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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-01-01 · 5 (1.1926) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
5 (1.1926)
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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3 Jakobs hinterlasse« worden. Also: Mose hat un» »Weierle! hinter« lassen, die Thora und die Gemeinde Jakobs, oder: die Thora ist un» von zwei?» hinterlassen worden, von Mose und dann von der Gemeinde Jakobs. Beide Auffassungen lassen sich wohl verstehen und miteinander o-rbiadca. Thora und .Gemeinde" sind zwei nebeageordnete Grützen, die beide auf Mose vis den Begründer zurückgehen. Er hat dem Volke die Thora gebrockt »nd es ebendadurch zur Gemeinde gemacht. Die nationale Einheit kann zertrümmert werden, die geistige kann keine Macht der Welt zerstSren. Nachdem aber die Gemeinde geschaffen und Mose, trotz aller Dröge ein sterblicher Mersch, abgetreten war, wurde jetzt die Gemeinde in jedem Geschlecht die Erdlasseria für das folgende. Thora und Gemeinde verbürgen sich eegenseitlg ihre Ewigkeit Ohne Thora keine Gemeinde and ohne Gemeinde bleibt die Thora ein totes Buch und kann ihren Zinn und Beruf nicht erfüllen, der immer der war, ein Volksbuch zu sein, das in der Gemeinde und durch da» die Gemeinde lebt Die Gemeinde find: Alle. Mann und Weib. Jung und Alt. Arm und Reich. Hoch und Niedrig. E« ist ein Verhängnis der racdernen abendländischen Völkrr, daß die Wissenschaft bei tonen eine tiefe Kluft schafft. So besteht eigentlich jedes Volk au? zwei Völkeiu. die sich nicht verstehen und kaum von einander wissen: die Gelehrten und Gebildelen auf der einen und die Unaelehrtea und Ungebildeten aus der andern Seite Es ist ihr Schicksal, daß ihnen Bildung und Wissenschaft ursprünglich als etwas Fren.des herangebracht wurden und es entweder nie gelang, eine geistig-sittliche Einheit zu schaffen, weil es an einem Mittelpunkt fehlte oder politische und religiöse Spaltungen sie wieder vernichteten Die .Ben elnde Jakobs' ist davor — wenigstens in früheren Zeiten — bewahrt geblieben. Sie war nicht blos eine Gemeinschaft des Erlebens und Erleidens, wofür schon ihre Feinde sorgten, auch nicht blos de» Bekenntnisse» und der Glaubensübung, sondern auch der Wissenschaft, des Forschens und Lehren«. Die Bildung war Eine. Es gab in ihr Stufen und Grade, aber Niemanden, der nicht wenigstens auf der untersten stand und von da welte? steigen dsnnts Ei gab keine FaHgrlrhelrn, denen der .Laie" verständnislos gegenüberstand. Denn der Text aller Wissenschaft war da» eine heilige Buch, das jeder kannte. Dazu war es durch el-e Einrichtung geworden, wie sie nicht simpler gedacht werden Kaan und dir doch ohne Beispiel im Altertum ist, und beispiellos waren auch ihre Folgen: die Bestimmung, dag an jedem Sabbat der versammelten Gemeinde fortlaufend ein Abschnitt au« der Thora vorgelesen werden sollte. Damit war die Thora zunächst in die Obhut der Gemeinde gegeben, nicht etwa einer Zlepräseatanz. einer gelehrten Zunft, einer wissenschaftlichen Anstalt, soavera snmit:e!da» jeder Orlsgemeiitde und jedes Einzeln«» in ihr Diesem Umstände ist nicht blos die sorgsame Kontrolle des Textes und überhaupt die Erhaltung des Buches, sondern auch der Kenntnis der Ursprache zu verdanken, sodaß. als die Christenheit, die sich mit Uebersctzungrn vtünüut hatte, nach tausend Iahren zur Erneuerung ihre« religiösen Denkens auf sie zarSckgetzea wollte, sie bei den Juden in die Schule gehen mußte. Sosann raachte diese E nrichiung das Gotteshaus zu einer Schule, da onchftäblichen Sinne des Wortes zu eine? Volksschule. Diese allgemeine Schulpflicht, die ohne staatlichen Gesegrszwang bestand »nd bi» zum Lebenseade dauerte, oerlieh jedem Juden ein Mindestmaß an Bildung und Wissen und ein lebendige» Interesse auch für die tiefsten Fragen, die dieses Buch anregte. Auch er wurde ein Stück Gottesgrlehrter und Wellweiser. Die weiter forschende Wissenschaft und Gelehrsamkeit aber blieb immer volkstumlich, der Gemeinde verständlich, ja für sie berechnet. Die Thora Mose» als immer wieder fortgepflanztes Erde der Gemeinde— hat s-ema!» ein Volk seinem größten Manne ein lebendigere» und dauernderes Denkmal geseht? Popularisierung der Wissenschaft ist vielen Gelehrten unsympathisch and verdächtig. Sie fürchten davon eine Verflachung und Verfälschung, Mißbrauch uns Irreführung, Beförderung der Halb. 5»2>»«a sie haben rechr, wenn diese Popularisierung von llnberafeaen und Dllettanten vorgenommen wird. Wie viel UnheU richten sie schon dadurch an. daß sie nicht zwischen den Graden der Gewißheit zu unterscheide»» wissen und Vermutungen für ausgemachte Wahrheite» ausgeben'. Die Gelehrten selbst sollten die Arbeit unt-rnehmen, uitd zwar grade die erste?: Die volkstümliche Darstellung für die Gemeinde ist die reifste Frucht gelehrter Bemühung, eine Probe auf ihre Bewährung, das höchste und dankbörste Lehramt. Der höchste Titel, den wir für unser» größten Mann kennen, lautet „Unser Lehrer Mose", drim: Tauro jiwwo lonu Mausche - mauroscho kehillas Jaakauw. öt!!ik!ch §5ll»"j§ jllvlschto Ettköttiv llilö seine Sichtung. Von Sr- Verths. Vadt-Sirauß ^Berlin». Max Brod, der Schopfer de» Tncho Brahe und des David Reudeni. wendet sich einmal in einer Elegie an die abge' fallenen Juden, den „lebendigen Friedhof seine; Volkes". Siebenmal spricht er zu ihnen und siebenmal antwortet ihm verlorener Chor wie Geisterstimmen: Weh — warum hast s« uns nicht ge- Manche« Gedicht ist weiser als der Sichrer wußte. Der Borwurf hat in tieferem Sinne recht als es zuerst scheinen mag — vielleicht in tieferem Sinne als Brod ihn sprach. Zu un» allen ist er gesprochen. Auch wir haben unsere Abtrünnigen nicht gen»g geliebt. Sonst würden wir vielleicht, ein alte» Wort erneuernd, sprechen: Biel lernen wir von unseren Frommen — mehr von den Ketzern — am meisten von den Heimkehrenden. Das Wort des späten E»!»el-» gl»» in besonderem Maße von dem deutschen Juden, der diese drei Gcsichter in sich vereinigt, der Wissender, Ketzer und Heimkehrender war, von Heinrich Heine. Kaum würde sonst, nachdem das Jahrhundert seines Schaffen» > hinter uns liegt, fein viel bewundert und viel gescholten Bild von i der Parteien Gunst und Haß also verzerrt vor unseren Blicken! stehen. Alles an diesem Manne, über den man so viel schrieb. ist bekannt — und alles an ihm ist unb-kanni. Zumal an orm j Juden Heine, der seine Schicksalsgenossen mit Worten des bitteren > Spotte» und der glühendsten Liebe, mit Urteilen tiefer Erkenntnis > und zuckender Abwehr überschüttete. Und doch ist vielleicht Heines jüdisches Erlebnis der rote Faden, der uns diesen Fürsten der Widersprüche von ungewollter Einheit gelragen erscheinen läßt. Vielleicht ist heute der Augenblick günstiger als je, um zur Erkenntnis dieser uns alle angehenden Dinge zu gelangen. Denn ' Heine, der Hundertjährige, ist Einer von den Unfern geblieben?! geworden? Mit unserem Munde spricht er. fühlt mit unserem Herzen. Gewiß, seine Liebesgedichte sind heut mit wenigen Ausnahmen verklungen und verblaßt; die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne rühren un» nicht mehr wie einst. Aber seine Gedanken über jüdische Dinge sind heute lebendiger als je. und die Judengedlchte seine« Nomanzero sind unvergessen. Darum ist es dein Zufall, daß gerade jetzt eine höchst dankenswerte Zusammenstellung aller Äußerungen Heines über Juden und Judentums erschien'). Dem Kenner Heines, besonders in ihrem ersten Teile, nichts Neue» bietend, trägt sie doch alle die wriioersireulen Worte und Gestalten sorgsam herbet und erleichtert den Weg zu diesem scheinbar verschütteten Schatze Tretet ein — auch hier ist Gott . . . scheint sie uns zuzurufen. Worin bestand Heinrich Heines jüdisches Erlebnis und wie wirkt sich die» Erlebnl» in seinem Werde au»? Mit dieser berühmten Fragestellung, durch die einst Diltkey eine neue Art literarischer Forschung begrlindrte. müssen wir an das Heine- Problem herantreten Freilich müssen wir uns von vornherein darüber klar sein, daß dieses Problem in seiner Ganzheit 'Raum und Nahmen dieser Spalten sprengen würde: e» muß uns genügen, hier nur einige Meilensteine aus dem Wege des „wandernden Juden" anfjurichtea Heines Tssf-M? I>-?s:--. hzz. s. H Bieber (Welt-Berlag, i Berlin, 1925) und Heines Gespräche. Hag. o. H. Bieber (Weltj Verlag. Berlin, 1925).

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