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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-09-01 · 1-2 (9.1926) · page 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
1-2 (9.1926)
Date
1926-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Trauung. „Nesid" wird beim Hochzeitsmahl gesungen, ein Lied aus zweizeiligen Strophen mit durchgehendem Endreim bestehend. „Nesid" ist ein Bittgesang, der sich aus Frage und Antwort zusammensetzt. Auf seine volkstümliche Herkunft weist der stehende Refrain „Anna Adonaj Hosiahna" hin, an dem sich die Zuhörer beteiligen. Im Gegensatz zum „Nesid" ist „SirSt" eine Form der Kunstpoesie und benutzt den Aufbau .der sogenannten „Tausih", d. h. Gürtelsorm, weil die Strophe in der Mitte Plötzlich anders rhythmisiert und wie durch einen Gürtel zu kürzeren Versen zusammengezogen wird. Tie Eingangs- und Schlußverse haben durchgehenden Reim, während der „Tausih"-Teil einem abweichenden Reim folgt. Die Melodien zu diesen weltlichen Gesängen weichen in dem benutzten Tonsystem und in der Verwendung eines festen Rhythmus wesentlich von den synagogalen Weisen ab. Das Tonsystem ist zwar auch hier nicht das europäische, sondern steht den arabischen Maaamen sehr nahe. Es benutzt ähnliche Tonschritte und Motive, unterscheidet sich aber auch in manchen typischen Eigenschaften vom arabische«. Die bekannteste mohammedanische Gebetsweise, die Maaame Higaz, ist dem Jemenen z. B. unbekannt, aber sie verwenden eine ähnliche Tonleiter. An anderen Stellen berühren sie sich allerdings auch wieder mit den abendländischen Kirchentonarten, so dem mixolydischen. Auch die Verwendung des festen Rhythmus geschieht nicht in der gleichmäßig taktartigen Weise des Abendlandes. Der orientalische Rhythmus, den die Jemenen verwenden, ist viel komplizierter. Die Tempi sind unregelmäßig, und die Taktart muß der Tonart im Fröhlichen wie im Getragenen entsprechen. Die Pansen nnd der Takt werden nur streng «gehalten, wenn der Gesang mit Begleitung ausgeführt wird. Man unterscheidet wie bei uns gerade und ungerade Taktarten, doch ist die Mannigfaltigkeit der Taktarten viel größer. Wir zählen allenfalls bis zu zwölf Tateinheiten; bei den Jemenen ließen sich im geraden Takte Maße von 38, 36, 32, 28 . . . bis zu 4 Werten feststellen. Die ungeraden Takte schwankten zwischen 19 und 7 Einheiten; in unserer Ausdrucksweise würden das Takte von u. s. f. bedeuten. Die Gesänge erhalten natürlich hierdurch im Rhythmus etwas Freieres, Abwechslungsreicheres als die abendländischen. Immerhin lassen sich auch die längeren ungebundeneren Gruppen ungefähr auf unser modernes System bringen. Die „Halßlot" sind in ihren Melodien am stärksten mit dem Snyagogen-Gesang verwandt, ihr Aufbau daher wechselnd. Die „Zäfat" bestehen aus zwei Abschnitten, die zwischen geradem (etwa V«) und ungeradem Takt abwechseln. Die „Hiddujot" bestehen auch aus zwei Abschnitten in ungeradem und geradem Takt und einer abschließenden ungeraden Coda. Die „Nesid" benutzen drei Melodien von ganz verschiedenem Aufbau, ähneln z. T. der Selihaweise so stark, daß sie sich vielleicht aus ihr entwickelt haben. Die reichste und höchste Kunstform, besonders wenn mit „Tausih" verbunden, bilden die „Siröt". „Tausih" hat meist eine eigne Melodie, sodaß der Aufbau der Lieder etwa unserer modernen musikalischen Liedform, d. h. der Melodiefolge a — d — A mit Wiederholungen, entspricht. — Während die Ausführung der synagogalen Gesänge im Orient mehr Wert auf Wahrung der Tradition und innere Durchfühlung als auf äußere Kunstfertigkeit legt, liegt der Fall bei den weltlichen Liedern anders. Hier halben die Juden wenigstens in der äußeren Forin der Aufführung einiges von den Mohammedanern übernommen, besonders in der Art der instrumentalen Begleitung. Der Kommentator der jemenischen Poesie Rabbi Jahja Qörah beschreibt es selbst als eigne Sünde, wie er heimlich sich zu einem arabischen Fest begibt, um die musikalischen Gebräuche der Araber besonders bezüglich der Instrumente kennen zu lernen. Dort hört er Flöte spielen, um die Melodie der Gesänge zu verstärken oder zu ersetzen und die begleitenden Kinnor (Mandolinenart) und Pauken, die den Ton füllen und den Rhythmus herausheben. Die jemenischen Dichter haben denn auch sieben Rogein aufgestellt, nach denen sich die Künstler richten sotten. „1. Der Dichter soll seine Dichtung von Fehlern reinigen und sich einen Chor stimmbegabter Freunde sichern. 2. Er soll Versmaß und Vokalaussprache beobachten. 3. Er soll keine unheiligen Worte für heilige Dinge gebrauchen und sprachliche Irrtümer vermeiden. 4. Seine Worte sollen klar und verständlich sein. 5. Er soll für das ruhige Verhalten der Zuhörer sorgen. 6. Bevor er das Gedicht anderen vorträgt, lese er es für sich durch; er trage es aus dem Skriptum vor und lasse ... sich nicht bewegen, es auswendig vorzutragen. 7. Er trage das ganze Gedicht vor und erlaube sich keine Kürzungen." Außer den „Haletöt" — die ja auch sonst nur eingeschränkt zum Typus des weltlichen Gesanges gehören — werden die vier anderen Gattungen im Wechselchor gesungen. Die Melodien werden aus einen Vorsänger und zwei Chöre, die mindestens aus vier Personen bestehen müssen, verteilt. Der Vorsänger beginnt mit der ersten Strophe, wiederholt dann die erste Zeile, die der erste Sänger mit dem ersten Chor übernimmt. Der zweite Chor antwortet. Sämtliche Anwesenden beteiligen sich an der Markierung des Rhythmus, sie klatschen an den Akzentstellen in die Hände oder benutzen die Schlaginstrumente. Der Tanz ist bei den Gesängen, besonders bei „Sirot" unentbehrlich. Er wird jedoch uur von Männern ausgeführt und muß sich im Verlauf des Liedes im Tempo stetig steigern. Die Frauen dürfen nur beim ZäfZ,t mitwirken, aber auch hier nie beim Tanz. Der erste Sänger hat jede Strophe zuerst solistisch vorzutragen. Da man die Eintönigkeit der vielen Wiederholungen Wohl doch als zu stark empfunden hat, ist es dem Vorsänger gestattet, zu variieren und improvisieren. In dem Phantasiereichtmn dieser Abwandlungen besteht die höchste Kunst der Sänger weltlicher jemenischer Poesie, im Gegensatz zu dem schönen klangvollen Organ, das bei den kirchlichen Gesängen gefordert wird. Wir haben hiermit eine Uebersicht über die musikalischen Gebräuche der im Orient lebenden Juden zu geben versucht. Die synagogalen Weisen sind überall miteinander verwandt. Der Gesang ist Psalmodierend und steht dem Vortrag des katholischen Chorals sehr nahe. Im Orient gibt es keine kirchlichen Mischmelodien wie in Europa. Dagegen haben die persischen und die babylonischen Juden sich in ihren außersynagogalen Liedern vollkommen an die Formen der sie umgebenden Nationen, der Perser, Türken und Araber angeschlossen. Nur die Juden von Jemen bilden eine Ausnahme. Zwar haben auch sie in der äußeren Ausführung gewisse Eigenheiten der arabischen Musik aufgenommen, aber mit eignem Geist so stark durchwirkt, daß man ihre Lieder als Original gut bezeichnen kann. Die jemenischen Juden haben — vermutlich angeregt durch kabbalistische Einflüsse — in der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert eine bodenständige jüdische Kunst besessen. Sie beiden Seitler. Man muß in einer kleinen polnischen Stadt gelebt haben, um sich einen Begriff von dem Elend der dortigen Juden zu machen. Man muß diese Kinder, diese verfallenen, bettelnden Greise in der Nähe gesehen haben, um zu verstehen, was die Bettelei da unten bedeutet. In meinem väterlichen Hause fingen die Armen ihre Tour gewöhnlich in meines Vaters Büro an, das im Erdgeschoß lag. Dann stiegen sie die erste Etage hinauf zu meinem Großvater und kamen endlich in unsere Privaträume im zweiten Stock. „Vater," fragten wir manchmal, „warum, wenn die Armen doch in deinem Büro Almosen bekommen, läßt man sie noch bis zu uns heraufsteigen?" „Wenn man zwei Wohnungen bewohnt," sagte der Vater, „so muß man an zwei Türen Almosen geben. Man darf nicht versuchen, liebe Kinder, den Unglücklichen aus dem Wege zu gehn. — Das war der Standpunkt, den er unabänderlich vertrat. Wie oft mußten wir unsere Beschäftigung, unsere Lektionen unterbrechen, unsere Spiele liegen lassen, unsere kleinen Freunde verlassen, um die aufzunehmen, die an unsere Türe klopften, um Hilfe und Beistand zu erbitten. Und wie jammervoll war dieser tägliche Zug der Elenden! Allmählich hinterließen diese herzzerreißenden Erscheinungen in meiner Seele einen traurigen Druck. Ich fand schließlich kein Vergnügen mehr an frohen Melodien, an hinreißenden Mazurkas, und die Romane, die mir von wolkenlosem Glück erzählten, machten mir den Eindruck von Feenmärchen, mit denen man unsere Kindheit wiegte. Es war ein zu großer Kontrast zwischen ihren lachenden Bildern und der Wirklichkeit von draußen, die sich ständig an unserer Türe aufhielt. Wenn ich heute daran denke, empfinde ich kindliche Bewunderung für meinen Vater, aber trotzdem kann ich mich einer gewissen Nachsicht für unsere Jugend nicht erwehren, die gegen diesen ständigen Aufruf zur tragischen Wirklichkeit protestierte. Zwei Bettlererscheinungen werden mir immer gegenwärtig bleiben. Eines Tages sah ich einen jungen Menschen in das Vorzimmer eindringen. Kaum war er eingetreten, als er schon mit ungestümer Gebärde seinen zerlumpten Ueberrock aufriß und seine erschreckend magere Brust zeigte. „Ich bin in schrecklichem Elend", sagte er mit einer Stimme, die vor Zorn bebte. Und gleichzeitig zeigte er mir mit der Hand seine zerrissenen Schuhe. Und wir hatten Winter, einen polnischen Winter!

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