Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 4 (1925-1926)
- Issue
- 9 (5.1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3094266-3094300-3094308--0637-3095341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
d. h. wenn man daran denkt, daß jenes betont Menschliche bei Heinrich Heine ja nur der Ausdruck seines qualvollen Bedürfnisses nach lebendiger Wirklichkeit ist, die er niemals ganz erreicht, so , ist mit diese? Äußerung schon etwas sehr Tiefes über Karl Marx! ausgesagt: eben nämlich die vollkommene Läuterung und Auflösung aller persönlichen Lebenswllnsche und Strebungen in die eine große Idee und in das eine weltumspannende Werk, dem Karl Warx seine Dienste geweiht hat. 5 Und aus jenen, Gesichtspunkt der Unerbtttlichkeit und Unbestechlichkeit, mit dem Marx an alle Erscheinungen herantritt, aus jenem Gesichtspunkt der prinzipielleil Haltung, die ein Mensch, der von einer Idee diktiert ist, allem gegenüber einnehmen muß, aus jener wahrhaft maimonidischen Haltung ist nun auch jene Schrift „Zur Iudenfrage" von Karl Marx zu begreifen. Diese Schrift ist da» klassische Dokument eines Antisemitismus, dessen beschichte »och ' nicht geschrieben ist, nämlich des jüdischen Antisemitismus. Diese kleine Schrift, die jeder einmal gelesen haben sollte, enthält Sähe von einer antisrinitlschen Härte und Pointiertheit, frei von aller Konzession und all jenen widerwärtigen Komplimenten, die nichtjüdische Anti'emiten vor dem Juden a» Einzelpersiinlichkeii zu > machen pflegen. Zu ihr ist Marr. veranlaslt worden durch zwei Arbeiten des radikalen Theologen und Iunghegelianers Bruno Bauer ..Tie Iudenfrage" und ..Die Fähigkeit der Juden und Christen frei zu werden". Von Bauer wird die These verfochten, das» die Jude», um überhaupt von den» nun doch einmal christlichen Staate emanzipiert werden zu können, zunächst »uuuul ihre Religion und ihren Nationalchamkter preiszugeben hätten. Und hirr setzt die Kriiik von Karl Marr ein. Er zeigt in sehr scharss-nü-ge.''. dialektische.-. Säuen, wie die politische Emanzipation des Juden, die hier Bruno Bauer verficht, rine außerordentlich verderbliche und einseitige Angelegenheit s.i. denn sie würde ja nur eine sehr teilweise Emanzipation! und Brsrriung sein. Worauf es aber ankomme, sei nicht die politische Emanzipation des einen oder anderen Individums. sondern! die menschliche Emanzipation, die Befreiung der ganzen Menschheit! von der Last der unterdrückenden Gewalt. Und die beiden wichtigsten unterdrückenden Gewalten sind ihm Staat und Religion, die lediglich! nur noch Machtiiislruiiientc in der Hand einer ausbeutenden kapi«! talistischen Hrrrenschicht seien. Er sindct hierbei Sähe der stärksten 5 Bekämpfung alles dessen, was man Religio» nennt. „Die Religion! gilt uns nicht mehr als der Grund, sondern nur noch als das . Phänomen der weltliche» Beschränktheit. Wir erklären! daher die religiöse Befangenheit der freien Staatsbürger aus ihrer weltlichen Befangenheit. Wir behaupten nicht, das; sie ihre religiöse! Beschränktheit ausheben müssen, um ihre weltlichen Schranken auszuheben. Wir behaupten, das; sie ihre religiöse Beschränktheit aus-! Heden, sobald sie ihre weltliche Schranke ausheben. Wir verwandeln nicht die weltlichen Fragen in theologische Nachdem die Geschichte lange genug im Aberglaube» ausgclüsi wi-rdc.i lji. lösen wir den Aberglauben in Geschichte ans. Die Frage von dem Verhältnis der politischen Emanzipation zur Religion wird siir uns die Frage > von dem Verhältnis der politische»» Emanzipation zur menschlichen > Emanzipation. Wir kritisieren die religiöse Schwäcke des polltische»» Staate«, indem »vir den politischen Staat, abgeieben von den relil aiösen Schwächen, in seiner weltlichen Konstruktion kritisieren. Den Widerspruch de« Staates mit einer bestimmten Religion, etwa dem Judentum, vermenschlichen wir in dein Widerspruch des Staates mit bestimmten weltlichen Elementen, den Widerspruch des Staates mit der Religion überhaupt, in den Widerspruch des Staate» mit seinen Voraussetzungen überhaupt". In diesen Säften scheint uns ein Höhepunkt universalistischen jüdischen Denken» erreicht zu sei»: universalistisch muß diese Denk- Methode anmuten, die da« Gesamldereich der Wirklichkeit an den Prinzipien der Wahrheit mißt. Od die Geschichte de» Judentum» an den Prinzipien seiner Geschichsvhilosophie oder die soziale Si^ tuatlon an den Prinzipien, der Sozialität gemessen wird: immer handelt e» sich um die Methode universalistischer Kritik, Kritik am Universum um des Universums willen, immer handelt es > sich um den Konflikt zwischen dem Todesoereich des Dummen. von Aberglauben. Gewalt und Lust und dein lebendigen Reich von Er» Kenntnis und Recht. Götzendienst oder Kapitalismus sind Symbole, zugleich aber auch Zuhalte jenes Bereichs: nur wenn diese doppelte > Funktion gesehen wird, gibt es keinen Kampf gegen Windmühlen: ' Wenn Marx in jenen berühmten Thesen über Ludwig Feuerbach den Säst prägt: „Die Philosophen haben die Welt nur oerschieden interpretiert, es kommt aber daraus an, sie zu oerändern'. so sollte man nicht vergessen, auger auf den Nachsatz auch auf das „nur" des Vordersatzes zu achten. Gesteht man das zu, so bleibt immer noch die Frage des Marxschen ..Antisemitismus" offen. Die jüdische Geschichtsschreibung hat fast immer ihn wörtlich <- aber sehr ungenau wörtlich —» aufgefaßt, und ihr Anathema über Marx stand feft. Kläglicher — und erfreulicherweise hat die nicht-jüdische Welt ihr UrteU kläglicher und objektiver gefällt. „Marx war Jude", so schreibt der Tübinger Robert Wilbrandt „Er war einer jener Großen, den Antisemitismus tief beschämenden Juden die selbst viel leidenschaftlichere und tiefere Antisemiten sind... . Als ewigen Schacher und Wucher, als ein in unserer Gesellschaft etngefrciscnes Judentum, Verjudung unseres Lebens — so emvsand und benannte die Prophetennatur dieses edlen Juden die Profitgier unsere» kapitalistischen Geschästslebens. und ich glaube, diese Empfindung entstammte demselben Blute, derselben durch Kontrast gesteigerten Reinheit und vieve. wie das ganz analoge Empfinden bei den Propheten des Alten Testaments. ..." In der Tat weist hier Wilbrandt aus das Ethos jenes jüdischen Antisemitismus hin. der. im l!>. Jahrhundert durch Moses Heg inauguriert, von Heine bald pathetisch, bald sarkastisch unterstützt, ihren Höhepunkt in Marx findet: Der Hintergrund seiiier Schrift ist der Gedanke: es darf nicht sein, das; Judentum überhaupt Symbol für Gewalt. Entrechtung, Kapitalismus werden kann. Vom Grund jüdischer Substanz ergeht jener Protest gegen unerlaubte Identifikationen. Es ist gewiß nicht zu übersehen, das; Marr aus seiner profunden Unkenntnis jüdischen Kulturguts spricht, wenn er nicht laut und deutlich zwischen jüdischen Möglichkeiten und Wirklichkeiten unterscheidet. Aber zweierlei bleibt trotz alle n bestehen: einmal der Protest gegen die Tatsache, das; Judentum Symbol der Gewalt sein kann, und zum zweiten die jüdlsch-univrisülisiisme Art. in der dieser Protest in die Tat umgesetzt wird: „Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld', also vom praktischen realen Judentum, wäre die Sclbslemanzipation unserer Zeit Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Stliachcrs. also die Möglichkeit des Schachers aus» höbe, hätte den Juden unmöglich gemacht". Ader eben auch »vie wir in intimer Interpretation Marrens hinzufügen dürfen das jüdische Recht in seinen Prinzipien ocrivirklichl! Partei und Weltanschauung. Von Zadiu« Schach (Berlin» Jede politische oder religiöse Partei hat «ine Weltanschauung zur Mutter. Aber die Töchter haben sich häufig als nicht sehr anhänglich ermiesen. Sie sind von der Mutter weil abgerückt, haben sie oft bis aus den Namen verleugnet^ Das ist keine willkürliche Bosheit, sondern dieser Vorgang ist in der Natur der Dinge de« gründet. Die Weltanschauung ist srei und von keinen Hindernissen gehemmt Sie dars sich den Laras erlauben, logisch und donsrauent zu sein. Die Parteien aber, die die Ideen verwirklichen sollen, sind in ihrer Entivichlung von den 'Realitäten begrenzt, sie müssen dem Leben und seinen Gesetzen Rechnung tragen. Das Leben aber hat seine eigene Logik, und e» solgt verschlungenen Pfaden. Nie daher kann eine Partei mit der Idee, die sie erzeugt hat, kongruent sein. Aus diesem Gesichtspunkt heraus müßte man das Parteiwesen in der Religion grundsätzlich ablehnen. Denn die Religion mujz im Gegensatz zur Politik mit ihrer Weltanschauung identisch sein. Hier dars keine Kluft zwischen Theorie und Praxis sich auftun. wenn ihre seste Grundlage, die Wahrhaftigkeit, nicht erschüttert werden fall. Die Religion soll Leben sein, aber sie dars keine Konzessionen an das. was man Leben nennt, machen, darf keine Kompromisse mir den äußeren Mächten schließen, weil sie da»»» ihrem eigentlichen Wesen untreu wird. Das Judentum hat dieses schon früh erkannt, und das war auch der Hauptgrund, warum es nie Mission trieb und aller Pro» selnlenmacherri fern blieb. Denn man gewinnt fast immer die Breite nur auf Kosten der Tiefe, und bei jeder Bekehrung gibt