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Selbst-Emancipation · 1893-12-15 · Heft 20 (15.12.1893) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 20 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 20 Sette 2 Sekbst-Gmancipairon. Freiheit und Iudentljmn. HH Als vor mehr als zweitausend Jahren ein heldenhaftes Geschlecht zu den Waffen griff, um d:r Tyrannei des hellenischen Syrcrkönigs Trotz zu bieten, da war eine Zeit — wie man meinen Möchte — des Idealismus, die längst, längst verschwunden ist. Heute scheint die Welt weniger, für Jdeeii empfänglich, - mehr dem Materialisnius zugänglich zu sein. Und wenn es auch wahr sein mag, das; heute z. B. Pietät sich nicht gut in klingende Münze Umsetzen läßt, so darf man doch nicht vergessen, daß zu allen Zeiten cs nicht anders war. und daß die Macht der Idee ja wohl am wenigsten darin besteht, daß man sie zu gutem Kurse einwechseln kann. Die Menschen sind aber heute noch dieselben wie vor zweitausend Jahren, und noch heute haben wir denselben Kampf der Begeisterung gegen die Gleichgiltigkeit, der Opfcrfrcudigkcit gegen die Selbst- und Gewinnlucht zu fuhren, wie unsere makkabäischen Väter. Auch heute gilt es wieder, den jüdischen Stamm mehr noch als gegen die Feinde von außen — wie gefahrdrohend dieselben auch sein mögen — zu verthcidigen, vor dem Judisferculismus seiner eigenen Angehörigen zu schirmen. Heute haben sich, wie in den makkabäischen Zeiten, dieselben Kreise unseres eigenen Volkes mit seinen Feinden verbunden, um dasJndenthnm im Innern zu lähmen, während der Kampf von Außen tobt. Die Assimilatoren, die sich in den letzten vorchristlicheir Jahrhunderten um die Hohenpriester Jason, Mcuclaos und Alkinos schaarten, waren um kein Haarbreit besser, als die Anhänger unserer heutigen Assimilationsrabbis, deren wir nicht weniger haben, als die Makkabäerzeitcn ihre hellenistischen Priester. Diese Partei ist jetzt noch ebenso stark, wie damals. Es fragt sich nur, ob auch die Makkabäer die Alten geblieben sind, ob noch die alten Ideale beschirmt werden, wie vor Zeiten. — „Freiheit, moderne Bildung und Fortschritt", das waren die Schlägwörter, deren Schall die gebildete und wohl noch mehr die ungebildete jüdische Jugend der Makkabäerzeiten dem Judenthum entsremden und sie zu den Fahnen der volksfeindlichen Partei locken mußte. Der cynischc Materialismus, der unter dem Mäntelchen griechischer Bildung seinen Einzug in die Herzen der.jüdischen Jugend hielt, und sie ihrem ureigenen Volksthuine entfremden wollte, kündigt sich heute als neueste Errungenschaft europäischer Civilisation und Sitte an, und lockt,mit dem gleißenden Worte „Freiheit" die Gimpel in seine Netze. Eine merkwürdige Civilisation, die dem Idealismus den Krieg aukündigt, aber eine noch merkwürdigere Freiheit, die mit der Selbstvernichtung des Volkes und Vvlksthnms beginnt! Werden Begriff „Freiheit" mit dem Gedanken verbindet, daß sein Volk seine Eigenart aufgebcn, und in die anderen Völker aufgeheii soll, der handelt nicht anders wie jener Mann, der seinen Vater tödtete, nur um ihm ein prächtiges Leichengcwand machen zu können. Aber wir sollen uns ja nicht täuschen: Was unsere Hellenisten „Freiheit" nannten, was unsere Assimilationslustigen heute so nennen, ist eitel Bequemlichkeit, nichts weiter. Und cs ist falsch, von Assimilatoren und Nationaljudcn zu reden, wir sollten vielmehr jüdische Patrioten und Beqnemlichkcitsjuden unterscheiden. „Freiheit" ist ja durchaus nicht dasselbe wie Schrankenlosigkeit. Der Begriff der Freiheit ist kein Gegensatz zu dem des Gesetzes, aber auch ebensowenig zu dem des Volksthnms. Oder sind etwa die Makkabäer die Verfechter der Unfreiheit, die Hellenisten die Vorkämpfer der Freiheit gewesen? Sv wenig aber, >vie vor Zeiten ist heute der Kampf unserer Beqncmlichkcitsjndcn ein Kampf für die Freiheit. Ist es doch zu allen Zeiten nicht anders gewesen, als daß diejenigen am meisten die Begeisterung und die Worte des Jdcaliswus im Munde führten und am' lautesten ansschrieen, die am weitesten davon entfernt waren! Und auch heute schreien diejenigen Juden sich am lautesten und vollsten für unsere Freiheitskämpfer aus, die am allermeisten in Servilisnms vor den uns umgebenden Völkern anfgehcn. Wahre Freiheit ist aber nur mit voller Beibehaltung des augestaimiitcn Volksthnms -möglich, ebenso wie sich wahre Bildung nicht mit der Pietätslosigkeit gegen das geschichtlich Gewordene vereinigen läßt. Für die Makkabäer waren eben Volksthum und Freiheit keine Gegensätze. Und daß diese Begriffe identisch sind, das ist es, was wir noch heute, was wir zu allen Zeiten von den Makkabäern lernen können und sollen!. Der Kampf der Makkabäer gegen die syrischen Hccresmasscn mit den Kriegswaffcn in tapferer Faust, war weniger schwer, als die Nuterdrückuug der heimtückischen Krankheit „Selbstauslösung," an der das. Volk litt. Die makkabäische Begeisterung ist nicht etwa mit einem einzigen Male plötzlich c-.-tstanden, sondern sic hat sich im Kampfe mit den das Juventhiim in seinem Innern langsam zerstörenden Gewalten, wie ein Fencrzuuder still und stetig gehäuft, bis der große weltgeschichtliche Augenblick in Modiin blitzartig den Ausbruch jener großen Flaininc entfachte, welche die Herzen des jungen Israel in Begeisterung versetzte und zugleich den gewaltigen Feucrbrand entzündete, der das Syrcrrcich vernichten sollte. Auch zur Stunde häuft sich in den Herzen Jung-Jsraels ein Feuerzunder, welcher dereinst zu lichten Flammen entbrennen wird, entbrennen in' makkabaischer Begeisterung für die Freiheit 1111b Selbstständigkeit unseres Volkes, für die Rettung und Ehre unserer Nation. Dieselben Ideale, für die die Makkabäer einst lebten und litten, kämpften und starben, sollen auch uns begeistern zum Leben und Sterben, Ringen und Streiten. Es gilt noch heute denselben Kampf, w i r h o f f e n n o ch h c u t e a u f den gleiche n Sieg, wenn wir in den Kampf treten, mit den stolzen Worten: „Freiheit und Judertthum!" Berlin, den 25. Kislew 5664. Von -er Theorie zur Uraris^). Von Fabins Schach. (Schluß). IV. Agitation in der Familie. Die Wurzel des jüdischen Lebens ruht in der Familie, hier ist der Keim aller jüdischen Ideale, die Stätte jüdischer Tugenden, der unversiegbare Quell, jüdischer Lebenskraft. Alles, was das jüdische Leben beeinflussen will, Alles, was dem jüdischen Geist eine neue Richtung zu geben beabsichtigt, muß mit diesem Hnuptfactor rechnen. Wir sollen eben eine jüdische Volks-- und keine Salonpartei werden, wir sollen alle , volksthümlichen Elemente Israels um unsere Fahne schaären, und daher müssen wir da ansetzen, wo die Hauptkraft des jüdischen Volkes ruht, in der Familie. Wollen wir die künftige Generation so erziehen, daß sie würdig ist, ihren Beruf-im Jndeuthum zu erfüllen, so müssen wir mit der Familie beginnen. . Es fragt sich nur: Wie kann man hier wirken?.Das läßt sich allerdings nicht mit einer Schablone bestimmen, denn das individuelle Element muß hier naturgemäß zur Geltung kommen. Aber ich glaube, ein Jeder, der in einer jüdischen Familie verkehrt, wird Gelegenheit finden, auf schöne jüdische Sitten aufmerksam zu machen,, die Liebe zu unserem Volke zu wecken Jiit.b Unsitten und Mißbräuche zn rügen, und er wird -dafür Verständnis; finden; ein Jeder wird oft die Gelegenheit haben, die Eltern aus die Lektüre und den Umgang der nn- und halbreifen Kinder hinzuweisen. Eine Bemerkung, richtig angebracht, verfehlt in der *) Bortrag gehalten am 6. Juni 1893 im Vereine „Jnng- Jsrael" in Berlin. .

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