Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-05-01 · 9 (5.1926) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
9 (5.1926)
Date
1926-05-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3094266-3094300-3094308--0636-3095340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

in der .dem deutschen Volke ewiger Haß gegen England schlechthin gepredigt wurde', dal allerdings ein Dichter jüdischer Abstammung geschrieben. Und jeder wird den schönen Worten Bernsteins zustimmen, das: ihm das .nickt hätte möglich sein können, wenn er einen Begriff davon gehabt hätte, daß dem Abkömmling von Juden in dieser, von nationalem Hader zerrissenen Welt. duni> die Geschichte seines Volkes eine besondere Mission zugewiesen ist." Dem ist aber entgegenzuhalten, daß Ernst Lissauer mehr dem Aorn als dem Haß poetischen Ausdruck gab und daß er sich nie zu Grausamkeiten verstiegen hat. wie dies die nichtjüdischen Haßpoeten z. B. Alfons Petzold und Heinrich Pierorth getan, wie dies die cnglischrn Haßvoclrn rein arischen Blutes getan, von denen einer acht Tage nach Kriegsausbruch in schwungvollen Versen das Ausstechen der Augen und Aufschneiden der Bäuche des Feindes besungen hat. Lissauer hat gerade in jüdischen Kreisen entschiedene Ablehnung gesunden, während von nichtjüdisitier Seite sein Haßgciana in Millionen von Eremplaren verbreitet wurde und ein christlicher Geistlicher ihn geradezu heilig gesprochen hat. Das hat natürlich nicht gehindert, das; ein ebenso streng nationalistisches wie christliches Organ. .Die Grenzboten", den Dichter an sein von ihm selbst vergessenes Judentum unsanft erinnerte und daraus eine ganz abstruse Psychologie aufbaute, von der besonderen Begabung der Juden zum Haß. Die von Bernstein angeführten Fälle, in denen Juden zum Haß gegen andere Nationen aufreizten, »als wären sie fanatische Rassenpolitikrr" oder in dein Bündnis Englands mit Rußland .einen Verrat, nicht an der Sache der Freiheit und des Fortschritts — nein, an der germanischen Rasse" erblickten, betreffen keineswegs Persönlichkeiten, deren Meinungen für das aufgeklärte deutsche Judentum bezeichnend sind. Es sei übrigens hervorgehoben, daß in allen diesen Beispielen der turor teu«onicu5 sich zuoördcst gcncn die .feindlichen Ausländer" jüdischen Glaudens ausgetobt hat. Derartige .Auswüchse des Ucbernationalismus" waren übrigens eine Begleiterscheinung jener Raserei, die zu Anfang des Krieges beinahe aüe Vöker Europas ergriff. Bei derf Juden in den Ländern der Gegenseite ist. im Gegenteil zu Bernsteins Ansicht, hierin noch ärger gesündigt worden als in Deutschland. Doch ließen sich von dieser Äaserei nur jene Elemente unter den Juden hinreißen, die aus innerer Unsicherheit und Haltlosigkeit sick angetrieben fühlten, in dieser stürmischen Zeit ihren Patriotismus durch grellen Aufstrich besonders bemerkbar zu machen. Es ist begreislich. daß auch diese wenigen und verhältnismäßig milden Erscheinungen einen Mann wie Bernstein mit Betrübnis erfüllen. Wie wenig die Juden es übrigens der Welt recht machen können, möge man daraus rrschrn. daß während Bernstein ihren Uebcrnationalismus tadelt, ihnen von der anderen Seite der Vorwurf gemacht wird, sie täten hierin viel zu ivenig .ihre Pflicht". Es bewährt sich auch hier die alte Regel: .So oder so. der Jude wiro vcrorannk." Run täte der Jude vielleicht am besten, sich zu sagen: wenn ich schon verbrannt werden soll, will ich mich lieber für eine gute als für eine schlechte Sache oerbrennen lassen. Gäbe es eine bessere Sache, für die es sich lohnt, sich verbrennen zu lassen, als die jüdische Idee der Völkergerechligkeil? Es ist nämlich zu rveit hergeholt, wenn Bernstein die Verpflichtung der Judru. Frieden zwischen den Völkern zu vermitteln, daraus herleiten will, daß sie unter allen Völkern zerstreut, keinem von ihnen Sympathien vorenthalten können. Der Gedanke ist freilich hübsch: Wenn ich in mehreren Städten Blutsverwandte wohnen habe, wünsche ich allen diesen Städten das beste Wohlergehen. Allein der Gedanke ist zugleich auch ziemlich engherzig. Der Gedanke der Einheit und tiefen Verwandschaft des Menschengeschlechtes ist in den edelsten unserer Vorfahren lebendig gewesen, zu einer Zeit, als wir noch nicht unter ollen Völkern zerstreut wohnten, und hat nicht aukgehörr lebendig zu sein, als Jahrhunderte nachher die Hoffnung in die Herzen einkehrte, daß die Verstreuten von allen Ecken und Enden der Well gesammelr uno heimgeführt würden. Das »welrbürgerliche Gefühl" der Juden kommt also nicht daher, weil die Angehörigen des jüdischen Volkes mit allen (oder den meisten» Völkern der Welt in nachbarliche Berührung gekommen find. Es entspringt dem Bewußtsein, daß alle Völker der Erde Glieder einer großen Familie sind, die in gemeinsamer Arbeit ein großes, übernationales Werk zu vollbringen haben: die Erfüllung des göttlichen Willens auf Erden, oder das Reich Gottes, das messianksche Zeitalter, wie es in der theologischen Sprache heißt, herbeizuführen. Gl edcr derselben Familie mögen verschieden geartet sein, sie mögen an geistigem und sittlichem Wert ein verschiedenes Hvhcnmaß erreichen: in einem Punkte gleichen sie alle einander, nämlich, daß jedes ein Recht zum Dasein hat und keines im besonderen, auch nicht alle vereint, sich dazu hergeben dürfen, einem von ihnen, und sei es das geringste von allen, das Lebenslicht auszublasen. Glieder derselben Familie mögen sich untereinander heftig streiten, sie mögen einander bedrängen, aber am Ende werden sie sich doch versöhne», wenn sie nur erfüllt sind, von der Ehrsurcht vor dem gemeinsamen Ursprung und von den« Willen zur Gerechtigkeit gegeneinander. Lassatte und Marx. > j t?ur Geschichte des modernen jüdischen Universali-mus».! Von Dr. Leo Löwenthai.! u.! Wenn wir uns nunmehr zu Kar! Marr wenden, so können wir uns schon deswegen kürzer fassen, weil ihn,, wir sagten es bereits, ganz im Gegensafl zu Laisalle der Durchdruch zur universalistischen Weltanschauung aus dem Urgrund seiiier jüdischen Sudstanz vollkommen gelingt. So wie der Schlüssel zu Ferd. Lassalles Theorie sein Leben ist. so ist der Schlüssel zum Leben von Karl Marx eben seine Theorie. Karl Marr ist die wirklicke Fortscqung der! in Maimoi.idcs Kulininirrriidrit Rutionaiisierung des Judentums. - Er führt tu grandioser Einseitigkeit und dcnkerischer Überlegenheit die Linie des universalistischen Erkenntnisprozesses sort. So ist der! Enkel einer langen Reihe von Rabbinen, obwohl e? schon als Kind! getaufter Eltern das Licht der Welt erblickt, ein treuer Erbe edelster! rabbinischer Tradition geworden. Wenn wir das Leben und das Wirken von Karl Marr nach jüdischen Dokumenten untersuchen wollen, so sinden wir eigentlich nur jene eine berühmte und berüchtigte Schrift .Aur Judcnsrage",! die er in den von Arnold Rüge herausgegebenen deutsch-französischen z Jahrbüchern veröffentlichte. Und wollen wir sonst noch etwas Bio-! graphisches sttr seine Stellung zum Judentum als bezeichnend an-! sprechen, so sind es die Dokumente einer herzlichen, freundschastlichen! Beziehung zu Heinrich Heine: sie offenbaren eine gegenseitige i Hochschähuiig und Achtung, die es ganiicht »ölig hat. sich jener vorsichtigen Beobachtu»g?laktik zu veslcißigc». die einem Ferd. Lassalle gegenüber a»> Plast zu sein schien. Mit srcundlicher Anteilnahme kümmert sich Murr etwa um Heines literarische Sorgen > er tröstet und schickt ihn zu seiner Frau, die mehr als er von Dichtj Kunst verstehe, wenn Heine einmal ganz untröstlich über den Angriff > irgend eines Literaten aus ihn zu Marr gelaufen kommt. Aber nicht j immer, so erzählt Karl Kautsky. kam Heine hilfesuchend, mitunter i auch hilfebringend. >5!,i, Fuü wurde in der Marrscken Familie bri sonders gut in Erinnerung gehalten. > „Die kleine Jennn Marr, ein Säugling von einigen Monaten, j wurde eines Tages von hejtigrn Krämpfen befalle», die das Kind > zu töten drohten. Marr. seine Frau und ihre getreue Gehilfin und > Freundin, Helene Demuth, standen verzweifelnd und ratlos um! die Kleine herum. Da kam Heine, sah sie an und sagte: „Die Kleine! muß in ein Bad". Mit eianc? Hün'o richtete er das Bad her, legte j das Kind hinein und rettete, wie Marr sagte. Jennns Leben. Heine als praktischer Kinderwärter - dies Bild dürste manchen j überraschen. Marx war ein großer Verehrer Heines. Er liebte den Dichter ebensosehr wie seine Werke und urteilte aus das Rachsichtigste über seine politischen Schwächen. Dichter, erklärte er. seien sonderbare Käuze, die man ihre Weg? wandeln lassen müsse. Man dürfe sie nicht mit dem Maßstabe gewöhnlicher oder selbst ungewöhnlicher Menschen messen." Und wie äußert sich nun umgekehrt Heinrich Heine über Marr? In einem Brief aus dem Jahre!K5! aus Paris schreibt der Philosoph Carri>>re an Varn Hagen folgendes: ..Mar? ist ein höchst geistvoller, aber schroffer Mann, der große Diktatorgclüste hat und von dem Heine sagte: Jndeß ist der Mensch bei alledem wenig, wenn er nichts als ein Scheermesser ist " Wenn man diese Äußerung von Heine so nimmt, wie sie genommen werden o uß. , Vgl. die vorige Nummer S. 4. ff.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.