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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-05-01 · 9 (5.1926) · page 8

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
9 (5.1926)
Date
1926-05-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Zeit leben. Die alte Diplomatie mit ihren Kunststückchen und Geheimtuereien hat gründlich abgewirtschaftet. Heute versteht man unter Diplomatie die kluge Wahrnehmung der Interessen einer Gemeinschaft auf der Grundlage der Wahrheit und Gerechtigkeit. Je schlichter und offener unsere Führer ihre Sache vertreten, desto besser sür den jüdischen Gedanken. Jede Kunst und jede Wissenschaft, die etwas wert ist. kann öffentlich arbeiten und ihre stärke beweisen Für schöne Reden und demagogische Tiraden ist unsere Gemeindestube zu schade Nur eine Th-atersonne bedars künstlicher Schatten für ihre Wirkung. Die Natur wirkt schlicht und einfach. Man kann für seine Ueberzeugung ehrlich und tapfer kämpfen, ohne die andere Ueberzeugung herabzusehen und mit billigen Wiste« zu verhöhnen. Der Gedanke der jüdis«t»en Einheit musi jeder Aichtung im Judentum als höchstes Ideal vorschwebe», denn darin ruht die jüdische Stärke. Jeder Repräsentant ist njcht Vertreter einer Partei, sondern rer ganzen Gemeinde, er niusz alles Parteiliche der Wohlfahrt der Gemeinde unterordnen, sonst ist eine Gemeindepolitik im Geiste des Judentums nicht möglich. Wir besinn« gar zu viele Schlaqworte und zu wenig wirklich fruchtbare Ideen im gegenwärtigen Judentum. Ideen sc?» binden, Schtagworte trennen Alle Schlagwort? mögri» et» was Wahres an sich haben, aber halbe Wahrheiten sind eben keine Wahrheiten. Unsere Väter kannten nur ein Judentum, das für sie alles war. Wir sprechen vom nationalen, vom sozialen, vom modernen und prophetischen Judentum. Nun hat grwisz das Judentum nationale Elemente, — »venu auch nicht in dem engherzigen Sinne, wie man heute das Wort f>>s>». Da; Iudeiiiu,» hat auch die ersten sozialen Gesetze der HNenschhcit geschaffen, die noch deute von keinem System übertroffen worden sind. Das Judentum ist auch modern in dem Sinne, das; es nicht im Widerspruch zum moderne» Denken steh» und die beste Grundlage für den wirklichen Fortschritt abgibt. Das Judentum enthalt auch zweifellos den sittlichen Geist und die glühende Wahrheitsliebe unserer Propheten. Aber mit den neuen Nennungen ersaszt man nur «inen Ausschnitt des Judentums, und man kommt zu schiefen Vorstellungen. Das Judentum ist eine Einheit, und es umsaht unser ganzes geistiges und sittliches Leben. Und daher kann auch der Jude, der keine künstlichen begriffe und Differenzen schaffen will, nur einheitlich sein. Die Zerrissenheit und Zersetzung, an der viele Juden kranken, ist nicht die Folge der Unvereinbarkeit des Judentums mit dein Leben, sondern der falschen Auffassung vom -Judentum. Aus der Vogelperspektive gesehen, gibt es eigentlich nur zwei Parteien im Judentum: Eine, die das Judentum liebt und es zu stärken bestrebt ist. und eine, die innerlich bereits die Flucht aus dem Judentum vollzogen hat und sich nach Verdlassung und Absi-rbung alles Jüdischen sehnt. Alle anderen Differenzen schwinden angesichts der gro»en Ausgabe, die uns alle beseelt. Zwischen diesen gegensätzlich seelisch eingestellten Richtungen gibt es keine Versöhnung. Leben und Tod können sich nicht vertragen. Es ist aber klar, dag diejenigen, die sich nach dem Untergange des Judentums sehnen, in der Gemeindevertretung nichts zu suche« haben. Die 'einzelnen Schattierungen aber innerhalb der anderen Richtungen, die das Judentum als Lebenselement erhalten wollen, können bei gutem Wille» sehr gut gemeinschaftlich arbeiten, und je mehr sie arbeiten, desto mehr «vcrden sie Gemeinschaftliche» entdecken, das sie bindet und nicht trennt. .Zukllrk zur Weltanschauung!' möchte man den jüdischen Parteien von heute zurufen. Ader es ginge damit wie mit dem in den letzte» Jahren di» zum üderdrug geHärten Zurus: .Aurüch zur Natur!". Es wäre ein leeres Wort, das ohne Wirkung oer- Holl». Es geht mit vielen geistigen Dingen wie mit den Verkehrs- Maschinen: Sie find auf .Vorwärts" eingestellt, und bremst man sie zu stark, dann überstürzen sie sich. Di« Kulturgeschichte kennt wohl Rückfälle ober tein freiwilliges Zurückschrelten. Nein, aus den Parteien kann man nicht mehr tiefe Weltanschauungen machen. Wohl aber könnte man sie z» Richtungen machen, die nebeneinander und nickt gegeneinander arbeiten. Und darauf mufdas Streben aller ernsten Männer in der Gemeinde gerichtet sein. Mehr Klugheit und Würde im Zusammenarbeiten und auch im Kampfe! Wir lebe« in einer Zeit, wo die jüdischen Gemeinden sich in groger Not befinden, und diese Not sollte zu der Einficht führen, daß überall, wo nur möglich, der Kampf vermieden werden muh durch Gerechtigkeit und Vornehmheit. Dag Kampf Leben bedeute», haben wir bereits zu oft gehört. Aber das Leben darf nickt auf lauter Kampf gestützt werden. Der Kampf verbraucht viel Kraft, und unsere jüdischen Kräfte sind bereits so geschwächt, dag wir mit ihnen ökonomisch umgehen müssen Buch in unseren Reihen ist an moralischen Gütern viel zerstört worden, und wir muffen alle Kräfte sammeln für das Werk des Wiederaufbaues. Ernste gemeinschaftliche Arbeit im Dienste der jüdischen Einheit, beseelt von starkem Glauben an die jüdische Zukunft! Das ist die Parole unserer Zeit. Aus der Gememdeverttetung. Sitzung vom!7. Klar, 1?2S. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende dem Andenken des in der Fülle seiner iirail datiinqegaiigenen Justizrat Dr Auerbach Worte aufrichrigen Dankes für oic kraftvolle uns fachliche Mitarbeit, die der Verstorbene in der Gemeindevertretung seil Inkrafttreten der neuen Gcmeindeverfassung geleistet hat. Nach Bekanntgabe einiger Veränderungen im Pers »laldestand der Versammlung, bei welcher Gelegenheit die Herren Vornstein, Feist. Gerlich. Goilein, Grünsten,, Rechtsanwalt ^imon und Wolff sich als Fraktion der neu gegründeten Volkspartei vorstellten, wu-be in die Vcratung der Tagesordnung eingetreten. Eine qrös-.ere Debatte verursachte die Vorlaqc des Vorstands betr Ve ' i,i»-i>....i; vsn?Niitcin für vie ^.vcche der Erwerdslosensürsor^e Es tändelt sich um die Uiitcrstühung seit längerer Zeit hier wohndaiter ausländischer, meist polnischer Glaubensgenossen, die solange sie gearbeitet, ihre Veiträge zur Erwerbslosensürsorge entrichtet habe», die nun aber seitens der staailichen und städtischen.vürsorgestelle. wegen der in Polen ausgeübten Harten deutschen gegenüber, nicht ulltersrünl werden. Die Angelegenheit, deren Verweisung an eine Svczia'.konuniffion seitens der Herren ^acob Wo!n und Gen. beantragt war, wurde der Kommission nie soziale Fürsorge zur weiteren Behandlung überwiesen. Die vom Vorstand verlangten Kredite in Höhe von Alk. :t7A). wurden bewilligt Weitere Vorlagen, deren Annahin« drbattrlos erfolgte, betrafen Herstellung der .^ej-elanlage im Krankenhaus, Aufwertungsniafinahmen und den Adschlus; eines Gasliescrungsverlrags ^>n nichlöncntiicher Litiung wurde über ein seitens der Stadt vorgeschlagenes Tauschprojekt in Vczuq aus Friedhoisgelände sowie über Personalangelegcnhriten verhandelt. eZtlruag vom Zt. Zvärz »Y26. Die Verhandlungen vciaszlcn sich im wesentlichen wiederum mit den Angelegenheiten der E rwerbslosenfürsorge. Es wurden weitere Untrrstükungsbeträgc bewilligt. Außerdem stimmte die Gemeindevertretung den Vorlagen des Vorstands über die Abtretung eines Vorganenstrcncns bei der Vockcnbeiiiier Snnagoqe, über di? Herstellung einer endgültigen Einfriedigung an der Ostgrenze des jekigcn Friedhofs und über die Vcwilligung eines Vudgrtzwolstels zu. Eine nichtönentliche Sinung beschäftigte sich mit Personalanaeleaenbeiten. Amtliche Anzeigen des GemeindevorjlandS Stt?e?ds!ssessmssrge. Gegenüber irreführenden Behauptungen eines vor kurzem von jüdischen Erwerbslosen oerbreiteten Flugblatts sehen wlr uns zw folgenden Feststellungen veranlagt: Am!6. Dezember lS2ö trat eine Vertretung hier ansässiger erwerbsloser jüdischer Arbeiter aus Polen mit uns in Verbindung-, wir ersuchten am gleichen Tag die Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege als die in erster Linie zuständige stelle um beschleunigte Beratung im Einoernehmen mit den beteiligten Örganisatior>en. Die Zentral« wandte sich zunächst an die in Betracht kommenden städtischen Behörden, doch blieben diese Verhandlungen ohne Ergebnis, da nach der Rechtslage ein Anspruch polnischer Staatsangehöriger auf Erwerbsloseaumerstützung in Deutschland nicht besteht, weil Polen die vom Gesetz verlangte Gegenseitigkeit nicht gewähr!. Diese Tatsache ist umso bedauerlicher, als nahezu sämtliche in Betracht kommenden Art Zortseyung «ur» seile!tt)

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