Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 4 (1925-1926)
- Issue
- 1-2 (9.1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Alle Völker der Erde schienen bisher von dem Wahne betört zu sein, dafz sich Religion nur durch eiserne Macht erhallen, Lehden der Seligkeit nur durch unseliges Verfolgen ausbreiten und wahre Begriffe von Gott, der nach unser aller Geständnis die Liebe ist, nur durch die Wirkung des Hasses mittelen lasfrn. Ihr, meine Brüder, lieket euch vi-lleicht oerleiten, ebendasselbe zu glauben . Wollet ihr gehegt, geduldet und von anderen verschont sein, so hegt ui'.d duldet und verschonet euch untereinander? Liebet, jo werdet ihr geliebt werden!" — Wir haben die „Vorrede" in Auszügen gebracht, weil wir glau'' n, mit ihr der Idee, die unier Thema verfechten will, dienen zu können. Niemals vorher und vielleicht auch niemals seitdem wieder ist das hohe Lied der Duldung und der Vorurteilslosigkeit in solch begeisterter Weise gesungen worden- ' Die Gedanke», welchen Mendelssohn hier Ausdruck verleiht, werden in dem Buche „Jerusalem, oder über religiöse M ach t u n d I u de n t u m " «l7xj) weiter ausgeführt und begründet. Der Verfasser kommt oo» dem früher jchon erörterten Grundgedanken nndeoiiigter Reügions- und Gewissensfreiheit „zu der scharfen und entschiedenen Forderung der Trennung von «taut und L!irche vd^r vielmehr der Aushebung alles üusjeren Klicke»! ums" Von diesem Standpunkte ans muszle Mendelssohn auch der von Leibniz angestrebten Glaudensve rein iguug, die erst recht eine Knechlung der Gewissen herbeigeführt hätte, entschieden ividerslreiteii- Er tut dies mit stielenden kraftvollen und erhebenden Worten: „Gcsej'.t. man vereinige sich über die Glanben^- formel. die man einzuführen nnZ festzusetzen gedenkt, man bringe slimbolc zustande, wider welche Keine von den seht in Europa herrschenden Religionspucleien etwas einzuwenden sindcl Was ist dadurch ausgerichlll? Etwa, das; ihr alle über Religio». >l>ahrhcilen dasselbe denkt? Wer von der Natur des menschlichen Geistes nur einigen Begriff hat. kann sich dieses nicht verkommen lassen. Also bloß in den Worten, in der Formel läge die ll'iereinstimminig. Dazu wollen die Glaubensvereiiuger sich zusammen» tun, sie wollen hier und da von den Begriffen etwas abzmacken, hier und da die Maschen der Worte so lange erweitern, sie so unbestimmt und weilichichtig machen, das; sich die Begriffe, ihrer inneren Verschiedenheil ungeachtet, noch zur Not hineinzwängen lassen. Ein jeder verbände dann mit denselben Worten eine andere ihm eigene Meinung. O. wenn diese allgemeine Glcisnerei einen Endzweck haben soll, so sürchlc ich. man will den freigewordenen Gei>t der Menschen nnr vorerst wieder in schranken eingesperrt haben Das scheue Wild wird sich alsdann schon fana-n und sich den Kappzaum überwerfen lassen. Bürdet den Glauben nur erst an Smndole, die Meinuna. an Worte, seilt ein für allemal den Artikel fest, wehe dem Elenden alsdann, der einen Ta>, später kommt und auch an diesen bescheidenen geläuterten Worten etwas auszusehen findet- Er ist ein .xcirdensslörer. Zum Scheiterhaufen Hill ihmtlm eurer und unserer aller Glückseligkeit willen. Glaubensvereinigung ist nicht Toleranz, ist der wahren Bildung geiade entgegen! Ilm turrr und unserer Glückseligkeit willen, gebet ener vielvermögendes Ansehen nickt her. irgend eine ewige Wahrheit, ohne welche dir bürgerliche Glückseligkeit bestehen kann^ln ein Gesetz, irgend eine dem Staate gleichgültige Religionsmrinung in eine Laudesverordnung zu verwandeln Haltet auf Tun und Lassen der Menschen, zieht dieses vor den Aichteistuhl weiser Gesetze und überlasset uns das Zwenken nnd gut, als unwandelbares 'Recht gegeben Hai. Belohnt und deslrast keine Lehre, locket und bestecht zu keiner Religtonsmeinnng! Wer die öffentliche Glückseligkeit nicht stört, wer gegen die bürgerlichen Gesetze, gegen euch und seine 'Mitbürger rechtschaffen handelt, den lasset sprechen, wie er denkt, Gott anrufen nach er e» zu finden glaubt. Lasset niemand in euren Staaten Herzenskiinder und Gedankenrichtrr sein! Wenn ihr dem .Kaiser gebt, wo.-. d<5 Kaisers ist. so gebt ihr selbst Gott, was Gottes ist. Liebet die Wahrheil, liebet den frieden!" In wie enger Wechselwirkung diese Ansichten Mendelssohns mit den Äegiernngsgrundsätzen und Regierungshandlungen des groben Königs standen, davon legt der Vhnosvpii selbst Zeugnis ad »n folgender srelle des »Jerusalem-: .Ich bade das Glück, in einem Staate zu leben, in welkem diese meine Begriffe weder neu noch sonderlich auffallend sind Der weise Regent, von dem er beherrscht wird, hat es seil Anfang «rir-cr Regierung beständig?-!n Augenmerk sein lassen, die Menschheit in Glaubenssachen in ihr volles Recht einzusehen. Er ist der eiste unter den Regenten unseres Jahrhunderts, der die weile Maxime in ihrem ganzen Umlanoe niemals aus den Augen aeiaiien die Mensche» find für einar.der geschaffen, belehre deinen Nächsten oder ertrage ihn!' Mit n-riser Mäsjigung hat er zwar die Vorrechte der iwizeren Religion geschont, in deren Besitz er sie gesunden, ^Noch gehören^ vielleicht Menscher, begreifen werden, dag Vorrechte um der'Religion w i U en roede r re chllich noch im Grunde nützlich seien, und dasz es also eine wahre Wohltat s e: n r?2rde, allen bürgerlichen Unterschied um der Reli« gion willen schlechterdings auszuheben. Indessen ha: sich die Nation unter der Regierung dieses Weisen so sehr an Duldung und Dertragsamkeit in Glaubekissschen zenzähnt. dah Zwang. Bann und Ausschließungsrecht wenigstens aufzehöcl haben, populäre Begriffe zu sein." „Jerusalem" l>l Mendelssohns reisnc» und unvergänglichste, Werk. Keiner har so wie er in dem an erhebenden Ideen so reichen Jahrhundert der Aufklärung das treffende Wort 'ür Re - ligtonsfreiheit und Toleranz gefunden, niemand ist dem degeislerlrn Verkünder und Propheten der Humanität, der Denk- und Gewiss-iisfreiheic an die seile zu setzen. Grog und allgemein war daher die Bewunderung für das Werk und seinen Verfasser. Kant bezeichnete in einem Briefe an. Mendelssohn „Jerusalem" „als die Verkündigung erner groszen obzwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, sie nicht allein die Juden, sondern alle Religionen betreffen würde. ' „Sie haben", fährt er fort. „Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewuszt, die man ihr gar nicht zugetraut hätte und dergleichen sich »eine andere rühmen dann, sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und s^ hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unsererseits darauf wird denken müfsen. wie sie alles, was das Gewissen belästigen oder bedrücken kann, von der ihrig cn absondere.' Mirabeau verglich in einer schrill: .Llder Moses Mendelssohns und die Reform der Juden" die Bestrebungen Mendelssohns nnk den Bestrebungen der neuen nordamerikanischen freiitaalcn. Unvergänglichen Ruhm aber bereitete Lessing seinem freunde durch den „Nathan-, der Mendelssohns Züge tragt ."r> >,5m hat der Dichter „die edelste Gesralt geschaffen, einen -r : Menschen im höchjien sinne, gros.densend. frei von V^r ,511. der das Gure tul um des Guten willen, der sich durch uu-n^' und namenloses Leid hindurchgcrungen hat zu opferfreudiger Menschenliebe" im sinne der von Mendelssohn grof^ und edel erfasiien. zum Moll» seines Lebens gewordenen ..Bestimmung des Me n schen". „Wahrheit erkennen. Schönheit lieben, Gutes wollen. Das Beste tun!" Zulius plotle. «Geboren V Oktober l>.'>7. gestorben "7. September l!-cl> E? erscheint un) eine Pflicht, auch im Gemeindevlatl des öftere!', der Männer m gedenken, die iü unserrr Geinrinde wirkend sich um diese und das Judentum besonders verdient gemacht haben. Wir bringen beule eine kurze skiz.;c des Lebensinhalts . von Julius ^lotke. unserem all;u früh dadinge- Iiilius Blotke. der Vatron der Bne Brisz-Loge in Kaiserslauter», war ein gebürtiger Herzogtümer «Boreki. der aber dei: grös.leil Teil seines leider nur allzu kur.nn Lebens er bat die .» iiiU>l erreicht in Frankfurt a. M. zugebrack'» hat. Von seiner Heimat der. von Elternbaus, sckulc und virniri-ischansleden de? Juden in Bosen mit der dcutsch-iüdifchen seele. ibrem Bedürfen und Verlangen aufs innigste vertraut, kalte er in Frankfurt den Aufschwung, deren diese seele namentlich in religiöser und sozialer Beziehung säbig ist. voll crfas;t. und als glühender Anhänger der Idee einer innigen Durchdringung und gegenseitigen Befruchtung von Deutschtum und Judentum suchte er schon in der Anfangszeit seines frank'urter Wirkens das Ideal eines deutschen Juden zu leben und vorzuleben, schnell brachte ihn ein gütiges Geschick in enge und engste Beziehung zu den hervorragendsten Männern der altebrwürdigen frankfurter Murteracmeinde. in Sonderheit der damaligen G?!.'7.e:'. auf dein Gc?:c: d?r religiösen Unterweisung und der Wohlfahrtspflege, zu Männern wie Markus ^Horovitz, Hcrmani: Bacrwald. Edarles L. Hallgarrcn. Georg spencr. sal. ,xuld. Bbilipp s.tnff. Michael M. Mainz uud 0an>i auch zu den >2ro>:e» Wobltäler:: ::: den /Zamilir^ -on Roldüliilü und Baron Hirsch, und so wuchs er lernend und lehrend selber zu einem Grvsien in Israel, der nicht nur das jüdische Leben in Hrankrurt. sondern auch in gan; Deutschland, ja in der ganzen Welt de'ruchtet dat.