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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-05-01 · 9 (5.1926) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
9 (5.1926)
Date
1926-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der Mensch soll sich seiner Verantwortung gegenüber der f^samlheil bewußt werden und sie nie. auch nur silr einen Augenblick, oeilieren. sein Sichbeünnen soll nicht um seines persönlichen Heiles willcn fcw, sondern wegen des Heiles der Gesamtheit. Seme Würde beruht darin, daß'er sich als Glied der Gesamtheil fühlt; nicht in dem Sinne, daß seine Persönlichkeit gleichgittig wird, daft sein Persönlichkeitsrecht unterdrückt und ausgelöscht wird, das er in der Gesamtheit untergeht, sondern in dem Sinne, dag er sich als berufen und verpflichtet fühlt, mitzubauen an dem Bau der auf Gerechtigkeit und Liebe sich gründenden Gesellschaft, und daß er sein eigenes Leben um so erhöhter und gesteigerter empfindet, je reiner und sichererdie Gemeinschaft aufgebaut ist. Das ist dann die rechte Verbindung von Persönlichkeits- und Gemeinschastsberoußtsein. in ihr offenbart sich Eigenart und Selbständigkeit des Judentums, seine Sonderstellung im Geistesleben der Menschheit und seine Sendung an die des Wochenfestes. damit wir unserer Ausgabe aus eigenem Bejahen uns weihen und an ihr über alle Wandlungen des Völkerlebens hinaus festhalten. Sie Alisßon des Judentums. Von Sinjasüa Lese! iWien). An das Judentum und die Juden sind in dem legten Jahrzehnt von innen wie von aussen bewegende Ziagen herangetreten, die an Wesen. Daseinsberechtigung und Lebensaufgaben rühren. Der Gang der Weltbegebenheiten veranlagte auch Männer, die dem jüdischen Leben fernstehen, sich mit dein .ewigen, jüdischen Rätsel" zu befassen. Mas ist der Kern der jüdischen Lehre in der grellen Beleuchtung dieses Weltbrandes gesehen? Welche Stellung nimmt das Judentum zu den Ausgaben, die unsere Zeit und die jcl;t anhebende Geschichtsepoche den Völkern stellt? Wie ist vom Standpunkte der jüdischen Weltanschauung der Weltkrieg, wie sind die durch ihn herauibeschworrnen Probleme zu beurteilen? Gebietet das Judentum seinen Bekenner«, die in seiner Lehre leben, sie bewahren und entwickeln wollen, ein besonderes Verhalten mitten in diesem wilden und wüsten Völkergetttmmel? Und während alles, was bisher in der Welt festzustehen schien, ins Wanken gerät, ist es da ein Wunder, das; mancher von uns im tiefsten Herzen die bange Frage vernimmt: hat nicht das Judentum seine Rolle ausgespielt? Ist es nicht vielleicht eine hohle jiugel. die wir durch die Jahrhunderte mit uns fortschleppen? Ein inhaltleeres Gebilde, aus abgelebten Ueberlieierungen und trügerischen Hoffnungen zusammengesetzt, unfähig, auf die brennenden fragen des stürmischen Lebens Antwort zu gebrn. als Leitstern aus den verschlungenen Wegen der Mirklichb«,« ,» di?nrn? Worin aber deruht die grshc scciischr Macht, die das Judentum auf seine Bekenner ausübt, daß sie ihm doch im großen und ganzen unerschütterlich anhangen und immer wieder zu ihm zurückkehren, trotz der ungeheuren Opfer, dir sie dafür bringen müssen, trotz der lockenden Versuchungen zur Abtrünnigkeit, die an sie jeden Tag und jede stunde herantreten? Man muse» als einen Beweis für die dem Judentum innewohnende unverwüstliche Lebenskraft ansehen, das; seine Gegner sich nicht damit begnügen, ruhig seinen Zerfall abzuwarten, sondern gerade in unserer Zeit mit alten, neuen Mitteln der Verlockung. Ueberredung, Polemik und Herabsetzung ihm zu Leibe zu rücken. Gemeint ist namentlich die Juden Mission, in ihren verschiedensten Gestaltungen, die schon während des Weltkrieges, besonders aber in der leizten Zeil eine rege Tätigkeit entfaltet, den angeblichen religiösen Aufschwung denuk>en will, um einen Abfall in grss^L? Stit unter den Juden herbeizuführen, indem ihnen dargetan wird, dah die lebendigen Quellen unter ihnen versiegt seien und den gesteigerten Duril nach dem Göttlichen im Leben und im^Fühlen nicht zu befriedigen vermögen. Nicht alle, die das .Judenproblem" in der letzten Zeit behandelt, Heden die Frage .Sein oder Nichtsein" so schroff und lülar gestellt. Aber sie ist das bewegende Motiv auch z. B. der 3? Schrift von Eduard Bernstein .Von den Aufgaden der Jude.» j im Weltkrieg', die uur »inen Teil de« Problem» behandelt. Diese i Schrift, die schon im Jahre tM7 ibei Erich Reis,-. Berlin! heraus. kam. ist jetzt aus Anlast de» Jubiläums ihres Verfasser«, wieder! in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt und erheischt in der Tat eine eingehende Erörterung, nicht allein wegen der bedeuten»! den Persönlichkeit de» Verfassers, sondern vor allem wegen der großen Fülle der Ideen, die sie auf kleinen« Raum bietet und de? i Kühnheit, mit der hier einige der nieist umstrittenen Fragen unserer Zeit ersoNt und beantwortet werden, j Schon der im Titel der Schrift ausgedrückte Gedanke, daß den Juden als solchen eine besondere Aufgabe obliege, ist merk.! würdig. Seitdem die Jude» am Anfange des li». Jahrhunderts! über ihre Geschichte und ihr Wesen nach moderner Methode nachj zudenken begannen, sprach man immer von einer Mission des i Judentums. Seit etwa orrisiig Jahren ist dieses Wort in Verruf i gekommen und zum Gespött jedes .gebildeten" Spirncrs geworden.! Es roch nach .Theologie." Eine .'Mission" wäre ja gewisierinaken! ein Auftrag, und -in solche? setzt einen AuftraiZgcdcr voraus. .Mission" gründet sich also aus dem Glauben an eine oroviden»! tirllr Leistung der Geschichte, und das widersprach den Geboten Z der .Aufklärung", in der wir ja alle atmeten, llnd nun kommt! Eduard Bernstein, den man doch wahrlich keiner Hnoervrthodorie i beschuldigen kann, und lehrt, die Juden haben eine dejondere ' Aufgabe in dieser Zeit zu erfülle», da mus! denn doch diese Auf. gade mit ihrer ganzen Ztellung in d«?k Geschichte zusuittinrichüilgrn. l sie haben also doch ein- Mission, freilich braucht nicht jedes Volk in der Welt eine Mission zu habe», ebensowenig wie jeder Einzel« mensch einer besonderen Aufgabe, einer besonderen Idee zu leben oder ein besonderes Talent zu habcn braucht. Aber ebenso wie jeder hervorragende Mensch sich durch eine besondere Eigenart auszeichnet, und seine .ttraft auf irgendeine»! Gebiet betätigt, sein Leben erst dann als wertvoll und inhaltrejch betrachtet, wenn es ihm gelungen ist. ein Werk irgendwelcher Art zu schaffen, welches das Gepräge seines Geistes trügt, so ist auch noch kein bedeutenderes Volk über die Erde gegangen, das nicht durch sein Leben und durch seine Taten irgendeinen Gedanke», eine Idee, «ine Lehre verkündet und verwirklicht hat. die dann zum Gemeingut der Äulturmenschheit geworden ist. Das ist seine Mission in der Völkrrwelt. die Rechtfertigung und Verklarung seines Daseins. gibt Einzrlmenschen. die nur eine stunde, eine Gegenwart, aber weder Vergangenheit noch Zukunft haben: sie begnügen sich mit ihren« bürgerlichen Beruf, der von amtswegen genehmigt und von der Steuerbehörde registriert ist. und darüber hinaus tragen sie nein Verlangen. Sie werden in Ehren grau als .nützliche Mitglieder der Gesellschaft", und wen» sie vom Schauplätze abtreten, betrübeil sie keinen Mitbürger, ebensowenig wie sie durch ihr Leben jemanden sonderlich beglückten, So gibt e? auch gesckichtslose Völker, die in de» blauen Tag hineinirbrn. sich in die Huttücl üirsrr Weil nur NttfMtli. insofern es gilt, sich dss Futter zum Fristen des Alltagsdaseins zu holen. Doch ist das nun einmal nicht allen gegeben; es gibt manche, die an de» Dingen dieser Welt noch ein höheres Interesse nehmen und den Menschen etwas zu oerkündcn haben; sie können es nicht anders, und sie nennen sich darum die auserwählten Völker, eine Bezeichnung, in der freilich viel Hochmut, aber auch viel Demut liegen kann. Es kommt nur daraus an. wozu man sich für auserwählt hält, was man als . seine Mission aus Erden ansieht. j Eduard Bernstein geht nun die verschiedenen Auffassungen von der Mission der Juden durch. Es gab eine Z-it. wo viele l Juden die Meinung hegten, es sei der Beruf ihres Volkes, den! Nationen der Welt die Pflege des reinen Gottesglaudens zu oer- > Mitteln. Freilich war ihnen eine religiöse Propaganda, wie i Christen und Mohammedaner sie betrieben, verboten. Darun, konnte das Judentum nicht durch Bekehrung zum Glaudens- Wechsel, fondern nur durch Anstob zur Glaubensreinigung eine Einwirkung auf die Bekenner der in den zivilisierten Staaten anerkannten Religionen ausüben. Der Jude sah in den Dogmen ' der christlichen und mohammedanischen Religion Verunreinigungen! der großen Idee eines einzigen, die ganze Welt umfassenden Wesens. In dieser Idee konnten sich alle religiös gesinnten Menschen zusammenfinden. .Sein von allen heidnischen Dogmen

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