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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-01-01 · 5 (1.1926) · page 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
5 (1.1926)
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Wer Heines jüdische Entwicklung verstehen will, der muh die vielfachen Kämpfe drinnen und draußen kennen, welche die deutsche Judenheit am Anfang des 19. Jahrhunderts durchtobten. Napoleon hatte ihre ..Fesseln zerbrochen', wie das dankbare Gemüt des jüdischen Handwerkers in Cassel es damals ausdrückte: aber nach seinem Sturze hatten die deutschen Staaten und Städtchen ihr Möglichstes getan, um die zerbrochenen Fesseln wieder zusammenzuschweißen- Moses Mendelssohn hatte seinen nicht allzusehr danach verlangenden jüdischen Brüdern die deutsche Bibel geschenkt und ihnen durch sein edles Bild allein schon den Eintritt in die europäische Kulturgemeirischafl ermöglicht - den freilich dann seine Binder und Schüler. Heines Zeitgenossen, noch ein wenig teurer zu bezahlen nicht zögerten In dieser Lust atmete das emanzipotionsstolze Judenhaus in Düsseldorf, in dem Heine aufwuchs; von diesem Geiste erfüllt waren die «reise des Kultur- Vereins, in welchem der junge Heine in Berlin jüdische Geschichte lernte und arme jüdische Schüler in deutscher Geschichte unterrichtete Lebendigster Gewinn dieser Zeit wird ihm die Entdeckung des Ostjudentums auf seiner Reise nach Gnesen, abstoßend durch seine Mauschelsprache und seine langen Barte, aber anziehend und scheue Bewunderung erweckend durch die dort allein noch lebendige »Kraft zu hassen und aus Haß zu dulden"' Das jüdische Erlebnis setner Jugend schlicht mit dem Rabbi von Bacharach und mit — Heines Taufe. Der Klimax folgt die Antiklimar. Nach einem kurzen melc»- phnsischen Schlummer in Paris, da der glückliche Hellene sich von Juden wie von Christen gleich weit entfernt fühlte oder fühlen wollte, das Erwachen- In Damaskus mordet man Jutttn; da tritt der Entjudete, der Abtrünnige, eher al» ihr Vorkämpfer auf den Plan, al« die reichen Unglaubensgcnois.cn am Ujrr der Seine, die er darob grllnvlich verachtet. Und die Krankheit, die ihn acht Jahre ans Schmerzenslagrr fesselte und aus den» ungezogenen Liedling der Grazien einen wahrhast tragischen Helden schuf, führt den überheblichen Schüler Hegels in schlaflosen Marternachten zum Gotte seiner Väter zurück Diese Umkehr, von der schon zu Heines Lebzelten so viel gesprochen und gespöttelt wurde, trägt — darauf legte der Dichter stets besonderes Gewicht — spezifisch jüdisch? Z>>iZ-; nicht aus »sanft seliger Cmpsinociet-, nicht au» müder Sehnsucht nach Erlösung von den Schmerzen dieses Jammertal« ist sie geboren - der totkranke Heine bewahrt al« echter Jude ja noch immer in der schlimmsten Pein den Willen zu dem armseligen Fcßchen Lebe», mit dem er sich begnügen muß — sie ist ein Akt des hellen scharfen Erkcnnens. Jetzt erst vollendet sich Heines jüdisches Weltbild Dem ewigen Kampfe zwischen dem sittncnfrohen Hellenen und dem ge)ankcn>tol.ien Juden, den er im eigenen Herzen spürte, folgt der leizgekrönle Sieg des ewigen Juden. Dies schmerzlichste Erlebnis seines Lebens sieht er nun in großer Projektion in die Weltgeschichte hinein: Rom. der Erbe des alten Hellas, besiegt Judäa, musj aber am Erbe Juoäas, dem „göttlichen Vetter aus Nazarelh". zugrunde gehen. Aber auf der Walstatt bleibt das gemordete Volk der Juden, „die Schweizergarde des Deismus" zurück, überdauert seinen Besiege? und rettet der Welt den ewigen Schal, seiner Bibel. Eine besondere Zuspitzung erhält dieser Gedankengang nun noch durch Heine Liedlingvidee: die wesenshofre Verwandtschaft der Juden mit den Deutschen. Wieoer wird hier «in eignes Erlebnis, die Doppelseele des deutschen Juden, zur Gestalt Es ist bezeichnend, daß Hermann Cohen, der selbst einmal in einer Jugendarbeit Heine und das Judentum behandelte, von diesem Heiseschen Gedanken sichtlich beeinflußt wurde. Nun aber werden dem Dichter Heine diese jüdischen Gedanken zu jüdischen Bildern und jüdischen Gestalten. Nicht dag er jüdische Stoffe behandelt ist das Wesentliche — da» tut er gewiß nicht öfter al» mancher nichtjüdische Dichter, und sicherlich in weniger entscheidender Ballung als etwa Hebbel oder Otto Ludwig. At>r was ihn von allen Nichtjuden — und von manchem jüdischen Dichter dazu — unterscheidet, das ist die intensiv jüdische Art, wie er diese Stusse erlebt und formt. Statt theoretischer Darlegungen ein Beispiel: Wenn Lord Bn.on eine Ballade..Belsazar' lcdreibt, s-, ist's »«.-» Ballade, in d-r ->"c^> 2?.?-?: S^ns? Wunder, Prophezeiung. Strafe Wenn aber der noch nicht sechzehnjährige Heine diesen Stoff ergreift, ihn vielmehr aus zwei Zeilen des alten Peffachliedes ..E, war um Mitternacht" heraus bildet — wöbet offen bleibe, ob er die Byronsche Ballade kannte oder nicht — so wird das Ganze ein Stück aus den Propheten, zumal wenn er an die Stelle gerät, da es sich um die Schilderung der göttlichen Erscheinung handelt; wie er da sucht und stammelt — Und sieh! und sieh . . . ansegt und absetzt und noch einmal ansezt — und schließlich mit dem geheimnisvollen ..Es" die Handlung weiterführt - das spricht nicht nur von hoher künstlerischer Gewalt, sondern es ist im Munde des Sech zehnjährig« n nicht rarh? »nd nicht weniger als eine von instinktiver Weisheit des Bluts ihm eingegebene Entwicklung des Gebots „Du sollst Dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt . . .' Zwei Grundtatsachen der Juden haben Heines Dichtung wesenhaft beeinflußt: Die Bibel ist die eine; die Welt des ju- Vis t>en Gesetzes — jo oerwunderlich es klingen mag — ist die andere. freilich gibt es kaum einen deutschen Dichter, der den Einfluß der B.bel nicht erfuhr — der Größte von allen vielleicht am lebhaftesten. Ab?r wa; sucht Goethe in der Bibel? Sc setbft > spricht es einmal aus. in den Noten zum westöstlichen Diwan: reine Darstellung primiltier Verhältnisse; «ine Naivität der Erzählung wie bei Homer . Bibel heißt ihm Buch, das edelste der Lächer vielleicht, für den Juden Heine wird die Bibel zum Leben, zu gelebtem Leben. Er liest die Bibel nach de« Grundlage der Hagzada - den er sicher nicht kannte, aber den in ihm (das ist das B:5eutsameret der Genius des Judentums auf» neue erzeugte. Nicht zu Euren Vätern allein ist dieses Wort gesprochen — Ihr sebst sollet Euch ansehen, als wäret Ihr mit au» Mizrajim gezogen . . . Darum find dieWortederB.be! diesem Ketzer immer gegenwärtig, ..wenn er sich nieder ezt und we?n er aufsteht, wenn er daheim und menn er in der Zrenide w::!ct"; «enn er oichier und wenn er Reisebilder schreibt. Selbst im Ratskeller zu Bremen umwehen! ihn die Palmen von Beth-El. umduften ihn die Myrrhen von I Hebron. Auf einsamer Nordseeinsel erlebt er auf» Neue die j Karawanenzüge der heiligen Lorwelt, da» „süße stille hellsonaige Morgenland — wie lieblich ruht es sich in deinen Zelten!" Am ' etnoringlichsten hat er dieses Erleben der Bibel in der ergreifenden Gestalt des kleinen Simson ausgedrückt, der auf seinem Krankenlager das Schicksal seines starken Namensvetters aus der Bibel tn glück-icher Selbsttäuschung in sich w.edcrsi.iZet - „Ist mir doch, als lebte ich da» alles mit, was Du da vorliest, als hörte ich die Schafe blöken, die am Jordan weisen. .. - Bis zu dem tragischen Tode des starken S:mson un) seines schwachen Enkels „Es sterbe meine Seele mit den Philistern . . " Grade daß diese rührende Gestalt «» de» skurrilen Memoire» ses Herrn von Schnabelewooski gar so fehl am Orte ist. zeigt uns daß ihr Judeaschicksal «ins von denen war, die Heine immee gegenwärtig waren und irgendwo einmal untergebracht werden mußten. Neben solchem dichterischen Neuerleben der Bibel aber steht die grandlose Würdigung ihrer weltgeschichUichen Bedeutung und ihrer Helden ..Welch ein Bach.' groß und weit wie die Welt, wurzelnd in die Abgründe der Schöpfung und hinausragend in die blauen Geheimnisse des Himmels Die Juden sollten sich leicht trösten, daß sie Jerusalem und den Tempel uns die Bundeslade . . eingebüßt haben. Solcher Verlust ist doch nur geringfügig lm Vergleich mit der Bibel, dem unzerstörbaren Schaze den sie gerettet''. — Und Mose erscheint dem Künstler al» der große Künstler, der Menschenyqramiden baute und Menschenobeliske» meißelte, „er nahm einen armen Hirteastamm und schuf daraus ein Volk, das den Jahrhunderten trozen sollte, ein grobe» ewiges heiliges Volk, ein Vo!» Gottes — er schuf Israeli" An unser» Lehrer Mose schließen sich ihm nun wie ta einem jüdischen Walhall alle die Gestalte» jüdischer Helden, die Heine» Werke wie ein Gc.sterchor begleiten; die stolzen Sephardea »it ihrem hohen Dichter Jehuda Halevt. Spinoza, deffe» Gedanken Zukunft atmen, und der jüdische Lucher. Moses Mendelssohn. Ader diese Wurdiaur.g ist bei dem Genossen von Leopold Inaz, edcn nicht verwunderlich. Viel merkwürdiger und beredter von Heines jüdischem Instinkte Zeugnis ablesend ist. d^k wir t»» Sirsru» entsrrmoeten Juden die ganze Urwelt des Mischen Gesege» lebendig finden. Und damit meine ich nicht nur das Gesetz d» i der »prunkvollen Armut einiger Grundbegriffe", auf die «» di«

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