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Selbst-Emancipation · 1893-12-15 · Heft 20 (15.12.1893) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 20 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Sewst-GmancipaLion. Seite 3 jüdischen Familie nie ihre Wirkung. Wichtig ist auch, daß die jüdische Jugend gute jüdische Jugendschriften liest und daß die Mütter und die erwachsenen Töchter Bücher in die Hand bekommen, die nicht nur dem Titel nach, sondern wirklich jüdisch sind. Die Gründung von Lesezirkeln unter jüdischen Töchtern Ware auch sehr zu empfehlen. Wenn da auch anfangs nur allgemein Romane und Gedichte gelesen werden, so ist das Zusammensein jüdischer junger Mädchen unter sich, wo sie sich ihrer Abkunft ni. t zu schämen brauchen, schon von großem Vortheil. Denn hin und wieder werden im Gespräch doch jüdische Dinge berührt werden, die Mitglieder lernen allmählich sich als Jüdinnen betrachten, jüdisch fühlen und gewinnen^ Interesse für die gemeinsame jüdische Sache. Ueberhaupt ist jede Institution, die geeignet ist, die jüdischen Elemente zu sammeln und zu vereinigen, sei cs in welcher Fornr cs tvolle, zueinpfehlcu, denn hier ist der beste Boden, wo die jüdische Eigenartigkeit gepflegt und erhalten werden kann, wo unsere Sitten und Tugenden zur Entfaltung gelangen können. Und in der jüdischen Eigenart ruht unsere Zukunft, unsere Größe. V. Agitation durch die Presse. In unserer modernen Zeit, dein papierenen Zeitalter, ist die Presse zum mächtigsten Culturhebel geworden. Im politischen Leben ist sie oft Selbstherrscherin und die Existenz ganzer Parteien hängt nicht selten hauptsächlich von der Presse ab. Namentlich ist für eine werdende Partei die Presse ein gewaltiger Factor. Ohne Presse gibt es keine Agitation im großen Stil, keine Förderung. Uns Nationaljuden gebricht es noch leider au den nothigen Organen, um unsere Ideen der großen Welt zu verkünden. Unser eigenes Organ, die„Selbst-Emancipation", muß schwer um seine Existenz kämpfen und vermag daber nicht das zu leisten, was es leisten möchte und sollte. *) Es ist geradezu beschämend, daß sovicle Zionssreunde nicht imstande sind, ein Organ kräftig zu unterstützen. Daß wir von den anderen deutsch-jüdischen Blättern für unsere Sache nichts zu erwarten haben, das weiß Jeder, der in die Verhältnisse eingewciht ist. Unsere jüdischen Organe sind meistens nichts weniger als jüdisch; Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Vornehmheit sind ihnen Luxusartikel und manche von ihnen wetteifern im Hetzen, Verleumden und Dennnciren mit den schändlichsten antisemitischen Zeitungen. Für diese sich jüdisch nennende Presse gibt es kein gefährlicheres Ding als das Nationaljudenthum, denn von dieser Seite droht dem Scheinjndenthum die größte Gefahr. — Das wissen die Apostel der Assimilation sehr gut. Es wird daher gegen uns stets das System des Totschweigens in Anwendung gebracht, und da wo dies nicht mehr möglich ist, versucht man uns todtznschreien durch Verleumdungen, Drohungen, Entstellungen und Deuunciationen. Während man für weltbewegende Ereignisse wie die Decorirnng eines jüdischen Commercienraths, den Empfang eines Rabbiners seitens eines Bischofs, die Ernennung eines getauften Juden zum wirklichen Geheimrath in einem deutschen Zweigstaat ganze Spalten frei hat, während man für Plagiatoren und literarische harlatane Herzensergüsse auf Lager hat, — schenkt man der jüdischnationalen Bewegung, einer Bewegung, die wehr als eine Million Juden enthusiasmirt, keine Beachtung und kein Wort der Würdigung. Das charakterisirt unsere sogenannte jüdische Presse in ihrer ganzen Größe. Allein abgesehen von der moralischen Qualität dieser Zeitungen sind sie schon darum nicht geeignet, unsere Ideen in die Massen des jüdischen Volkes zu tragen, weil sie von *) Die Verhältnisse haben sich, seitdem dieser Vortrag gehalten wurde, glücklicherweise zum Besseren gewendet. Die Nedaetiou. nur wenigen Juden gelesen werden. Unsere Aufgabe muß es sein, die a l l g e m eine Presse für uns zu gewinnen. Das wird für die erste Zeit nicht allzu leicht sein, unmöglich ist die Sache aber nicht. Es mangelt unter den Zionisten nicht an Männern von großer Intelligenz lmd bedeutendem literarischen Talent, und ich glaube, es wird wohl möglich sein, von Zeit zu Zeit Artikel über unsere Bewegung in allgemeine Zeitungen cinznschinnggeln. Natürlich müssen diese Artikel objectiv geschrieben sein und die Tendenz darf nicht hervorblickeist Aussätze, in deneik die Thatsachen constatirt werden, daß es so und so viele Vereine mit zionistischem Charakter gibt, daß so und so viele jüdische Colonien in Palästina existiren, werden wohl Aufnahme finden und für Misere Bestrebungen Propaganda machen. Denn wenn unsere Brüder erst die Existenz der jüdisch-nationalen Idee erfahren, werden sie allmälig für unsere Ideale Verständnis; finden. Ich zweifle nicht daran, daß es besonders Gesinnungsgenossen, die mit der Presse einige Fühlung haben, gelingen wird, solche Artikel, die geeignet sind, unsere Sache zu fördern, unterzubringen. Denn die allgemeinen Zeitungen sind in der Regel weniger engherzig und vornehiner als unsere jüdischen Organe.*) Das sind die Punkte, auf die ich die Aufmerksamkeit der verehrten Zionsfrennde lenken ivollte. Es konnte sich für mich bei dicstm eng bemessenen Nahmen nicht darum handeln, diese Gebiete zu erschöpfen, ich wollte nur die Anregung gegeben haben. Die Durchführung dieser Punkte aber — und das kann ich den Gesinnungsgenossen nicht warm genug an's Herz legen — ist nur dann möglich, wenn wir einheitlich und zielbewußt für die gemeinsame Sache arbeiten. Wir haben, wie ich es bereits aussprach, keine Partei, aber ein jeder unter uns bildet leider eine Partei für sich und die vielköpfige Kopflosigkeit wird uns zum Verderben. Das ewig zersetzende und zerfahrene Element, das Hadern und Streiten um nichts und wieder nichts ist unserem Volke im Laufe der Geschichte schon oft zum Verhüngiiiß geworden und es ist Zeit, daß wir lernen, vernünftig und praktisch sein. Wir müssen alle Gegensätze in nebensächlichen Fragen außer Acht lassen und stets das betonen, was uns vereinigt, und nicht das, was uns trennt. Wie einer über die Bedeutung der jüdischen Religion oder über die qualitative und quantitative Beschaffenheit der jüdischen Ethik in der Gegenwart denkt, das ist seine Sache; ein jeder, der die Einheit des jüdischen Volkes anerkennt und dazu beitragen will, unsere Ideale zu verwirklichen und den Weg zu unserer Zukunft zu ebnen, soll uns als Bruder und Genosse herzlich willkonnnen sein. Unser Programm ist ein doppeltes: Vertiefung nach innen und Verbreitung nach außen. Ohne einseitig zu werden, müssen tvir danach streben, immer reifer für unseren Beruf zu werden und uns zu Führern im Kampfe um die heilige Sache auszubilden, und ohne zu verflachen, müssen wir danach trachten, unsere Ideen in die große Blasse zu tragen und unserer Beivegung immer neue Anhänger zuzuführen. Beides ist nur möglich, wenn wir mit dem guten Willen auch die nöthige Vorsicht, die Intelligenz und die Organisationskrast vereinigen. Es ist ein hoher Beruf, dem wir unser Leben weihen, mögen wir uns dessen stets bewußt und unserer heiligen Aufgabe gewachsen sein! *) Die nt lg eine! »eil Zeitungen stehen jedoch, soweit sie von Jude» gelesen werden, in überwiegender Mehrzahl unter jitdisch-assimilatorischer Leitung. Es in die soaenannle „Judenpresse". Daher ist unserer Ansicht nach auch aus diesem Wege nicht viel zu erreichen. Geeigneter düukt uns das allmäligc Fortschreiien zu eigene» »ationaljüdische» Tageblättern. Die Rodaclion.

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