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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-02-01 · 6 (2.1926) · page 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
6 (2.1926)
Date
1926-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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e» darstellt«, sondern aus rein machtpolitischen, rein finanziellen, rein wirtschaftlichen Motiven. Denn die Predige? de» Absolutismus, die Conring. Becher, Seckendorf, die Hornigh. Schröder. Pusendors verlangten eine Begünstigung der Einwanderung von außen, indem sie aus die engen Wechselbeziehungen zwischen Bevölk-eungsreichtum und Produktion, zwischen Volksreichtum und Macht die Aufmerksamkeit richteten oder wie Leibniz erklärten, dafz die »Nahrhaftigkeit eines Landes in der Menge der Leute vornehmlich bestehe." Eine ungleich wichtigere Nolle aber als diese Populationsmomente spielen für den absolutistischen Staat Motive finanzieller Natur. Das Zeitalter des Absolutismus ist ja charakterisiert durch sein Streben nach Meld. ,Als höchste ökonomische Staatsmaxime wurde Gelderwerb gefordert." Für Staat und Fürsten, lehrten die Merkantitisten, „komme es vor allem daraus an, sich Geld zu schasse., und es im Lande zu halten." Denn einmal erforderte die auswärtige Politik, der Kampf um die .Kolonien, die Schassung der großen stehenden Heere ungeheure Summen. Zum zweiten brauchten die Herrscher für ihre inneren Ziele, für die Befestigung der absoluten Macht, sür den damit in Verbindung stehenden Kamps mit den Ständen, sür die Neubildung der Behörden gewaltige Mittel. Zun, dritten hatte die große Prcisrevolution des Ui. und l7. Jahrhunderts eine starke Verminderung des Geldwerts herbeigeführt und neue Einnahmequellen notwendig gemacht Seit den Tagen aber, da man die Juden zu fürstlichen Kam« merknechten gemacht halte, mar es eine alte Übung geworden, in allen Notlagen des Staates sich ihre sinanzillle Hilfe zu sichern. Das Zeitalter des Absolutismus machte aus dicser Praris eine förmliche Staatsthcorie. In einer damals sehr bekannten Staatsschrift »k^ortrsit <le I, c»ur lle >.i l'oln^noverlangte der sächsische Edelmann von Wvlsramsdorf die Einwanderung der Juden nach Sachsen, da er glaubte, sie würden den» Staate jährlich fünf Millionen einbringen. Der Graf von Otlingen war überzeugt, das; die Ausnahme der Juden durch den süddeutschen Johannitcrorden geeignet sei, dessen Güter blühend zu machen und zu „wichtigen Jntraden" zu bringen. Man glaubte, die neuen Städte Mannheim, Glückstadt, Livorno verdankten ihre rasche Entfaltung den Juden. Das kleine Höchst wollte spanische Juden heranziehen, um durch sie zwei Millionen zu gcioiunen. Die Namen des reichen Tereira in Hainburg, der Pinto in Amsterdam waren weltbekannt, die großen Schätze, die die spanischen Judr:: ::ach Holland «cdracht haben sollten, umgab bereits der Nimbus der Sage^ Dazu kau», das; der Judentribut sür die Fürsten wichtig wurde als eine der wenigen ihm unmittelbar zur Verfügung stehenden Steuerquellen. Denn es gab damals in fast allen Staaten zwei gesonderte Gruppen von Finanzverwaltungen, eine fürstliche und! eine ständische. Die einzigen fürstlichen Zinanzdrhördeu, die Amts- Kammern und Nenteien, oerwalteten die einzigen Einnahmequellen 5 des Staate», die Domänen, Zölle und ÄegL'.ien. während die! eigentlichen Steuern in die Kasse der Stände flössen und von diei sen oerwaltet wurden. Gelder sür besondere Ausgaben erlangten! die Fiirsten immer erst nach dramatischen Auseinandersekungen aui l den Landtagen und erst nach Gewährung von großen Konzessionen. Die Juden dagegen waren Steuerträger, die außerhalb der sesl-!> umschriebenen Kreise lebten, die als ein Aegal Eigentun, des! Herrscher» waren, die von ihm ausgenutzt werden konnten, wann! »nt» wie und so oft er wollte.! Im engen Zusammenhang mit dieser Steuerpolitik stand die kühne und großzügige Handels-, Manufaktur- und Gewerdepolitik I de« Merkantilismus. Es war ja die Zeit einer mächtigen Steigei rung aller wirtschaftlichen Energien bei den meisten Völkern Eu-! ropa«. Die Entdeckung der überseeischen Ländern hatte den Blick j geweitet, ihn von der engen Sodäre der Heimai auf die große! Welt gelenkt. Und wie man im Innern die staatliche Macht er- > höhte, indem man an Stelle der mittelalterlich losen Verbindungen! einheitliche, starke Wirtschastskörper setzte, die Stadl-. Landj schafts-, und Ständewirtschastspolitik gegen die Staatswirtschaftspoli- > tik oertauschte, so steigerte man die politische Macht nach außen durch i die Gründung von Fiouen und Kompagnien, durch die Erwerbung i von Kolonien, durch Seehandel »nd Schiffahrt. j Dabei stellte man wiederum die Jude» als einen wichtigen Fakts? in Rechnung. Einmal, indem man sie zur Finanzierung der Hondelskmnpagnien oder zur Ausführung kolonialer Pläne heranzog. Zum zweiten, indem m-n versuchte, mit ihrer Hilfe de ganze mittelalterlich gebundene, egoistische und partikularisüsche Handels¬ und Gewerbepolttik der Untertanen zu bekämpfen. Denn noch war die Provinz von der Provinz, das Land von der Stadt wirtschaftlich völlig getrennt. Noch galt als weiseste Marime der Wirtschaftspolitik einer Stadt der Ausschluß aller Konkurrenz, die Begünstigung nur des einheimischen Bürgers. Und in der Stadt herrschten die Zünfte, dieses „Überbleibsel einer bereit» untergegangenen Ordnung der öffentlichen Verhältnisse." die auf ihren verbrieften Privilegien fußten und starr am Althergebrachten festhielten. Wenn nun der absolutistische Staat die Handelstätigkeit der Juden auffallend unterstützte, so tat er es aus der ganz allgemeinen Absicht heraus, durch sie mehr Geld in Umlauf zu bringen, den noch halb naturalwirtschastlichen Charakter der Wirtschaft in den modernen geld- und kreditwirtschaftlichen umzugestalten. Ebenso sehr war es ihm aber darum zu tun, durch ihre größere kommerzielle Erfahrung und ihren frischen Unternehmerin»! seine bedächtigen und seßhaften Untertanen mitfortzurcißen, sie als Lehrer für sie auszunui.en. ähnlich hvie jsich einst zu diesem Zwecke die Römer der Phönike? und Griechen, die mittelalterlichen Staaten der Araber, Snrer. Italiener bedienten. So zog Holland die spanischportugiesischen Ju5en ins Land, wo sie als Bankiers und^Agcnten. im Ubersee- und Leoantehandel eine große Nolle spielten. So glaubte England der .reichen, jüdischen Handelshäuser zu bedürfen, um Waren- und Gcldhandel in Blüte zu bringen." So nahm Hamburg die oertriebeiiril portugiesischen Juden aus, um den Handel mit Portugal und Spanien in Schwung zu bringen, um durch ihre Hilfe die Gründung der Hamburger Bank, die Einführung neuer Artikel zu erreichen. So erließ ihnen der Große Kuriürst den Leibzoll und ließ sie frei und ungestört handeln, um durch sie die ,l.ir>«riZ8 colnmercinrum*. die Freiheit des Handels zu fördern. So gestattete er den Mindern in Ravensberg, den Märkern in Kleve, den Halberstädtern in Ostpreußen zu bändeln, um die Verkehrsfreiheit zwischen den einzclncn Provinzen zu h?ben, sie wirtfchattlich enger miteinander zu verbinden- So siedelte er sie mit Vorliebe in Frankfurt a. d. O. an, um die Messen zu Heden, so erlaubte er ihre Ansiedelung in Kleve, um den?urchgaiui.sliaiidel „ach Holland zu erleichtern, in denburg. ja des ganzen nordöstlichen Deutschlands" zu machen. Ebenso versuchte der Merkantilismus allenthalben die Juden zu Fadrikgründungcn heranzugehen, denen die eigenen Untertanen sich noch ängstlich entzogen. In Paderborn siedelte der Bischof hauptsächlich zur Gründung von Leinenfabriken Juden im Lande an. in Otlingen beabsichtigten die Fürsten die Anlage der SpiHen- und Seidenfadrikalion durch Juden, der Fr-ihcrr von G'aubitj in Hcht-si-n ük,.li,i> die Druckerei in Duhernfurth einem Juden, unter dem sie einen großen Aufschwung nahm. Der erste preußische König ließ in Berlin eine Manufaktur in Stickereien durch einen Juden anlegen, er begünstigte in Königsberg jüdische Spip.enfadrikanten, in Wesel die jüdischen Seidendandfadrikanten. während seine Nachfolger durch Juden die großen Samt- und Seidenfadriken in Berlin und Potsdam errichten ließen. Der aufgeklärte Absolutismus verfolgte Handels- und finanzpolitisch die ähnlichen Ziele wie der höfische Absolutismus. Nur dab er, beeinflußt von ve? Lehre der Phnsiokraten. oersuchte, die Juden für Handwerk und Ackerbau zu gewinnen, während er als Wohlfahrtsstaat die Jahrhunderte alte Autonomie der jüdische» Grmciudea untergräbt, ihre Bildung, Erziehung und ihren Unrerriait der Umwelt assimiliert. Der Berfassungsstaat krönt da» Werk des aufgeklärten Absolutismus durch Verleihung der staatsbürgerlichen Rechte an die Inden geniäß de? i^m innisshr-.-nd:» Tendenz der Lttflüsung aller Korporationen, der Atomifierung aller Untertanen, der Freiheit und Gleichheit aller Bürger. Die Juden, bis jeizt Objekt und Werkzeug des Staatswilleas, »ehmen vo»? »un an aktiv teil an de? wefratrung uns ^anstunz oer Staatstormea. Diese Teilnahme auf der einen, die Halrung de« Staates a»f der anderen Seite.

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