Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 1-2 (9.1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Weg, den der Mensch gehen soll. Sie sieht, sie wünscht ihn in Bewegung, nur freilich wünscht sie ihn nicht irgendwie bewegt, sondern schreitend und immer schreitend nach einem göttlichen Ziel, nach Gott selber, der so der ewige Ursprung wie das ewige Ziel ist. Ohne es je in diesem Leben zu erreichen, können wir uns ihm doch auf dem Weg des Guten nähern, können uns auf mancherlei falschen Wegen von ihm entfernen. „Deine Taten bringen dich Gott näher, deine Taten entfernen dich von ihm". Mit dem erschütternden Schalle der Posaune gebietet uns das Neujahrsfest, für eine Weile auf unserer rastlosen Wanderung innezuhalten, um„inne"zu werden, daß wir unter dem Druck der alltäglichen Sorgen nicht minder als unter dem einschläfernden Sang alltäglicher Sorglosigkeit den einen Weg verloren haben. Ueberall und nirgends recht zu Hause, lernen wir endlich wieder einmal bei uns, bei unseres Herzens Herzen einkehren, um von "innen heraus die Richtung wiederzugewinnen, in der ein heiliger Schöpfer uns angelegt. Leben und Tod, Heil und Verderben, unser ganzes Geschick hängt daran. Mit furchtbarem Ernste tastet der Geoanre aus- ÄeZ Maütngen Seele, daß er vor Gott, der alle seine Schritte richtet, nicht gerecht befunden wird, weil sein Weg von Gott hinwegführte statt zu ihm hin. Aber ist es uns möglich, von Gott fortzuschreiten (und wievieles, was wir Fortschritt nennen, ist nichts anderesals dies!), so müssen wir wohl auch die Freiheit haben, zu ihm umzukehren. Die Umkehr ist der Sinn der z'ms tssedu^o zwischen den „ehrfurchtgebietenden Tagen". Und sie ist kein Leichtes; sie fordert einen heißen Kampf, worin der Mensch sich losringt von der Macht der Gewohnheit und der Selbstsucht, wo die große Wendung und Wandlung sich vollzieht von der bloßen Kreatur zum Menschen Gottes, von dem bloßen Geschöpf zum Schöpfer des eigenen Lebens. Nur der im sittlichen Kampfe Geläuterte vermag in den 24 Stunden des Versöhnungstages das Letzte zu vollbringen und zu erfahren: die Rückkehr zu Gott. 'Denn eine Rückkehr, eine Heimkehr der irrenden Menschenseele zu ihrem himmlischen Vater ist die Bedeutung dieses erhabensten Tages, den die jüdische Religion, den die Menschen kennt. Dem Letzten werden wir nun gegenübergestellt: dem irdischen Tod, vor dem der Sterbliche in all seiner Nacktheit und Ohnmacht dasteht; dem Letzten aber auch, was der Glaube zu schenken hat: der Gewißheit einer erbarmenden und versöhnenden Liebe, die „stark ist wie der Tod". Nicht ein Eingehen in die Gottheit, aber die Gewißheit derBersöhnung, die die wiedererrungene und erschwungene Nähe Gottes gewährt, ist der köstliche Preis, der dem Kämpfer am Ende winkt. Und als ein „daal teseduno", der auf seinem Irrweg Etnkehr, Umkehr und Heimkehr nach heißem Bemühen und in demütigem Vertrauen erlebt hat, steht er nach der Anschauung unserer Weisen höher als der vollkommene Fromme. Auf dieser Höhe zu verharren, ist keinem Sterblichen gegeben. Immer wieder muß der Anfang des Jahres auch einen innerlichen Anfang bringen. Aber wen die ersten zehn Tage erst zur Höhe erhoben, der wird nicht leicht gänzlich in den" Niederungen mehr versinken. Er fühlt, daß er nicht rettungslos in den eintönigen Kreislauf des Geschehens gebannt ist, daß ein Rhythmus von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr schwingt. Und wenn selbst er altert und vergeht — sein Volk, das sich an jedem Jahresanfang religiös und sittlich erneut, erfährt das Wunder ewiger Jugend. Sie Gesänge der orientalischen Inden. Von vr. Kathi Meyer. Nachdem die ethnographische Musiksorschung eine große Reihe von Uebereinstimmungen in dem Material der Musik, in den Tonsystemen, auf der ganzen Erde festgestellt hat, wurde die Frage akut, ob diese Uebereinstimmungen nur auf Naturgegebenem beruhen oder etwa durch Beeinflussungen eines Landes auf seine Nachbarn vor sich gegangen sein könnten. Denn trotz der gemeinsamen Grundlagen hat sich die ganze orientalische Musik doch wesentlich anders als die abendländische entwickelt. Die beiden Nationen, die die Vermittlung zwischen Orient und Okzident übernommen haben, sind, soweit wir es heute übersehen, die Griechen und die Bewohner Syriens, vor allem die Juden. Der Anteil Syriens ist lange Zeit fraglich gewesen. Die Forschung mußte stocken, weil die Musikhistoriker nicht über die nötigen Sprachkenntnisse verfügten, die Philologen dagegen 2! ihr Interesse ausschließlich den textlichen Denkmälern zuwandten. Da machte sich der Kantor A. Z. Jdelsohn mit Unterstützung vor allem der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und der Zunzstistung an das Studium des hebräisch-orientalischen Melodien schätze s. Nach jahrzehntelanger Arbeit hat er die reichen Ergebnisse in einer Reihe von Bänden — bisher erschienen drei — niedergelegt, als Resultat „langjährigen Erlernens und Erforschens, Sammelns und Sichtens des orientalischen Gesanges im allgemeinen und speziell des traditionellen Gesanges der orientalischen Juden". Jdelsohn bediente sich bei seinen Arbeiten der von der vergleichenden Musikwissenschaft aufgestellten Methode. Er Ueß sich die ihm erreichbaren Gesänge von den berufenen Sängern vortragen, nahm sie mit einem Phonographen auf, um so eine möglichst objektive Materialsammlung zusammenzubringen .Die Platten dieser Ausnahmen, die in den Wiener und den Berliner Phonographenarchiven aufbewahrt liegen, wurden dann nach Landschaften geordnet, untersucht in textlicher Beziehung, nach Inhalt und Form der ver- <Z>ÄHch^-, Ä^Mkn«. ^vM-Mch stellung ihrer tonalen Zusammensetzung, ihres Rhythmus, ihres melodischen Motivgehaltes, der Vortragsart u. a. Nach den Orten der Ansiedlungen unterscheidet Jdelsohn sechs jüdisch-musikalische Kulturkreise, und zwar die jemenischen Juden (in Südarabien), die persischen Juden (Hauptstadt Buchara), die babylonischen Juden, die syrischen Juden, die sefardischen und die marokkanischen Juden. Von ihnen können wir uns nach den bisherigen Veröffentlichungen über die drei ersten Gattungen, den jemenischen, den Persischen und den babylonischen Gesang unterrichten. Die Kreise sind von den Völkern, innerhalb. deren die Gemeinden leben, mehr oder weniger beeinflußt, haben gewisse Eigenheiten der dortigen Nationalitäten angenommen. Am strengsten abgeschlossen haben sich die jemenischen Juden, daher konnte Jdelsohn bei ihnen im außergottesdienstlichen Gesang — der andere ist hier wie überall nahezu vollkommen exklusiv — eine originale hebräische Poesie und Musik feststellen. Die persischen Juden hängen von den persischen und türkischen Nachbarn ab; die Frauen singen dort nach persischen und türkischen Texten. Die babylonischen Juden stehen unter arabischem Einfluß, ihre Gesänge folgen den arabischen Melodiegesetzen. Die Ausführung auch der außersynagogalen Gesänge ist mit wenigen Ausnahmen Sache der Männer. Der Unterricht der Knaben beginnt schon sehr früh, vom vierten Jahr an und folgt einem ganz bestimmten Lehrplan. In den ersten beiden Schuljahren lernen die Kinder die Lobsprüche über die Speisen, im dritten Jahr die kurzen Gebete, im vierten Buchstaben und Punktation, im fünften die Vortragszeichen des Pentateuch, die Texte von Pentateuch, Liedern und Psalmen und die traditionellen Singweisen. So werden die Jungen systematisch für die Anteilnahme am Gottesdienst vorbereitet. Die synagogale Poesie ist in dem Gebetbuch „Tiktal"*) zusammengefaßt, dessen Name soviel wie „alles umfassend" bedeutet. Hierin sind die eigentlichen Gebete, die „Tefilla", die täglichen Benediktionen, die „Josßr" und die Lobgesänge „Zemirot" enthalten; ferner die „Hosaanot" für das Laubhüttenfest, die „Selihot" für die Büß- und Festtage und die Klagelieder „Qinnot". Der Tiktal vereinigt also alle Gebete für das ganze Synagogenjahr. Diese Gebete werden null gruppenweise nach bestimmten Gesetzen abgesungen. Jdelsohn bezeichnet die Gesänge ausdrücklich als Weisen und nicht als Melodien, weil sie keinem bestimmten Rhythmus unterworfen sind, sondern ohne Takt den Text rezitierend oder psalmodierend vortragen. Die jemenischen Juden besitzen fünfzehn, die Persischen Juden zehn, die babylonischen Juden dreizehn Weisen. Die Jemenen unterscheiden folgende Arten: 1. Die Pentateuchweise. 2. Die Zemirotweise. 3. Die Prophetenweise. 4. Die Psalmenweise. 5. Die Liedweise des Pentateuch. 6. Die Hoheliedweise. 7. Die Estherweise. 8. Die Klageliedweise. 9. Die Jjobweise. 10. Die Mischnaweise. 11. Die Tefillaweise. 12. Die Selihaweise. 13. Die Hohe Feiertagsweise. 14. Die Taanitweise. 15. Die Azharotweise.. Die zehn Weisen der Perser sind in diesem Schema enthalten, die Babylonier kennen als eigenes Gut noch eine besondere Art des Vortrages sür das Buch Ruth und eine gesonderte Spruchweise. Die Weisen sür die entsprechenden Bibelteile sind bei den drei Kultstämmen nahezu die gleichen, und nur geringe *) In der Schreibart der Namen richte ich mich nach Jdelsohns Vorbild.