Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 4 (1925-1926)
- Issue
- 11 (7.1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ist ihm der Besuch lästig. Dem Kranken muß man Mut zusprechen, ihn trösten, ermahnen, er solle die Vorschriften des Arztes befolgen, uns gleichviel, ob er reich oder arm iit. ibn liebreich fragen, od er etwa Geld brauche. Selbstverständlich soll man im Stillen für ihn ihnen der Besuch lästig fällt und das Reden und Auhören sie anstrengt. Man darr nur ins Vorzimmer kommen und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Au den ältesten Einrichtungen jeder jüdischen Gemeinde, auch der kleinsten, gehörte eine Brüderschaft für Kran» kenbesuch ^Bikkur Cholim). Ist einer, besonders in vorgerückten fahren, drei Tage krank, so tut er gut, an das mögliche Ende zu denken. Freunde, die ihn besuchen, haben die Pflicht, ihn schonend daran zu erinnern, und ihm nahezulegen, dag er »seine Rechnung mit dem Himmel mache', d. h., daß er seiner Sünden gedenke und beichte. Es handelt sich natürlich nicht um eine Ohrenbeichte vor einem Priester, der etwa Absolution zu erteilen mächtig wäre, sondern darum, dag der dem Tode Entgegengehende seine Bünden bekenne und wenigstens in Gedanken Buge tue. Es gilt als ein Segen, wenn in der Stunde, da^die Seele den Leib verlägt tjeziath neschamah) zehn erwachsene Männer (wie bei einem regelrechten Gottesdienst) anwesend sind; jedenfalls ist es eine große Mizwah. einem Sterbenden beizustehen, mit ihm die Gebete zu rezitieren und seinen letzten Willen anzuhören. Eine merkwürdige Vorstellung hat sich im späten Mittel« alter unter dem Einfluß der Kabbalah herausgebildet, die. in einem Aberglauben wurzelnd, doch eine tiefere Wahrheit enthält und eine poetische Blüte getrieben hat. In den letzten Stunden, wenn der Todeskampf (gessiisah» eintritt, müßcn sich wohl, nach der populären Meinung, des Sterbenden sonderbare Verwirrungen und Seelenschmerzen bemächtigen; diese Zustände gaben den Gedanken ein, daß Satan und sein Geleite im letzten Augenblick an den Menschen herantreten, um ihn zur Abtrünnigkeit zu verführen. In der Todesangst und körperlichen Schwäche könnte es leicht geschehen, daß der Sterbende der Versuchung erliegt. Er muß daher Sorge tragen, daß dieser Abfall noch rechtzeitig in aller Form annulliert werde. Die Sache wird juristisch aufgefaßt, und solange der Kranke bei klaren Sinnen ist. legt er eine rechtskräftige Verwahrung (messirath modaah) gegen eine etwaige spätere Entgleisung ein. Unter den zahlreichen Formeln ist die folgende wohl die vollkommenste,- sie ist Gebet. Bekenntnis und juristische Erklärung zugleich: .Hiermit bin ich bereit. Seele. Geist und Atcmhc.uch hinzugeben für die Heiligung des bochgepriesenen Namens Gottes. Her? der ganzen Welt, ich komme zu Dir, um vor dem Thron deiner Herrlichkeit eine Gnade zu erbitten. Wenn die Stunde naht, da Du die Seele von mir nimmst, so möge Satan und sein Geleite kein? Macht besitzen, mich zu verführen, eines deiner Gebote zu übertreten, welcher Art und welchen Grades es auch sei. damit meine Seele hinausgehe in Heiligkeit und Reinheit, und dorthin komme, wohin ich mich sehne, wo die Seelen der Gerechten und Frommen Israels, die Seelen Abrahams, Isaaks und Jakobs weilen. Wenn aber Satan komme:: sollte, um mich zu ük-«?-5-.>:, 5:5?» deiner Geövie zu üüenrelen, oder gar, den Gott des Himmels zu verleugnen, während mich die Schrecken des Tode» umfangen und mein Verstand sich oerwirrt — bewahre, daß ich seinen Lockungen folge, in Worten oder Gedanken, wa» der Mund an Lauten hervorbringen und was das Herz sinnen kann. Ich erkläre hiermit in allerstrengster Form rechtens, von jegt ad in alle Ewigkeit, daß ich von vornherein dagegen Verwahrung einlege; sollte mir ein solches Wort entschlüpfen oder in mir ein solcher Gedanke sich regen, so sei dieses Wort und dieser Gedanke für null und nichtig geachtet, wie wenn sie nie eristiert hätten. Denn ich will nicht einen Augenblick von Dir getrennt sein, ich glaube an Dich, daß du wahr bist, Dein Knecht Mose wahr ist und seine Lehre wahr ist; Du bist der einzig und allein Existierende und »einer gleicht Dir auf irgend eine Weise in der Welt. Du warst, Du bist und wirst sein in alle Ewigkeit___' In manchen Fassungen dieser Formel wendet sich der Kranke an die Umstehenden mit den Worten: »Hört mich an, mein« Herren!' ond nimmt sie zu Zeugen, dag e? die Verwahrung rechtskräftig eingelegt habe. Darauf folgt da» eigentliche Sterbeoeoet, welche» viel älteren Ursprungs ist. als die Vcrwahrunqsfvrmel und wegen seines Reich«! tums an Stimmungen und Gedanken sehr bemerkenswert:! »Ich bekenne vor Dir. Ewiger mein Gott. Gott meiner Vorfahren Abraham. Isaak und Jakob, daß meine Genesung in es Dein Wille sein, mir eine vollkommene Genesung zu senden. Wenn du aber beschlossen hast, mich zu Dir zu nehmen, so bekenne z ich. daß Du gerecht bist in allem, was Du Über min» verhängst, denn Du handelst nach der Wahrheit, ich aber bin sündig. Iu Dir, Ewiger, erhebe ich meine Seele. Möge es dein Wille sein, daß mein Tod alles sühnt, was ich vor Dir gesündigt habe durch Gedanken. Wort oder Tat. Nimm mich auf in den Gan Eden und gib mir Teil an der ewigen Seligkeit, die aufbewahrt ist für die. die Dich fürchten. Leite mich trn Weg des Lebens zu der Fülle der Freuden vor Deinem Angesicht, der Wonnen zu Deiner Rechten ewiglich.' j Hier folgt das Bekenntnis: .Höre Israel' und die sich daran an» schließenden Verse, sowie einige andere, die sich auf das rnige! Reich beziehen. Dann fährt de? Kranke fort, sich für den lest!?-: Gang zu rüsten: »Mein Gott, wenn meine Sünden zu groß sind, so vergib mir um der Ehre Deines Namens willc». Wenn ich nicht auf deine Gnade bauen könnte, wer erbarmt sich mein außer Dir- Darum hoffe ich zu Dir. auch wenn du mich tötest: wenn Du aus meine Sünden achtest, so flüchte ich vor Dir zu Dir selber. Vor Deinem Horn suche ich Schutz in Deinem Schatten, an den Sauin Deines Gnadcngcwandcs klammere ich mich, bls Du Dich mein i erbarmst, ich lasse dich nicht los. ehe Du mich gesegnet hast l Diese Zeilen stammen von dem großen Dichter Salomvn ibrn Gavirvl). Bedenke, daß Du mich aus Leh:?: geformt hast! Du hast mir soviel von des Lebens Mühsal auferlegt, darum darfst Du mir nicht heimzahlen nach meinen Werken und nur nicht darbieten die Früchte I meiner Taten. Übe Langmut mit mir, und lasse meine Stunde nicht! kommen, ehe ich mir Wegzehrung vorbereitet habe, um gerüstet zu meinem Ort zurückzukehren. Schick mich nicht fort von dieser Erde, während das Bündel Sauerteig meiner Sünden aus meinen Schultern! lastet. Und wenn Du meine Missetaten wiegst, leg in die andere i Wagschale meine Leiden; bedenkst du meine Bosheit, so bedenke! auch meine Pein und halte eins de-n andere» entgegen.' I» diesem Ton geht es «ine Weile weiter, und schließt mit einem aramäischen! Spruch: »Möge ich nicht beschämt werden, wenn ich hlntrcte vor Dir und vor den Häuptern des himmlichrn Gerichtes, möge ich qe- > würdigt werden, die Geheimnisse der Thora aus dem Munde der ' Obersten in den himmlischen Lchrhallcn zu vernehmen.' Hier waltet die Vorstellung vor, daß die Wonnen, deren die Seelen der Abgeschiedenen im Himmel teilhastig werden, darin bestehen, daß sie. gleichsam unter d?r persönlich?:! Anleitung Gottes, die Geheiüüi'.ssc i und den tirssten Sinn der Thora ergründen; der Himmel bildet > sozusagen ein großes Lehrhaus, eine Ieschibah. (aramäisch: Me-! thibtha); die Ausgezeichneten, die einst auf Erden durch große 1 Gelehrsamkeit, Weisheit vor allem aber durch gute Werke und demütigen Wandel hervorragten, bilden die Oberhäupter und Lehr-! ü>c!Z!er; sie di-vc» üvcc in ucivißcm Sinne auch einen Gcri.l tshoj, '. aus dessen Meinung Golt scibcr. der höchst? und einzig? Richter, I hört, weil er nur seine eigene, Gottes Meinung zum Ausdruck j bringt. So bildet das Dasein im Jenseits eine Vervollkommnung des irdischen Wandels. Und es gilt als höchster Lohn sür den gewöhnlichen Sterblichen, im Jenseits zur Teilnahme an jenen himmlischen Offenbarungen zugelassen zu werden, die die Quellen tiefster Wonnen und Seligkeilen sind.! ,Vit,m -m,re, morten non timere' (Das Leben lieben, den Tod nicht fürchten), das stellte ein Römer aus der stoischen Schule als Ideal hin. ein Ideal, welches stark jüdisch gesärbt war. Man kann das nicht schöner ausdrücken, als es in diesem Gebet geschieht. Neben der starken Liebe zum Leben eine ruhige und ge.! lassen? Ergebung in den Tod als die gerechte Schickung Gottes, ein echt kindliches Vertrauen in seine Gerechtigkeit und alles überwindende Gnade und Barmherzigkeit. Der Grundton ist von unbesiegbarem Optimismus, der Pein und Tod als etwas Nebensächliches und Vorübergehendes erscheinen läßt; die Hauptsache ist. sich in Ubereinstimmunz zu wissen mit dem ewigen Willen, der lauter Heiligkeit und Gnade ist und schließlich über Sünde und Tod tri»mvhiert. Alle christlichen Kirchen wiederholen inunec wieder das