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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-02-01 · 6 (2.1926) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
6 (2.1926)
Date
1926-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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herbes Leid". Und diese Demut vor Gott führt zur Geduld mit den Mitmenschen: .Meine Seele sei wie Staub gegen Alle.'' Die Seele lall sich durch Schmerzen, die ihr Menschen zufügen, nicht verbittern lassen und Erquickung und Stärkung gewähren ai-id dem Feinde, gleich dem Staude, der sich treten lägt uitd dafür Brot gewährt In Demut. Geduld und Liebe Gottes Reich bauen, das ist die Aufgabe der Menschheit. Dieser Beruf, die Völker zu gewinnen, ist Israels Gnadengade von Gott. Wegweiser zu Gott wi'l es sein, mit seinen Gotterlednissen den Andern dienen. Das isl Israels Erwählung. Darum dankt es dem Ewigen, .der es erwählt und Leben der Ewigkeit in sein Inneres gepflanzt hat". Darum jubelt es: »Heil uns, wie gut ist unser s.eil. wie lieblich ist unser Los. wie schön isl unser Erbe. Heil uns. dag wir an jeglichem Tage, in der Frühe des Morgens beim Dunkeln des Abends uns vereinigen in dem Bekenntnis: .Höre Israel, der Ewige isl unser Gott, der Ewige ist einzig". Oder .Lasset uns preisen den Herrn der Welt, demütig danken dem Scköpier. Er hat uns zu seinem Dienste erkoren, er hat uns zu Verkündern seines Namens unter den Menschen berufen. Wir beugen das Knie, neigen uns und bekenne«! Gott, den König der Könige, den Heiligen, gelobt sei er Er spannte den Himmel, aründete die Erle Vor seiner Würde beugten sich die Höhen. Von seiner majestätischen Macht strahlen sonnen und Sterne. Er ist unser Gott — keiner sonst. In Wahrheit er unser König — nremand außer ihm!" .Sein Reich komme!' klingt es im Koddischgebete. Darin liegt Israels oölkerfreundlicher Univcrsalismus und sein Glaube an den Sieg des Guten. Das ist seine herrliche welterlösende Hoffnung: .Darum hoffen wir auf Dich, Ewiger, unser Gott, bald zu schauen Deine sieghafte Herrlichkeit. Fort mit den Götzen von der Erde! Die Götter sollen schwinden.' Du richtest her die Welt als ein Reich des Allmächtigen. Alle Sterbliche rufen Deinen Namen. Alle frevler der Erde wenden sich reuig zu Dir. Alle Bewohner des Erdballs erkennen und bekennen es. Vor Dir beugt sich jedes Knie. Dir schwört jede Zunge. Vor Dir finden sie alle und fallen nieder, und Deinem herrlichen Namen geben sie die Ehre, und der Herrschaft Deines Reiches unterwerfen sich alle, und Du bist ihr König für und für!" Und im Neujahrsgedete heißt es schlicht und ergreifend zugleich: „Und so gib denn Ehrfurcht vor Dir, Ewiger, unser Gott, all Deinen Werken und heilige Scheu vor Dir allem, was Du geschaffen hast. Dich sollen ehrfürchten. alle Wesen, vor Dir sich bücken alle Geschöpfe, alle mögen sie zu einem Bunde werden, Deinen Willen zu tun mit ganzem Herzen". Ueder der Lagerstätte Davids, heißt es in einer talmudischen Agada, hing eine Harfe, und in mitternächtlicher Stunde erklang sie, wie von Zaubergewalt berührt. Auch in finsteren Leidenszeiten hat Israel durch den Gebetshauch, der ihm aus seinem Siddur entgegen wehte, sein Herz der Leier gleich bewegt gefühlt und ledendige Andacht rührte alle Sailen seiner Seele Möchten auch wir in unseren freieren Zeiten die hohe Kunst, recht zu beten, nimmer verlernen! Sas Menproblem im Wandel der Staatsformen. Von Sel«tt Stern (Berlin) Man hat darüber gestritten, ob das Mittelalter den Begriff .Staat" überhaupt kannte, wenn man zum Wesensbestandtcil eines Staate» nach modernste? Terminologie .ein Land, Menschen und eine der Idee nach unabhängige Willensorganifation" rechnet. Denn diese letztere fehlte der Unsumme der kleinen selbständigen Herrschaften, Fürstentümer, Bistümer und Städte, Ritterschaften und Klöster, die mit ihrer eigenen Verwaltung und Wirtschast, ohne jeden inneren Zusammenhang, den mittelalterlichen Staalstvous repräsentieren. Ebensowenig kann man von einer systematischen Iudcnpolitik sprechen in einer Zeit, die .einzig das Eigenrecht der Seele und ihres Erlösungswillens verkündigt, dem Staat nur den Zweit, dasei mitzuhelfen, zuerteilt und die Politik als solche überhaupt verneint." Will man sich aber nur ganz im allgemeinen die Haltung der obersten Gewallen jener Jahrhunderte zum Iudenoroblem klarmachen, so muß man sich wiederum des Zwiespaltes bewußt sein, der zwischen den Realien der mittelalterlichen Welt und ihren Theorien besta^-d. Denn auf der einen Seite schloß der mittelallerLche Etsst, der Omnisotenz der Kirche unterstellt und von nach ihrer Meinung ungläubig war. Aus der anderen Lette aber war für die Finanzverwaltung de» mittelalterlichen Lehenstaates iA« Jsdesfrsz« eine Regaiienfrage. D.h. man betrachtete die 3 Regalien, zu denen man den Iudenschufi zählte, als die wichtigste , und unentbehrlichste Finanz>iuelle der Herrscher und stellte deshalb j alle möglichen nutzbaren Verhältnisse wie die Münze, den Zoll. > das Bergwerk, das Geleit unter das Rrgalicnrccht der Fürsten, s Und wie alle diese Hohcitsrechte wurde auch das Iudenregoi als! ergiebige Finanzguelle ausgebeutet, teils zum eigenen Nuyen der Kaiser, teils als Psandobfekt an die Fürsten, die Bischöse, die! Städte und die Klöster. j Ebenso mußte theoretisch da» »litieialleriiche Wirtschafte, lebe», das dem göttlichen Recht sich beugte, d. h. .nach den! sittlichen Ansorderungen der kirchlichen Lelire rechtlich geordnet war" und das nach dieser Ordnung die Preisbildung regelte, den jüdischen Freihändler ausschließe», während es praktisch der Juden alz seiner Geldleiher dringend bedurfte. Koniegueiit blieb > nur die mittelalterliche Gesellschaft, dir. fest geglieder? in Zünfte. , Gilden und Korporationen, auf die gleiche Geburt, die gleiche j Religion pochend, ihr Niedcrlags-Staoel- und Fremdenrccht aus! das genaueste und unerbittlichste handhabte,. j Der Ständestaat, der den Feudalslaat gegen Ende drs > Mittelalters ablöste, bewegte sich auf der gleiche» Linie. Die eini zelnen Territorien, die sich aus dem bunten Gewimmel der unl zähligen Herrschaften consolidicrten. sind charakterisier» durch den! Dualismus ihrer Staatssvrm und das Fehlen einer eigentlich ' staatlichen Idee. Der Fürst, wohl dem Namen nach Herrscher über Land und Leute, ist in Wirklichkeit nur der grös.te Grunddesinri. i der seilten Hosstaat aus dem Ertrag seiner Dviinnien und Regalien! mühsam bestreitet. Die eigentliche Macht im Lande haben die! Stände die Ritter, die Prälaten, das städtische Patriziat. Mit ihrem Recht der Steucrbewilliguiig. der Zustimmung zu Krieg und! Frieden, mit ihrer eigenen Verwaltung';-, Heeres- und Finaiizj organisation waren sie durchaus .selbständige Rellitssubjekte" und! im Bcsine aller jener Befugnisse, die recht eigentlich .das Wesen der Herrschaft ausmachen," wiewohl der Staat ihnen nur das willkommene Ausbeutungsobjekt sür ihre eigenen egoistischen Klassen — und Sonderinteressen bedeutete. Dieser Dualismus bestimmt auch die Iudenpolitik der Zeit. Das Iudenregal, früher das Kampsvbjekt .zwischen dem Kaiser und den Fürsten, wird jeht das heißumstrittene Kampfubjekt zwischen den Fürsten und den Ständen. Überall, wo sich die Stände in den Besch des Iudrnregals bringen, isl dieser Vorgang ein tiioisches Zeichen der erlahmenden fürstlichen Macht, ein Smnbol für de» Sieg der ständischen Gewalt. So ist. um nur ein Beispiel zu nennen, der berühmte märkische Hostienschändungsprozeß von!5»U» kein religiöser, sondern in lellter Linie ein politischer Prozeß. Er bedeutet die Auflehnung der Stände gegen den Kurfürsten Joachim l, der damals gegen den Willen des Landes einer Anzahl Juden den Aufenthalt in der Mark gestattet hatte. So sind auch die vielen Judenverfolgungen des 15 und!«!. Jahrhunderts, die zeitlich zusammenfallen mit einem starken Anwachse» srr ständischen Macht neben wirtschaftlicher und religiöser auch eminent politischer Natur. Sie bedeuten die Absicht der Stände, durch die Entziehung des Iudenregals den Fürsten eines seiner Hoheilsrechte und damit ein?» seiner finanziellen Machtmittel zu berauben. Der absolutistische Staat der neueren Zeit, wie ihn die Lehren Ma^chiaoells, die Staatstheoretiker der Renaissance und die römischen Juristen schufen, stellte sich andere Ziele. An die Stelle mittelalterlicher Beschaulichkeit srizte er eine unruhig-Aktivität, an die Stelle des Gedankens der Erlösung den rücksichtslosen Drang nach Macht, an die Stelle der Ienkeitsideen die Staatsratson. den unmittelbaren Zweck. Wilde Rioalitätskriege um den Gewinn der neuentdeckten überseeischen Gold- und Silderlander find ebenso bezeichnend sür die auswärtige wie die völlige Umwandlung der Verfassung. Verwaltung, der Wirtschaft und der Heeresorganisation für die innere Politik des Absolutismus. Und indem nun der moderne Staat die ganze mittelalterliche Welt in Trümmer schlägt, alle seine Untertanen in direkte Beziehungen zu sich bringt, alle ihre Kräfte anspannt, ausnützt und sich unterwirf:, weist er auch zum ersten Male dem Juden i". diesem kunstvollen Ääoerwerk seinen Platz an. Die Fürsten der absolutistischen Staaten find fast überall die Schützer und Gönner der Juden geworden. Nicht aus Toleranzideen heraus, wie eine von Romantik «no Liberalisrm»» beeinflußte Geschichtsschreibung

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