Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 4 (1925-1926)
- Issue
- 4 (12.1925)
- Date
- 1925-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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der Idealisierung der eigenen Religion aus dem Enthu. liasmus der persönlichen Religiosität (I.S.42): erlaßt er das Judentum nicht anders, als in der .idealen gewichtttchdogmatischen Ansicht«, flir welche der lebendige Gott nur in sozialer Sittlichkeit und weltbürgerlicher Humanität atmet; sieht er selbst darin die innerste Bestätigung des jüdischen l^ottesbewusziseins, wenn er Gott Leben und Persönlichkeit abspricht und ihn mit der Idee der menschheillichenSittlichkeit identifiziert und dementiprechend Schöpfung. Versöhnung. Messianismus humanisiert. Und aennoch glüht in ihm ein jüdisch-religiöses Bewusjtsein. das sich unmittelbar dem Prophetengeist oerwandt fühlt, in den Psalmen lebt, die mittelalterlichen Aeligionsphilosophen .unsere legitimen Dozmaliker" nennt und sich nicht genug tun kann in der philosvpischen Interpretation unserer religiösen Urkunden und der mittelalterlichen Aeligionsphilosophen. um seiner Uebereinslimmung mit unserer Religion immer erneut bewußt zu werden. Und man wird onerkenncn müssen, daß. wie häufig seine Interpretation ebendieselbe 'Gewaltsamkeit feines philosvhischen Temperamentes spüren läs;l. die ihn zur kühnen Neaauffassung von Platvn. Leiliniz und Kam geführt hnt. seine Interpretation der Biv?l wirklich oen Universalis«««? des Judentums sieghaft hervorhebt. Nur das; Religion eben noch mehr ist. als die Relation zwischen Logik und Ethik und selbst von Idee und Individuum, dak sie in den Spannungen und Erschütterungen des über alle Grenzen des Menschlichen und selbst des Kulurcllen hinousgreisenden ^''0ttcsvcwus;tseuls lebt. Die Sprache der Mystik aber war Cohen eine unverständliche Sprache, wo sie doch nur dem Ralionalismus unverständlich ist. Und auch das Schicksal der Zerstreuung hat dieser .Fürst des Crils" trotz der Stärke des Solidaritätsgefühls zu sehr als Staatsphilvsoph gesehen. Der tausendjährige jüdische Stamm war ihm nur das ^und^ment der jüdischen Glaubensgemeinschaft, das anthropologische Mittel für die Fortpflanzung der Religion und verdiente keine weitere romantische Verehrung. Geschweige das? die Veriuche seinen Bcisall finden konnten, den Stamm zu verjüngen und zur neuen Vlütc zu bringen. Der jüdische Stamm hat allein die Blüte der Religion zu tragen und diese gerade im Cril entsprechend seiner messianischen Bestimmuilg. Auch hier ist der Rationalismus die Grenze seines geschichtlichen Versteh'ns. verlangen und gestatten Deutsch, tum und Judentum eine tiefere Verbindung, als sie Cohen zu erreichen möglich war Das jüdische Stammesdewusztsein und die geschichtlich.konkrete jüdische Religionsiorm enthalten in sich Spannungen und seelische Gehalte, die sich ebensowenig in den Rationalismus einer Religion innerhalb der Grenzen der Humanität wie in die absolute Einheit des deutschen Rationalismus auflösen lassen. Die Welt der Seele und der Geschichte ist spannungsreichcr. als es der Rationalismus wahr haben will, ^.'ir sind nicht schlechtere Deutsche, weil wir unser jüdisches Empfinden nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft der jüdischen Geschichte bewahren, und die Erhellung ihres schweren Schicksals e-ftreden. Cohen fühlte die Grenzen seines philosophischen Bewußtseins, fürchtete aber mit ihnen auch die sittlichen Grundlagen der Persönlichkeit auszugeben Man kann Cohens jüdische Schriften nicht lesen, ohne zu ihnen Stellung zu nehmen, wie zu all dem. was Ausdruck eines lebendigen Geistes ist Ueber alles Trennende hinweg oder gilt die Verehrung dem Manne, der wie kein Anderer der Vorkämpfer der kulturellen Emanzipation des Judentums war. nicht zuletzt, damit in unserer eigenen Mine nicht blos Religiosität sich vererbe in immer enger werdenden Kreisen, sondern die jüdische Religion sich erneuere als der tiesste Quell des seiner selbst gewissen sittlichen Lebens.! Die Einleitung zu Cohens jüdischer: Schriften mn» t seinem Schüler und Freund Franz Rosenzweig ist em aus innigster Treue stammendes Bekenntnis zu dem verehrten Meister, das feinfühlig die innersten Motive des Cohen'schen Schaffens und sein« seelischen Entwicklung über den logischen Ausdruck hinaus in den zartesten Regungen deutlich macht und zugleich eine fast unhörbare intime Aussprache ist über die Notwendigkeit anderer Wege zum Judentum. Adolf Aieslerweg, das philanthropia aad der jüdislde Lehrer. Von Studienrat Vr. A. Gollmer. Das Philanthrop«!, die Schule, der zahlreiche Generanouen der Frankfurter Gemeinde Bildung und Erziehung verdanken, hat zu alten Zeilen weit über die Grenzen dieser Gemeinde hinaus gewirkt, nicht nur durch seine Leistungen, sondern mehr noch durch seinen Geist. Der besondere Geist unserer Bildungsanflalt war es wohl o^r allem, der einen Maiin wie Dieslcrweg aus diese Schule aufmerksam werden lief!, der sein Interesse weckte und wachhielt Jahrzehnte hindurch, vvn den Tagen ihrer Kindheit bis zu den Jahren ihrer reifsten Entfaltung. Als zwciuild,wanuqjährigcr junger Lehrer war Adolf Diesterwcg nach Frankfurt an die Muslerschulc gekommen, die kurz vor dein B^ilaulrvpin gegründet worden war. Die Beziehungen beider Schule« untereinander waren in den ersten fahren recht rege, manche Lehrer waren a» beiden zugleich tätig, und Adolf Dieftcrweg. der lerneifrige, war häuiia Gast im Philanthropin. hat dessen erstell Leiter, den Oberlehrer Hcfi. in seiner erfolgreichen Wirksa nkeit beobachtet und so starke eindrücke empfangen, dag sie ihm nach Jahrzehnten noch lebendig geblieben sind. Sechs Jahre ll">^ l^lk) blieb Diestermeg in Franksurt. dann kurze Zeit in Elberfeld, und »H? wurde er Direktor de» Lehrerseminars zu Mörs, von wo aus sein Name sehr bald durch seine praktische und schriitstrllcrische Tätigkeit in der pädagogische» Welt einen hellen Klang erhielt. l><;2 wird er nach Berlin deruscn als Direktor des neu gegrün rieten Seminars für Stadtschulen. Nun crjl entfalteter seine ganze Kraft. Mit nie erlah , endrr Energie widmet er sich der Fortbildung des Lcdrersiandes und der Befreiung der Schule von der kirchlichen Vormundschaft. Darum qatr sein Kamps jeglicher Reaktiv», der Reaktion insbesondere, wie sie sich in den Raumcrschcn Regulativen von l5.'»4 ausprägte. Dieser Kampf für freiheitlichen Grift führte den Seminardircktor Diejicrweg wohl mit einem jungen Manne zusammen, dessen ganze Gcislcsversas'ung aui pädagogischem, religiösen» und politischem Gebiete ähnlich organinert war. mit Dr. Sigismund Stern, der!.<>«. zum Nachfolger von Hes; als Leiter des Bhilanthropins berufen wurde. ^!5ann die Bekanntschaft der beiden Männer erfolgte, wann sie Freundschaft schloffen, das wissen wir nicht, jedenfalls aber kannten sie sich von Berlin her. und die Beziehungen wurden nach der örtlichen Trennung zweifellos ausrecht erhatten, nicht nur durch schriftlichen Berkchr. sondern auch durch versonljchc Bege nung. Dicilcrwea kam in spateren Zähren öfter nach Frankfurt, er hatte hier ja seinen Bcrlag. der noch heute Hestedt tMori? Dieiterweg). und in j?f'ei!bach baue er Berwanöle. Im Jahre l>-6(' weilte er dort zu einer Faiinlienfesllichkcit: Dr. Stern ladt ihn nach Frankfurt ein. und er erwidert au» diese Einladung a-n NI. t«. »iU. Beredeter Herr Dr. und Freund? Ich rechne aus Ihre gütige Entschuldigung. Ich hoffte, Ihrer Einladung folgend, aus «inen belebenden Abend i« Kreise Ihrer Familie und Kollegen. Leider aber nah« die Erkältung so zu. dag ich seil Montag bis heute Zimmer und Bett hüten mafzte. um mich wieder so herzustellen, morgen an der Hochzeit Theil nehmen zu Kannen. So dm ick» um jenes Vergnügen gekommen, denn übermorgen muß mir den Kindern die Rückreise angetreten werden. Ich kann daher nur noch für Ihre freundliche Einladung herzlich danken und mich Ihnen und Ihrer werten Familie empfehlen. In hoher Achiung und Freundschaft . Ihr Diestermeg. Etwa zwei Monate später sendet Dr. Stern seinem Berliner Freunde die ..Gedenkdläner" zu. die dem im Februar 1866 in hohem Alter Heimgegangene!: ^dertchrc? H?5 gewidmet "v?-??-. und?i:;:-nveg s.nöel ersr im Ianus» d<5 folgenden Jahres Zeit.