Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 20 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20 Selöst-GmcmcipaLiorr. Seite 5 jüdischen Bestrebungen zu sprechen und entwickelte hiebei den Gedanken, daß sich Völker, bei welchen eine nationale Einigung bereits erfolgt ist, jetzt fast mir mit der Lösung der focioicii Frage zn befassen haben, bei den Juden die Sachlage aber eine andere sei, da der Judenhaß auch im eventuellen sveialistischen Zeitalter nicht aufhörcn werde. Wenn aber der Socialismus für die Inden nicht die Rettung bedeute, so müsse eine andere sociale Erlösung gefunden werden. „Der Jude, den das Exil zum „Handeln", aber nicht zum Handeln gemodelt habe, müsse in eine den Körper und Geist erfrischende Atmosphäre hinaus. Redner setzte nun Wesen und Zweck der Palästina-Bewegung auseinander, um, daran anknüpsend, das Märchen von der „Mission" in rücksichtslos wahrer Beleuchtung zu zeigen und gegenüber den vagen kosmopolitischen Neigungen der modernen Inden das von wahrhaft kosmopolitischem Sinne erfüllte Nationaljudeuthnm hervorzuheben. Herr Schalit erntete stürmischen Applaus und wurde von allen Seiten beglückwünscht. Kürzere und längere Ansprachen hielten noch in nachstehender Reihenfolge: Herr Docent Dr. Grünfcld, welcher die „Kadimah“ seiner Sympathie versicherte, dabei aber die zionistische Gesinnung derselben bedauerte; Herrstad. med. Igel, welcher auf die alten Herren des Vereines und Herr stnä. rned. Gach, welcher auf die Gesinnungsgenossen im Auslande toastirte-. ferner Herr Brodsky, Präses des „Vereines der Studenten ans Rußland",welcher der Verdienste der „Kadimah“ nur die Wiener jüdische Studentenschaft anerkennend gedachte und Herr Dr. S. R. Landau, der namens des Einzelvereines Wien des Verbandes „Zion" die Angriffe des Dr. Kraus gegen die Zionisten zurückivies. Außer den Reden bekamen die Erschienenen auch hervorragende musikalische Knnstleistungen (Gesang, Violine, Flügelhorn) zu hören, welche noch besonders zum Gelingen des Abends beitrugen. Die 11. Makkabäerfeier des akademischen Vereines „Kadimah-- stand in nichts ihren zehn Vorgängerinnen nach. Wie», den 10. December 1803. Donnerstag, den 8. d. M. Abends veranstaltele der literarische Geselligkeitsverein jndischer Mädcheu „Moriah" ein Fest, das sich anspruchslos Familienabend iiannie, in Wahrheit aber eine herzeihebende Makkabcierseicr war. Der große Saal Weiner in der Taborstraße, in welchem die Feicr stattsand, war gut besetzt. Die Präsidentin des Vereines, Fräulein Bertha Schalit eröffnete die Versammlung, begrüßte die Erschienenen »nd hielt eine oft vom verdienten Beifall unterbrochene Rede. „Das Chanukasest", sagte sie unter anderem, „soll unserem Abend eine besondere Weihe geben, . und einen Abglanz auf unser bescheidenes Bestreben werfen. Das Schwache und Kleine lehnt sich gerne au das Große und Starke an, und so möge es uns denn gestaltet sein, den Lichlglanz des Makkabäer-Festes für unseren heutigen Abend zu erborgen". Die Rednerin ging sohin ans die Entstehung und.den Zweck des Vereines zurück. „Wir sandeil den Mnth, uns ossku als jüdische Mädchen zu bekennen und darin offenbart sich unser Prograimn. Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur, Discussionen jüdischen Inhaltes füllen unsere literarischen Nachmittage."- Die Präsiden»» geißelt in recht energischen Accenten die „Modethorheit, sich seiner Herkunft zu schämen." Dieser traurigen Erscheinung gegenüber „erklären sich die Mitglieder des Vereines „Monah" offen als jüd ische Mädchen und stellen es sich zur Ausgabe, das jüdische Bewußtsein unter ihren Schwestern zn erwecken und zu erhalten. Nach Fräuiein Sch alit nahm die Biccpräsidemin, Fräulein Natalie Pollak das Wort. Sie setzte auseinander, .warum sich die „Moriah" die Pflege gerade der jüdischen Literaiur zur Allsgabe gemacht habe. Erstens, weil vor lauter fremder Literatur und Geschichte unsere eigene uns am nnbekanntesten, ja ich möchte säst sagen, weil sie uns ganz und gar fremd est, und dann, „um Widerlegung der bitteren Anschuldigungen" gegen das Judeuthum zu finden. „Und da bedarf es keines langen, keines gelehrten Studiums, um wieder die Achtung vor unserem eigenen Volke zu gewinne», um wieder stolz den Kopf zu heben." Die Rconerin rechtfertigte sodann den Umstand, daß ein Mädchenverein eigene Geselligkeits-Abende gebe. Es sei damit eine Bekanntmachung der Tendenzeu in weiteren Kreisen bezweckt; ferner solle gezeigt werden, „daß man die Geselligkeit in gewiß angenehmer Weise, auch unter den Glaubensgenossen findet, daß man es vermeiden kan», bei geselligen Zusammenkünsten über die Achtel angesehen zu werden, weil man eine „Jiidiil" ist. Die Rednerin schloß unter stürmischem Bestalle mit den Worten: „Wir aber wollen trotz manchen spöttischen Zurufes an unseren Bestrebungen festhalicn, überzeugt, selbst mit nnsercn schioache,i Kräjten clivas zur Ehre des Jndeilthllins beantragen" — Den beiden Reden folgten mehrere gute musikalische Aufführungen, und zuletzt gab sich die junge Welt dem Tanzvergnügen hin. Brody, 3. December 1803. Am 20. November l. I. hielt der frühere Präsident des Wiener akademischen Vereines „Kadimah", Herr Dr. Jacob Kohn, vor einem zahlreichen Auditorium im großen Saale des kaufmännische» Easinos einen sehr iillercssanten Bortrag, desien Tenor die Ilnterstiitzung der jüdisch-nationalen Partei in Galizien war. Er belenchlete in drastischer Weise die verderblichen Folgen der Assimilation, die den Juden nur Haß und Berachlnng eingetragen. Dank dieser nnscligeu Assiinilationspolilik werden die Jaden von allen Gebieten verdrängt, auf winhschastlichem Gebiete bekäinpst und cs sei so weit gekommen, daß Gras Tarnowsii am Kätholikentag eS offen wagte, die christliche und aristokratische Bevölkerung anfznforder», den Juden den Handel zn entziehen, ihnen keinen Grund und Boden abzugeben, unter dem Vorwände, der Jude sei ein sremdeS Element. In diefer krilischen Zeit sei es eine heilige Pflicht der Jade», sich znsammenzujchaarcn »nd als Nation anszutrcten. Reimer forderte die Bersammlnng ans, dieser Idee näherzntreten, wies daraus hin, daß die Stadt Brodh, welche 2 jüdische Vertreter im Parlament habe, die Macht besitze, dieser hochwichtigen Sache Gellmig zu verschasfen; das richtige Forum dafüc sei das Parlament. Znm Colonisationsprojeet übergehend, bekiimpjt erdie Auffassung, als ob die jüdisch-nationale Pariei alle oder alle national denkenden Juden nach Palästina verslanzcn möchte. Der von dem Baron Hirsch in Seene gesetzte Transport der jüdischen Massen nach Argenlinien sei ein verfehltes Mittel, um dem crassen Elende zu steuern. Man solle dieselben eben nab Palästina, an welches sie die religiöse und historische Tradiliou knüpft, und wo sie auch schon bereits btühende Ackerbaiicolonien antresien, eröffnen. Er schloß seine mit lebhastenr Beifalle anfgenommenen Ausführungen mir dem Appell, den bloße» Worten Thalen folgen zn layen, die Parteiorganisation und Parieipresse thatkrästigst zu unterstützen, in Brody — wie in anderen Städten — einen Verein zur Pjtege der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur m's Leben zn rufen und am nächsten Sonntag eine Maccabäerfeier zu veraiistatlen. — Gemeindcralh und Eultnsvorstand Herr Lazar Bloch dankte dem Vortragenden in ivarnien Worten für seine Aussührungen, die sich durch Elognenz und Logik auszeichneten. Noch ist das Judeuthum nicht vcrioren — sagte der Redner — wenn sich die jüngere Generation neben der Wiffenschast auch dieser heiligere Sache so warm annehme. Mit wiederholtem Danke an Herrn Dr. Kohn schloß die Versammlung. M. J. Renten, im Kislew 1893. Irr der Schweiz hat das Rstchus eine ihierschützlerische Schminke; ru unserer Gegend, wo drr jetzt in Oesterreich und Deutschland grajsirerrde Gaffenjungen-Antiseinitisinus etwas discreditirt ist, ist es volkswirthschasllich angestrichcn. Bor einigen Jahren bildete sich hier in aller Stille eine geheime „Actiengesellscbos' mit Antheilscheinen zn 10 ft., mit dem Zwecke, in de» Dörfern und Vorstädlen christliche Detailgeschäfte zu gründen.*) Welche Tragweilc diese hätte, kann man erst erwägen, wenn man weiß, daß in dieser Gegend sie Juden aus dem ärmeren Mittelstände, seitdem sie durch das Regaliengesetz theils aus den Wirlhshanspachlungen hinansgedrängr rvorden sind, und wo dieses nicht der Fall ist, vom Wirthsgefchäue allein nicht rnehr leben können, fast ausschließlich aus das Dctailgeschäfr angewiesen sind, Die Ursache des pilzartigen Aujjchießcns der christlichen Detailgcschäste wurde erst entdeckt, als sie aufhörte. — Die Mehrzahl der „Actionäre", nämlich diejenige», die nur wenig Antheilscheine hatten, geben sich natürlicherweise nicht zu erkenne». Desto mehr thun dieß aber diejenigen, die der Krach ans ihrer empfindlichsten Seite berührte, die dem heroischen Beispiele ihrer „Actien-Gesellschast" zu folgen gezwungen waren, Mehrere wohlhabende Leute in der Gegend von Ersekujvar haben durch diese Geschirhre ihr Hab und Gut eingebllßk. Lange hat sie nichr gelebt, diese volkswirihschastlich-nntisemitische Actien- Gesellschast; ob sie aber ohne Nachfolger bleiben wird? Wer weiß es! Tie Antisemiten verstehen es ebensowenig aus der Vergangenheit zu lernen, als — wir. Vor einem Jahre bildete sich hier unter Aegide eines Doinherrn ein „Städtischer Verein", der die Vereinigung aller Bürger ohne Unterschied der Klassen und Religion sich zur Aufgabe machte. Also ein, von der ameren Seite kommender Assimilationsversuch; ob nicht auch die Hände der jüdischen sogenannten llauts-voirw dabeiwaren! Die erste Zeit ging es ziemlich gut. Die Inden fühlten sich geschmeichelt, endlich einmal von den Ehristen mitgernfen ivorden zic sein, wenn auch zn »ichls Anderem, als zum Kartenspiel. Denn andere Leciüre rvurde dort nur nominell gepflegt. Da erscholl der Schlachtruf der durch die Csccky'sche Resormvorlage gereizten ecelesia militans, und im Nn rvurde arcch in Neutra ein „Katholischer Verein" constiucirt. Der Domherr-Präsident des „liberalen" „Städtischen Vereines" nahm die erste unpassende Gelegenheit wahr, um in der Muncnpal-Sitzuug mit seinen getreuen Inden eine» streit vom Zaune zu brechen, und daraufhin in den „Katholischen Verein" überzntreten. Die Vercinssunclionäre zeigten sich auch lief verstimmt und traten auch über; darauf die anderen christliche» Mitglieder secundum ■■■) Erinnert sehr an das jndciifeiiidlithe Treiben in Galizien.