Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 4 (1925-1926)
- Issue
- 8 (4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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alle» Andere ist «ir zur Farblofigkeit verblaßt.' Seit Mittwoch No^ liebe ich Dich bis zum Wahnsinn!^ Und wir werden heute diese Bez«chraozgHes .Wahnsinns^ auch noch nicht ablehnen können. Es noch als wahnsinnig erscheinen, wenn eine Persönlichkeit, die sich dazu berufen fühlt, durch ihre politische und wissenschaftliche Wirksamkeit ein Erlöser der bedrängten Menschheit zu werden, in de» Leidenschaftlichkeit eine» persönlichen Erlebnisses das alles kver-- gessen barm. So sehen nicht Menschen aus. die eine Sendung zu erfüllen haben. So sehen nur Menschen s-:s. die in einer oollksmraeaen^Gebrochenheit ihres Wesens haltlos zu sich, zu^ ihren Ideen »ad zur Umwelt stehen. Und so nimmt es uns auch aa» nicht Wunder, wenn auch diese so leidc.ischaftlich und heiße Liebe nicht erwächst aus dern^Grunde einer sich vertiefenden oder fi^ verinnerlichenden Beziehung, sondern wenn ne auch nichts ist als eine legten Endes zufällige Eruption des ruhelosen Erdcnganes. Nach einer schon lang andauernden Zeit der Bekanntschaft- und Neigung schreibt er an den Freund: .Teils endlichem die ganze Wahrheit *zu gestehen, wußte ich vor ^unserer jetzigen Trennung uoch garnicht. wie sehr ich Helene lichte. Seit vorgestern Nacht erst weiß ich es." iIetzt also erst, wo er die Geliebte verlieren soll, wo wiederum es mißlingen soll, einzudringen in eine Welt, die ihn und"sein Volk mißachtet hat, und in die einzudringen höchster Triumph'oes ehemals geknechteten Juden wäre, jetzt erst will er etwas von^dem Ausmaß seiner Liebe wissen. Und wenn vor einigen Iahren noch er in jener großen Lcbcnsbeichte. die er an eine von ihm geliebte junge Russin richtete, nur außerordentlich ungern sich Mr Taufe entschlossen hätte, wie er da noch das außerordentlich Mißverständliche und Peinliche und Entwürdigende dieses Schrittes spürt, ist ihm auch das jetzt vollkommen gleichgültig geworden. Er kümmert sich jetzt nur noch um die rein technische Frage, wie sich in kürzester Zeit Taufe und Ehe vollziehen lassen können. Es ist für unsere Betrachtung hier vollkommen gleichgültig, wie das Verhalten der Helene von Döuniges zu beurteilen wäre. Aber aus solgendea Zeilen spüren wir den tragischen Grundcharakter Lassalle» ganz deutlich hervor, der ihn dazu zwang, nach den vielfachen vergeblichen Folgen einer gewaltsamen und gewalttätigen Emanzipation in den Tod zu gehen: Helene, wenn Du wirklich mir treulos sein könntest, uneingedenk Deiner Schwüre mir entsagen könntest. Du würdest nicht wert sein, was ich jür Dich, leide. Ader ich würde mich dennoch täten, denn es gibt fortan kein Leben ohne Dich. Helene. Beruhige mich durch eine Zeile!" So sein Leben abhängig zu machen von de? Laune einer geliebten Frau und dabei ein Ferdinand Lassalle sein — da» bedeutet im Grunde, den Tod zu wünschen. Und das Duell, da» sich dann aus diesen Beziehungen entwickelt, ist im Grunde nur der Ausdruck des Selbstmords von Lassalle. Lassalle wollte in diesem Duell fallen, daran besteht für uns nicht der mindeste Zweifel. Und man lkann es historisch auch beweisen aas dem, was die Augenzeugen über die legten Tage berichten, in denen Lassalle, ganz lm Gegensag za seinem Gegner, sich nicht im mindesten darum lxmLht, die verwendeten Waffe» zu prüfen oder sich einzuschießen. Lassal'.es Tod ist kein blöder Zufall in seiner Lebensgeschichte, so zufällig auch die äußeren Umstände sein mögen. Dieser Tod ist nur der Vollzug jener unglückselige«, rein im Persönlichen hasten gebliebene» Löiuug. die Lassalle für sein jüdische» Erlebnis fand. seinem Roma» »Der Zauberbera/ hat uns Thomas Man« t» Leo Rsphta eine Persönlichkeit geschildert, die, herstammend aus ostjüdischem Milieu, früh getauft, sich rasch zu einem dialektischen Verfechter de» Katholizismus entwickelt. Dieser Leo Naphta ist eine außerordentlich kluge, denkerisch geschulte Persönlichkeit, die nun ihre vollkommene Gegensätzlichkeit zur Figur des idealistischen »nd humanistischen Sette^mbrini entwickelt. Jene? geistige Kampf zwischen den beiden spitzt sich allmählich zu einer Sphäre der Gereiztheit zu. die schließlich zu einem Duell führt, vor dessen Beginn Leo Naphta Selbstmord verübt. Und dieser Selbstmord Lea Naphta»'scheint mir nichts Anderes zu sein, als das vielleicht unbewußte Erlebnis de? Figur Ferdinand Lassalles für Thomas Manu. Dieser Leo Raphta muß ebenso, wie Ferdinand Lassalle. Seldsrmord verüben, weil sie beide den ungeheuerlichen Versuch machen, de» Sieg über eine Welt, die sie und ihre Vorsahren unterdrückt hat, dadurch zu erringen, daß sie sich mit dieser Welt «dentisizi-re«. — E» gehört sehe intim zur Eigenart der jüdischen Situation in unserer Zeit, daß es gewöhnlich nicht jüdische Pe» sönlichkeitrn find, die un» solche jüdischen Figuren wie Lassalle oder Leo Naphta nahebringen. Auch für Ferdinand Lassalle hat sich bis heute noch kein kongenialer jüdischer Historiker gefunden. „Sie Zagd Gottes". Gedanken zur Mischen problemgeflaltong. V»a etae« Züchljodm. E» ist immer ein besonders schwerwiegende» Ereignis, wem» ein starker Mensch, der ganz im Dienste einer Weltanschauung steht, die Probleme dieser seiner Lebensaufgabe außcitzalb seine« Wirkungskreises in dramatischer Form vor der Öffentlichkeit z« gestallen und zu lösen versucht. Der Rabdiner Emil Bernhard hat mit seinem bühnenwirksamen Drama .Die Jagd Gottes" dem deutschen Theater nicht nur eine parke dramatische Leistung g« geben, sondern die gesamte Öffentlichkeit mitten in das geistige Ringen de» fortschrittlichen Judentum« gestellt. Die Uraufführung de» Stücke« in Frankfurt a. M. zeitigte eine so gewaltige Anteilnahme aller Schattierungen dieser Öffentlichkeit, vom Kenner und Freund de» jüdischen Ringens über den Uninteressierten dl? zum haßerfüllten Feind, daß man unschwer voraussehen kann, es werde da» Stück und seine Probleme in unserem geistigen Leben nicht mit den Aufführungen auf deutschen Bühnen erledigt sei». Was dl? dramatische Seite betrifft, so hat Emil Bernhard da» Ziel des dramatischen Dichters im wesentlichen in die Tat umzusetzen vermocht: Aus einem Sonderfall die allgemeine Bedeutun.s z« gewinnen. Denn sein Drama ist eine aus jüdischer Bedingtheit herausentwickelte allgemeine, urmenschliche Angelegenheit von größler Bedeutung für die Zeit, in der wir leben und die noch kommen wird. E» ist eine Synthese de» jüdischen Denken» mit den großen menschlichen Lr^-bnlfse!» mitlrlruropäischer Philosophie, es zeigt in leuchtender Kraft die geistige Bewältigung der Ricsenaufgabe von der Eingliederung de» durch die Demokratie in Europa fortschreitend entfesselten Judentums in die Gedankenwelt des westeurooa> lschea Kulturstandcs Ni^l»!s Jüdische» wird aufgegeben oder verleugnet. Aber alt», starre Fessel», die den geistigen Weg des Judentum» au« der erzwungenen und freiwilligen Abgeschlossenheit nach den für wette Kreise längst gefallenen inneren Hemmung,» noch gewaltsam behindern, werden mutig aufgezeigt und jür Freuud und Feind weithin sichtbar überwunden. Für diesen Borgang ist e» geradezu von epochaler Bedeutung, daß ein Rabbiner dieses Werk schrieb. Dem Dichter Bernhard bietet das jüdische Ghetto mit der inneren ErfüLtheit fetner Bewohner, mit ihrem wirklichen Aufgehe» in dem Er:öserglauben, mit ihrer grenzenlosen Begeisterung,- »nd Opserfähigkeit. mit ihren Härten u»d Schwächen die besten Vorbedingungen höchster Eesi»llung»möglichkrii.cn und siä-kster dimus. tischer Spannungen. Dem Kämpfe» Bernhard ist da« löhitt« »nd seine Menschen die stärkste Form zur Gestaltung seine: Er« lös»aa»tdee Ein junger Mensch hat steh «u» dem grausamen Zwang seines Vaterhause» herau»gepüchtet, er ist erfüllt von einer glühend«, Gegnerschaft L<gea die starren Forderungen der Väter, er Kämost ae^e» thr Gesetz »ad ihren Glauben. Die Jugend de« Gh. ttos ruft er auf zu diesem Kampf, die Liebe will er sezen an die S:ele der Vorschrift, die Menschen will er zum Guten in sich selbst zurückführen. Diese Jugend wartet aus Erlösung aus dem drängenden Wirde! ihrer inneren Not. Sie hört auf jede Stimme, die sie ruf-, aber sie kann Echtkett nicht unterscheiden von Täuschung — trotj »llerftreuoster Erziehung. Der schlaue Händler, uninteressiert am Problem des Fremden und seiner eigenen Leidensgenossen, dereichert sich, indem er den Fremdling zun» überirdischen Wesen macht. Die Juseud selbst reißt den Fremden ab vom Pfade seine? Erkenntnis, sie stempelt ihn gegen seine» Willen zu etwa» Höherem. Der Vertreter aller Väter reißt ihn herunter, nennt ihn Schwindler, ist grausam gegen Sohn und Tochter, weil sie dem Ruf des Freiude» folgen. Berrotrrt wird dieser Fremdling Naftali, da er ein! Wegsuchee »ad »ei» fertiger Prophet ist. Er sucht die Erlösung j w der Liebe z» der Tochter Golde, er betrügt, er haßt, er beleidigt