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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-07-01 · 11 (7.1926) · page 7

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
11 (7.1926)
Date
1926-07-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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.Ihr Gerechten. Grundfesten der Welt, ihr reinen Seelen alle, möge es der Wille sein vor unserem Vater im Himmel, der das Paradies erschuf, bevor er noch seinen Fußschemel, die Erde, ins Dasein ries, daß ihr ruhet in Ehre und Frieden bis ans Ende der Ewigen, euern Gott, dem Groden und Erhabenen. Möge mir und meinen Angehörigen und dem ganzen Hause Israel das Verdienst (sechuth)e«res Thorastudiums und eurer guten Taten beistehen, das ihr erworden habt, solange ihr auf Erden wandeltet. Und wenn meine Stunde kommt, aus dieser Welt zu gehen, möge mein Anteil sein, «eben euch im Gan Eden zu weilen: rnögc ich gewürdigt werden, den Glanz der Schechinah schauend zu genießen, zusammen mit euch und allen anderen Gerechten und Frommen; ich und ganz Israel, dort wollen wir alle ewiglich uns bergen unter den Flügeln Gottes, in inniger Gemeinschaft mit dem Höchsten, im Schatten des Allmächtigen.' Der erste Gang gilt immer dem Grabe des Rabbiners oder Lehrhauptes. Um ein solches Grad versammeln sich gewöhnlich die ehemaligen Schüler: .Sei uns gegrünt, unser Herr, Lehrer und Meister. Friede mit dir in alle Ewigkeit. Ruhe sanst auf deinem Lager und möge das irdische Leid deiner Angehörigen hicntcden deine selige Ruhe nicht trüben. Verweile du hoch über allen dichten Wolken, in inniger Gemeinschaft mit dem Höchsten, im Schotten des Allmächtigen. Hei! dir. glücklich bist du, da es dir gegönnt war. die Wege deines Schöpscrs zu wandeln und Redlichkeit und der Güte, um deine Mitlebendcn der Gerechtigkeit zuzuführen. Grog ist dein Lohn, und der heilige Z<önig wird dich in Välde erwecken und auferstehen lassen mit allen anderen Gerechten und Frommen der Welt. Gleich wie du dich um dein Werk gemüht hast in diesem Leben, um die Worte der Thora zu ergründen, so mögest du von Stufe zu Stuse immer höher emporsteigen, bis zu der rrhabenstcn Stelle, wo du aus dem Munde Gottes die Uraedciinnisse der Thora vernehmen wirst, die er seinen Au?crwähltcn offenbart. Möge uns unser Vater im Himmel um deinetwillen und und aller anderen Frommen und Gerechten., die hier gebettet sind, unsere Sünden vergeben. Denn dir zu Ehren sind wir hergekommen, den großen und erhabenen Namen Gottes zu preisen, drin Grab zu grüficn und dich zu bitten, daß du Fürsprache sür uns hallest, wenn w:r zu Gott flehen, das; er uns bewahre vor jähem Unglück und Zusammenbruch, vor Gewalttat und harrer Heimatlosigkeit und Schrecken und Getümmel und unnatürlichem und schändlichem Tod und vor bösen Stunden, da»; er alle unsere Krankheiten heile und uns und ganz Israel als Geschenk aus seinen Händen unser täglich Brot kummrrlos grbe. uns seine frshe Botschaft s-nde und lauges Leben in Frieden und Ruhe gewähre, das: er uns nicht in der Mille des Lebensweges abberufe und uns nicht sündenbcladen aus der Welt scheiden lasse. Er gebe uns Weisheit, Erkenntnis, Einsicht und Liebe und Wohlgefallen in seinen Augen und in den Augen aller seiner Geschöpfe, mil denen wir Umgang hiben. Er möge unjcre Seelen lenken, vafz wir ihn Neben unz seinen Namen füränen und seinen Willen tu» aus ganzem Heizen; er vernehme unsere Gebete und weise uns nie ungchört weg von seinem Antliy." In diesem Gebet ist das Kompro.-,.isz zwischen dem Gejuhl und der Religionsvorschrist persekt. Die Seele des Verstorbenen wird angesprochen, aber das Gebet richtet sich ausschliehlich an Gott; es ist also hier alles Verpönte ausgeschlossen. Dieses Totengebet enthält aber auch in nuce die gesanue Lebensanschauung des schlichen Juden, des Mannes aus dem Volke, der keine besonderen Ansprüche auf ausgezeichnete Gelehrsamkeit oder Frömmigkeit erhebt, dessen Haupttugend es ist, ein braver Durchschnittsmensch, ein guter Familienvater und Bürger zu sein. Wir sehen hier, wie er sich sein Verhältnis zu Göll und zum Jenseits oenkt, was er sich vom Leben wünscht und wie er sich seine Iseale ausmalt. An ihren Gebeten werdet ihr die Völker erkennen, hier kann man ihnen die Geheimnisse ihrer Herzen ablauschen. Die Enrftebun s-ieit des Gebetes oerrät ungefähr die Bitte us- Schu-, ss? Gewalttat und harte? Heimarl-sigkeit und Schrecken und Getümmel: es war offenbar die Periode des finstersten Mittelalters, oo. der Jude keinen Tag seines Lebens sicher, war und nicht hatte, wo er das Haupt hinlegen konnte. Gebete dieser Art. die ja nicht zu einem geordneten und wohlgegliederten. sozusagen offiziellen Gottesdienst gehörten, waren wohl mehrere Jahrhunderte hindurch dem Einzelnen überlassen, bcgadtrrc Personen oerfas;trn ursprünglich derartige Gcdcle für sich allein, die allgemein Annahme fanden. Daher die zahlreichen Variante,-, in denen die einzelnen Stücke auf uns gekommen sind. Nur gewisse Wendungen, wie z.V. .möge das irdische Leid deiner Angrtwrig n deine keliae Rune nicht trüben', sowie die Bekenntnisse und die allgemeinen Bitten kehren überall wieder, da sie gemeinsamen Anschauungen entspringen. Zinn ersten Mal erschien eine solche Gebctsammlung im Druck zu Mantua im Anfang des lU. Jahrhunderts. Seither sind viele in Umlauf gebracht worden unter verschiedenen Titeln die jedoch alle eine Anspielung auf den Ubergang ins Jenseits und aus da; ewige Leben enthalten. In verschiedenen Ländern sind verschiedene Sammlungen rezipiert worden, doch haken sie alle das wesentliche miteinander gemeinsam. Für alle möglichen Lebensverhältnisse und verwandschastlichen Beziehungen sind besondere Gebete vorhanden, und jedes ist auf einen eigenen Ton gestimmt. Besonders ergreifend und v^'ll sliirniischcr Sehnsucht sind die Gebete am Grabe der Mutter und der jungen Schwester, geradezu erschütternd ist das Gebet der Witwe am Grade des Mannes- Die Gebrtc am Grabe des Vaters durchweht ein Hauch von liebender Ehrfurcht und scheuer Zärtlichkeit. Am Grabe der Grosirltern klingt es abgeklärt, in friedlicher Resignation. Die Stimmungen sind überall sehr kräftig herausgeacbeilel. livk der durchaus schlichten, zuweilen sogar unbeholscne» Sprache, die nur zu oft zum Musivslil ihre Zuflucht niinmt. Hier ist etwas Ursprüngliches, Ungekünsteltes vor uns. das aus den Ticsen des Gemütes Kai»: ein ganzes Volk bat Jahrhunderte daran geschaffen Ausser dem Gebet am Grabe eines Beleidigten, dein man bc Lebzeiten versäumt hatte. Abbitte zu leisten, ist noch da; Gebet eines Emporkvmmliligs charakteristisch. Für einen solchen ist cs ratsam, ein Gräberfeld aufzusuchen, um sich der Vergänglichkeit alles Irdische» zu erinnern. Er bete» zum .Herrn der Liebe und der Wahrheit, der thront in den Höhen, aber zu den Niederungen herabblickt, der den Armen vom Staube und den Dürfliiien vom Schutthauien erhebt/ Und um was betet er? .Erhöre mich heute, an dieser heiligen Stätte, wo die Gerechten ruhen und ni^in in Gnaden meinen Dank auf siir all das Gute, das du mir geschenkt l hast. Ich bin nicht würdig all dessen, was du mir gewährt l>,st; tu hast mir von deinen» Segen gespendet und mir mein Teil ii» ^'eben > unter der Sonne zugewiesen. . . Sei mit mir und brwahie mich vor dem bösen Trieb, damit mein Herz nicht hvssärtig werde und nicht anmas-end. das; ich nicht spreche: meine ei.iene >Urasl und starke Ha::d Hai »ur dn-. alles aeschafsen. Lcisi niich stets meiner kleinen Ansänge gedenken, das; ich mich nicht überhebe ül'rr meinen Nächsten und mein Gemüt nicht verhärtet werde. Lenke mein Herz, dir zu dienen, deinen Willen zu tun all meine Tage. . . Halte mich fern von falschem Schein und von Menschennrio. . . das; ich meine Tage vollende in friedlichem Greisenalter und in Ehren. . > Hat man so die Runde um die Gräber gemacht, dann nimmt 1 man Abschied von drm »heiligen Ort", dem »ssaus des Lebens'! (beth hachajjim) .dem Haus der Ewigkeit' <beth olam oder bcth > almin), wie es lcr Volksmund nennt: .Friede mit euch, ihr " nen Seelen, die ihr dem Glanz des ewigen Schöpfers des Lichts entstammt. Ich gehe nun meinen Weg und danke Gott und bete zu ihm, das; er meine Seele und meinen Geist in mir behüten möge. Ruht, ihr Lauteren, bis der lebendige König, der Herr des Himmels und der Erde zu euch spricht: »Lteht auf, ihr Reinen, erwacht zum ewigen Leben!" Wir anderen aber n Sgen zum irdische.? Leben in GüZri? und Frieden eingehen, bis der treue Bote (Eliah). des Gesalbten Gottes (Messias), naht, um die Herzen der Vorfahren mit denen der 9'achkommen und die der Nachkommen mit denen der Vorfahren zu versöhnen. Dir Gerechtigkeit möge uns voranschreilen. Wir wollen den grosjcn Gott loben, dessen Wort die Toten belebt »ny der Wunder ohne End? schafft, im Himmel und auf Erden."

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