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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-07-01 · 11 (7.1926) · page 5

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
11 (7.1926)
Date
1926-07-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ist die Lobpreisung, die man beim Vernehmen einer Trauerkund« zu sprechen hat: .Gepriesen sei. der uns richtet nach der Wahrheit." Der Hvmnus schließt mit dem Worte Hiobs »Gott hat es gegeben. Gott hat e» genommen: der Name Gottes sei gepriesen.' Dann: .Er ist dcrmherzig. vergibt die Sund«, überliefert uns nicht dem Verderben, er beschwichtigt machtvoll seinen Zorn, und erweckt nimmer seinen ganzen Groll.' Nun kommt das Kaddisch. das berühmte Totengebet, indem des Todes mit keinem Worte gedacht wird. Diesmal aber heißt es das .Kaddisch der Weltverjüngung'. Anstatt der üblichen Form „Erhöht und geheiligt werde Sein großer Name in der Welt, die er geschaffen hat nach Seinem Willen', lautet es diesmal .in der Welt, die Er dermaleinst verjüngen wird, indem Er die Toten auferstehen heißt und sie einführt ins ewige Leben.' Dieser Hnmnus ist heutzutage (auch durch das bekannte Hetnesche Gedicht) in der ganzen Welt als das spezifische Gebiet für das Seelenheil der Verstorbenen bekannt, welche» zu verrichten besonders den Söhnen obliegt. Man empfindet es sogar als unstatthast, wenn ein Sohn es bei Lebzeiten seiner Eltern spricht. In Süddeutschland und in ganz Osteuropa nennen Eltern ihren Sohn, zumal wenn er ein einziger ist, ihren .Kaddisch'. Wer ohne männliche Nachkommen aus der Welt geht, von dem heißt es, er habe keinen Kaddisch hinterlassen. Indessen ist diese Funktion der schönen, kurzen Lobpreisung als .Waisen-Kaddisch' (Kaddisch jathom) verhältnismäßig sehr jungen Ursprungs. Vormals war da» eine Eulogie, die vornehmlich zum Schluß der Lehrvorträge, besonders aggadifchen Charakters, gesprochen wurde. Es war eine alte Gepflogenheit, die öffenttlichen Vorträge in den Lehrhäusern mit Trostesworten (nechamah). meist eschalologischer Art, zu schließen, (Daher in Kaddisch das »wenechamatha'. welches viel Kopfzerdrechen verursacht hat). Ferner wurde das Kaddisch zum Schluß der Vorlesung aus der Thora beim Gottesdienst, sowie beim Schluß eines jeden Gottesdienstes, eines Vortrages der Psalmen oder der Propheten rezitiert. Seinen Kern und ältesten Teil bildet das .Ieh5 Scnemöh rabba', das zuerst im Talmud erwähnt wird. (Daß das Kaddisch nur in einer Versammlung von mindestens zehn erwachsenen Männern gesprochen werden darf, ist späteren Ursprungs). Indessen dürste auch der Anfangsver» sehr alt sein, da er bekanntlich in das Vaterunser aufgenommen wurde. Die Stellung des Kaddisch in der Liturgie -n spricht noch heutzutage seinem Ursprung. So gilt z. B. das Kaodisch vor Musaph eigentlich dem Vortrag des Kapitels aus den Propheten (Haphlara). So beschließt dann auch das .Kaodisch der Weltverjüngung' am dem Friedhof im Grunde nur die Verse des .Zidduk hadin'; ehemals wurde es nur zu Ehren ausgezeichneter Männer und Frauen gesprochen, .deren T-:»„ es unzweifelhaft «scheinen netzen, daß sie am ewigen Leben und an der Auferstehung teilhaben werden.' Aber schon Nachmanides verzeichnet im 1?. Jahrhundert den Brauch, es allen Verstorbenen ohne Ausnahme zu widmen. In seiner Zeit war es in Spanien auch üblich, daß dieses Kaddisch im Sterbegemach an allen sieben Trauertagen morgens und abends rezitiert wurde. Als besondere» Gebet der Hinterblieben-.-, für das Seeienbrii ihrer Verstorbenen, gesprochen zum Schluß des alltäglichen Gottesdienstes, in der üblichen Form (mit Hinweglanung des Passus von der Wei veriüngung) ist es nach Sem ersten Kreuzzug in t,en Rheingegenden üblich geworden und hat von dort aus. zusammen mit anderen Bräuchen zum Gedächtnis der Toten, den Weg zu allen anderen jüdischen Gemeinden genommen Die Vorstellung, daß die Hinterbliebenen durch Gebet and gute Taten, besonders Almosenspenden, das Seelenheil ihrer verporbeaen Angehörigen, insofern diese einer Sühne bedürfen, fördern können, ist sehr all und kommt schon in einer der ältesten Schriften der Talmudischcn Literatur vor (SifrS zu Deuteron. 2!. 8). Ebenso all ist die Vorstellung, daß der Leichnam des Verstorbenen im Grabe erst nach 12 Monaten der Verwesung anheimfällt und während dieser Periode die Seele von Zeil zu Zeit heradksmm! und das Grab um' schied!. Damit verbinde! sia, die Beobachtunzstalsache. daß der Schmerz um den Verstorbenen erst nach ungefähr einem Jahr sich zu deruhigen pflegt. Au» alledem entstand der schon in der Mischna erwähnte Volksglaube, daß die Sünder im Jenseits zwölf Monate lang gerichtet werden und die verdienten Strafen erdulden müssen, um dann ins Paradies einzugeben. Es lag also nahe, daß das Kaddisch. nachdem r» zum besonderen Gebet für das Seelenheil der Verstorbenen gestempelt wurde, den nächsten Leidtragenden da» erste Trauerjahr hindurch oblag. Am Ansang des 15, Jahrhunderts (.220) berich-et Rabbi Isaak Or-Sarua (aus Wien), am Rhein und in Böhmen bestehe die Sitte, daß die Waisen zum Schluß des Gottesdienstes das Kaodisch sagen. E» wird hierbei eine in mehreren Varianten umgehende, also offenbar alte Legende angeführt, wonach ein Sohn durch da» im Gotteshaus gesprochene Kaddisch (aber auch das .Borchu'l (Preiset Gottl — Anfangswort eine» Hnmnus) den verstorbenen Vater von der Höllenpein erlöste. Da e» indessen als ungeziemend gilt, seine nächsten Angehörigen oder gar Eltern für Sünder zu erklären, die ein volles Jahr der Höllenstrase unterworfen sind, so wurde später die Zeit des »Kaddtschsagen». auf elf Monate beschränkt. Den alljährlich wiederkehrenden Sterbetag teurer oder ausgezeichneter Verstorbener feierlich zu begehen, ist so natürlich, daß dieser Brauch wohl sehr hoch ins graue Altertum zurückreicht. In der Zeit der babylonischen Amoräer war es üblich, daß am Sterbetag eines hervorragenden Gelehrten Jünger und Verehrer sich an seinem Grabe versammelten und öffentliche Lehrvorträge abhielten. Auch fastete man an diesem Tage. Es galt ferner als frommes Weik, am Sterbetage der Eltern zu safte». Erst als da» Kaodisch zum speziellen Gebet für das Seelenheil der Abgeschiedenen und zur Pflicht für die nächsten Hinterbliebenen wurde, kam die Sitte aus. an diesem Tage .Iahrzeit" zu halten. Das Wort wie der Begriff ist deutsch.kirchlichen Ursprungs. Die deutschen Christen des Mittelalters bezeichneten damit den Tag. an dem sich der Tod eines Familien- oder Gemcindcgliedes jährte. Jede Kirche legte .Iahrzeitbücher' an. Verzeichnisse der Tage, an denen Seelenmessen gelesen und Lichter sür die Seelen angezündet wurden. Um die Wende des 14. Jahrhunderts war der Brauch und die Bezeichnung unler den deutschen Juden schon heimisch. (Rabbi Isaak von Tyrnau und Rabbi Jakob Möllin von Mainz dürfen indessen wohl die ersten sein, die etwa zu Anfang des l5. Jahrhunderts das Wort Iahrzcit erwähnen). Von Deutschland aus verbreitete es sich über die ganze Welt, soweit Juden wohnten; die Silte stieß im Orient auf heftigen Wiederstaiid. trug aber schließlich den Sieg davon. Das Wort .Iahrzeit". welches aus der heutigen deutschen Sprache längst verschwunden, ist auch unter den spaniolisch und arabisch redenden Juden bekannt - sie sn?-ch-n »» «2?z?id. jorsc:!! aus. ist merkwürdig, daß dafür kein« besondere hebräische Bezeichnung geprägt worden ist. (Die Eephardim sagen bisweilen dafür .nachlah', Erbteil). Als ein wichtiges Mittel, das Seelenheil der Verstorbenen zu >»4UW!^-l ^-^^^ "-5»'«NV»-1 WWW fördern, ficht ein a'.ic? geschieht sozusagen im Namen der Abgeschiedenen, in ihrer Vertretung, e« wird ihnen geweiht (Daher wie vorgesehen, in alter Zeit die öffentlichen Lehroorträgr am Grabe eines gelehrten Heimgegangenen.) Als besonders wirksam gilt das Studium uusgrwähiter Abschnitte au» der Mischnah; das beweis-t. daß schon zu der Zeit, als erst die Mischnah allein? vorhanden war das .Lernen» für die Seelen der Verstorbenen in Ehren stand: später wurde dem Brauch der Grund unterschoben, daß das Wort Mischnah (ohne die im Hebräischen ja nicht sichtbaren Vokale) dieselben Buchstaben hat, wie das Wort Neschamah (Seele). Vorzugsweise wird die Mischnahordnung .Tohorot' studiert, die von den Reinheiten handelt, darunter besonders der 24. Abschnitt des Traktates .Kelim', der siebzehn Mischnajoth zählt (siebzehn ist im Hebräischen der Aahlwert von tob — gut), von denen jede mit dem Wort .rein' endigt. Oder es werden Traktate aus der Mifchnah ausgewählt, deren Anfangsbuchstaben zusammen den Namen der Verstorbenen ergeben. lBei den Srphardim und den Chassioim ist es üblich, zum gleichen Zweck den Sohar zu studieren). Es ist natürlich, daß die Kaddalah (und später der Ehaisioisinus) an diese Sitte eine Unmenge mrzstiicher und abergläubischer Vor. -,UWI,MU> ^!>.>M»!>^M'j.'UM^ WA^ «W^ßlWWWW«^^!W«.u^.j>MY

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