielen christlichen Anwälten für die jüdische Sache waren es Michel Berr, Isaak Berr und Abraham Furtado, die als begeisterte Juden für uns eintraten. Furtado wird uns als „ein Mann von edelster Gesinnung und weitem Blick" geschildert, der als Nachkomme einer Marannenfamilie den Weg zum Judentum und zu seinen Glaubensbrüdern Wiederfand. Zu ihm gesellte sich Isaak Hildesheim aus Frankfurt, der in seiner Heimat mit gleichgesinnten Männern die Emanzipation vorbereitete, die später Karl von Dalberg zur Tatsache werden ließ. Nachstehende Briefe beweisen die Bemühungen: ,Mrief an Herrn Furtado. Herr Präsident! Wenn wir bis jetzt gezögert haben, Ihnen für die Wohltaten, die Sie unfern Mitbrüdern von ganz Europa zu leisten bemüht sind, unsern schuldigen Dank abzustatten, so war die Ursache nicht, daß wir nicht früher unfere Schuldigkeit gefühlt haben, sondern bloß, daß die Gesellschaft, die sich zum Wohle unserer Glaubensbrüder bildet, nun erst seit zwei Monaten völlig zu Stande gekommen ist. Die Erniedrigung, in welcher wir seit 18 Jahrhunderten leben, hat uns für alle Politischen Begebenheiten unempfindlich gemacht, und da wir niemals an dem Glücke der übrigen Nationen teil nehmen durften, so waren wir auch nie auf dasjenige aufmerksam, was sich auf Erden zugetragen hat. Seit fünfzehn Jahren hat uns die französische Nation die Menschen- und Bürgerrechte, welche die Grundsätze barbarischer Jahrhunderte uns geraubt hatten, wieder gegeben. Napoleon der Große ist es, der durch seine Großmut und Seelengröße unser religiöses und politisches Glück fest und dauerhaft zu machen suchte, und seit dieser Zeit fangen wir wieder zu fühlen an, daß wir dem menschlichen Geschlechte angehören, und wir bemühen uns nun, der Wohltaten dieses erhabenen und unsterblichen Kaisers uns ganz würdig zu machen. Aufgemuntert durch das Beispiel unserer französischen Glaubensbrüder und in der Absicht, zum Glück unserer Mitbrüder so viel als möglich beitragen zu können, haben wir allhier eine Gesellschaft formiert, von welcher 'wir Unterzeichneten die Ehre haben, Vorsteher zu sein. Das erste, welches unsere Aufmerksamkeit erregt hatte, war die ehrwürdige Gesellschaft, deren Präsident Sie sind, und wir hielten es für unsere erste Pflicht, Ihnen in beigefügter Adresse erkennen zu geben, wie sehr wir Ihnen für das künftige Glück unserer Glaubensbrüder verbunden sind. Nehmen Sie, Herr Präsident, unseren schuldigen Dank gefälligst hin für die mühsame Arbeit, deren Sie und Ihre Versammlung sich unterziehen, und seien Sie überzeugt, daß von den heilsamen Folgen Ihrer Bemühungen das Glück all unserer Glaubensbrüder auf dem festen Lande abhängt. Da wir jetzt Untertanen eines weisen, aufgeklärten und gelehrten Fürsten sind, so zweifeln wir nicht, daß wir nicht bald an den glücklichen Resultaten Ihrer Bemühungen Teil nehmen werden.. Wenn Sie uns erlauben, daß wir uns nötigen Falls an Sie wenden dürfen, so bitten wir, uns einer Antwort zu würdiget! und den Brief an Unterzeichnete zu adressieren. Empfangen Sie unsere gehormsamste Ergebenheit und er- , lauben Sie, daß wir uns mit Hochachtung nennen dürfen Frankfurt a. M., den 2ö. Nov. 180« Ihre gehorsamsten Diener Jakob Stern. Dr. Oppenheim. Isaak Hildesheim. Daniel Ulmann. Dav. Cassel. A. W. Schnapper. S. Flaschin.