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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-05-01 · 9 (5.1926) · page 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
9 (5.1926)
Date
1926-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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freier Gottesglaube machte de» Juden zum geborenen Mittler in , der religiösen Welt . . Ein bestechender Gedanke, der aber nur in Ausnahmefällen Benvirklichung fand." Denn einerseits ver»! legte das Judentum durch seine rituelle Abschließung sich selbst die Möglichkeit einer tieseren Beeinflussung der außerjüdischen Welt, ' andererseits ging die Abschleifung und Abweisung religiöser Dog- »en einen anderen Weg und machte außerdem bei radikalen i Denkern auch vor der Gotteside« nicht halt. .Insofern find vor i dem Zeitgeist die Juden als religiöse Mittler überflüssig geworden." Dagegen erwachse den Jude» jetzt die Aufgabe, »Mittler i Zwischen den Völkern' zu sein, .das zu pflegen, was die Völker .i oerbindet, und dem entgegenzuwirken, was sie trennt und Haß! zwischen ihnen säet.' ' Eine hohe, und edle Ausgabe, welche Bernstein hier den Juden zuweist. Nur ist es ein Irrtum, wenn er meint, das; sie so grundverschieden sei von der vorhergehende», von ihm als überlebt bezeichneten .Mission der Juden", den reinen Gollrsglaubrn den Völkern der Welt zu übermitteln. Im Gegenteil, sie hängt mit ihr auf» inniaste zusammen, io, sie ist nichts als deren moderne, zeitgemäße Ausgestaltung. Nur Hat Bernstein nicht die passende Terminologie gewählt. Es handelt sich hier in erster Reihe nicht darum, daß die Juden zwischen den Nationen vermitteln indem sie dasjenige pflegen, was sie alle verbindet, und dasjenige bekämpfen, was Haß und Zwietracht zwischen ihnen säet: dieser Teil der Ausgabe kommt erst in zniciter Reihe. Das Primäre und Hauptsäch»iche ist. daß die Jude» die Jd-c der Gcrc ch tigkett im Völkcrtcbc». der absolut?!: Gerechtigkeit als Grundlage des Verkehrs zwischen Volk und Volk den Nationen übermitteln, nicht müde werde», sie der Welt zu verkünden- Und hierin sind die Juden nickt Mittler zwischen den Nationen, sondern Vcrkünder einer ureigenen Schöpfung ihres Nalionalgeistes. oder, wie es in theologischer Ausdrucksweise heißt, einer Offenbarung, die ihnen zuerst geworden ist. Das Wort .Mittler" erinnert unliebsam a» .Vermittler" und erweckt die Vorstellung, daß da einer mit fremden Erzeugnissen von Volk zu i Volk hausieren geht, in Wirklichkeit jedoch handelt es sich um die! Verkündung und Verbreitung eines Grundgedankens der eigen-! tümlichrn jüdischen Lehre. Und diese Idee, nämlich die Idee der! Bölkergerechtigkeit, steht im innigsten Zusammenhange mit > der jüdischen Gottesidee. »in der sich alle religiös gesinnten Meni schen zusammenfinden können." Man kann es ruhig den Ge-! schichtsphiiosophcn und Religlonspsnchologen überlassen, jdarüder zu streiten, ob die Erkenntnis Gottes den Juden aus der Idee > der Weltgercchtigkeit aufgegangr». oder umgekehrt, die Idee aus? der Gottesidee geboren wurde. Tatsache ist. daß die Gerechtigkeit »ur dann einen Sinn hat. n»enn sie als Verwirklichung und Erfüllung eines Weltwillens aufgefaßt wird. Dann ist es aber auch gleichgültig, daß .radikale Denker auch vor der Gottesidee nicht halt gemacht haben." Diese radikalen Senker m.i.,e»!?sn reinst-n: Wahrhritsdrang beseelt und von den coelslc» ethischen Motiven geleitet sein; sicher ist eins: n>enn es ihnen gelänge, (was jedoch »ach menschlichem Ermessen ausgeschloffen ist) die »Gottesidce" aus dem Bewußtsein der Kulturmenschheit auszutilgen, und die lieberzcugung zu vernichten, daß das menschliche und geschichtliche Leben und Weben in einem Nberweltlichea. Ewigen verankert ist. dann wäre ihre ganze Ethik letzten Endes sinnlos; alle sittliche und Kulturarbeit des Menschengeschlechts würde sich in einem Streben nach .plattem, materiellem Wohlergehen", nach .bloßem Geldenverb und persönlichem Wohlbesinden", auflösen. Iva? gerade Bernstein au» tiefster Seele verabscheut und mir kräftigen Worten als .Bourgeoisiegesinnung" brandmarkt. So betrachtet, erscheint der Beruf der Juden zum »Mittler zwischen den Nationen", nicht als Gegensatz zu der hergebrachten Mission, sondern als deren Fortsetzung und Vollendung. Man darf wohl sagen, daß es der jüdischen Propaganda und Pflege, de? »reinen Gottesidee" im großen und ganzen nickrLübel gelungen ist. ihr zum Siege unter der KuUurmenschheit zu verhelfen. — trotz de? .Vermischung der großen, erhabenen Idee eines einzigen, die ganze Welt umfassenden hockften ^!5esens mit heidnischen Vorstellungen", was beim Uebcrgang dieser Idee in die Hridenwclt unvermeidlich war. So dürfen wir mir Zuversicht hoffen, daß die Arbeit im Dienste der Idee der Bölkergerechtigkeit mit der Zeil schon ihre Früchte tragen, wenngleich auch sie vor .heidnischen Vermischungen" kaum zu verhüten sein wird. Man vergesse auA nicht, daß die Mission der Juden im Dienste der .reinen Gottesidee" auch historisch nie von jene? im Dienste der Völkergerechtigkeit getrennt wurde. Man denke an das Ideal des Völkerfriedens und der Välkerversöhnung. das Jesaja und Micha ausgestellt haben. Vielleicht noch bezeichneter sind die letzten acht Verse des lv. Kap. des Jesajas. wo das Zukunstsoerdältnis zwischen Israel und seinen gefährlichsten Erbfeinden. Aegnvtern und Afsnrern. ausgemalt wird. Da haben sich die beiden großen, erzheidnischen Nationen zum einigen Gott bekehrt, sie rufen ihn an und er schickt ihnen Vorkämpfer und Erlöser, er züchtigt sie und heilt sie. ganz wie er es mit seinem Volke Israel macht. Von Aegnpten führt eine Verkehrsstraße nach Assyrien. Israel ist das Verbindungsglied zwischen beiden zum Segen für die Erde. Und Gott spricht. .Gesegnet sei mein Volk Aegnpten. da» Werk meiner Hände Assur und mein Erde Israel." Hier findet der Univcrfaiismus den höchsten und verklärtesten Ausdruck, die beiden schlimmsten Bedränger sind ausgesöhnt und in den sczcnsssllcn Bund ausgenommen. lWenn die radikale Bibelkritik reckt hätte mil der Hnpothese. daß diese Verse in der uiakkabäischcn Zeit des .Spätjudentums" abgefaßt worden seien, so würden sie uem viel verlästerten Spätjudentum das Zeugnis eine? Gottes- und Weltanschauung ausstellen, wie sie reiner und edler nicht gedacht werden kann). Wcn^ sich derart im jüdischen Brivußtscin die Gottesidee mit de? Idee der VölKergerecktigkeit und d?-> Vöikersriedens innig ocrwoben hat, so erscheint die Aufgabe, das Verbindende zwischen den Völker» zu pflegen und das Trennende zu bekämpfen, nur als etwas Abgeleitetes. Das gilt namentlich von der Bekämpfung des Nationalismus. Bernstein unterscheidet sehr fein zwischen den» natürlich-nationalen Empfinden und dem nationalistischen Denken. Elfteres, ein Produkt der Geschichte der Menschheil, stelle sich ein. .sobald eine bestimmte Höhe der sozialen Entwicklung erreicht ist, etwas .das nicht aus der Welt verschwinden wird", solange Nationen mit ihren Besonderheiten von Sprache. Sitten, ökonomischen Interessen bestehen " Das .nationalistische Denken" dagegen .ist nicht naiv, nicht das natürliche Ergebnis der gescllschaftlicken Entwicklung. Es ist die bewußte Uebertreibung des natürlichen Nationalgesühls im Interesse der bestimmten, politischen Zwecke, welche entweder direkt im Widerspruch stehen mit der allgemeinen Entwicklung, oder sie dadurch gcsährden, daß sie aus eine ungesunde VertcilungDder Säfte de« Grscllschaftskörpers hinzielen." Dieses verstiegene nationalistische Denke» nennt Bernstein ein Krankheitsprodukt und einen Auswuchs am großen sozialen Körper der Kulturmenschheit. In unserer Zeit hat es die schlimmsten Orgien gefeiert und zum großen Teil den Ausbruch des Weltkrieges mitverschuldet. Unk» die Jude» erhebt Bermlcm den Vorwurf, daß sie dcn Nationaiismus nicht nur nicht bekämpft haben, wie es ihre Aufgabe sei. sondern während des Krieges noch gefördert hätten. Damit tut Bernstein namentlich den deutschenZJudcn gewiß unrecht. — Aus den Reihen kerndeutschen Juden karnenAlur Stimmen zur Verteidigung de» Deutschtums gegen die unerhörten Verleumdungen und Beschimpfungen, die nach Kriegsausbruch plötzlich von allen Seiten.sich erhoben und die Weltathmosphäre mit Gift ermllten. Da traten deutsche Juden hervor, zum Protest und zur Zeugenschaft. Damit haben sie friedenstistend gewirkt und dem Haß gewehrt. Den Haß der Deutschen gegen andere Nationen zu scküren. diese Aufgabe nahmen die antisemitischen und alldeutschen Organe auf sich, die nicht müde wurden, den »ethisch berechtigten Völkcrhaß" zu predigen. Kein geistig hervorragend deutscher Jude hat. bei aller Energie in der Verteidigung des Deutschtums, zu solch wilder, durch ihre kalte Vernünftelei umso abstoßender wirkenden Rechtfertigung und Heiligsprechung des Hasses gegen den Feind sich verfliegen wie es auf der anderen Seite geschehen. Ganz undenkbar ist es. daß eine jüdische Frau solch« Töne unbändiger, kalt unoers-'hnlichcr Rachsucht gefunden hätte, wie jene strengiroinmcn christlichen Damen, die sogar von einem .heiligen Haß" redeten. Zur Verleumdung fremder Nationen haben sich jüdische Männer in Deutschland nicht hergegeben, auch nicht in der größten Hitze des Kamoies für die angegriffene Ehre idres Vaterlandes. Die ^Homne des Hasses."

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