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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-04-01 · 8 (4.1926) · page 6

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
8 (4.1926)
Date
1926-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Der Weg. den Ferdinand Lassalle nun versucht, ist, ohne da» Judentum und, wenn e» sein muß, gegen da» Judentum, um jeden Prei» und mit aller Gewalt, tn die Gesellschaft Europa» einzudringen. Lein Soziali»mu» auf der einen Seile und sein Verlöbnis auf der anderen Seite sind nur der sehr verschiedenartige Ausdruck immer jener einen Absicht, in den Glanz der europäischen Geschichte einzudringen, sei e», indem er diese» schlechte Europa zerstört al, Sozialist, oder sei e», indem er e» sich selbst oerklärt durch seine adelige Heirat. Und der maßlose Ehrgeiz und die übertriebene Eitelkeit, die diesen Menschen beherrcht, .da» Gewalttäüge seines Wesen»', wie e» Heine einmal sehr richtig bezeichnet, e» steht durchau« im Dienst jene» Drang» nach den Göttern Europa» Aber nicht nur da» steht Heinrich Heine, nicht nur seine Gewalttätigkeit »nd nicht nur seine .inkarnierte Selbstsucht', wie er ganz böse übe? ihn sagt, sondern er sieht auch schon die ungeheure Tragik, die in dieser Persönlichkeit angelegt ist. In einem uns überlieserten Gespräch Heines mit dem damals 2t jährigen Lassalle finden wir folgende Worte: Heine sagte Lassalle eine große Zukunft in Deutschtand voraus: .Was nennen sie eine große Zukunft in Deutschland»?' — fragte der junge Mensch. .Von einem Ihrer Schüler erschossen zu werden' - rief Heine. »Ich will der Mirabeau Deutschland» werden!' — sagte einmal Lassalle. .Sie sind nicht pockennarbig, meint? Heine. Sie sind ein zu hübscher Junge. Ja. wenn Sie Dichter wären wie Goeihe dann würden Ihnen alle schönen Friederiken und jede häßliche Frau von Stein nachlausen, aber so wie Sie find, sehe ich in Ihnen nur einen künftigen Schauspieler. Sie werden einmal durch eine hergelaufene Bretterheldin gekapert.' Hier hat Heinrich Heine!n seiner ironischen Art auf da» für Lossalle immer entscheidende Biologisch- und Psychologische hlaaewlesen. Gewiß. Ferdinand Lussalle ist Revolutionär, ist Sozialist, ist Begründer de» Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein», aber all die» ist er, wenn man ihn ganz aus der Nähe betrachtet, in.«.er wieder nur au» jener Tendenz der Durchsebung der jüdischen Persönlichkeit in der Welt, die sie niederzudrücken versucht. Und so sehr eine Geschichte von Karl Marx immer vorzugsweise eine polltische oder Geistesgeschichte sein muß. so sehr hat eine Biographie Ferdinand Lassalle» sich vor allen Dingen mit seiner Psychologie auseinanderzusetitn. Wenn man ve« stehen will, warum es zwischen Marx und seinem Freund Engels aus der einen Seite und zwischen Ferdinand Lassalle auf der anderen Seite zu tiefen Zerwürfnissen und schließlich auch zu einem Bruche kam. so hängt das aufs engste damit zusammen, daß Karl Marx zunächst mit außerordentlicher Vosicht, dann aber auch mit außerordentlicher Abneigung gewappnet war gegen diese großartig angelegte Abenteurernatur Lassalle», die ihn zur Führung de» Prozesses der Gräfin Hatzfeld hingeführt hat. Marx spürte an Lassalle, daß das. was ihn zum Sozialisten «achie, nicht der universalistische Erkenntnis- und Besreiungsdrang war. der hinter ihm. Karl Marx, trieb und trieb, soudrrn er spürte, wie auch hinter der politischen Taktik und hinter den politischen Anschauungen Ferdinand Lassalles irgendein persönliches Faktum stand, da» nicht unbedingt unpersönlichen lheorrtisrken sozialistischen Anschauungen entspringen mußte. E» ist bekannt, daß der tbeoretiscye Streit zwischen Marx und LaisaUe um die Aolle de» Staates bei der Durchsetzung des Sozialismus gegangen ist. Und wenn F?:ot- «and Lassall« hierbei dieThe'e verfocht, daß der Staat dasjenige Mittet sein müsse, da» in den Händen der richtigen Leute und ausgestattet «it den geeigneten Versassungsmttieln das Borwerk im sozialistischen Vefrelungskampfe darstelle, daß also die Eroberung de» Staate« durch die Arbeiterschaft gleichbedeutend sei mit dem Siege der Arbeiterschaft über das Bürgertum, so scheint uns auch in dieser These die Psychologie Ferdinand Lassalle« stark am Werk gewesen ^u sein. Denn der Staat, vor allen Dingen in der Konzeption des immer mehr zur Man» kommenden Otto von Bismarck», um dessen Gunst ja auch Ferdinand Lassalle außerordentlich bemüht war. mit dem zusammen er gerne große Politik gemacht HH»»» dieser St»?at Bismarks, der war ja. wenn man ein biszchen romantische Veranlagung von zuhause mitbrachte, ein Glanzpunkt europäischer Entwicklung. Diese Liebe Lassalle» zum Staat ist dir Liebe des in Generationen staatlich entrechteten Juden zu jene? Zruuninatton alles Machtwillcns. Und soweit in der modernen zionistischen Ideologie der Staatsgedankt immer noch seine Volle nich, ganz ausgespielt hat. ist auf die gleiche Neigung zur romantischen Beliebtheit in den staatlichen Machtsedanken zurückzuführen. »?!- si» Ferdinand Lassalle U-d einen unmittelbaren Schlüssel zu jener Staat», theorie Lassall«» gibt uns hier wieder eine Eintragung, de» lS jährigen Handelsschülers: .Ich war im Theater. Löwe gab den Fiesko. Bei Gott ein großartiger Charakter, dieser Graf von Laoagna. Ich weiß nicht, trotzdem ich jetzt revolutwnär-demokratisch-republikanische Gesinnungen habe wie einer, so sühle ich doch, daß ich an der Stelle des Grafen Laoagna ebenso gehandelt und mich nicht damit begnügt hätte, Genuas erster Bürger zu sein, sondern nach dem Diadem meine Hand ausgestreckt hätte. Daraus ergi?.: sich, wenn ich die Sache bei Licht betrachte, baß ich bl«g Tguisi o.n. Wäre ich »»l, Prinz oder Fürst geboren, ich würde mit Leib und Seele Aristokrat sein. Ss aber, da ich bloß ein schlichter Bürgersoyn bin. werde ich zu seiner Zeit Demokrat sein'. Und in der Tat, man wird sagen müssen, daß dieser frühreife junge Mann schon hier ganz richtig sich selbst erkannt hat. Er war, oder besser, er wurde Demokrat und Sozialist niigrelui. im Grunde wäre er dsch!i?b^r den glanzvollen Weg der.Aristokratie und des hohe» Bürgert,lM5 gegangen. Und Heinrich Heine, der eine gewisse ästhetische Freude an dem jungen Lassalle gehabt hat. hat später außerordentlich treffsicher die innere Unzuoeriässigdeit erkannt, die hinter Lassalle gesteckt hat. Bezeichnend hierfür ist ein Gespräch, das er einmal im Jahre 134S mit einem bekannten Arzt geführt bat, wo er. als das Gespräch auf Lassalle kam. sich folgendermaßen äußerte: .Denken Sie sich, einer seiner Verwandten hatte die Unverschämtheit, mir zu sagen, ich hätte ih.' (Lassalle) nach Berlin empfohlen, wei» in ihm der neue Erlöser erschienen ',ei7 Wehe über die Erlösten!" Und dieses .Wehe', das hier Heine über die fälschlich Erlösten ausspricht, gilt noch um sehr Virlcs mehr für den vermeintlichen Erlöser, für Lassa'le selbst. Denn das muß js die Perspektive s-:n: dieser Staatssozialtsmuz, diese Bismarckfreundschast. dieser Prozeß der Gräfin Hätzseid, diese» Verlöbnis mit der Helene von Dönniges, all dies können nur Etappen eines gezeichneten Menschen sein. Ferdinand Lassalle ist eine tragische Figur, das Merkmal des Untergangs ist schon tn seinem Leben aus seiner Stirn gezeichnet. Und auch das hat wiederum Heinrich Heine schon gesehen. Fanny Lewald erzählt von einem Gespräch, das sie mit Heine im Herbst 1K55 geführt hat. Heine sprach damals viel rm» Lassalles gewalttätiger Krait und sein-n, genialen iScisiesbli^. Er bewunderte, wie sich in ihm die besten und schlechtesten Seiten, alle Vorzüge und Fehler seiner Rasse ei» .Rend-z-Vsus" gegeben haben, und er schloß seine R-de mit den prophetischen Worten: »Aber es wird kein gutes Ende nehmen"! Nein, in der Tat, es hat kein gutes Ende genommen, psychologisch gesprochen deswegen nicht, weil Ferdinand Lassalle im Grunde niemals über die Anfänge hinausgekommen '.stweil es ihm niemals gelungen ist. jenes Grunderlei-nis de» geächteten jüdischen Volks umzuschulen und zu tauten, zur Rein- -» i'Nt'elner von allem Pers«»;:chci« »ns allem zufällig Biographischen gereinigten Idee. Und dies wird nun am deutlichsten in jenem furch^üren Endspiel. Will man Lassalles Persönlichkeit wirklich erfassen, so muß «an viel mehr als zu seinen Schriften zu seinen Tageducheintragunge» als Aünfzehnj'hitger. vor allein aber zu > «?»!eser» greisen, die er gegen Ende fernes Leben» an Helene! von Dönaige» gerichtet hat. So schreibt er an die Geliebte: .Ich! habe keinen anderen Gedanken mehr als Dich. Ich liebe Dich! vi» zum Wahnsinn! Erst in der Nacht vom Mittwoch zum " Donnerstag ist mir «eine Liebe zu Dir wie durch eine Offenbarung in ihrer ganzen schrecklichen Gestalt zum Bewußtsein gekommen! Erst das Leiden hat die Rinde relativen Phlegmas, welche das Glück um mich zu legen pflegt, gesprengt, und meine Liebe ist herausgesprungen in ihrer riesengroßen Schreckensgestalt! Politik, Wissenschaft, alles, was sonst mich erfüllte, alles ist mir u» einem farblosen Schatten verblaßt zzr oem einen Tcöanken:! ^!»ne. Ich Witt die Brutalität Dsins? Eikern segnen, wenn ich T:^« rrrinqe. Dean erst diese unendlichen Leiden, die mich um DeinettsiLen verzehren, haben mir das Bewußtsein gegeben, was 5>v. mir wirklich bist! Wenn ich nicht für Dich handle, so weine ich Eiserner de» ganzen Tag jede srcie Stund?.' Und ein anderuriä» er;s 2U5: »Ich Kaan nichts?:-h? denken als Dich.

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