Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 20 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Selbst-Ginancipakion. Nr. 20 ordinem. Die Juden beginnen endlich, wenn auch schwer, einzusehen, daß sic dupirt wurden. Der „Städtische Verein" liegt im Sterben. Es ist jetzt eine von den wenigen Zionisten Neutras insceuirte Bewegung int Zuge, einen „Verein zur Hebung der jüdischen Literatur und Geschichte" z» gründen. Ob' es ibnen gelingen wird, die Juden ans Anlaß dieser Vorfälle bei ihrem pofnt d’honneur zu fassen, wer weiß es! Wir verstehen es ja leider am allerwenigsten, aus der Vergangenheit zu lernen. Z’wi.- Deutsches Re i ch. Berlin, den 8. Dezember 1893. Am 30. v. M. gab es wieder eine interessante Judendcbatte im deutschen Reichstag. Der antisemitische Abgeordnete Zimmer mann wetterte gegen die judenfrcundliche Politik des neuen Cnrses, was den Reichskanzler Caprivi zu einer geharnischten Absage an den Antisemitismus und zu der Erklärung ver- - anlaßtc, daß er im amtlichen Verkehre seine jüdischen Mitbürger nicht anders als andere behandeln werde. Daß man ob solcher Enunciationen nicht vor Freude außer sich gerathen dürfe, ist etwas, was leider gewöhnlich nicht befolgt wird, so oft man auch schon Enttäuschungen erlebt haben mag. Die „Münchener Allgemeine Zeitung" schreibt: Der zweite Theil der Rede war die bemerkensmerthe Absage an den Antisemitisnms, den der Reichskanzler kurzweg als jenen in den breiten Strom der Socialdemokratie mündenden Nebenfluß der letzteren bczeichnete — mit vollem Recht. Aber freilich auch erst wiederum sehr spät.Hätte man im Frühling vorigen Jahres nicht monatelang die Uebcrschwemmung der Straßen Berlins mit den „Judenflintcn" und anderem groben Unfug der Antisemiten in unbegreiflicher Nachsicht geduldet, so würde Graf Caprivi heute wahrscheinlich nicht nöthig gehabt haben, sich gegen Jnvectivcn des Abgeordneten Zimmermann zu wehren.Heute liegen die Früchte zu tage, und den Antisemiten, welche früher im Reichstag als eine Curiosität, als eine Art Mißwachs angesehen wurden, hat der Senioren-Convent soeben die Vertretung in den Commissionen einränmen müssen!" Nachdem die ' konservativen Antisemiten ein Judeneinwanderungs-Verbot beantragten, glaubten auch die „reinen" Antisemiten nicht Zurückbleiben zu dürfen und haben auch ihrerseits ein solches, natürlich noch viel radicaler gefaßt, beantragt. Ebenso legten sie dem Reichstage einen Schächtverbots-Antrag vor. Beide Anträge haben wohl keine Aussicht auf Annahme, aber sind als Demonstrationen und Agitationsmittcl nicht ohne Bedeutung. Q Berlin de» 6. Dcc. 1893. Durch seine gestrige M a kkabäcrseier" hat der Verein „Ezra“ auf'» Neue bewiesen, das er c8 versteht, immer mcitare Kreise fiir seine Ideen zu gcwimicu. Die lebenden Bilder, iu denen die Austreibung der rnssi'chen Jude» und ihre Anstcdelung in Erez Israel veranschaulicht wurde», waren ein Meisterwerk ibrcS Veranstalters, rnd ernteten ebenso wie der vorzügliche von dem Vorstandsmitgliede gedichtete Text den reichsten Beifall. Allgemein wurde bedauc t, daß die Bilder nicht sosort photographirt-wurden. Die von Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer gehaltene Festrede war i» zionssreundlichem Sinne gehalten und gab die Gefühle wieder, von denen er und das Andiioriuin beseelt waren. Der materielle Ersolg des schönen Festes ist Himer dem ideellen nicht zurückgeblieben, und der Verein Ezra hat von neuem gezeigt, daß er der Sympathien iverth ist, die ihm allerseits entgegrngebracht werden. Zum Schluß dürscn wir aber nicht vergessen, noch ganz besonders hcrvorznhcben, daß man es vor '! llem den eifrigen Bcniiihungen des Vorsitzenden Herrn Dorn verdankt, wenn der Verein so rege Fortschritte macht. Ohne d e iiiilhevolle, aiifopsernilgSvollc Arbcüsjrciidigkcit dieses ivahrcn Zionisten würde d r Verein „Ezra“ gewiss das nicht sei», was er hcnte ist, eine.Hochburg echten Jud cn th umSl T ü r k c i. Jerusalem, den 23. November 1893. Herr Louis Ungcr wollte schon längst hier eine Fabrik errichten, um dadurch armen Leuten Veschästiguug zu geben. Anfangs dachte er daran, unter den Zionsfreunden Assocics zu suchen und zu finden, um ein Ilutcrnehmcri im großem Maßstabe in's Leben zu rufen. Da aber alle, an welche er sich wandte, erst einen Versuch sehen ivollten, ging Herr Unger an die Ausführung seines Vorhabens. Er stellte einige Webstühlc auf, und die Arbeit hat bereits begonnen. Hauptsächlich werden, wie in den damasceiiischcn Webereien, landesübliche Kaftane, aber auch anderes gewebt. Herr Ungcr hat die Sache klein begonnen, dergestalt, daß er noch keine besondere Concession der Negierung benöthigl und auch kein Nisico hat. Es ist aber zu hoffen, daß ans diesen kleinen Anfängen ein großes, segensreiches Unternehmen werden wird. Amitlii. @ l) X O XX i. ß. Aus Rußland. Den Apothekenbcsitzern Petersburgs ist die Weisung zllgcgaiigcn, unter ihren Angestellten nicht mehr als 3 Procentc Inden zu halten. Da keine einzige Apotheke 33 Angestellte hat, so ist dieser Befehl mit einem völligen Ausschluß der Juden gleichbedeutend. Ans Marokko. Die Lage der Juden ist eine fortgesetzt traurige. Sehr düstere Details erzählt ein Originalbericht der „Jüdischen Presse": Jüdische Männer, Weiber und Kinder werden über Befehl höherer und subalterner Beamter willkürlich geprügelt und geknutct.. Zwei längst schon verschwundene Unsitten sind wiederzur Geltung gekommen. Sobald ein Jude über den Marktplatz geht, versetzt ihm der - erste beste Maure einen Schlag auf den Kopf. Einen ihm begegnenden Maure» muß der Jude zur linken Seite ausweichen. Die Frau eines Renegaten wurde, da sie sich nicht 511111 Abfall vom Judeiithnm entschließen konnte, flüchtig. Der Richter ließ. die Angesehensten der jüdischen Gemeinde vorladcn und forderte sie ans, die Frau herbeizuschaffen. Da sie deren Aufenthalt nicht missen, müssen sie jeden Morgen in's Amtzimmcr und dort bis Abends bleiben, um darüber nachzudenkcn, wie sie die Frau herbeischaffen können. — Ein anderer Renegat wandte sich an den Gouverneur mit der Bitte, seine Frau, welche wenige Tage vorher entbunden war, zu zwingen, mit chem Säugling zur inohammedanischen Religion überzutrcten. Sie wurde von Polizeidienern vor den Gonverncur geschleppt, und als sie sich hier beharrlich weigerte, de» Islam zu bekennen, in ein Ziimner des Gouverneurs gesperrt, lieber den Verbleib der Unglücklichen ist nichts Näheres bekannt. Köstlich. Der Verein „Phi Harmonie" in Zürich, aus welchem sich das Synagogcn-Chor der genannten Stadt rccnitirt, hielt am Abend des 5. d. M. eine „Ehanukkaban »1 - Feier ab. Wir gratiilire», bitten aber den löblichen Verein, unserem botanischen Wissen zu Hilsc zu kommen. Todesfall. Sonntag de» 3. d. M. verschied in Wien im 69. Lebensjahre der Rabbiner des orthodoxen BethanSvereincs in der Großen Schiffgasse, der sogenannten „Schissschul", N. Salomo Spitzer. Der Verstorbene war einer der hervorragendsten talmndiichcn Autoritären der Jetztzeit und ein ebenso geistvoller als unerschütterlich cvnscgueiiter Vorkämpfer der strenggläubigen Nichtnng im österreichisch - ungarischen Jndcnthum. Seine Leiche wurde noch Prcßburg in Ungarn überführt, und gaben derselben nahezu 200 Personen aus Wie» das Geleite. Fast die ganze Preßbnrger jüdische Gemeinde folgte dem Sarge des Dahingeschiedenen. Ehre seinem Andenken! Literarisches. jH Die Aufgabe der jüdischen Wohlthätigkeit. Gr. 8" Berlin 1891. (Verlag von Hugo Schildberger.) Von Dr. M. Ts dfi riri - chosf. Unter diesem Titel ging uns soeben von dem bezeichneten Verlage eine Brochure zu, deren äußere Ausstattung schon im höchsten Maße die Ansincrksainkeit auf sich lenkt. Je öfter sich aber die Thatsache wieder hott, daß gerade die schteä>lesten Bücher die schönsten Deckel und das feinste Papier answeijen, umsomehr ist es freudig zu begrüßen, daß dieses so saubere und seine Büchlein auch einen guten ^Inhalt in elegantestem Deutsch hat. „Dem theueren Andenken de» Dr. Leon Pinskcr gclvidmct", dem offenbar der Verfasser, ein hervorragender Arzt Odessa'S, sehr nahe gestanden, ist das Hcst der höchsten Beachtung seitens aller nationalen Gesinnungsgenossen wcrth. Der Versasser, binter dem man nach dem Titel vielleicht einen „Wohlthätigteiisapvstcl philiströsen Characters" verniiithen könnte/ ist in Wahrheit ein ehrlicher Berteter des offenen Notionaljlldcnthmns, dem nichts ferner liegt, als etwa der Gedanke, daß wir cingehiillt in das Mäntelchen der stillen Wohlthätigkeit hie und da