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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-04-01 · 8 (4.1926) · page 5

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
8 (4.1926)
Date
1926-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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«, «eil e» ste nickt für reif »nd würdig daftr hie«, seine Wahr- Seiten für sich behielt. And «trade die Be,'ehuagen zu Marx »ad LvsiaSe. insbesondere da», was Marz s-d srin Frrund Euge!» öder H-ine geäußert baden, und da», was Heine über Lassalle getagt hat. si^d bestr» Zeugni» für Heine» innere Reinlichkeit »ad Unbestechlichkeit und fitr seine sichere Menschenbeurtetluag, die ja fo nar auf Grund eine« integern Charakter« möglich Ist. Wenn man von stoischen Gesichtspunkten her Marx und Lasiclle gerecht werden will, so muß man vor allen Dingen auf die Verschiedenheit ihrer Abstammung hinweisen. Karl Marx stammt «u» einer angesehenen rheinischen Familie, die in der defre-ten Atmosphäre lebt, die die vapoleonische Judengesetzgebung in seiner Heimat erzeugt hat. Lassalle« Vater stammt au« einem kleinen polnischen Ort. und sein Sohn Ferdinand kommt in Breslau zur Welt. Lassalle träzt durchous ungeheuer viel Iiige dieser Abstammung an sich. Tie Biographie Lassalle» ist zugleich ein Beitrag zur Psytnologie de» Ostjudentums. Die Dinge haben sich natürlich heute wesentlich verschoben, und man muß die Verhältnisse in Breslau und in de? Provinz Posen sich so vorstellen, wie sie vor 1VV Iahren dort gewesen sind. Man lebte eben al» Jode dort in außerordentlich xedrückten Verhältnissen, die Reste eine lächerlichen IuvenaeseHgebung hielten sich ja dort am zähes??«, sie verschwinden ganz erst im Znhre lS4tZ. Und dicsc» Ferdinand Lafsalle, der dn Jahre 1825 zur Welt ks-^ü.t, empfängt noch durchau» die Gefühle des gerade cl>en au» dc? Ghettoengc kommenden Juden. Jenes Verhältnis de« in enge Binde, geschmiedeten Juden zu? s«ien Umwelt oder zum Geist der Welt hat im Ostjudentum sehr verschiedene Folgen gezeitigt. Die tiefste Aeußerung, Ausdruck der Mischen Doldsseele selbst, ist die Mystik d-s oftjüdtschrn Ehasfidismu», die in ihrem steren Drang nach Oben, in jenem steten Durchbrechen oder Durchbrechrnwollen der gefegten äußeren «ad inneren Grenzen, unablässig zur Zerspreng ung des Ghrttocha okter» von innen her dränzr. Ein anderer Typus schon viel weltlicherer Art ist etwa Solomon Maimon, der im kulturellgeistigen Bezirk den Durchbruch versucht und dessen Eroberung der deutschen Wissenschaft und der Kanttschen Philosophie in ihrem allzu schnelle» Verlauf auch ein Dokument jener Durchbruchstendevzen ist. Und Ferdinand Lassalle, er ist da» klassische Beispiel desjenigen Durchdruchsversuch«, der ja heute noch nicht zu seinem Abschluß gekommen ist: de» sozialen. Das Leben Ferdinand Lassalle» ist der Versuch de» Durchd:uchs des Ostjadenturns zur europäischen Gesellschaft. Das Grunderlebms Ferdinand Lassalles ist da, um die gesellschaftliche Knechtung seines Stammes. Wi-, die wie heute durch eine moderne Psychologie uns gewöhnt Häven, gerade in der Kindheit und der Jugend eine» Menschen schon sehr entscheidende Erlebaisse zu suchen und zu finden, die sein späteres Leben erklären, werden un» besonder» mit den Iugenderlebnissen Lassalle» beschäftigen müssen, und wir werden auf Grund dieser den Schlüssel zu seinem Leden und feiner Persönlichkeit finden. Mit lS Jahren schreibt der Leipziger Haudelsschüler folgend» Worte in sein Tagebuch: »In der Tat, ich glaube, ich bin eine» der besten Juden, die es gibt, ohne auf da» Zeremontalgese» zu achten. Ich KZsnte, wie jener Jude in Bulwer» .Leila" mein jtedea wagen, die Juden au» threr fetzigen drückenden Lage zu befreien. Ich würde selbst da» Schafott nicht scheuen, könnte ich sie wtede» Zu einen» geachteten V»lk« machen. Oh, wenn ich meinen kindlichen Träumen nachhänge, so ist immer meine Lteblingeidee, «n de» Lette de» Inden, mit den Waffen in der Hand, sie feto- Diese» also, diese» mißachtete D»lk z» einem geachteten D«lk zu machen, da, ist da« äußerst starke jüdische Erlebat», da» Ferdinand Lassalle harte. Und au» jene» Erlebnisart heraus muß «an diese PersSnlichk-it zu «erstehen fachen. Da« erste, was immer für ihn entscheidend ist, ist nicht etwa eine bestimmte theoretische Uederzeugung, ein Gedanke, de» ihm an» seinen vielfachen gelelttten Studie» erwächst, sondern e» ist immer ein persönliches, leidenschaftliche» Erlebnis, oder deutlicher ausgedrückt, es ist immer da» persönliche Empfinde» de» Wlßachtaag und des Drang», diese Mißachtung, die er »sr «üem a!» I-de erfindet, gutzumachen »ad z» übertrumpfen. Und diese» Erlebnis de» mißachteten D«lk» macht, io sonderbar e» klingt, doch in eine« fetz» intime», freilich auch fedr einseitigen Sinn Ferdinand Lossalle z» einem jüdischen Nationalsten. Denn da» war ja im Grunde genommen auch da» Herzlsch« Erlebnis, da, mißachtete Volk wieder in einen achtungsgebietenden Zustand zu verseyen. Aber wenn Herzl. dem seinfinnigen, gebildeten Wiener Journalisten, diese» Erledni« sich al». bald abklärte und umformte zu einer bestimmten wirtschaftlichen und politischen Theorie und Praxi«, fo bricht de! dem gewaltsam niedergehaltenen und nun auf einmal in Freiheit gesetzten osijüdischen Tnpu« Ferdinand Lassalle diese» nationalistisch« Gefühl mit einem ungeheueren Rausch der Wvt »nd der Gewa't, die um jeden Preis die Mißachtung seine, Volke» rächen will, lebendig durch. Und so schreibt er dann ein Vierteljahr später in seinem Tagebuch diese«: .Abend» brachte mir der Brüter von Madame Dtrekior den Bericht über die Juden in Damaskus. O, es ist schrecklich zu lesen, schrecklich zu hören, ohne daß die Haare sich sträube« und alle Gefühle de, Herzens in Wut verwandeln. Eil Volk, das die» erträgt, ist schrecklich, es räche oder dulde die Behandlung! Gab es je »in» Revolution, welche gerechter wäre, als die, wenn dir Juden in jene» Stadt aussländrn. sie von allen Ecken anzündeten, den Pulvelturm in dlr Luft sprengten und sich mit ihren Peinigern tötelen? Feiges Volk, du verdienst kein besseres Los? Der getretene Wurm krümmt sich, du aber blickst dich tiejer! Du weißt nicht, was gerechte Aach« heißt, du weißt nicht, dich mit deinen Feinden zu begruben und sie im Todeskampf noch zu zerfleischen? Du d.si zum Knecht geboren l" Und ncch einmal ein Viertelfahr später hat sich diese Idee des mißachteten Volkes noch tiefer in ihn eingebohrt, s^aß er schreiben kann: .Daß aber au» allen Winkeln der Erde man mit diesen Beschuldigungen (es handelt sich um die Ritualmorddeschuldigungen) hervortritt, zeigt mir. daß die Zeit bald reif ist, in der wir in der Tat durch Chripenblut un» Helsen müssen!' Diese Äußerung freilich ist ent festlich, aber e» schreibt sie ein l5 jähriger Junge, und er schreibt sie au» jener furchtbaren Qual de» modernen Europäer», der die Bedingungen, unter denen er als Jude lebt, mit Recht eben innerhalb dieses Kullurslande» so verabscheuungswürdig wie das Leben des leg'rn Negers empsnidet. Die Geschichte des Sozialisten Ferdinand Lassalle ist nun nicht« andere» al» die Geschichte des Juden, der die Mißachtung fei! »« Judentum» rächt, er wird nicht Sozialist au» tiefen ökonvüiischen Einsichten heraus, sondern aus seinen biologisch-jüdischen Erlebnissen. Aber von der Geschichte des Sozialisten Ferdinand Lassall» tsl j» nicht die Geschichte desjenigen zu trennen, der den P-ozeji der Gräfin Hagseld geführt de! uno der die hochgeborene Helene v?n Doennige» hat heiraten wollen. Denn all dieses, sein Sozialismu». seine Prozesse, sein« Verlöbnisse find nichts andere» als Vnsuct« und, wir dürfen «» schon sagen, al» tragische Versuche, die Mißachtung de» Judentum» aufzuheben. Freilich, und da» eröffnet ebensosehr den Einblick in die Situation de» zeitgenössischen Judentum», da» diefem groß angelegten Menschen keine befriedigenden geistigen Waffen in die Hand drückte, als auch in die maßlos» und ungezügelte Rata» Lafsalle»: es ist ihm nicht gelungen, innerhalb de» Judentum» und »lt den Waffen de» Judentums diesen Kampf um die Achtung durchzufechten, sondern es ist vielmehr da» Gegenteil eingetreten. Da» Erlebni» de» furchtbaren Schicksal» de» Judentum» hat ihn nämlich zur entseftlichen, aber auch verständlichen Auflehnung gegen da» Judentum grfühn. Es war nicht die Liede zum Volk.dte ihn die Mißachtung de» Judentum» empfinden ließ, sondern es war die Mißachtung feiner Person- Nchkeit. seine» Individualität, die ihn unter der Situation de» Juden!»«» hat leiden lassen. Und fo wird nun aus jenem ursprünglichen jüdifchen Haß gegen Europa und gegen da» Christentum eine Mißachtung «nd Lieblosigkeit gegen da» Judentum selt-f:. Da» Eekednt» seine»Judentum» weadet sich gegen diese» Judentum. Er schreibt: .Ich liebe die Juden durchaus nicht, ja im allgemeinen verabscheue ich sie. Ich sehe in ihnen nur die sehr entarteten Söhne eine» großen, aber iäogft entschwundenen Verg^ogenh<tt. Die Leute haben roährend de» in der Sklaveret verbrachten Jahrhunderte auch die Eigenschaften der Sklaven angenommen; uns deshalb diu ich ihnen äußerst ungünstig gesinnt. Ich habe euch gar kein» Verbindung mit ihnen " «-MW>MMMMW?ffff«WW? ^-^>«SM««>»»WI-»M

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