Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-08-01 · 12 (8.1926) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
12 (8.1926)
Date
1926-08-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3094266-3094300-3094311--0726-3095433
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die in christlichen Kreisen in jahrhundertlanger Tradition eine Selbstverständlichkeit geworden ist: Nämlich die einzelnen achten«werten jüdischen Handwerker und deren Familienangehörige zum gesellschaftlichen Leben heranzugehen und dadurch dem großen Teil der nicht interessierten jüdischen Kreise durch d:e Person des Eingeführten augensällig zu zeigen, »ah Handwerk und «risti-zr Interessen sich sehr wohl verbinden lassen. Gerade hier liegt eine der wichtigsten Hukunflsaur.go.ben Zahlrnmägig ist die Handwerker-Frage bei den Juden gelöst. In Rufzland und Galuien sind fast 40"« oller Juden Handwe'krr. I, Rumänien ^>" . aller Handwerker Juden, In New?)ar» sind fast 7«<" - von der eine Million zählenden jüdischen Bevölkerung Handwerker. In Deutsch« land zählen wir l7»x, selbständige und 21 ^>«' unselbständige silbische Handwerker. Selbsloersläridltch setzt sich ein grofzer Prozentsatz dieser Zihlen aus handwerks-iiägigen Arbeiterderusen und und Heimarbetlern sllr das Korfeklionsgewerde zusamiucn. Die j^rage zu beantworten, warum trotz dieser Zahlen das deutsche jüdische Handwerk so wenig herumtritt, ist nicht schwer. Es ist eben dem herangebildeten jüdischen Handwerkerstände und seinem Nachwuchs nicht die genügende Beachtung geschenkt worden, die ihm zukam. Qualitätsarbeiter und jüdische Hand verker mit Qualität^kcnntnissen heranzubilden ist unsere vornehmste Zudunftsausgcibe. Es ist u. a. auch die seiner qcübte Praxis deeinfachen Unterbringen» eines jüdischen Lehrlings in einen Handwerksbetrieb mit dem M-ilto: .Lerne jelit jtkisjig. und bist du Rottes Sohn, so hilf dir selbst' in Zukunft strikte abzulehnen Diese, wie ein N?the anderer Fragen sind erst als gelöst zu betrachten, wenn man vom Handwerk nicht mehr als einem Beruf sprechen kann, der bei uns Juden in der Praris wenig geachtet ist. Wenn diese Klage der geringeren Achtung auch mit einem gewissen Recht in christlichen Kreisen erhoben wird, s» haben diese doch in der Praxis den Vorteil einer gesellschaftliche» und geschästlichen Protektion und Tradition für sich, die ihnen in allen Hüllen wo sie durch Gesinnung und Leistung verdient, auch ohne iveiteres zugewandt wird Die wenigen jüdischen Handwerker, die auf Grund ihrer Kcnntmi.se nnd Leistungen eine solche Protektion für sich jedtiisals beanspruchen können, sehen sich vergeblich nach einem jüdischen Kreis? um. der ihnen Gelegenheit gibt, sich in ihm als gleichwertige und glrichgeachtele Personen zu bewegen Sie haben schwer unter dem fast völligen Hehlen dieser öelbstversländltchkeltcn in den jüdischen Kreisen zu leiden. Um dies zu debeben mlifken wir nachdrücklichst daraus bestehen, dag nichts in Sachen des jüdischen Handwerker« und M.nrlstantes geschieht, wozu wir nicht mit entscheidender Stimme hinzugezogen werden. Au» diesem Grunde müssen wir auch die Arbeiten der jetzt wieder auflebenden Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Juden aufmerksam beachten und verlangen, das; dieselben sich zeitgemäjj umstellen. Wir benötigen zur Stärkung unserer Position das Interesse unserer besseren und führenden Kreise und man darf zur Weckung dieses Interesses auch nicht vor Radikalmittel zurückschrecken Unsere größeren jüdischen Handwerksbetriebe, an die immer zuerst herangetreten wird, müjjtcn es prinzipiell ablehnen jüdische Lehrlinge einzustrllrn. die nicht aus den besser gestellten jüdischen Kreisen kommen und eine durchaus abgksculossene gute Schuldlldung nnd gute Kinderstube mitbringen. In nichljüdischen Kreisen ist der Zugang, auch besserer Kreise, zum Handwerk eine Selbstverständlichkeit uud solang dies nicht auch bei un» der Kall ist. ist die Oesahr vvrhanden. bukt wir ein jüdlschci Pcolüuliui grugzichen Auch im Handwerk kann sich dee nur durchsehen, der neben der körperlichen Eignung auch geistige Vorbildung besitzt. Jeder Gedand, der Verbindung?s« Thoraiehranslall und Handwerk ist Utopie und zu verwerfen, da er nur halbe Arbeit und ein Pfuschertum fördert. Dabei bleibt «» unsere Pflicht, daraus bedacht zu sein, dag unsere jüdischen Lehrlinge während der Lehrzeit und auch späterhin die Verbindung mit den geistigen Quellen des Judentum» nicht verlleren. Diesen Zwecke zu dienen haben- Lehrlingsheime. Gchilfenvereine. Zusammenwirke« mit anderen geeigneten Organisationen. Das wäre auch »ine dankenswerte Ausgabe unseres zu schassenden Zrauenverdandes des jüdischen Hqndmerkerverdündo. Zur dritten Frage ist zu bemerken, dafz un,ere nichtjüdisch« Bevölkerung an der Existenz zahlreicher jüdischer tüchtiger Handwerksmeister da» größte Interesse hat. Die völlige Wirtschaftsumstellung, die uns das letzte Jahrhundert gebracht Hot. hat das Bild des biederen Handwerksmeister» von Anno dazumal stark verändert, ^eder größere Handwerksbetrieb und Meister von heute. Schlo»'er. Schreiner «tc. braucht Maschinen. Er braucht serner Umsicht bei Kalkulation, beim Einkauf und bei der Aechnungsstellung. Tatsache ist es. daß trotzdem groge Kreise des Handwerk» «och stark in üb«lebten Bildern des alten Handwerkerstandes befangen find, und den Aue; der Zeil selbst heule noch nicht voll erfassen. Davon wissen alle ein Lied zu sm-irl?. die in de? Leitung der Innungen. Innungsausschnsse nnd Genossenschaften usro tälia mitwirken. Ein Zuzug tächtigrr jüdischer Meiste?, die gleich aelka.jen von Fachkenntnis. Liebe zu ihrem Beruf und zu ihrem Vaterland, ihre Korporation unterstützen und dadurch ihren Stand Heden würden, kann nur zum Segen unseres gesamten Handwerker« Standes gereichen. Denn die jahrhundertelang geübte Geistesarbeit bei den Juden führt zweifellos zur leichleren Aufnahme und Durchführung der Aufgaben unseres heutigen Handwerker-Standes- Hand in Hand gehend mit der ununterbrochenem deutschen Werkt-adition können beide Teile nur gewinnen. Schwer lastet die wirtschaftliche Not auf allen Kreisen unserer deutschen Lande, noch schwerer aber als tiefe .'astet auf ihnen gegenseitiges Mizlrauen. Konkurrenzneid und oartripolit scher Fanatismus- Wir deutschen jüdischen Handwerker haben eine doppelte Mission in dieser Hinsicht zu erfüllen. Wir haben den Gedanken von dem Wert der körperlichen Arbeit und der Genügsamkeit rn die Neiden urserer jüdischen Nichthandwerker h:neinzutraüe>i. Wir haben den Beweis zu erbringen, dag wir auch als;üdi>chc Handwerker di- Pflicht erfüllen, ständig auch geistig weiterzuarbeiten und überall zur Stelle zu sein, wo es gilt Knlluraufg iben zn fördern und zu unterstützen. Wir haben unseren nichijudijchen Kollegen stets zu zeigen, das; es bei der Erfüllung nationaler Pflichten und dem Streben nach höheren Kulturweilen keinerlei reliqöse Trennungen gibt und dag wir von gleicher Liebe für - unserem Stand und sür unser Heimatland getragen sind- Wir haben mit ihnen in gleicher Weise daraus zu achten, das; der Boden des Handwerks stets ein goldener ist, lind einen goldene» Boden wird es auch immer haben, wenn die Männer, die auf ihm stehen, sich stets oon dem Grundsätze leiten lassen: .Das! Beste zu leisten, das Edelste zu denken und nach dem Höchsten zu streben!" .Das ist Eijiehuug zum Handwerk." Lasset leuchten das Licht in der Finsternis. > Von Dr. phil. et jur. Ludwig Coda «.Breslau». Das Gebiet der Wohlfahrtspflege ist so gros; und umjagl eine j solche ^nlle maningfacher Aufgaben, deren jede als wichtia und i unerläglich zur Erfüllung drängt, das; es schwer ist zu sagen wo die grvsite Dringlichkeit vorliegt. Nicht so schwer iit es aber, zu sehen, welche G>»t>icte in der Wohlfahltspsle^e bisher keine genügende Berücksichtigung erfahren haben und daher hinter dem allgemeinen Fortschritt zurückgeblieben sind. Das gilt ganz besonders von der Fürsorge f.ir die jüdischen Blinden. Seit Iahren schenkte ich dieser besondere Beachtung, und ich inus; mit Bedauern sagen, das;, abgesehen davon, dag aus i ineine Anregung hin im Jahre l'.itv die jüdische Vlindenanslall sür Deutschland in Steglitz bei Berlin entstanden ist, sür unsere ' Blinden nichts weiter getan wurde. Selbst das Wichligite. eine Statistik unserer Blinden, konnte bisher noch nicht erreicht werden. Ein diesbezüglicher Versuch, den ich im Jahre!'.«>.'> anregte, scheiterte, weil man die gleich zu Beginn ausrauchenden Schwierigkeiten sür unüberwindlich hielt.! Es hatte sich nämlich herausgestellt, das; die uns Juden rigenlülnlichc Scheu. Unangenehmes nach Möglichkeit unausgesprochen zu laise», die zahlenmäßige Feststellung der Blinden erschwerte, uno so gav man den Versuch dieser so notwendigen Vorarbeiten > aller Fürsorge schon im Keime wieder auf und meinte, sich auf! vir entspreche»»? ,>e>Ntellung einer allgemeinen Volkszählung oerlassen zu können. Weshalb diese Zahlen zuverlässiger sein sollten. > ist zwar nicht einzusehen, meine damaligen Mitarbeiter waren! aber anderer Meinung als ich. Das Ergebnis hat aber doch! ihren Irrtum bestätigt; denn die Volkszählung vom Jahre!9W erbrachte sür ganz Deutschland ->V jüdische Blinde. Daß diese Zahl unzutreffend ist. beweist schon i-llein die Tatf-che, das; jüdi-! sch- Kindcr überhaupt »i.i,i als oiino ermittelt stnd. Ich selbst hatte aber privatim schon mehrere unterichtet. Man begnügte sich > aber doch mit der Feststellung der Volkszählung und gründete ein! Blindenheim für Erwachsene, das seit dem Mai!',>!«> eine segensrei.be Tätigkeit entialltt. Nach den mir durch den derzeitigen Leiter. Herrn Direktor Kay in freundlicher Weise gewordenen , Mitteiluikiicn bietet das Heim, mit dem auch Arbeitsstätten ver» ' dunden sind, für 4.'» Insassen Baum. Seit seiner Gründung sind 5ei Personen durch das Heim gegangen, davon 50 männiiche und!A weibliche. Die gegenwärtige Belegziffer deträgt :!7. 14 männliche und 5! weibliche Blinde, was jedoch dem allgemeinen numerischen Verhältnis.!i>'> männliche zu 74 welvlicven jüdischen Blinden nicht cntsorich». Ganz abgesehen davon Ka»,i ich selbst aber durch die zahlreichen an mich gelangenden Anlagen und durch -Rückschlüsse aus Grund der jüdischen Blinden'ürs??ge. die ich mit Hilf? -in?:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.