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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-05-01 · 9 (5.1926) · page 7

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
9 (5.1926)
Date
1926-05-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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auch der Bekebrer etwas von s'inem Wesen ab. Das Ehristentum mußte viel Heidnisches in sich ausnehmen, um die Heiden zu ae» Winnen. Das durch Dogmen weniger gebundene, aber innerlich mehr geschlossene Judenrum verzichtete au« die Ausbreitung, um nichts von seiner Natur aufzugeben. Klein ober rein wollte es bleiben — und das ist ihm,gelungen. Das Judentum kennt wohl Richtungen, aber keine Parteien. Das ift kein Unterschied des Wortes, sondern des Wesens. In einer Partei tritt die Idee vor den Personen zurück, in einer Richtung herrscht die Idee vor. Ihre Träger sind wohl Personen, ober sie spielen darin nicht die maßgebende Rolle. Eine Richtung wird abgelöst von einer a: deren, aber sie verleugnet ihren Kern nicht. Sie stirbt, aber sie verwässert sich nicht, denn die Idee, die sie beherrscht, ist unsterblich. Eine Partei wird sortgesetzt, auch wenn ihre Idee längst tot ist. Sie ist die alte Hülle, worunter ein ganz anderes Wesen ist. Die Religion kann daher, ebenso wie die Kultur, die Kunst, wohl Richtungen, aber keine Parteien vertragen. Aus Wahrheltssuchern kann man Richtungen oder Sekten, si-e? ket>.c Parteien machen. Da» Judentum hat stets «inen selbstkritischen Zug an sich gehabt. Das lag einmal an der sast gänzlichen Freiheit von fesselnden Dogmen und an dem Gebote des Erkennens. und dann an der ausgesprochen individuellen Natur des jüdischen Stammes. Dies« Paarung von Gefühl und Vernunft, von Glauben und Kritik, ist eine spezifische Eigenschaft des Judentums. Dieser Hang zur Selbstkritik, zur Prüfung, war das Glück des Judentums. Denn er bewahrte es vor Erstarrung. Wo Meinungen gegeneinander kämpfen, wo der Verstand stets ein wachsames Auge hat. da ist das Ererbte kein totes Gut, sondern wird immer von neuem erworben. Es gibt keinen jüdischen Gedanken, der nicht den Weg der Entwicklung geht, der nicht auf seine philosophische Berechtigung, aus seine Übereinstimmung mit den Imperativen des Lebens von unseren Weisen erörtert worden ist. Gewiß ging die Entwicklung des Judentums nicht immer im breiten, sreien Strom, manchmal ist sie unsichtbar, manchmal fließt sie unterirdisch. — aber ganz schlt sie nie. Ohne Entwicklung und Fortschritt ist das Judentum nie gewesen. Wer die Entwicklung im Judentum negiert, der verkennt die stärkste Seite des Judentums. Die Enttoicklungsfähigkcit ist das Enmptom einer gesunden Kraft. Was lebt, muß sich entwickeln, muß Überwundenes ausschalten und neue Säfte in sich aufnehmen. Das Judentum des Talmuds ist ein anderes als das der Bibel, nach der einen Seite enger, nach der anderen Leite viel weiter gefaßt. Das Judentum der Gaonim und Rabbinen ist wiederum anders. Solange es sich aber im geschichtlichen Rahmen bewegt und das Urwesen nicht verleugnet, ist es echtes, heiliges Judentum. Durch diese Entwicklungsfreiheit wird das Schisma am sichersten verhindert. Ein großer Rohmen kann Mannigfaltigkeiten vertragen. In der Tat ist die Sektenbildung relativ selten im Judentum. Don den Essäern wissen wir zu wenig, um darüber urteilen zu können. Die Sadduzäer, die ein seichte? Dilettantismus als eine moderne, freie Richtung hinstellt, waren in Wirklichkeit rückschrittlich« Buchstabrnanveter. die jede Entwicklung verneinten und an ihrer Erstarrung zu Grunde gingen. Die oerkannten Pharisäer waren keine Sekte, sondern die wahren Träger und Förderer des Judentums. Die Karäer. die sich wiederum aus den Buchstaben versteift und den Geist aus der Religion verscheucht haben, bilden heute «in« quantitativ und qualitativ unbedeutende Gruppe und sind im gänzlichen Verschwinden begriffen. Sie sterben an ihren Sünden, an der Verneinung des ewigen Lebens im Judentum. Sie teilen das Schicksal aller Petrefakte. Wie soll ein Nebenfluß, der sich künstlich vom Havptstrom abschneidet, leben können? Die Ehassidäer stellen eigentlich keine im Wesen neue Richtung dar. Denn die Kabbala, au» die sie sich stützen, hatte mit dem Neuplatonismus schon Jahrhunderte vor dem Basischem Eingang in die jüdischen Reihen gefunden. Neu war nur die Form, die Fruchtbarmachung der Kabbala für die Mafien, die Neubelebung und Durctiglüdung der jüdischen Seele. Zum Schisma kam es hier trüg aller Stürme nicht, s?e:l de? Ehassidismus nickts verleugnete und nichts aufgab. Und das war ein Segen für ihn selbst und das ganze Judentum. Die Schattierungen und Richtungen haben trat; des scharfen Kampfes dem Judentum wesentlich nicht schaden können, solange sie sich viim Zentralpunkt der jüdischen Grundidee nicht entfernt und di^ Einheit nicht verleugnet haben. So kann man im Judentum fast als Gesetz formulieren: Kritik belebt, Erstarrung tütet. > Erst nach de? Emanzipation fand das eigentliche Partriwesen! Eingang in die Grmeindestube in Westeuropa, und bcsonde>s in ' Deutschland. Man fing an. politische «chablonen von draußen - nachzuahmen, ohne zu bedenken, daß die Religion ihrem ganzen Wesen nach den politischen Rahmen nicht vertrage» kann. Man? bildete Parteien. Fraktionen, und bei den Wahlen kämpfte man! mit nicht immer schönen Mittel,» gegeneinander. Wie absurd das > Parteiwesen von vornherein auf jüdischem Gebiete auch war. so j haben die Parteien dort in den letften dreißig Jahren Bürgerrecht! erlangt, und in den meiste» größeren Gemeinden muß man heute j mit mindestens drei Parteien rechne». Bewegungen sind, mögen! sie erfreulich oder bedauerlich sein, nicht rückgängig zu mache». , Man kann heute die Parteien nicht mehr aufheben, aber wohl ist r» bei gutem Willen möglich, sie durch den Einheit sgedanken zu überdachen. Das größte Übel der Parteien ist nicht ihre Differenzierung, die meistens garnicht so weit geht, sondern i ihre Macht Politik, die ein gänzlich »»jüdisches Prinzip ist. Das jüdische Prinzip war von jeher Recht und nicht Macht! Dieser Grundsat, wurde der Judenheit nicht nur vom Rcchtsgesühl, I sonde?!'. auch vsn: Seldsterhüliungsiricb diktiert. Denn sie lebte seit AXX» Jahren als geringe Minorität unter häufig heterogenen Majoritäten. Die Juden konnten also ihre Hoffnung nur aus Recht ausbauen. Gciviß ist die Entscheidung der Majorität, soweit sie sich nicht gegen die Grundgedanken des Glaubens richtet, nicht nur ein demokratisches, sondern.auch ein jüdisches Prinzip. ..^cnre robbim »na«««" ist ein klarer Spruch der Thora. aber dieses Majoritätsprinzip dars nicht für Machtgeiüste mißbraucht werden, und stets muß der Schuh der Minderheit ein Postulat jeder gerechten Leitung sein. Die jüdische Geinrinde muß Play für alle Richtungen haben, soweit sie jüdisch sind, und im Judentum ist nicht nur die Toleranz, sonder» die Liebe und zarteste Rücksichtnahme auf den Gegner geboten. Ilm eine Grundlage für den Frieden der Parteien zu schaffe», muß jede - Gemeinde, ganz gleich wie ihre augenblickliche Mehrheit geartet ist, alle Einrichtungen besitzen, die von den Borschristen der jüdischen i Religion geboten sind, damit sich niemand in seinem Gewisseli beengt suhlt. Die religiös Lauen haben bei aller Freiheit, die sie für sich in Anspruch nehmen dürscn, die Pflicht, den sich gc seilestreu Nennenden möglichst weit entgegen zu komme». Kei» Liberaler vergibt sich und seiner Weltanschauung etwas, wenn er dazu beiträgt, die Wünkcke der Orthodor.cn zu befriedigen. Den« es gibt kein Prinzip» das einem Liberalen gebietet, religiöse Forderungen, die den» anderen heilig sind, abzulehnen. Die Ortho- « dorie darf aber bei allen. Festhalten an die Tradition nicht so weit gehen, den Liberalen zu oerwehren, ihr religiöses Leben »ach ihrem Sinn zu befriedigen oder gar ihnen die Zugehörigkeit zum Judentum abzusprechen. Ebenso müssen Zionistrn und Antizionisten einander oerstehen lernen, — sie «verde» dann auch einander gerecht werden können. Da» Selbstbestimmung »recht der einzelnen Richtungen ist der beste Schuh gegen völlige Trennung. Keine Richtung darf sich'anmaßen, zu bestimmen, was für die andere Richtung wirkliches Bedürfnis ist. Sie sollen einander kritisieren, aber nicht beengen. Nur so ist es möglich, die Einheit der Grmeinde und die Einheit der deutschen Judenheit zu retten. Hier niuß eine gesunde jüdische Politik einsehen. Bor allem muß alles Persönliche ausgeschaltet'werden. Wer die jüdische Geschichte kennt, weiß, wieviel Unheil häusig durch Starrsinn. Fanatismus und verletzte Eitelkeit angerichtet worden ist. Auch die jüdische Geschichte in Deutschland bietet Beispiele genug dafür. Die Trennung der Gemeinden ist nicht immer aus Prinzip, sondern häusig durch Verbitterung persönlicher Natur herbeigeführt worden. Ebenso ist in vielen Gemeinden die Spaltung durch kluge, friedlich gestimmte Führer aus beiden Seiten oermieden worden. Es scheint auch, daß heutzu vic! Politik an falscher Stelle getrieben wird. Man soll nicht vergessen, daß wir in einer demokratischen

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